Die Kurve bekommen

Im Moment des Glückes entlud sich all das, was sich in den vergangenen Monaten angesammelt hatte. Riesengroße Erleichterung und lang ersehnte Gewissheit mischten sich in die Jubeltraube, die rund um den Torschützen Tobias Kempe entstanden war. Es war die Erleichterung darüber, den Kampf um den Klassenerhalt gewonnen zu haben. Die Gewissheit, auch in der kommenden Saison in der zweiten Liga zu spielen. Diese Gefühlswelt sorgte für glückliche Gesichter im Merck-Stadion am Böllenfalltor. Sie löschte aber nicht das Bewusstsein dafür, wie knapp die Lilien einer sportlichen Katastrophe entgangen waren.

Foto: Huebner/Voelker

Romain Bregerie und Aytac Sulu fielen dem erneute überragenden Daniel Heuer Fernandes um den Hals, Peter Niemeyer und Tobias Kempe lagen sich nach Abpfiff ebenso in den Armen wie das gesamte Trainerteam der Lilien. Die Szenen nach Schlusspfiff, die weit entfernt von Biederduschen oder einem Platzsturm waren, symbolisierten genau das, was die Beteiligten wenig später auch in Worte fassten. "Wir sind happy und glücklich, dass wir es nach diesem langen und steinigen Weg, auf dem uns viele schon abgeschrieben hatten, allen nochmal zeigen konnten", beschrieb Dirk Schuster zunächst die allgemeine Gemütslage und ergänzte dann: "Der Klassenerhalt mit zwei blauen Augen ist aber kein Grund zum Feiern. Wir haben nichts Großartiges geschafft, wir haben einfach nur unseren Job gemacht und mit einem sehr starken Endspurt rechtzeitig die Kurve bekommen."

Rechtzeitig bedeutete in diesem Fall am 34. Spieltag. Im finalen Akt, der am Ende einer mehr als turbulenten Spielzeit stand. "Die Saison war eine Achterbahnfahrt, anders kann man es nicht beschreiben", resümierte daher auch Sandro Sirigu, bevor er den entscheidenden Satz an seine Ausführung anhängte: "Mit einem glücklichen Ende für uns."

"100 Kilo schwer" sei der Stein gewesen, der dem 29-Jährigen aufgrund dieses Happy Ends vom Herzen gefallen war - ein symbolischer Felsbrocken für die "Last" nach einer "Saison, die wir uns alle anders vorgestellt hatten", wie Sirigu zugab.

Auch Aytac Sulu sprach von "purer Erleichterung" und von "einem blauen Auge" mit dem er und seine Mitspieler durch das schlussendliche Saisonergebnis davongekommen waren. Blenden lassen wollte sich der Kapitän vom finalen zehnten Tabellenplatz aber ebenso wenig wie sein Cheftrainer: "Wirklich genießen können wir dieses Saisonergebnis nicht. Für uns ist es glimpflich ausgegangen, wir haben die Kurve noch gekriegt, aber wir tun gut daran, nicht großartig zu feiern. Dafür gibt es wenig Grund nach so einer Saison."

Widersprechen wollte Sulu niemand, aber zumindest die Art und Weise, wie die Lilien die Saison schlussendlich zu einem versöhnlichen Ende gebracht hatten, war bemerkenswert. Mit 11 ungeschlagenen Spielen beendete der SV 98 die Saison, 21 Zähler wanderten in diesem Zeitraum auf das Punktekonto der Lilien und auch der vierte Platz in der Rückrundentabelle ist ein Beweis für die Konstanz, mit der die Mannschaft schlussendlich das "Minimalziel" (Schuster) erreichte. "Wir sind immer dran geblieben, waren eine Einheit und haben füreinander gekämpft", beschrieb Tobias Kempe die vergangenen Wochen, bevor er ergänzte: "Wir stehen auch in der nächsten Saison in der zweiten Liga. Das ist das, was unter dem Strich zählt."

"Wichtig ist, dass wir es geschafft haben", zog auch Sulu ein ähnliches Gesamtfazit, das zurückliegende Spieljahr möchte der 32-Jährige aber möglichst schnell zu den Akten legen: "Wir müssen das Saisonergebnis auch mit Demut sehen. Jeder im Verein kann die Saison jetzt Revue passieren lassen und sie dann abhaken."

Zumindest eine Erkenntnis wird Sulu nach eigener Aussage aber mit in die nächste Saison nehmen: "Wir haben einmal mehr gemerkt, dass wir bei Darmstadt 98 in jeder Woche alle an einem Strang ziehen müssen, weil es sonst immer schwer für uns wird."

Und eine weitere Zitterpartie bis zum letzten Spieltag wollen die Lilien in der Saison 2018/19 tunlichst vermeiden.