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"Hinter jedem Sportler steckt ein Mensch mit Gefühlen und Gedanken"

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Am 10. November jährt sich der Tod von Robert Enke zum zehnten Mal. Aus diesem Anlass finden nach Aufruf des DFB und der Robert-Enke-Stiftung am Wochenende von der Bundesliga bis in die Kreisligen bundesweit Aktionen statt, die in Gedenken an den einstigen Nationaltorwart für die Volkskrankheit Depression und die vorhandenen Hilfsangebote sensibilisieren sollen. Anlässlich des Aktion-Spieltags haben wir mit Tilman Zychlinski von der Robert-Enke-Stiftung gesprochen.

sv98.de: Die Robert Enke Stiftung wurde bereits zwei Monate nach dem Freitod Robert Enkes gegründet. Mit welchen primären Zielen?

Zychlinski: Dr. Theo Zwanziger ist damals auf Teresa Enke zugegangen, weil ihm die Pressekonferenz imponiert hat, auf der sie offen über das Thema Depressionen gesprochen hat. Beide hatten das Anliegen, die Thematik in der Öffentlichkeit und speziell im Leistungssport präsenter zu machen. Um Aufklärungsarbeit zu leisten, die Bevölkerung zu sensibilisieren und eine Struktur im Leistungssport zu erschaffen, in der ein betroffener Sportler schnellstmöglich eine Therapie erhalten kann. Das war eine wichtige Lehre aus dem Fall von Robert Enke, dem diese Möglichkeit nicht zur Verfügung gestanden hatte.  

sv98.de: Wie ist es heute um das damalige Tabu-Thema Depression bestellt. Bemerken Sie eine deutliche Veränderung in der Gesellschaft?

Zychlinski: Das Thema ist deutlich präsenter geworden, das liegt natürlich insbesondere am Tod Robert Enkes. Dadurch wurden den Menschen die schlimmsten Folgen dieser Krankheit bewusst, nämlich, dass sie tödlich enden kann. Wir ziehen auch gerne den Vergleich zu Sebastian Deisler, der sehr vorbildlich mit seiner Erkrankung umgegangen ist, der offen darüber gesprochen hat und professionelle Hilfe in Anspruch genommen hat. Auch der FC Bayern hat sich perfekt verhalten und die Krankheit sehr gut dargestellt. Aber die öffentliche Meinung damals war so festgefahren, dass eine Depression als Schwäche wahrgenommen wurde und nicht als Krankheit. Durch Robert Enke ist dann bewusst geworden, dass es eine Erkrankung ist und darüber gesprochen werden muss. Und dass sich ein Betroffener professionelle Hilfe suchen muss. Das ist bei Robert Enke leider zu kurz gekommen, weil er Angst hatte, dass sein Leiden öffentlich werden könnte. Zumal dank professioneller Hilfe eine sehr gute Chance besteht, geheilt wieder zurückzukommen. Auch Robert ist nach seiner ersten Depression wieder zurückgekommen. Er war ein arbeitsloser Fußballer in einer depressiven Phase, der sich dann drei Monate um die Krankheit gekümmert hat und dann über Teneriffa nach Hannover gekommen und dort auch wieder durchgestartet ist.

sv98.de: Dennoch verbinden viele Depression auch weiterhin mit Schwäche. Ist das eingestehen einer Depression nicht aber eher das komplette Gegenteil?

Zychlinski: Auf jeden Fall. Das erfordert einen großen Mut. Wir sagen aber auch, dass nicht jeder öffentlich über seine Krankheit sprechen muss. Wichtiger ist es, sich um professionelle Hilfe zu kümmern. Personen wie Ralf Rangnick, Markus Miller oder Lindsay Vonn wollten ihre Erkrankung in der Öffentlichkeit klarstellen, um sich danach vollständig auf die Gesundung konzentrieren zu können und kein Versteckspiel treiben zu müssen. Das ist natürlich absolut in Ordnung. Aber wir wissen trotzdem von vielen Spielern und Funktionären, die ihre Depression nicht öffentlich gemacht haben, die aber professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Und das ist das Wichtige.

sv98.de: Es schlägt auch heute immer wieder hohe Wellen, wenn sich eine berühmte Person öffentlich zu einer Depression bekennt. Positiv, weil das Thema damit automatisch wieder in den Mittelpunkt rückt oder fragwürdig, warum diese Krankheit scheinbar häufig noch immer als etwas „unnatürliches“ angesehen wird?

Zychlinski: Im Sportjournalismus ist die Berichterstattung viel respektvoller und sensibler geworden. Speziell wenn man an die Schlagzeilen bei Sebastian Deisler zurückdenkt. Bei Markus Miller, Lindsay Vonn oder Constantin Braun wurde so darüber berichtet, wie es auch bei einem Kreuzbandriss getan wird. So wünschen wir es uns auch. Der Sportler wird nicht abgestempelt, sondern es bleibt eine einfache Meldung. Im Boulevard, auch globaler gefasst, sind es weiterhin reißerische und ketzerische Überschriften und Diffamierungen, die einen Angriff auf die Persönlichkeit darstellen. Das ist natürlich völlig daneben. Im Sportjournalismus können wir das in dieser Form aber nicht mehr feststellen.

sv98.de: Aus Selbstschutz hieß es bei Sportlern früher oft: ich lese lieber gar keine Zeitung. Heute müsste es eher eine selbstauferlegte Internetsperre sein. Wie groß ist der Einfluss der sozialen Medien, speziell auf einen gefährdeten oder depressiven Sportler?

Zychlinski: Das ist ja bei einem gesunden Menschen genauso. Wenn wir ein Bild hochladen oder eine Meldung posten und werden dann beleidigt, dann fühlen wir uns auch nicht gut. Als gesunder Mensch kann ich mir aber bewusst Situationen suchen, die mir gut tun. Und den sozialen Medien fernbleiben. Natürlich kann man nicht gut heißen, was dort teilweise passiert. Es ist aber möglich, nicht daran teilzunehmen.  

sv98.de: Umgekehrt können die sozialen Medien depressiven Menschen enorm helfen. Den ersten Schritt erleichtern, für den Austausch mit anderen Depressiven sorgen.

Zychlinski: Auch wir bekommen immer wieder mit, dass sich Leute in den sozialen Netzwerken offenbaren und sich gegenseitig helfen und Mut zuzusprechen. Speziell bei einer akuten Krankheit bekommen die Betroffenen sehr viele Hilfsangebote, das ist natürlich eine schöne Seite. Durch die Spieltagsaktion erhoffen wir uns nun natürlich, dass der Umgang mit der Krankheit und dem Wort „Depression“ noch normaler wird und damit auch die Akzeptanz für diese Erkrankung.

sv98.de: Der Ausspruch "Da werde ich depressiv", ist weitläufig bekannt. Spricht die häufige und unbedachte Verwendung nicht dafür, dass die Leute noch immer viel zu wenig über diese Krankheit wissen?

Zychlinski: Das ist ein sehr gutes Beispiel. Durch solche Sätze fühlen sich die Betroffenen missverstanden und missachtet. Da sollten alle gesunden Menschen auf ihre Worte achten. Ähnlich verhält es sich mit der Wortwahl im direkten Gespräch mit einem depressiven Menschen. „Ach komm, das wird schon wieder“, „reiß dich zusammen und steh einfach mal aus dem Bett“ – das sind die falschen Sätze. Da muss ich viel empathischer auf die Person zugehen und sie aktiv dabei unterstützen.

sv98.de: Der Tod Enkes war damals für viele so schockierend, weil alle in ihm den Nationalspieler und Bundesligaprofi sahen. Augenscheinlich mit einem Leben, von dem viele träumen. Den Menschen Enke kannte niemand wirklich. Ein Phänomen, das bei Menschen in der Öffentlichkeit immer wieder erkennbar ist. Fatal, dass immer nur der Sportler bewertet wird?

Zychlinski: Daher war es uns auch ein großes Anliegen, Uli Hoeneß zu unserer Veranstaltung am Montag einzuladen, da dieser auch immer den Menschen sieht. Egal, ob Weltklassespieler, Zeugwart oder Mitarbeiter bei Bayern München. Nur, wer gesund ist und sich wohl fühlt, kann Leistung bringen. Das müssen wir als Fußballfans oder auch als Medien wissen, wenn wir einen Sportler angehen. Speziell auf der persönlichen Schiene. Hinter jedem Sportler steckt ein Mensch mit Gefühlen und Gedanken. Wir wissen nicht, in welcher Lebenssituation sich derjenige aktuell befindet. Hat er vielleicht einen Familienangehörigen verloren, ist das Kind schwer erkrankt, wie es bei Robert Enke der Fall war oder gibt es Probleme in der Beziehung? Kritik gehört zum Leistungssport, aber diese muss auf einer sachlichen und auf keiner persönlichen Ebene ablaufen. Und diese Ebene ist schnell erreicht. Über Robert Enke hat einer seiner Trainer gesagt, dass er keine Ausstrahlung habe. Damit wird der Mensch kritisiert, nicht der Sportler. In diesem Bereich kann jeder von uns dazulernen.

sv98.de: Der aktuelle Spieltag steht ganz im Namen der #gedENKEminute. Eine Aktion, die nicht nur als Gedenken an Robert Enke dient, sondern auch als Aufruf und erneutes Zeichen, mit Depressionen offen umzugehen. Welche konkreten Maßnahmen gibt es darüber hinaus, welche sollten unbedingt noch verstärkt werden?

Zychlinski: Wir haben jetzt gerade im Oktober ein neues Projekt gestartet, bei dem wir mithilfe von Virtual-Reality über Depressionen aufklären. Das Projekt wurde mit Psychotherapeuten, VR-Experten und Betroffenen entwickelt und ermöglicht es, 15 Minuten lang die Gefühls- und Erlebniswelt eines depressiven Menschen mit Hilfe einer VR-Brille und Kopfhörern zu erleben. Davon erhoffen wir uns eine sehr starke Sensibilisierung für dieses Thema. Auch beim Netzwerk hat sich bereits sehr viel getan, weil es ja oft heißt, dass sich seit dem Fall Enke nichts verändert hätte. Wir können innerhalb von sieben bis zehn Tagen bundesweit jeder Leistungssportlerin und jedem Leistungssportler einen Therapieplatz vermitteln. Mit speziell ausgebildeten Sportpsychiaterinnen und Psychiatern. Das ist ein extremer Fortschritt gegenüber 2009.

sv98.de: Wie wichtig ist die bundesweite Aufmerksamkeit anlässlich des bundeswieten Gedenktages an diesem Wochenende?

Zychlinski: Die Bundesligen bilden natürlich eine Hochglanzgesellschaft mit unglaublicher Stahlkraft. Umso mehr freut es uns, dass alle Vereine, die wir angesprochen haben, sofort zugesagt haben und auf freiwilliger Basis an dieser Aktion teilnehmen. Das berührt Teresa Enke, das berührt unser kleines Stiftungsteam. Es ist wichtig, dass sich der Deutsche Fußball für dieses Thema verbindet. Wir sind vereint in der Sache und in der Entstigmatisierung der Sache. Da sind wir eine große Fußball-Familie, bis hinab in den Amateurbereich, wo die Vereine über die sozialen Medien ebenfalls an der Aktion teilnehmen.

sv98.de: In England hat die Spielergewerkschaft vor fünf Jahren eine Hotline eingerichtet, die Fußballern die Möglichkeit gibt, sich bei Depressionen oder anderen mentalen Problemen helfen zu lassen. Die Zahl der Anrufer steigt jährlich. Ein Vorbild und ein Zeichen, dass es noch mehr dieser Anlaufstellen geben sollte?

Zychlinski: Interessanterweise haben wir eine solche Hotline in Zusammenarbeit mit dem Klinikum Aachen bereits vor sieben Jahren eingerichtet. Nicht nur für Fußballer, sondern für Leistungssportler allgemein. Durch die niederschwelligen Angebote wie Sportpsychologen im Verein, eine Beratungshotline oder die Arbeit unserer Stiftung fällt es Betroffenen leichter, sich Hilfe zu besorgen. Im Fußball gibt es genauso viele Betroffenen wie in der Bevölkerung. Da gibt es keine Unterschiede.

sv98.de: In den Nachwuchsleistungzentren ist ein Psychologe mittlerweile vorgeschrieben, auch in der Trainerausbildung hat die psychologische Komponente einen immer höheren Stellenwert. Sind das wichtige Maßnahmen?

Zychlinski: Das ist absolut wichtig. Zumal die meisten Fußballerkarrieren mit 19 oder 20 Jahren enden, wenn der Übergang vom Nachwuchs- in den Profibereich vollzogen wird. Dieser Sprung gelingt bekanntlich den wenigsten, aber alle Jugendspieler im Nachwuchsleistungszentrum haben sich jahrelang über die Fußballer-Identität definiert. Es ist teilweise pervers, was Spieler bereits in der B- und A-Jugend verdienen, dieses Geld fehlt dann plötzlich mit 20, 21 Jahren. Der Spieler muss darauf vorbereitet sein, ohne den Fußball als absoluten Mittelpunkt zu leben. Umgekehrt muss auch der Spieler, der den Sprung nach oben schafft, wissen, was auf ihn zukommt. Auf die Profi-Kabine, auf die Medien und auch auf das, was Per Mertesacker angesprochen hat. Auf die Drucksituation, vor Spielen die Hosen voll zu haben.  

sv98.de: Abschließende Frage: Wie zufrieden sind Sie mit den Fortschritten im Umgang mit Depressionen. Und was wünschen Sie sich für die weitere Zukunft?

Zychlinski: Die letzten Wochen haben uns alle mit Stolz erfüllt, weil die Zeitungen und Sendungen sich so zahlreich mit der Thematik beschäftigt haben. Weil wir gemeinsam mit dem Gesundheitsminister Jens Spahn das Virtual-Reality-Projekt vorstellen konnten und auch am vergangenen Montag eine tolle Podiumsdiskussion durchführen konnten. Und es geht auch immer darum, am Ball zu bleiben. Wenn wir drei, vier Jahre nach Stiftungsgründung zur Zukunft befragt worden sind, konnten wir uns nicht sicher sein, dass sich die Leute auch weiterhin an den Tod von Robert Enke erinnern würden und dem Thema so eine Plattform geben. Klar ist aber, dass es auch nach dem 10. Todestag weitergehen muss. Denn die ganze öffentliche Aufmerksamkeit und Berichterstattung zeigt uns auch, wie viel Nonsens zu diesem Thema weiterhin im Umlauf ist und wie viel Aufklärungsarbeit noch immer betrieben werden kann.

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