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Zusammenhalt – Offenheit – Vielfalt

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Die Geburt des SV 98 wird auf den 22. Mai 1898 datiert und trotzdem feiert er am 11.11.2019 seinen hundertsten Geburtstag. Wie passt das denn zusammen? Das Rätsel ist schnell gelöst, denn der Verein entstammt einer Fusion zweier Vereine, dem FK Olympia Darmstadt von 1898 und dem SC 1905 Darmstadt.

Im Kern war der am Schlossgartenplatz beheimatete FK Olympia der Akademiker- und der SC 05 der Arbeiterverein von der Windmühle. Dass in Darmstadt überhaupt die Liebe zum Fußball entstand, ist auf zwei Kolonien zurückzuführen, einer englischen und einer mediterranen. Erstere wurde vom Gefolge der aus England stammenden (späteren) Großherzogin Alice gebildet, während letztere aus Gemüse- und Obsthändlern aus dem Mittelmeerraum und deren Familien bestand. Mitglieder beider Kolonien spielten in Fußballvereinen, die einen im British Darmstadt Football Club und die anderen im Darmstädter FC 1897. Da beide Vereine relativ bald wieder aufgelöst wurden, schlossen sich Teile ihrer Spieler unseren beiden Fusionspartnern an. Ohne die beiden Kolonien und ohne eine weltoffene Grundgesinnung der Darmstädter hätte es wohl keinen Fußball in Darmstadt gegeben; zumindest nicht so früh und intensiv.

Damit wir die Entwicklung zu unserem heutigen SV Darmstadt 98 verstehen können, müssen wir uns in die spannende und spannungsreiche Zeit der Fusion 1919 zurückversetzen. Denn hier liegt ein entscheidender Anteil unserer Vereins-DNA. Die Verantwortlichen der beiden führenden Darmstädter Sportvereine hatten erkannt, dass es für das sportliche Überleben wichtig war, sich zu einen. Was in den Kriegsjahren mit den Notmannschaften gelang, war ein Ansporn die alten Standesschranken endgültig fallen zu lassen. Die Begeisterung am Vereinssport wurde sozusagen neu definiert als vorbehaltlose und bürgerschaftliche Einrichtung im Herzen der Stadt und im Herzen der Bürger. Ein sozial verbindendes Element in Zeiten des politischen Wandels, in der Zeit des wirtschaftlichen Neuaufbaus, aber auch als Stütze und Hilfe für die vielen Leiden, die der erste Weltkrieg mit sich brachte. Dazu sollte der Verein breiter aufgestellt werden. Fußball wurde übrigens nur eine von vielen Sportarten, nicht unbedingt die dominierende. Auch von außen kamen natürlich Einflüsse, die den Sportverein prägen sollten. Während nach innen die Solidarität und Hilfsbereitschaft untereinander im Vordergrund standen, kämpfte man in der Stadt mit sozialem Elend durch fehlende Wohnungen, dem Erhalt von Industrie und Handwerk, politischer Aufbau des Volksstaates Hessen mit Darmstadt als Hauptstadt. Und auch die Sportverbände stellten sich neu auf. Ein 1919 beginnender sportpolitischer Streit sollte auch unseren SVD über Jahrzehnte beschäftigen: Wie geht man mit der schon vor dem Krieg begonnen Popularität des Fußballs um? Sind wir nur dem reinen Fußball verpflichtet oder müssen wir uns auch mit wirtschaftlichen Themen beschäftigen, weil die Zuschauereinnahmen schnell die laufenden Kosten überstiegen? Oder einfach gefragt: Amateurismus oder Professionalismus? Brauchen wir andere Sportplätze, damit wir allen unseren schönen Sport vorführen können? Und wenn ja, wo soll das denn sein und wie bezahlen wir das alles? Die Fusion sollte sich durch ihren Grundgedanken, der sportlichen und sozialen Gemeinschaft als wesentlicher Bestandteil im Herzen der Stadt Darmstadt als Zukunftslösung für den Stadionbau beweisen.

Wer sich mit der Geschichte des SV 98 beschäftigt, stellt rasch fest, dass dieser von Geburt an multikulturell und weltoffen war, dass er nicht nur ein Fußball- sondern ein Mehrspartenverein ist, dass er in enger symbiotischer Beziehung zur Stadt Darmstadt und seinem Umfeld sowie sozial und solidarisch lebt und dass er keine Standesunterschiede kennt. Die 98er und die, die es mit ihnen halten, waren schon immer Kämpfer. So wie die viel zu früh verstorbene Großherzogin Alice, die u.a. gegen die Folgen von Armut in der Darmstädter Altstadt und für Volksgesundheit kämpfte und so wie die unter den Folgen zweier Weltkriege leidende Darmstädter Bevölkerung. Auch sportlich haben die 98er immer gekämpft, wobei für den Darmstädter vor allem wichtig ist, dass aufrichtig gekämpft wird.

von Jürgen Koch & Thomas Spengler

Soziales Engagement