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"Eine geile Zeit!"

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Exakt vor 10 Jahren, am 28. Mai 2011, stieg der SV 98 nach einem 4:0 über den FC Memmingen in die 3. Liga auf. Ein nahezu sensationeller Erfolg. Gemeinsam mit dem damaligen Cheftrainer Kosta Runjaić haben wir auf diesen Erfolg und die komplette Saison 2010/11 zurückgeblickt. Ein Gespräch über einen besonderen Teamgeist, speziell Motivationshilfen und voller Anekdoten.

Foto: imago

sv98.de: Erst einmal losgelöst von den Lilien: Du bist aktuell Trainer bei Pogon Stettin in Polen. Wie kam es dazu und wie zufrieden bist du bislang mit der Entwicklung dort?

Kosta Runjaić: Ich bin im November 2017 nach Stettin gekommen, das war damals eine reine Bauchentscheidung. Ich habe mich in Berlin mit den Verantwortlichen getroffen, wir hatten sehr gute Gespräche und in Stettin hat sich dieser Eindruck dann auch bestätigt. Die Eindrücke dort mit dem alten Stadion und dem kleinen, familiären Verein – das hat mich schon sehr an Darmstadt 98 erinnert. Viele haben mir damals davon abgeraten, ins Ausland zu gehen und dann auch noch zum Tabellenletzten. Heute bin ich immer noch hier, damals haben wir die Klasse gehalten und uns dann mit jedem Jahr gesteigert. Und in dieser Saison haben wir den dritten Platz erreicht und werden international spielen. Dementsprechend bin ich sehr zufrieden mit der Entwicklung und mir macht die Arbeit hier sehr großen Spaß.

sv98.de: Du hast bereits Parallelen zu Darmstadt gezogen, auch in sportlicher Hinsicht sind die Ausgangsituationen durchaus vergleichbar gewesen. Als du Lilien-Trainer wurdest, sah es ebenfalls nicht unbedingt rosig aus. Das hat sich während deiner Amtszeit extrem geändert. Wie blickst du generell auf diese Station zurück?

Runjaić: Ich glaube schon, dass wir es geschafft haben, die Lilien wieder blühen zu lassen. Darmstadt 98 kam zurück auf die Bildfläche des Profifußballs und der Aufstieg in die 3. Liga war in der Nachbetrachtung auch eine Art Basis für die Erfolge, die der Verein in den vergangenen Jahren feiern konnte. Für mich war es eine tolle Erfahrung und zunächst auch erst einmal eine Chance, die ich dort bekommen habe. Ich erinnere mich auch noch an die Frage von Hans Kessler, die er mir vor meiner Unterschrift gestellt hat: „Falls wir absteigen sollten, gehst du dann auch mit in die Oberliga?“ – meine Antwort war simpel: „Wir werden nicht absteigen.“ Und mit der Oberliga Hessen hatte Darmstadt seither zum Glück auch nichts mehr zu tun, viel mehr sind wir im nächsten Jahr sogar aufgestiegen. Für mich war das wirklich eine schöne und lehrreiche Zeit. Wichtig waren speziell die Menschen, die immer mit hundert Prozent dabei waren und teilweise noch immer im Verein aktiv sind.

sv98.de: Vom Abstiegskandidaten in der Regionalliga sind die Lilien unter deiner Regie zum Drittliga-Aufsteiger geworden. Lässt sich dafür ein Erfolgsrezept zusammenfassen?

Runjaić: Nach dem Klassenerhalt haben wir zunächst einmal einige Veränderungen am Kader vorgenommen. Wir hatten da wirklich eine bunte Truppe, die Mischung war sehr gut, es hat einfach gepasst. Und trotzdem sind wir bescheiden in das Aufstiegsjahr gestartet, mit der Niederlage in Pfullendorf und zwei Unentschieden danach. Unsere Zielsetzung lautete, eine stressfreie Regionalligasaison zu spielen, möglichst nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben. Und das ist uns gelungen. (lacht) Irgendwann lief es einfach, wir waren in einem Flow, hatten wichtige und gute Charaktere in der Mannschaft. Das war eine wirklich gute Truppe, inklusive der geilsten Weihnachtsfeier aller Zeiten…Wir waren ein verschworener Haufen, das hat uns schon ausgemacht. Da kam viel zusammen, wir haben dann auch die Schlüsselspiele wie in unserem Heimspiel gegen Kassel gewonnen und sind für unsere Arbeit und den Spirit belohnt worden. Schlussendlich war der Aufstieg dann einfach verdient, auch dank der fantastischen Unterstützung der Lilienfans. 

sv98.de: Verdient, aber trotzdem natürlich nahezu sensationell. Wann reifte bei euch der Glaube daran, es wirklich schaffen zu können?

Runjaić: Mit dem Spiel gegen Hessen Kassel. Wir waren zu diesem Zeitpunkt schon relativ gesichert in der Regionalliga. Zwar spielten die Stuttgarter Kickers eine wirklich gute Saison und Hessen Kassel war zu dieser Zeit Tabellenführer, aber uns hat dieses Spiel nochmal einen richtigen Kick gegeben. Die Liga war sehr eng, insgesamt spielten dort neun Zweitvertretungen von Profiteams, die immer schwer zu bespielen sind. Trotzdem haben wir nur vier Spiele verloren, dafür 18 Siege gesammelt. Das war schon wirklich eine starke Leistung und mit jedem Sieg ist dann auch der Glaube an eine Sensation gewachsen.

sv98.de: Abseits vom Spiel gegen Kassel. Welche Schlüsselspiele bringst du mit der Saison 2010/11 in Verbindung?

Runjaić: Wir sind ja erst am letzten Spieltag aufgestiegen, allein deshalb gab es viele Schlüsselspiele, um überhaupt die Chance auf einen Aufstieg zu bekommen und dann auch zu erhalten. Natürlich das Spiel in Worms am vorletzten Spieltag, aber ich erinnere mich auch an schwere Spiele gegen Freiburg II oder Fürth II. Wenn ich eines herausgreifen soll, dann würde ich das Spiel in Worms wählen. Mit dem Treffer von Yannick Stark haben wir uns die Chance gewahrt, den Sack gegen Memmingen zumachen zu können.

sv98.de: Das hat dann auch geklappt. Wie denkst du an diesen letzten Spieltag und auch die Feierlichkeiten nach Abpfiff zurück?

Runjaić: Zunächst einmal mussten wir dieses Spiel erst einmal gewinnen. Wir waren uns sicher, dass wir die bessere Mannschaft sind, aber der Druck war natürlich enorm, das Stadion ausverkauft. Jeder hat dann den Aufstieg erwartet, aber Fußball ist nicht berechenbar. Wir haben uns zunächst auch schwer getan, das 1:0 war dann der Eisbrecher, danach kam immer mehr die Leichtigkeit. Aber ich wollte es erst wahrhaben, als der Abpfiff kam. Natürlich war dann eine große Freude da, aber auch eine riesige Erleichterung, weil es einen großen Schritt für den Verein bedeutete. Aber es gab danach auch kein Ausruhen, weil wir uns Gedanken machen mussten über die kommende Saison und wie wir den Kader aufstellen, zumal ein beachtlicher Teil des Budgets für die 3. Liga bereits für die Aufstiegsprämie verwendet werden musste. (lacht) Kurios war, dass genau am Tag des Aufstieges mein Abi-Jahrgang „20 Jahre Abitur“ in Mainz gefeiert hat. Dort bin ich dann noch spätabends hingekommen und habe quasi zwei Partys an diesem Abend besucht. (grinst)

sv98.de: Noch einmal auf den Saisonendspurt zurückgeblickt. Am 32. Spieltag seid ihr erstmals als Tabellenführer in einen Spieltag gegangen. Oftmals ist die Rolle des Jägers leichter als die des Gejagten. Wie seid ihr mit dieser veränderten Situation umgegangen?

Runjaić: Uns war bewusst, dass nun eine richtig heiße Phase beginnt. Aber anhand der Spielverläufe und Ergebnisse ist zu sehen, dass wir dem Druck gut standgehalten haben. Die Mannschaft hat das wirklich sensationell hinbekommen. Das spricht auch für die Charaktere in der Mannschaft.

sv98.de: Die Tennisball-Säule ist noch immer ein geläufiger Begriff rund um das Böllenfalltor. Kannst du nochmal erklären, was es damit auf sich hatte?

Runjaić: Ich arbeite gerne mit verschiedenen Mitteln und Motivationshilfen, um alle Sinne anzuregen, weil Spieler verschiedene Kanäle zur Wahrnehmung nutzen. Für die letzten zehn Spiele hatten wir uns ein Ziel an Punkten gesetzt, für jeden Punkt wanderte ein, übrigens lilienblau angemalter, Tennisball in diese Säule, die wir zuvor selbst gebaut hatten. Die Säule hatte bei zehn ausstehenden Spielen also Platz für 30 Tennisbälle und nach den ersten drei Spielen waren dort plötzlich neun Bälle drin. Das wurde dann ein riesiges Ritual, die Bälle nach den Spielen dorthinein zu feuern. Die Mannschaft hat immer die Spieler bestimmt, die nach dem jeweiligen Spiel die Bälle in die Säule tun durften. Schade, dass wir das damals nicht aufgenommen haben. Aber irgendjemand muss die Säule ja haben. (lacht

sv98.de: Tatsächlich ist die Säule mittlerweile zu uns ins Archiv gewandert…

Runjaić: Echt? Das ist ja überragend! Schickt mir mal ein Foto.

sv98.de: Sind dir sonst noch Anekdoten aus dieser Saison im Kopf geblieben?

Runjaić: In der alten Haupttribüne gab es auch eine kleine Küche gegenüber der Kabine. Und eines Tages ist Sascha Amstätter mit zwei mobilen Kochplatten und einer Auswahl an Wurstspezialitäten vom Metzger aufgekreuzt. (lacht) Und in der Folge haben wir dann tatsächlich einmal in der Woche dort Würstchen gekocht und gemeinsam gegessen. Meist war es am Anfang einer Woche, dann gab es auch mal ein Bierchen und wir haben uns teilweise stundelang in dieser kleinen Küche aufgehalten. Wir haben da wirklich das Beste draus gemacht und es gab viele kleine Geschichten und Momente, die mir im Kopf geblieben sind. Die Weihnachtsfeier hatte ich ja schon kurz erwähnt, da hat Esteban Cenci sensationell auf der Gitarre performt und wir haben alle gemeinsam getanzt und gesungen, natürlich auch getrunken. Und irgendwann habe dann auch ich Gitarre gespielt. (lacht) Eine geile Zeit!

 

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