"Gott hat einen Plan für mich"

sv98.de blickt auf die Lilienkurier-Interviews der Rückrunde zurück: Aus Trinidad über Finnland und die USA zu den Lilien. Der Karriereweg von Joevin Jones ist ein außergewöhnlicher. Begleitet hat ihn dabei immer sein christlicher Glaube. Über seine Verbindung zu Gott und den Rückhalt seiner Familie sprach "JJ" in der Kuppelkirche St. Ludwig.

Foto: Florian Ulrich

Lilienkurier (LK): JJ, du bist noch nicht lange in Darmstadt. Dementsprechend dürfte es dein erster Besuch in der Kuppelkirche sein. Welche Gedanken kommen dir spontan in den Kopf?

Joevin Jones: Es ist eine schöne Kirche. Der Besuch erinnert mich an meine Kindheit, als wir an jedem Samstag mit der ganzen Familie im Gottesdienst waren.

LK: Du bist also gläubig erzogen worden?

Joevin: Ja, wie gesagt, wir waren an jedem Wochenende in der Kirche und ich bin christlich erzogen worden. Der Glaube wurde mir eingeimpft und hat mich immer begleitet.

LK: Und er gibt dir auch heute noch Kraft?

Joevin: Auf jeden Fall. Mit Gott an meiner Seite kann mir nichts passieren. Als Mensch und als Fußballer brauche ich ihn. Er gibt mir Energie. Ich versuche, viel zu beten und ihn kennenzulernen.

LK: Du bekreuzigst dich auch vor und nach jeder Trainingseinheit…

Joevin: Ich bedanke mich bei Gott für die Möglichkeit, zu trainieren oder zu spielen. So viele Spieler müssen ihre Karriere früh beenden und ich bete für seinen Schutz und dafür, dass er mich auf dem Platz führt.

LK: Nach deinem Tor gegen St. Pauli hast du ein Bild gepostet mit dem Zusatz: „If you never thank God after every smile, you have no right to blame him after every tear.“

Joevin: Weil der Satz wahr ist. Man sollte für jeden Tag dankbar sein und Gott nicht erst um Hilfe bitten, wenn die Dinge vielleicht falsch laufen. Deswegen bete ich jeden Tag für seine Hilfe. Man sollte damit nicht warten, bis es zu spät ist oder etwas passiert.

LK: Hat dein Gottvertrauen dir auch die Geduld für deine Karriere gegeben? Du hast einige Anläufe benötigt, bis du den Sprung aus dem Fußball in Trinidad geschafft hast. Viele Probetrainings in der USA und auch Italien, die nicht von Erfolg gekrönt waren. Hast du nie gezweifelt?

Joevin: Ich denke, dass Gott ein Plan für mich hat. Er hat mich zu diesen Vereinen gebracht und mich sehen lassen, wie es dort ist. Dass ich nicht unter Vertrag genommen wurde, habe ich nie als meinen Fehler wahrgenommen oder als Demotivation. Es hat michangetrieben und dahin gebracht, wo ich heute bin.

LK: Der bekannte Satz „Gottes Wege sind unergründlich“ lässt sich auch auf deine bisherige Karriere übertragen. Deine erste Auslandsstation war beim HJK Helsinki in Finnland…

Joevin: Das kann man so sehen (grinst). Ich war davor zum Probetraining in Toronto, Colorado und auch bei Udinese Calcio. Diese Dinge haben zwar nicht funktioniert, aber sie waren wie ein „Wake-Up-Call“ für mich. Ich habe nicht aufgegeben und noch härter gearbeitet. Natürlich war Finnland nicht der typische Weg für einen Spieler aus der Karibik, aber es war mein erster Schritt nach Europa. Als Kind habe ich immer die Bundesliga, die Premier League und die Primera Division im Fernsehen verfolgt und davon geträumt, eines Tages dort zu spielen. Für mich war Finnland der erste Schritt dorthin und ich war glücklich über die Chance. Auch wenn ich letztendlich nach ein paar Monaten in die USA und zu Chicago gewechselt bin. Aber über Chicago und Seattle habe ich den Weg nach Darmstadt gefunden. Und „Boom“, jetzt bin ich hier (lacht).

LK: Auf diesem Weg hat neben Gott auch deine Familie eine große Rolle gespielt. Der Fußball wurde dir quasi in die Wiege gelegt…

Joevin: Das stimmt, „Soccer is in my blood“ (grinst). Mein Vater war Nationalspieler, mein leider verstorbener Onkel ebenso. Und auch mein älterer Bruder Marvin ist Profi in Trinidad, genau wie mein jüngerer Bruder Alvin, der zudem mittlerweile mit mir im Nationalteam spielt.

LK: Und dein Vater hat dich und deine insgesamt drei Brüder schon früh zu seinem Training mitgenommen?

Joevin: Wir waren damals noch so jung, dass ich mich nicht mehr so genau erinnere. Aber ich erinnere mich, dass wir später jeden Tag in der Savannah gekickt haben. Das ist eine große Parkanlage in Port of Spain, die ganz in der Nähe meines Elternhauses gewesen ist. Ich habe oft Ärger bekommen, weil ich ständig von Zuhause abgehauen bin, um dort Fußball zu spielen. Meine Mutter war deswegen oft sauer. Aber ich habe ihr dann gesagt, dass ich etwas im Leben erreichen möchte. Dass ich später ein schönes großes Haus haben möchte. Das hat sie verstanden und ich durfte öfter im Park spielen (lacht).

LK: Hast du ihr versprochen, Fußballprofi zu werden?

Joevin: Ich habe ihr versprochen, dass ich es im Leben zu etwas bringen werde. Dass ich mir einen Namen mache und ein Vorbild für andere sein möchte. Ich wollte unseren Familiennamen mit Stolz vertreten und ein gutes Leben für mich und meine Familie erarbeiten. Deswegen habe ich unter das Bild meiner Vertragsunterschrift bei den Lilien auch den Satz „for you mama“ geschrieben.

LK: Du und deine Brüder – Habt Ihr Euch in der Jugend immer gegenseitig zu Höchstleistungen angespornt, weil jeder der Beste sein wollte?

Joevin: Nein, wir haben viel eher zusammen trainiert, um alle insgesamt besser zu werden. Wir haben immer gegenseitig unsere Spiele angeguckt und darüber gesprochen, wo wir uns verbessern können. Am nächsten Tag sind wir dann losgezogen und haben daran gearbeitet.

LK: Wie kann man sich Jugendfußball in Trinidad vorstellen? Gibt es klare Strukturen oder wird erstmal einfach gekickt?

Joevin: Man spielt schon auch früh im Verein, es gibt natürlich keine Nachwuchsleistungszentren wie hier in Deutschland. Aber man versucht, durch gute Leistungen vielleicht den Sprung in die Nachwuchsteams der größeren Klubs zu schaffen. Ich selbst habe auch verschiedene Fußballschulen besucht, dort trainiert und Spiele absolviert. Das ist auch wie eine Vereinsmannschaft.

LK: Mit 17 hast du in der ersten Liga in Trinidad debütiert. Hast du damals bereits an höhere Ziele gedacht?

Joevin: Wie gesagt, ich habe immer vom europäischen Fußball geträumt. Als Kind oder Jugendlicher hatte ich immer Etappenziele. Das Profidebüt in Trinidad war ein erster Schritt, aber ich wusste, ich möchte noch andere Teams und Ligen sehen.

LK: Mit 19 kam dann das Debüt in der Nationalelf. Der nächste Schritt für dich, damals warst du weiterhin in Trinidad aktiv. Wie war das Gefühl beim ersten Einsatz für dein Land?

Joevin: Ich war nervös und sehr aufgeregt. Wir spielten in Panama und ich wurde zur Halbzeit eingewechselt. Ich habe mein Bestes gegeben und getan, was von mir verlangt wurde. Und wenig später hatte ich Startelfeinsätze und bin fester Bestandteil der Nationalmannschaft geblieben. Auch dafür bin ich Gott sehr dankbar, der mich für meine Geduld belohnt hat.

LK: Wie war es für deine Familie, einen weiteren Jones im Nationaltrikot zu sehen?

Joevin: Sie waren stolz auf mich. Ich bin in die Fußstapfen meines Vaters getreten und für meine Familie ist es etwas ganz Besonderes, die Spiele zu sehen. Zumal mittlerweile ja auch mein Bruder für das Nationalteam spielt.

LK: In Deutschland verbindet man mit dem Fußball in Trinidad & Tobago natürlich die WM-Teilnahme 2006. Es war die erste Qualifikation in der Geschichte deines Heimatlandes. Was hat dieser Erfolg damals verändert?

Joevin: Sehr viel. Im Land herrschte natürlich Ausnahmezustand, aber speziell für uns Fußballer hatte es auch langfristige Vorteile. Die WM-Teilnahme hat den Spielern ganz neue Möglichkeiten eröffnet, andere Länder, andere Ligen und Vereine sind auf die Spieler aufmerksam geworden. Das war ein Geschenk für das ganze Land und speziell für den Fußball, wo es viele neue Türen geöffnet hat.

LK: Du hast damals sicherlich alle Spiele gesehen?

Joevin: Natürlich. Durch den Zeitunterschied waren die Spiele immer morgens und ich habe alle Spiele mit meinen Freunden geguckt. Die Bilder habe ich immer noch in meinem Kopf.

LK: Mittlerweile hast du selbst 67 Länderspiele absolviert. Eine stolze Zahl…

Joevin: Eines meiner großen Ziele ist es, 100 Länderspiele für mein Land zu machen und auch etwas mit der Nationalmannschaft zu gewinnen. Es gibt den Caribbean- Cup und den Gold-Cup. Ich würde gerne nach all den Jahren im Nationalteam etwas in der Hand halten und später auch meinen Kindern erzählen können, dass ich einen Titel mit Trinidad gewonnen habe.

LK: Kein Titel, aber mit Sicherheit ein ganz besonderer Tag im Nationaltrikot dürfte auch das erste gemeinsame Länderspiel mit deinem jüngeren Bruder Alvin gewesen sein…

Joevin: Das war ein großartiges Gefühl. Ich kannte seine Situation aus meiner eigenen Vergangenheit und habe ihm gesagt, versuche keine verrückten Dinge, der Trainer hat dich für das nominiert, was du jede Woche im Verein leistest.

LK: Zurück zu deiner Vereinskarriere. Auf Helsinki folgte eine Saison in Chicago und dann die beiden Jahre in Seattle, die zu deinem Durchbruch wurden…

Joevin: Das waren zwei überragende Jahre für mich. Im ersten Jahr Meister zu werden war unglaublich und ein Gefühl, das viele Spieler in ihrer Karriere nie erleben dürfen. Ich war gesegnet mit der Zeit dort.

LK: Trotz des sportlichen Erfolges war es sicherlich schwer, deine Heimat zunächst in Richtung Finnland und dann in die USA zu verlassen…

Joevin: Es ist immer hart, die Familie zu verlassen. Aber das gehört zum Profifußball und zu dem Leben, das ich mir ausgesucht und gewünscht habe. Wir spielen nur 10 bis 15 Jahre, aus denen wir das meiste machen müssen. Und ich danke Gott, dass es bislang so für mich gelaufen ist. Ich rede auch heute nach jedem Spiel mit meiner Familie und sie sagen mir dann immer, wie sie meine Leistung fanden. Insbesondere meine Mama ist da sehr ehrlich und geradeheraus (lacht).

LK: Normalerweise sind das gute Eigenschaften…

Joevin: Ich schätze das sehr. Sie sagt mir direkt, was ihr nicht gefallen hat oder wenn sie mein Spiel schlecht fand. Und dann gehe ich auch ins nächste Spiel, um sie mit meiner Leistung glücklich zu machen. Wenn ich schlecht spiele, sagt sie immer, ‘Ich verschwende meine Zeit, wenn ich solche Spiele von dir angucken muss‘ (lacht) Das ist ein großer Ansporn, denn wer will schon für verschwendete Zeit der eigenen Mutter verantwortlich sein (schmunzelt).

LK: Die Fans in Seattle haben sehr gerne Zeit mit dir und deinem Spiel verbracht. Du warst dort Publikumsliebling…

Joevin: Für mich war es schwer, Seattle zu verlassen. Ich habe unzählige Nachrichten von traurigen Fans bekommen, aber gleichzeitig haben mir alle viel Erfolg und Glück gewünscht. Ich habe eine andere Spielweise in das Spiel von Seattle eingebracht, als offensiver Außenverteidiger, der über das gesamte Feld marschiert ist. Diese Art Fußball wollten die Leute sehen und deswegen haben sie mich sehr gemocht. Bei meinem Abschied habe ich gemerkt, dass ich mir dort wirklich einen Namen gemacht habe und etwas zurücklasse.

LK: Wie würdest du dich selbst charakterisieren?

Joevin: Ich bin ein harter Arbeiter, aber ich habe auch die karibische Mentalität und sehe viele Dinge entspannter. Es kommt immer auf die Situation an.

LK: Hilft der entspannte Part im Profifußball?

Joevin: Ja, ich versuche immer, frei im Kopf zu bleiben. An Spieltagen mache ich mir beispielswiese nicht so viele Gedanken über das Spiel, sondern ich genieße es einfach, spielen zu dürfen. Ich bin glücklich, gesund zu sein und spielen zu können. Ich danke Gott für jeden Tag, den ich auf dem Platz stehen kann.

LK: Zuletzt hat dich dein Bruder Alvin besucht und auch die Spiele gegen Kaiserslautern und Heidenheim gesehen. Wie wichtig ist dir diese Unterstützung?

Joevin: Ich habe mich sehr darüber gefreut. Für ihn war es gut, die Spiele zu sehen und zu merken, wie hart er arbeiten muss, um auch den Sprung nach Europa zu schaffen. Er ist jetzt wieder in Trinidad und wird viel investieren, um hoffentlich eines Tages als Spieler in Europa auf dem Platz zu stehen.

LK: In Darmstadt bist du mit einem Knall gestartet. Auf St. Pauli sofort der Siegtreffer, jetzt die Tore gegen Heidenheim und Dresden. Warum ist dir die Umstellung so schnell gelungen?

Joevin: Natürlich war es erst etwas schwierig, auch weil ich noch von Torsten Frings verpflichtet wurde. Aber ich habe mir gesagt, bei einem neuen Trainer hat jeder dieselbe Chance und auch ich starte bei null. Ich habe in der Vorbereitung einfach mein Bestes gegeben und versucht, auf mich aufmerksam zu machen. Und vor dem ersten Spiel gegen Kaiserslautern hat mir der Trainer dann gesagt, dass ich in der Startelf stehen werde. Ich war erst etwas ungläubig, aber natürlich vor allem glücklich. Ich war nervös, aber die gespielte Halbzeit lief gut und ich habe gemerkt, dass ich helfen kann. Der Trainer hat mir da sehr geholfen, weil er mir die Angst genommen hat, ins Risiko zu gehen, das Dribbling zu suchen und vielleicht auch mal den Ball zu verlieren.

LK: Und bislang läuft es sehr gut für dich. Scherzhaft wurde schon behauptet, dass du deshalb so frei aufspielst, weil du die Tabellensituation nicht kennst…

Joevin: Das ist Quatsch. Ich kenne die Situation genau, in der wir sind. Ich tue mein Bestes, um dem Team zu helfen, aus dieser Situation zu kommen. Es wird nicht einfach, aber mit der Qualität und Mentalität der Spieler werden wir es schaffen.