Alles Gude, SV 98!

Als die Familie Ensgraber am 22. Mai 1898 den FK Olympia 1898 gründete, da fanden sie dadurch primär einen Namen für eine Ansammlung von Männern, die sich zuvor regelmäßig zum Fußballspielen auf dem Schlossgartenplatz traf. Genau 120 Jahre später blickt einer der ältesten Vereine im deutschen Fußball auf ebendiesen Tag als seinen Ursprung zurück. Zwei Weltkriege veränderten das Gesicht des SV 98 (Vereinsname ab 1919), Jahre später sorgten die "Feierabendprofis" für deutschlandweites Aufsehen. Höhen und Tiefen waren stetiger Begleiter der Mannschaft vom Böllenfalltor. Auch das vergangene Jahrzehnt beinhaltete alle Stufen der Farbpalette. Vom tiefsten Schwarz einer drohenden Insolvenz bis zum strahlenden Leuchten des Durchmarsches von der Drittklassigkeit bis in die Bundesliga. Wir werfen noch einmal einen Blick auf die Meilensteine der 120-jährigen Vereinsgeschichte.

Gründung und Fusion

Als Professor Ensgraber am 22. Mai 1898 gemeinsam mit seinen fünf Söhnen Fritz, Bernhard, Karl, Wilhelm und Ernst den FK Olympia 1898 gründete, galt Fußball als verpönt. Die Balljagd war der Sport der Engländer, der allerdings auch in Deutschland immer größeren Anklang fand. 1901 untersagten die höheren Darmstädter Schulen ihren Schülern das Fußballspielen, bevor das Verbot 1903 wieder aufgehoben wurde. Somit stand auch dem Fortbestand des FK Olympia nichts mehr im Wege, der lokal schon bald zur führenden Kraft im Fußball aufsteigen sollte. Nach ersten Erfolgen sorgte die Einberufung vieler Spieler in die Armee dafür, dass auch in Darmstadt sogenannte Kriegsmannschaften entstanden. Mit dieser besonderen Art einer „Spielgemeinschaft“ machte der FK Olympia derart gute Erfahrungen, dass am 11. November 1919 eine dauerhafte Fusion mit dem SC Darmstadt 1905 beschlossen wurde. Fortan trug der Verein seine Spiele unter dem Namen SV Darmstadt 1898 aus.

Das Stadion am Böllenfalltor

Kultstätte, Fußball-Romantik, Old-School-Charme. Mit diesen Begriffen wurde die Heimat der Lilien in der jüngeren Vergangenheit oftmals beschrieben. Die Geschichte des Stadions reicht dabei fast 100 Jahre zurück. Nachdem im November 1919 der SV Darmstadt 98 offiziell gegründet worden war, wurde schnell klar, dass der Verein eine neue Spielstätte benötigte. Ein Stadion, der sportlichen Entwicklung angemessen. Im Juli 1921 wurde das Stadion am Böllenfalltor mit einer Kapazität von 8000 Plätzen im Rahmen einer Festwoche offiziell eröffnet - an jenem Ort, an dem es bis heute als Heimspielort der Lilien fungiert. Daran änderte die Besatzung der amerikanischen Truppen nach dem zweiten Weltkrieg ebenso wenig wie die verschärften Auflagen nach den Bundesligaaufstiegen 1978, 1981 und 2015. Das „Bölle“ blieb die Heimat der Lilien und wird es auch nach dem nun anstehenden umfassenden Umbau weiterhin sein.

1919-1945

Die feierliche Eröffnung des Stadions am Böllenfalltor stand gleichzeitig für die Hoffnung, durch die neue Spielstätte die Basis für einen sportlichen Höhenflug des SV 98 gelegt zu haben. Dieses Wunschdenken erfüllte sich in den kommenden Jahren aber nicht. Regional spielten die Lilien zwar in der oberen Spielklasse, zu Zeiten der Weimarer Republik hatten diese Ligen aber keine große Aussagekraft, überregional sorgte der SV 98 kaum für Aufsehen. Viel eher sorgte die Machtergreifung der NSDAP für tiefe Einschnitte beim SV 98. Als Reaktion auf die Abschaffung demokratischer Strukturen trat ein Großteil der sportlichen Funktionäre von seinen Posten zurück. So auch der langjährige Präsident Karl Heß, zu dessen Ehren 2017 der Stadionvorplatz am Böllenfalltor in "Dr.-Karl-Heß-Platz“ umbenannt wurde. Nachdem sich der SV 98 1938 erfolgreich gegen eine Gleichschaltung der Vereine wehren konnte, wahrte er als einziger Darmstädter Verein seine Eigenständigkeit. Das Prinzip „David gegen Goliath“ sollte nicht zum letzten Mal in der Vereinsgeschichte der Lilien eine Rolle spielen. Als Folge der Eigenständigkeit musste der SV 98 allerdings auf jegliche staatliche Förderung verzichten, was eine sportliche Weiterentwicklung erschwerte. Zudem änderte sich das Gesicht der Mannschaft durch die zahlreichen Einberufungen der Spieler zur Wehrmacht permanent. Der britische Luftangriff auf Darmstadt 1944 sorgte schlussendlich dafür, dass ein Aufrechterhalten des geregelten Sportbetriebes nicht mehr möglich war.

Erfolgreiche Jahre

Schon bald nach Kriegsende führte der SV 98 sein Vereinsleben fort und bog, auch dank vieler Rückkehrer aus Kriegsgefangenschaft, recht schnell auf die Erfolgsstraße ein. Die Saison 1950/51 verbrachten die Lilien in der Oberliga Süd, die damals die höchste Spielklasse darstellte. Zu dieser Zeit absolvierte die Mannschaft ihre Heimspiele im Hochschulstadion, da das Stadion am Böllenfalltor von den Amerikanern als Baseballstadion genutzt wurde. Erst 1952 kehrten die Lilien an ihr geliebtes „Bölle“ zurück, das mittlerweile Platz für 25.000 Zuschauer bot. Es folgten viele Jahre in der 2. Liga Süd, kurzzeitig unterbrochen von Abstiegen in die Amateurliga Hessen. Die wahre Erfolgsgeschichte der Lilien begann in der Saison 1971/72 mit dem Amtsantritt von Trainer Udo Klug. Unter seiner Führung entwickelten sich die Lilien zu einer der Spitzenmannschaften im süddeutschen Raum, der erstmalige Aufstieg in die Bundesliga blieb den Lilien in diesem Zeitraum aber verwehrt. Diesen historischen Meilenstein erreichte der SV 98 erst 1978 unter der Führung von Trainer Lothar Buchmann, als am Ende einer sensationellen Rückrunde (nur eine Niederlage) der Sprung in das Oberhaus des deutschen Fußballs gefeiert werden konnte.

Die Feierabendprofis und ein zweiter Bundesliga-Aufstieg

Der erstmalige Bundesliga-Aufstieg sorgte für eine Fortsetzung des „David-gegen-Goliaths-Prinzips“. Ein Großteil der Darmstädter Spieler ging auch in der Bundesliga weiterhin seinen regulären Berufen nach, schnell wurde der Begriff der „Feierabendprofis“ geprägt, da die Akteure erst nach Dienstschluss an den Trainingseinheiten teilnehmen konnten. Ein auch zur damaligen Zeit einmaliges Modell, das schlussendlich nicht ausreichte, um mit all den Profiteams der Bundesliga zu konkurrieren. Die Lilien sorgten für deutschlandweites Aufsehen und ernteten viel Anerkennung, am Saisonende stand aber der Abstieg aus der Bundesliga geschrieben. Als Reaktion auf das Jahr in der Bundesliga wurde auch beim SV 98 das Vollprofitum eingeführt. Nach einem vierten Platz im ersten Jahr nach dem Abstieg, gelang in der Saison unter Trainer Werner Olk 1981 der erneute Aufstieg in die Bundesliga. Um diesen Weg gehen zu können, nahmen die Lilien ein hohes finanzielles Risiko in Kauf. Weniger, um die Mannschaft zu verstärken, sondern viel eher für die Errichtung einer neuen Flutlichtanlage, die für ein Aufrechterhalten des Spielbetriebes notwendig war. Sportlich endete auch der zweite Ausflug in die Bundesliga mit dem sofortigen Wiederabstieg der Lilien.

Finanzieller Aufwand, sportliche Talfahrt

Nach dem erneuten Bundesliga-Abstieg versuchte der SV 98 mit aller Macht, schnellstmöglich in das Oberhaus zurückzukehren. Doch auch zahlreiche namhafte und durchaus kostspielige Zugänge konnten diese Zielvorgabe nicht erfüllen. Zwar schnupperten die Lilien immer wieder an den oberen Plätzen, der dritte Aufstieg in die Bundesliga blieb aber aus. Im Jahr 1988 klopfte die Mannschaft unter der Führung von Trainer Klaus Schlappner noch einmal ganz stark an das Tor zur Bundesliga. In einer denkwürdigen Relegation gegen Waldhof Mannheim zogen die Lilien aber schlussendlich im Elfmeterschießen den Kürzeren. Die nächsten Jahre verbrachte der SV 98 im Mittelfeld der Zweitklassigkeit, bevor 1993 gar der Abstieg in die Drittklassigkeit erfolgte. Eine sportliche Katastrophe nach 22 Jahren in den beiden oberen Spielkassen. Von diesem Schock konnte sich der SV 98 zunächst nicht erholen. Nach einigen Jahren in der Regionalliga mussten die Lilien 1998 gar den Gang in die Viertklassigkeit antreten. Zwar gelang der sofortige Wiederaufstieg, aber sowohl 2003 als auch 2007 verabschiedete sich das Team vom Böllenfalltor erneut in die vierte Liga. Der SV 98 war zu einem Pendler zwischen Dritt- und Viertklassigkeit geworden.

2008: Kurz vor der Insolvenz

Rein sportlich verlief das Jahr nach dem erneuten Abstieg in die vierte Liga sehr positiv, neben dem Wiederaufstieg feierten die Lilien auch den Gewinn des Hessenpokals. Für große Sorgenfalten beim neugewählten Präsidium um Präsident Hans Kessler sorgten aber die finanziellen Altlasten der Vergangenheit. Verbindlichkeiten von mehr als einer Millionen Euro sorgten dafür, dass der SV 98 im Jahr 2008 einen Antrag auf Insolvenz stellen musste. Die Folge dieser Hiobsbotschaft war ein enges Zusammenrücken von Verein, Fans und der Stadt. Mit unzähligen Aktionen und Veranstaltungen zugunsten der Lilien konnte schlussendlich doch noch die Insolvenz abgewendet und die Regionalligalizenz beantragt werden.

Ein unverhoffter Klassenerhalt

Nach sportlich schwierigen Jahren in der Regionalliga gelang 2011 unter Trainer Kosta Runjaic der Aufstieg in die 3. Liga, wo im ersten Jahr bereits frühzeitig der Klassenerhalt gesichert werden konnte. In der Folgesaison rutschen die Lilien bis zur Winterpause dann allerdings auf den letzten Tabellenplatz ab. Am 28. Dezember 2012 wurde Dirk Schuster als neuer Trainer vorgestellt, der den nahezu unmöglichen Klassenerhalt doch noch realisieren sollte. Unter seiner Regie punkteten die Lilien nun wieder konstant und erspielten sich ein Endspiel um den Klassenerhalt gegen die Stuttgarter Kickers. In einem dramatischen Spiel trennten sich beide Mannschaften mit 1:1 - ein Ergebnis, das den Kickers zum Klassenerhalt genügte. Die Lilien hätten den Weg in die Regionalliga antreten müssen. Doch ausgerechnet die Offenbacher Kickers erhielten aufgrund von finanziellen Problemen keine Lizenz für die dritte Liga, sodass der SV 98 unverhofft doch in der Drittklassigkeit verbleiben durfte. Der Auftakt für unglaubliche Jahre am Böllenfalltor.

Das Wunder von Bielefeld und ein besonderes Motto

Als eigentlicher „Vorjahresabsteiger“ starteten die Lilien nur mit dem Ziel Klassenerhalt in die nächste Saison. Es sollte anders kommen. Eine sensationelle Saison gipfelte in den unvergessenen Relegationsspielen gegen Arminia Bielefeld. Nach einer 1:3-Hinspielniederlage am Böllenfalltor rechneten nur die wenigsten damit, dass der SV 98 auf der Bielefelder Alm tatsächlich in die 2. Liga aufsteigen könnte. Bereits vor Anpfiff verteilte Dirk Schuster gemeinsam mit seinem Co-Trainer Armbänder, die fortan zum Symbol der Darmstädter werden sollten. „Du musst kämpfen, es ist noch nichts verloren“: Der Leitspruch des krebskranken Lilienfans Jonathan Heimes war auf diesen Bändchen zu lesen, die jeder Spieler im Darmstadt-Trikot am 19. Mai 2014 an seinem Handgelenk trug. In einem unglaublichen Spiel siegte der SV 98 mit 4:2 nach Verlängerung und feierte den sensationellen Aufstieg und das „Wunder von Bielefeld“.

Durchmarsch in die Bundesliga

Bereits in die anschließende Zweitligasaison starteten die Lilien als Abstiegskandidat Nummer eins. Erneut hieß es „David gegen Goliath“, Darmstadt gegen den Rest. Das Motto „Du musst kämpfen“ begleitete den SV 98 auch in dieser Spielzeit, in der sich die Elf von Dirk Schuster von Saisonbeginn an im oberen Tabellendrittel festsetzte. Schlussendlich schafften es die Lilien tatsächlich, durch ein 1:0 am letzten Spieltag gegen St. Pauli nach 33 Jahren in die Bundesliga zurückzukehren. Ein nicht für möglich gehaltenes Saisonergebnis und eines der größten Fußballmärchen der jüngeren Fußballgeschichte.

Das nächste Wunder: Klassenerhalt!

Sowohl beim ersten als auch beim zweiten Anlauf in der Bundesliga mussten die Lilien am Saisonende den direkten Gang zurück in die Zweitklassigkeit antreten. Und auch für die Saison 2015/16 standen die Vorzeichen alles andere als rosig. Der mit Abstand kleinste Etat der Liga, das älteste Stadion aller Teams und ein Auftaktprogramm mit den Teams aus Schalke, Leverkusen, München und Dortmund. Doch nach sieben Spielen stand nur eine Niederlage geschrieben und auch in der Folge punkteten die Lilien (insbesondere auswärts) konstant weiter. Die Krönung einer weiteren sensationellen Saison erfolgte dann am 33. Spieltag. Im Berliner Olympiastadion siegte der SV 98 mit 2:1 und feierte damit erstmals in der Vereinsgeschichte einen Bundesliga-Klassenerhalt.

Hier und Jetzt

Das zweite Jahr verlief sportlich deutlich weniger erfolgreich. Zwar feierten die Lilien speziell zum Saisonende beeindruckende Siege gegen Dortmund, Schalke und den HSV, den Abstieg aus der Bundesliga konnte aber auch der famose Endspurt nicht verhindern. Das folgende Zweitligajahr wurde dann mit der Hoffnung angetreten, eine möglichst sorgenfreie Saison zu spielen und einen weiteren Schritt bei der Etablierung des SV 98 im Profifußball zu gehen. Schlussendlich wurde es, wie so oft in Darmstadt, eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Einem tollen Saisonstart folgten 12 Spiele ohne Sieg, bevor eine Serie von 11 Spielen ohne Niederlage schlussendlich doch noch zum Klassenerhalt am 34. Spieltag führte. Es war eine Saison, spiegelbildlich für die Historie des SV 98. Höhen und Tiefen, Niederlagen und Siege, viele Rückschläge aber schlussendlich doch ein Happy End. Langweilig war es nie bei den Lilien, und langweilig wird es am Böllenfalltor wohl auch nicht mehr werden. Rein sportlich hoffen wir alle auf eine entspanntere Saison 2018/19, aber allein der Start der Umbauarbeiten am Merck-Stadion am Böllenfalltor bietet jetzt schon genug Stoff für die nächsten Kapitel in der Chronik eines ganz besonderen Vereins, der nicht umsonst längst Inhalt von Filmen, Büchern und neuerdings auch eines Musical ist. Der SV 98, die Lilien und 120 Jahre voller Geschichten.