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"Es hilft extrem dabei, im Kopf abzuschalten"

Es ist Mitte Oktober und ein blonder, barfüßiger Mann in kurzen Hosen macht einen Kopfstand im Mittelkreis des Merck-Stadions. Was nach einem skurrilen Szenario klingt, hat einen einfachen Hintergrund: Sebastian Hertner hat seine wöchentliche Yoga-Stunde kurzerhand auf das Stadiongelände verlegt. Nach Ende der Session plauderte der 27-Jährige über sein durchaus funktionelles Hobby, klare Strukturen im Tagesablauf und Alternativpläne.

Foto: Huebner/Ulrich

Lilienkurier: Basti, wie bist du zum Yoga gekommen?

Sebastian Hertner: Vor anderthalb bis zwei Jahren habe ich gemeinsam mit meiner damaligen Freundin in Aue damit angefangen. Sie war davon bereits begeistert und ich war offen für etwas Neues und bin bis heute dabei geblieben.

Lilienkurier: Yoga liegt zwar im Trend, bei Fußballern oder generell bei einem Großteil der Männer bestehen trotzdem oftmals diverse Zweifel. Waren diese bei dir auch vorhanden?

Sebastian Hertner: Sicherlich herrscht speziell bei Männern eine gewisse Skepsis gegenüber Yoga und es wird eher als eine Beschäftigung für Frauen angesehen. Aber wenn man offen an die Sache herangeht, ist es insbesondere für Fußballer eine sehr interessante Ergänzung. Es verbessert die eigene Beweglichkeit und hilft auch prophylaktisch mit Blick auf mögliche Muskelverletzungen. Natürlich musste auch ich zu Beginn ein wenig umdenken und vielleicht ein paar Vorurteile oder Zweifel ablegen, aber es gibt wirklich extrem viele Variationen, die sich auch sehr gut in den Fußballeralltag integrieren lassen. Beispielsweise arbeiten wir in der Mannschaft sehr häufig mit der Blackroll und es gibt spezielle Möglichkeiten, auch diese Übungen mit Formen aus dem Yoga zu kombinieren.

Lilienkurier: Dein Programm ist also auch eine Art „Fußballer-Yoga“?

Sebastian Hertner: (lacht) So könnte man es nennen. Ich habe verschiedene Kurse besucht und immer wieder Übungen herausgezogen, die ich problemlos in mein Programm als Fußballer einbauen kann. Da muss jeder wissen, was er braucht und welche Defizite er vielleicht hat. seit du regelmäßig Yoga machst?

Sebastian Hertner: Meine Beweglichkeit ist spürbar besser geworden. Speziell die Oberschenkelrückseite ist bei vielen Fußballern verkürzt und kann Probleme bereiten, und auch ich bin früher anfällig für muskuläre Probleme in diesem Bereich gewesen. Das hat sich definitiv gebessert, auch weil ich verschiedene Dehnungsformen aus dem Yoga eingebaut habe. Und natürlich hilft es mir extrem dabei, im Kopf abzuschalten und ein wenig weg vom Fußball zu kommen. Da nehme ich mir Zeit für mich selbst und versuche täglich ein paar Minuten einzubauen. Das muss nicht lang sein, aber es tut gut, um Stress abzubauen und auf andere Gedanken zu kommen. Zusätzlich mache ich dann einmal pro Woche eine längere Einheit mit meiner Lehrerin Shida.

Lilienkurier: Eine Yoga-Session im Stadion ist aber wahrscheinlich auch für dich eine Premiere?

Sebastian Hertner: Das stimmt, aber bei dem Wetter war es wirklich eine coole Location. Generell ist das ein weiterer Vorteil an Yoga, dass du es an so vielen Orten praktizieren kannst. Ob zu Hause, in anderen Räumlichkeiten oder auch im Urlaub. Es darf ja gerne auch nur der Entspannung dienen und muss nicht immer anstrengend sein. Viele glauben ja, dass Yoga als Neueinsteiger nur schwer umzusetzen ist. Aber da gibt es so viele Kombinationen, dass jeder flexibel eine Lösung finden kann.

Lilienkurier: Bist du mittlerweile auch eine Art Fürsprecher geworden? Vielleicht sogar in der Kabine?

Sebastian Hertner: Letztendlich muss jeder selbst entscheiden, ob er offen dafür ist. Ich habe es probiert und gemerkt, dass es mir gut tut. Aber wenn Vorurteile bestehen oder kein Interesse vorhanden ist, dann ist es natürlich extrem schwierig, jemanden vom Gegenteil zu überzeugen. Trotzdem hoffe ich schon, dass vielleicht ein paar Mitspieler ein wenig umdenken, zumal es wirklich einige Vorteile für den Leistungssport bietet.

Lilienkurier: Generell scheinst du sehr aufgeschlossen für neue Erfahrungen zu sein. Im Trainingslager hast du auch beim Schwimmen im Rahmen des Triathlons eine bemerkenswerte Performance hingelegt. Bist du einfach sportbegeistert oder ein Naturtalent?

Sebastian Hertner: Ich versuche vieles auszuprobieren. Schwimmen gehe ich tatsächlich relativ regelmäßig, das versuche ich einmal wöchentlich zu machen. Ähnlich wie beim Yoga ist es eine andere Belastung für den Körper, die keineswegs kontraproduktiv ist. Ich möchte gerne Neues lernen und für mich selbst die Dinge finden, die mir gut tun und die mir im Alltag helfen. Einfach um eine gesunde Mischung aus körperlicher und geistiger Ablenkung zum Fußball zu finden.

Darüber hinaus hast du bereits in Aue mit einem Fernstudium begonnen…

Sebastian Hertner: Das kam in einer Phase, in der es für mich nicht optimal gelaufen ist. Ich habe mir dann einfach Gedanken gemacht, wie ich mir ein zweites Standbein aufbauen könnte. Als Fußballer haben wir eben auch viel freie Zeit, die ich gerne sinnvoll nutzen möchte. Und in dieser Phase kam der endgültige Anstoß für ein Sportmanagment-Studium, um nach der Karriere etwas vorweisen zu können. Natürlich braucht es eine gewisse Selbstdisziplin, aber ich möchte nicht irgendwann krampfhaft versuchen müssen, noch irgendwie und irgendwo einen Vertrag zu bekommen, sondern nicht mehr allein auf den Fußball angewiesen sein.

Lilienkurier: Es gibt viele Spieler, die diese Gedanken haben. Oftmals werden sie aber nicht in die Tat umgesetzt oder bleiben irgendwann auf der Strecke. Würdest du dir zuschreiben, Sachen anzupacken und auch zu einem Abschluss zu bringen?

Sebastian Hertner: Es gibt viele zähe Phasen und ich habe auch eine Zeit lang gebraucht. Aber wenn man es eine Zeit lang schleifen lässt, wird es immer schwieriger, wieder einzusteigen. Ich plane es einfach fest in meinen Tagesablauf ein und dann gehört es nun mal dazu. Wenn man es nur nebenbei macht und über einen längeren Zeitraum vernachlässigt, kommt man irgendwann nicht mehr hinterher. Wenn ich etwas anfange, dann möchte ich es auch zu einem positiven Ende bringen.

Lilienkurier: Du bist gebürtiger Schwabe. Im Volksmund wird euch ja oftmals eine klare Lebensplanung und auch ein wenig Spießertum angedichtet…

Sebastian Hertner: (schmunzelt) Das Klischee haftet uns tatsächlich an. Aber generell braucht es eben eine gewisse Struktur in allen Lebensbereichen, um alles optimal koordinieren zu können. Es braucht Zeit, bis du die beste Lösung gefunden hast. Deadlines oder sich jeden Tag vollzupacken, das macht auch keinen Sinn. Ich habe mittlerweile einen guten Weg gefunden, um Fußball und die anderen Dinge zu kombinieren, ohne mir zuviel aufzuladen.

Lilienkurier: Den Mehrwert eines Studiums wirst du aber wahrscheinlich erst nach der Karriere spüren. Solange ein Spieler aktiv ist, liegt alles andere noch in weiter Ferne. Ist das der entscheidende Punkt? Frühzeitig zu merken, dass es nicht immer der Fußball sein wird und danach noch eine lange Lebenszeit wartet?

Sebastian Hertner: Genau, zunächst steht die Karriere natürlich absolut im Vordergrund, danach muss man auch zu einhundert Prozent leben. Aber parallel ist es möglich, etwas zu säen, was du nach dem Karriereende ernten kannst. Du weißt nie genau, wie lange die Karriere geht und ich wollte mir den Übergang danach erleichtern und auch etwas vorweisen können. Viele Spieler verlassen sich darauf, in dem Bereich bleiben zu können. Aber ich habe lieber etwas in der Hand.

Lilienkurier: Hast du diese Einstellung schon frühzeitig gehabt, oder hat sich das erst im Laufe der Zeit entwickelt?

Sebastian Hertner: Als Jugendspieler und auch Jungprofi hatte ich nur Fußball im Kopf. Da habe ich auch die Schule vernachlässigt, bis ich mir irgendwann gesagt habe, nur Fußball alleine reicht nicht. Ich werde nicht ewig von meinem Gehalt als Spieler zehren können und habe auch überhaupt nicht vor, mich nach der Karriere auf die faule Haut zu legen. Deswegen war es für mich unheimlich wichtig, dass ich mir zu meinen Zeiten in Stuttgarts U23 selbst ein wenig in den Hintern getreten habe und mir diese Disziplin angeeignet habe. Es braucht dafür aber diesen Punkt des Hinterfragens und Umdenkens, aus dem man dann ein Fazit ziehen kann, auf welchempersönlichen Weg es weitergehen soll. Das hat jeder schließlich selbst in der Hand.

Lilienkurier: Wie kam es konkret zu diesem Punkt?

Sebastian Hertner: Fußballerisch hat in der Jugend und auch in dem Jahr danach alles sehr gut funktioniert, bevor der erste kleine Knick gekommen ist. Da habe ich mich gefragt, woran liegt es und auch gemerkt, dass nicht nur der Fußball wichtig ist. Ich habe da quasi auf Sätze meiner Eltern gehört, die sie mir schon Jahre zuvor gesagt hatten, die mich als Jugendspieler aber noch nicht wirklich interessiert haben. Ich habe realisiert, dass ich neben dem Training extrem viel Zeit habe und mich auch noch anderen Dingen widmen kann. Ich habe mich abends einfach gefragt, was hast du heute mit deiner Zeit angefangen? Da ist neben dem Fußball nicht viel mit Inhalt dabei gewesen. Das wollte ich ändern und die Zeit besser nutzen. Und das versuche ich bis heute.

Lilienkurier: Bestimmt wird – und wurde – dein Leben aber immer vom Fußball. Du bist mit 14 in den Nachwuchs des VfB Stuttgart gekommen. Gab es da schon das konkrete Ziel Profifußballer?

Sebastian Hertner: Überhaupt nicht. Ich habe bis 14 in meinem Heimatverein gekickt, immer unter demselben Trainer. Als dieser Trainer dann gegangen ist, hat mein Vater vorgeschlagen, einfach mal an den Talenttagen des VfB teilzunehmen. So bin ich dort reingerutscht und habe es als Chance gesehen, die ich gerne wahrnehmen wollte. Ich habe das nie als Verpflichtung angesehen, sondern immer als Spaß. Irgendwann hat es sich dann in die Richtung Profi entwickelt, das habe ich aber erst viel später realisiert. Eigentlich erst, als mir der erste Vertrag vorgelegt wurde.

Lilienkurier: Den Sprung in den Profibereich hast du dann auch über die Stationen in der U23 von Stuttgart und Schalke geschafft. Im Nachhinein der richtige Weg?

Sebastian Hertner: Nach sieben Jahren beim VfB habe ich gemerkt, dass es mit der ersten Mannschaft schwierig wird und ich wollte dort nicht noch ein Jahr in der U23 bleiben. Auf Schalke ist es dann zwar auch die U23 gewesen, aber ich wollte auch mal weg aus meinem Umfeld, aus meinem Alltag und etwas Neues machen. Für meine Entwicklung war es eine überragende Zeit und eine tolle Erfahrung. Ich wurde auf Schalke zum Kapitän und habe meist mit den Profis trainiert. Der endgültige Sprung hat dann aber nicht geklappt, sodass ich den nächsten Schritt bei 1860 München gegangen bin.

Lilienkurier: Wo du ein ganz spezielles Umfeld vorgefunden hast…

Sebastian Hertner: Das war nicht einfach als junger Spieler. Da gab es viel Unruhe, aber es hat mich sportlich und charakterlich weitergebracht. Nach den U23-Jahren war ich nun wirklich fest im Profi - bereich angekommen, mit Mitspielern wie Benny Lauth, Daniel Bierofka oder Gabor Kiraly. Da konnte ich viel lernen und mitnehmen, auch außerhalb des Platzes. Aber ich habe dort auch schnell gelernt, mit dem Fußballgeschäft und vielen Situationen umzugehen. Das hat mich auch ein wenig abgehärtet für die Zukunft.

Lilienkurier: Auf München folgte Aue. Ein komplett anderes Umfeld, eine ganz andere Situation…

Sebastian Hertner: Die Diskrepanz war enorm, das war zunächst auch ein kleiner Kulturschock. Ich wurde zunächst ausgeliehen, um Spielpraxis zu sammeln. Doch ich wollte dann dort bleiben, weil ich gespielt habe und mich auf den Fußball konzentrieren konnte. München und Aue sollte man als Städte nicht unbedingt miteinander vergleichen. (lacht) Aber es war eine tolle Zeit und ich kann nur Positives darüber sagen.

Lilienkurier: Losgelöst von Klein- oder Großstadt, Süden, Westen oder Osten. Was braucht es, damit du dich bei einem Verein wohlfühlen kannst?

Sebastian Hertner: Ich möchte mich mit der Philosophie eines Vereins identifizieren können und mich fußballerisch weiterentwickeln können. Trotzdem war es wichtig für mich, sowohl das Umfeld auf Schalke und in München mitzuerleben als auch das ruhige Arbeiten im Erzgebirge. Schlussendlich habe ich gemerkt, dass ich am liebsten dort spiele, wo nur der Fußballer und seine Leistungen bewertet werden und keine weiteren Themen einfließen. Darüber hinaus muss das Kollektiv der Mannschaft stimmen, ich möchte mich schnell wohlfühlen.

Lilienkurier: Viele dieser Punkte treffen auf die Lilien zu. Eine spezielle Verbindung zu den Fans hast du aber bereits im Aue-Trikot aufgebaut…

Sebastian Hertner: Nach dem 34. Spieltag der abgelaufenen Saison und unserer Niederlage damals habe ich noch lange mit Familie und Bekannten auf der Haupttribüne gesessen. Und es war schon etwas Besonderes, dass mich so viele Lilienfans aufgemuntert und mir Mut für die Relegation zugesprochen. Das waren Momente, die schlussendlich nicht ausschlaggebend für meinen Wechsel waren, aber natürlich im Hinterkopf geblieben sind. Ich habe gespürt, dass hier in Darmstadt ein ehrliches und authentisches Umfeld vorhanden ist, in dem Leistung und Fußball im Vordergrund stehen. Also genau das, was ich mir in meinem Arbeitsumfeld wünsche.