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"Es macht Spaß, die Drecksarbeit zu verrichten"

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Mit seinen 32 Jahren ist Tobias Kempe mittlerweile der älteste Spieler im Kader der Lilien. Die Routine ist dem Mittelfeldspieler sowohl auf als auch neben dem Spielfeld anzumerken. Wir haben mit Tobi über Seriosität auf dem Platz, den aktuellen Lauf und die kommende Aufgabe in Aue gesprochen.

Foto: Eibner

sv98.de: Tobi, wie spielt man hochseriös Fußball?
Tobi Kempe: (lacht) Ich tippe mal, dass sich das auf die Aussagen vom Trainer bezieht…

sv98.de: Genau, Torsten Lieberknecht hat dieses Wort genutzt, um dein Spiel zu beschreiben…
Kempe: Das stimmt, das hat er mir auch schon so gesagt. Es geht speziell darum, dass sich meine Position ein wenig verändert hat und ich in dieser Rolle automatisch noch mehr für die Mannschaft ackern muss, als es vielleicht in der offensiveren Position der Fall war. Mir gefällt an dieser Rolle speziell, dass man Einfluss auf das Tempo und die Taktung eines Spiels nehmen kann. Diese Dinge dürfte der Trainer mit „seriös“ gemeint haben.

sv98.de: Vielleicht geht es auch darum, dass du den Risikofaktor in deinem Spiel in der defensiveren Rolle minimiert hast?
Kempe: Die Jungs vorne treffen ohne Ende, da braucht es meine Tore bislang nicht so sehr, wie es vielleicht in anderen Spielzeiten der Fall war. (grinst) Mir macht es einfach Spaß, die Drecksarbeit zu verrichten. Ich war mir nie für diese Dinge zu schade, aber ich spüre schon eine andere Art der Verantwortung für die Truppe auf der defensiveren Position. Wenn wir vor der Abwehr keine Lücken schließen, dann hat der Gegner plötzlich zehn Chancen pro Spiel.

sv98.de: Gibt es eine klare Aufgabenteilung mit Klaus Gjasula, der von Natur aus etwas defensiver denkt?
Kempe: Nicht unbedingt. Wenn einer geht, dann sichert der andere ab. Natürlich bin ich der offensivere Spieler, aber er hat kein Verbot, die Mittelinie zu überqueren. (lacht) Wir lösen das immer situationsbedingt.

sv98.de: Die bisherigen Sätze klingen fast schon nach einem klassischen Abräumer. Dabei hast du bereits sieben Tore vorbereitet und zwei Treffer selbst erzielt. Damit dürftest du zufrieden sein…
Kempe: Weil ich der Mannschaft damit helfen kann. Viele Tore resultieren aus Standards, die Jungs in der Mitte machen da einen super Job. Wichtig ist, dass wir die Spiele gewinnen. Und wenn ich mit Vorlagen meinen Anteil habe, dann ist es doppelt schön.

sv98.de: Du sprichst die Standards an. In diesem Bereich arbeitet ihr viel mit Co-Trainer Ovid Hajou…
Kempe: Genau, er freut sich auch immer besonders, wenn wir nach Standards treffen. Er investiert viel Zeit und Arbeit und es ist super, dass diese Dinge so fruchten. Wir haben auch heute wieder darüber gesprochen, dass wir schon elf Tore nach Standards erzielt haben. Da wollen wir weiter machen.  

sv98.de: Auch das 1:0 gegen St. Pauli fiel nach einem Freistoß. Den hat allerdings Patric Pfeiffer getreten. Auch so ein taktischer Kniff?
Kempe: Ich habe zu ihm gesagt, dass er den Ball kurz spielen soll. (lacht) Ich habe mich gewundert, was er da macht und dann führt es sogar zum Tor. Mich hat ein Spieler von Sankt Pauli gefragt, warum ich den Freistoß nicht ausführe und ich meinte, dass wir kurz spielen werden. Aber gut, Patric hat einen ordentlichen Huf und aktuell klappt einfach vieles, auch so etwas. (lacht)

sv98.de: In der Berichterstattung dreht sich vieles um das Sturmduo oder zuletzt auch um das Bollwerk in der Innenverteidigung. Kommst du nicht etwas zu kurz?
Kempe: Ach, das interessiert mich nicht. (lacht) Mir ist nur das wichtig, was wir als Mannschaft zusammen geleistet haben.

sv98.de: Der aktuelle Lauf bereitet dir daher sicherlich großen Spaß, oder?
Kempe: Ich bin mittlerweile der älteste Spieler im Kader und habe schon das Ziel, mit diesem Verein und den Jungs noch die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen. Aktuell macht es großen Spaß, alle kommen gerne zum Training und ich habe richtig Lust, mit meinen 32 Jahren jeden Tag alles rauszuhauen. Es ist auch schön zu sehen, wie sich die jungen Spieler entwickeln und ehrgeizig bleiben.

sv98.de:Musst du als Routinier auch gucken, dass ebendiese jüngeren Spieler fokussiert bleiben oder hast du da gar keinen Grund zur Sorge?
Kempe: Ich kann das gut einschätzen und vielleicht gibt es mal einen kleinen Moment, wo ich einen Mitspieler kurz beruhigen muss. (lacht) Aber generell merke ich jeden Tag, dass alle fokussiert sind, keiner fängt an zu träumen und alle arbeiten einfach weiter. Das gefällt mir an dieser Truppe, dass wir einfach unser Ding machen. Da muss ich nicht groß dazwischen grätschen.

sv98.de: Und die nächste große Herausforderung wartet. Es geht nach Aue, zu deinem Ex-Verein…
Kempe: Das wird brutal schwierig, eine andere Partie als unsere Spiele zuletzt. Aue hat absolut in die Spur gefunden, zuletzt viele Punkte geholt, das wird sicherlich eklig. Ein richtiges Zweitliga-Spiel, aber wir mögen diese Herausforderungen.

sv98.de: Zudem können leider keine Fans im Stadion sein. Du selbst hast schon häufig betont, was es für einen Unterschied macht, vor Zuschauern zu spielen. Wie schwierig wird die erneute Umstellung?
Kempe: Es dürfte für beide Seiten nicht einfach sein, plötzlich wieder ein Geisterspiel zu absolvieren. Die Fans waren immer voller Vorfreude wieder in den Stadien, der Fußball hat richtig gelebt. Es ist traurig, dass in Sachsen jetzt dieser Schritt gegangen werden musste. Ich hoffe, dass wir zumindest am Bölle weiterhin mit Fans spielen werden.

sv98.de: Was muss klappen, damit die Fans vor dem TV oder dem Fanradio jubeln können?
Kempe: Wir müssen weiterhin an unsere Stärken glauben und den Kampf annehmen. Wir werden wieder viel Arbeit investieren müssen, um dort erfolgreich sein zu können. Wir hatten jetzt viele Gegner aus den oberen Tabellenregionen, aber Aue wird ein anderer Gradmesser. Ein kampfstarker und etablierter Zweitligist. Aber wir sind selbstbewusst genug, um auch dort voll auf Sieg zu spielen.

sv98.de: Du selbst dürftest in Aue dein 197 Pflichtspiel für die Lilien absolvieren. Bist du selbst beeindruckt, wie häufig du die Lilie auf der Brust getragen hast?
Kempe: Hui, die Zahl hatte ich noch nicht erwartet. Es macht mich stolz, so viele Spiele für Darmstadt absolviert zu haben. Fabi Holland hat die Marke von 198 ja schon erreicht, bei Marcel Heller und Aytac weiß ich auch, dass sie in diesen Regionen liegen. Es ist schön, dass ich schon so lange für diesen Verein auflaufen darf, das gibt es im Profifußball nicht mehr so häufig.

 

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