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Teil II: Darmstadt, Wunderstadt, Wahnsinnsstadt

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"Wie schnell die Zeit vergeht", hört man so manch einen dieser Tage in Erinnerungen schwelgen. Schließlich steht ein besonderer Jahreswechsel bevor. Es ist der Abschluss eines ganzen Jahrzehnts. Ein Jahrzehnt, das für den SV Darmstadt 98 zahlreiche Höhen und Tiefen bereithielt, aber vor allem auch die erfolgreichsten Jahre der Vereinshistorie innehatte. Anlässlich des Dekadenwechsels blickt sv98.de in drei Teilen auf das vergangene Jahrzehnt zurück – auf sportliche Tiefpunkte und phänomenale Comebacks, auf den Wahnsinn Bundesliga und den Alltag in Liga zwei.

Foto: Huebner/van Elten

19. Mai 2014, Bielefeld. Es läuft bereits die Nachspielzeit der zweiten Hälfte der Verlängerung in der Relegation um den Aufstieg in die 2. Bundesliga. Der SV Darmstadt 98 liegt zwar mit 3:2 in Front, doch aufgrund des Hinspiel-Ergebnisses wäre die Arminia aufgestiegen. Die Lilien brauchen unbedingt ein Tor, 30 Sekunden noch. Mit Mann und Maus belagern die Südhessen die gegnerische Hälfte, setzen alles auf eine Karte. Irgendwie landet der Ball plötzlich auf dem Fuß von Elton da Costa - dem Brasilianer, der knapp zehn Minuten zuvor erst eingewechselt wurde. Volles Risiko. Er überlegt nicht lange, nimmt den Ball mit dem linken Fuß und nagelt die Kugel leicht abgefälscht ins rechte untere Eck – 4:2, Wahnsinn.

"Ich habe den Jungs draußen auf der Bank gesagt: Wenn ich reinkomme, mach ich das Ding rein“, erklärt da Costa nach einem turbulenten, völlig verrückten Abend, der in die Fußballgeschichte eingeht. Wer hätte das gedacht? "Niemand, außer wir selbst“, betont Marco "Toni“ Sailer. Der SV 98 steigt nach einer 1:3-Heimniederlage vor heimischem Publikum dank des Wunders von Bielefeld in die 2. Liga auf. "Schreibt uns erst ab, wenn wir unter der Dusche stehen“, hatte Trainer Dirk Schuster noch vor der Partie gewarnt. Und er sollte Recht behalten. Nach 21 Jahren ist der SV Darmstadt 98 2014 zurück in der 2. Bundesliga. Dabei lagen die Lilien einen Sommer zuvor noch mit Tränen in den Augen auf dem Boden.

"Du musst kämpfen!“

Was war passiert? Sportlich stieg der SV 98 in der Saison 2012/2013 in die Regionalliga ab. Die Lilien verpassten es am letzten Spieltag, die Klasse zu halten. Doch es kam ganz anders. Weil die Kickers aus Offenbach Insolvenz anmeldeten und keine Lizenz für die 3. Liga erhielten, bewahrte ausgerechnet der Rivale vom Bieberer Berg die Darmstädter vor dem Gang in die Viertklassigkeit. Es war der Beginn einer phänomenalen Darmstädter Geschichte, die mit dem Aufstieg in die 2. Bundesliga jedoch noch längst nicht ihr letztes Kapitel fand.

Einer, der nicht mit auf dem Platz stand und auch nicht auf der Trainerbank saß, eigentlich auch kein Teil der Mannschaft war (aber irgendwie ja doch…), hatte dennoch maßgeblichen Anteil an der unglaublichen Auferstehung der Lilien: Jonathan Heimes. Ein krebskranker Junge aus Darmstadt, ein echter Heiner, ein echter Lilienfan. Motivationsbändchen hatte er anfertigen lassen zugunsten der Kinderkrebsklink in Frankfurt. "Du musst kämpfen“, stand dort drauf. Ein Motivationsbändchen, welches nicht nur im Kampf gegen den Krebs Mut machen, sondern auch in der Mannschaft in schwierigen Zeiten für Kampfgeist und einer Niemals-Aufgeben-Einstellung sorgen sollte. Mit Erfolg. Johnny und die Mannschaft feierten zusammen mit 15.000 Fans den Aufstieg in Liga zwei.

"Verrückte, Bekloppte, Geisteskranke"

Sommer 2014. Der Partyrausch war verflogen, die Vorbereitung auf das Abenteuer 2. Bundesliga begann. Mit ganz geringem Budget hatte die sportliche Leitung um Cheftrainer Dirk Schuster schon ein Jahr zuvor eine Mannschaft zusammengestellt, die außergewöhnlich war. Spezielle Typen trugen das Trikot der Lilien. Typen, die in ihrer Karriere schon die eine oder andere Delle abbekamen, aber das Zeug dazu hatten, Darmstadt weiterzubringen. Das schweißte zusammen. Und so ging der SV 98 mit dem kleinsten Budget und dem kleinsten Kader in die Saison.

Doch angeführt von Kapitän Aytac Sulu fanden sich die Südhessen nicht wie erwartet im Tabellenkeller wieder. Nein, nach elf Spieltagen setzte sich der SVD in der oberen Tabellenregion fest. Sollte das Märchen erneut weiter gehen? Die Antwort: Ja! Zum Ende der Saison folgten Schlüsselsiege gegen die direkten Aufstiegskonkurrenten vom Karlsruher SC und dem 1. FC Kaiserslautern. Gelingt dem SV 98 der Durchmarsch in die 1. Bundesliga? Es wäre der Wahnsinn, nach dem die Lilien zwei Jahre zuvor sportlich in die Regionalliga abgestiegen waren.

Doch so gastiert am 34. Spieltag der FC St. Pauli am Böllenfalltor. Darmstadt steht auf dem zweiten Rang, hat sowohl einen Zähler Vorsprung auf den Relegations- als auch auf vierten Platz. Lange bleibt das Spiel offen. Doch dann legt sich Tobias Kempe in der 71. Minute den Ball zurecht. Freistoß, knapp 30 Meter vor dem Tor. Er läuft an und zirkelt den Ball über die Mauer – die Kugel wird lang und länger. Und plötzlich schlägt es ein im Tor der St. Paulianer – 1:0 für den SV Darmstadt. Gut 20 Minuten später ist Schluss, der Jubel kennt keine Grenzen mehr. Unmittelbar nach Abpfiff brechen alle Dämme, innerhalb von Sekunden stürmen tausende Fans den Rasen. Die Lilien haben es tatsächlich geschafft. Mit dem kleinsten Etat steigt der SV 98 nach 33 Jahren in die 1. Bundesliga auf. "Letztes Jahr waren wir Verrückte, Bekloppte, Geisteskranke. Dieses Jahr werden wir vielleicht alle zu Göttern ernannt“, sprudelte es aus Toni Sailer nach der Partie nur so heraus. Darmstadt, Wahnsinnsstadt, Wunderstadt.

Bayern, Dortmund, Schalke - plötzlich Realität

Es ist schon etwas surreal: Zwischen dem sportlichen Abstieg in die Regionalliga und dem Tollhaus Bundesliga liegen gerade einmal zwei Jahre. Der SV 98 hat dank eines abenteuerlichen sowie sensationellen Durchmarschs beeindruckt – nicht nur Darmstadt und die Region, sondern ganz Fußball-Deutschland. Die Lilien sind einer von 18 Erstligisten. Bayern München, Borussia Dortmund, Schalke 04 oder auch Eintracht Frankfurt. Es ist Realität. Mit dem kleinsten Portemonnaie der Liga wollen die Südhessen den großen Klubs der Nation Paroli bieten. "Zwei Dinge waren vor der Saison direkt klar: Bayern München wird Meister, Darmstadt 98 steigt ab“, erinnert sich Dirk Schuster und fügt an: "Einen krasseren Außenseiter vor der Runde gab es gar nicht.“

Aber was ist schon unmöglich? Der SVD ist zweimal in Folge aufgestiegen. Also warum nicht auch den Klassenerhalt schaffen? Von einer Euphoriewelle getragen starten die Lilien mit einem 2:2 gegen Hannover 96 am heimischem Böllenfalltor in die Saison. In einem Stadion, das mit der modernen Hightech-Fußballwelt nichts zu tun hat. "Hier riecht es noch nach Fußball“, betonte einst Präsident Rüdiger Fritsch. Zum Auftakt folgen zwei weitere Unentschieden gegen Schalke und Hoffenheim sowie ein 1:0-Auswärtssieg bei Bayer Leverkusen. Erst der deutsche Rekordmeister verpasst dem Sensationsaufsteiger die erste Niederlage der Saison – am fünften Spieltag.

Nummer drei

Der SV Darmstadt zeigt schnell, dass er alles andere als ein erster Abstiegskandidat ist. Im gesamten Saisonverlauf stehen die Lilien nicht ein einziges Mal auf einem Abstiegsplatz. Der Kader ist nicht wirklich namhaft und abermals mit geringem Budget zusammengestellt. Doch die Mischung stimmt. Aufsteiger, die zum ersten Mal Bundesliga spielen wie Kapitän Aytac Sulu und Co. und gestandene Bundesliga-Profis wie Sandro Wagner oder Peter Niemeyer, die in ihren vorherigen Vereinen die besagten Dellen abbekamen. Der Zusammenhalt in der Truppe ist riesig, genauso wie der Erfolg.

Die Lilie ist auch nach 34 Bundesliga-Spieltagen nicht verwelkt, sondern blüht in voller Pracht. Schon einen Spieltag zuvor macht der SV 98 dank eines 2:1-Sieges im Olympiastadion der Hertha aus Berlin den Klassenerhalt klar. Ein Wunder. Schon wieder. "Verrückt! Wahnsinn! Das ist kaum in Worte zu fassen. Der Klassenverbleib am 33. Spieltag ist größer als alles Dagewesene“, schwärmte Präsident Fritsch.

Das wievielte Darmstädter Wunder war es denn eigentlich? Erst der unfassbare Aufstieg in die Zweitklassigkeit dank des Wunders von Bielefeld, dann der Aufstieg in die 1. Bundesliga und jetzt der Klassenerhalt: Macht drei, oder? Darmstadt, Wahnsinnsstadt, Wunderstadt.

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