"Meine Sicht auf das Leben hat sie definitiv verändert"

Florian Stritzel hat seinen Termin mit dem Lilienkurier kurzerhand zum Familienausflug umfunktioniert. Zusätzlich zur lange eingeplanten Hundedame Gimbaya begleiten auch Freundin Jasmin und die kleine Tochter Lenia den Torhüter in den Bürgerpark. Bei optimalen Wetterbedingungen entwickelt sich ein ausgedehnter Spaziergang, bei dem der 24-Jährige über das Familienleben, seine eigene Kindheit und natürlich auch über Fußball plaudert.

Foto: Florian Ulrich

Lilienkurier (LK ): Flo, willst du uns zunächst mal deine Mitstreiterin vorstellen?

Florian Stritzel: Das ist Gimbaya, ein Rhodesian Ridgeback. Sie ist mittlerweile sieben Jahre alt und meine Freundin Jasmin hat sie schon im Welpenalter in ihre Obhut genommen. In meinem Leben springt sie seit nunmehr 4 Jahren herum.

LK: Durch sie kennst du wahrscheinlich schon einige Grünanlagen in Darmstadt. Auch den Bürgerpark?

Flo: Ehrlich gesagt bin ich ein Freund von gleichbleibenden Abläufen. Wir haben normalerweise zwei feste Gassi-Runden, eine kürzere und eine längere, die ich auch mit dem Fahrrad fahren kann. Der Bürgerpark ist also eine Premiere für uns. Wir nehmen Gimbaya oft mit, aber fahren nicht extra für die Laufrunde mit dem Auto irgendwohin.

LK: Ist das Gassi gehen mit Gimbaya auch ein willkommener Ausgleich zum Fußball und den Gedanken, die du von der Arbeit mit nach Hause bringst?

Flo: Ich kann dabei wirklich gut abschalten. Mit dem Hund in der Natur, da kann ich auch mal an nichts denken und das finde ich sehr wichtig.

LK: Nimmst du denn viele Gedanken vom Fußballplatz mit nach Hause?

Flo: Das müsstest du normalerweise meine Freundin fragen (lacht). Ich meine aber, dass es nur selten vorkommt. Zuhause zählt für mich erstmal nur die Familie.

LK: Wie wichtig ist es, dass sich im Kopf nicht alles um das runde Leder dreht?

Flo: Sehr wichtig. Es braucht andere Themen und andere Gedanken. Würde ich mich nur mit dem Fußball beschäftigen, wäre ich wahrscheinlich nach fünf Jahren komplett ausgebrannt.

LK: Speziell zuhause kommst du wahrscheinlich gar nicht mehr groß zum Nachdenken. Neben Gimbaya bereichert seit 8 Monaten auch eure Tochter Lenia das Familienleben?

Flo: Genau, sie rollt sich überall hin und bestimmt unseren Alltag. Der nächste Schritt wird sein, das ganze Haus kindersicher zu machen, wenn sie anfängt zu krabbeln. Die Gitter für die Treppen habe ich schon angebracht, jetzt kommen die Steckdosen. Es immer etwas zu tun.

LK: Mit 24 bist du ein relativ junger Vater. Was hat die Kleine in deinem Leben und vielleicht auch an deinem Blick auf das Leben verändert?

Flo: Ich wollte früh Papa werden und es ist super, dass es nun auch so gekommen ist. Meine Sicht auf das Leben hat sie definitiv verändert. Es gab früher viel mehr kleine Dinge, über die ich mich aufgeregt habe. Das ist deutlich weniger geworden. Banalen Dingen lasse ich ihren Lauf, das ist dann eben so. Ich habe wirklich ein privilegiertes Leben im Vergleich zu ganz vielen anderen Menschen, das weiß ich zu schätzen und dann denke ich mir bei vielen Dingen, dass ich sie einfach so annehmen muss, weil sie nicht zu ändern sind.

LK: Bist du denn ein Papa, der mit anpackt? Die klassische Frage ist ja oft das Windeln wechseln…

Flo: (lacht) Absolut. Windeln wechseln, Windeln rausbringen, das mache ich natürlich. Allerdings übernimmt Jasmin die Nächte, die sind natürlich extrem. Wenn ich dann, halbwegs ausgeschlafen, um halb 6 morgens die erste Windel übernehme und rüberschaue, dann sehe ich, dass ihre Nacht nicht so entspannt gewesen ist. Aber allgemein packe ich überall an und das mache ich auch sehr gerne.

LK: Kommen wir zu deiner eigenen Kindheit. Die ersten 13 Jahre hast du in Mecklenburg-Vorpommern gelebt. Wie war das Familienleben im Nordosten Deutschlands?

Flo: Bis zum 10. Lebensjahr hat sich ein großer Teil in Eichhof abgespielt, danach wurde morgendlich zum Gymnasium nach Neubrandenburg gependelt, wo ich dann auch Fußball gespielt habe. Meine Kindheit war sehr unbeschwert, wir hatten, typisch für Meck-Pomm, relativ viel Grundstück und mein Dorf hatte vielleicht 400 Einwohner. Davon waren 20 Kinder und 3 oder 4, die sich für Fußball interessiert haben. Ich habe oft alleine auf dem Hof gekickt mit meinem Dad oder meiner Oma (lacht). Meine ganze Familie hat in einer Straße gewohnt und um ein wenig beim heutigen Thema zu bleiben: Ich hatte viel Auslauf (grinst).

LK: Bis heute scheint der Kontakt zur Familie sehr gut zu sein…

Flo: Definitiv. Speziell jetzt möchte ich meine Eltern natürlich an Leni teilhaben lassen, weil sie sich in den ersten Monaten so schnell entwickelt. Es wäre schade, wenn meine Eltern das nicht mitbekommen und die Distanz besteht nun mal. Sie wohnen in Hamburg und wir lösen es dann über Facetime oder Videos und Fotos.

LK: Dein Papa ist in der Jugendzeit nicht nur in die Vaterrolle geschlüpft, sondern auch in die deines Trainers…

Flo: Sein Motto war Förderung durch Forderung (lacht). Es hat mich geprägt und war unheimlich wichtig für meine Karriere. Spätestens jetzt kann ich genau nachvollziehen, dass man als Vater immer nur das Beste für sein Kind möchte. Und das wollte er auch. Du kommst nur weiter, wenn du härter und mehr arbeitest als andere. Das war auch das Motto meines Vaters und ich bin nicht böse darum, dass er mich oft „gescheucht“ hat.

LK: Dein Vater war ebenfalls Torwart…

Flo: Genau. Er hat relativ spät angefangen in Österreich, erst mit 15. Mit 17 war er dann in Kapfenberg im Herrenbereich aktiv, wenn auch in keiner ganz hohen Liga. Er hatte durchaus Erfolg, konnte aber kein großes Geld damit verdienen und ist dann in die Lehre zum Dachdeckermeister gegangen.

LK: Trotzdem war er dagegen, dass du deine Fußballer-Karriere auch im Tor startest?

Flo: Ja, weil er wusste, was dort auf mich zukommt (lacht). Er wollte, dass ich solange wie möglich im Feld spiele, hat mir aber schon die Entscheidung überlassen. Aber ich habe dann im Feld angefangen und das hat mir sicherlich auch viel gegeben und geholfen. Das Fußballerische ist für einen Torwart im Profibereich essenziell und da habe ich dann die ersten Schritte gemacht.

LK: Warum hast du dich dann doch für die Torhüterposition entschieden?

Flo: Weil ich ein Dickkopf bin (lacht). Wir haben beim Hallentraining einen zweiten Torwart für die Spielform gebraucht, da bin ich eingesprungen und habe sofort Blut geleckt. Es hat mir Spaß gemacht, es war ein anderes Gefühl, das zu mir gepasst hat. Es war ein Prozess über ein paar Einheiten und dann habe ich gesagt, "Papa, ich möchte ins Tor". Schlussendlich konnte ich mich durchsetzen und es ist die richtige Entscheidung gewesen.

LK: Zumal es relativ schnell voran ging. Mit 13 Jahren und als Spieler des 1. FC Neubrandenburg 04 wurdest du zum Probetraining bei Hansa Rostock und dem HSV eingeladen. Beide liefen erfolgreich und du musstest dich entscheiden?

Flo: Es war keine schwere Entscheidung. Rostock war finanziell für uns fast nicht darstellbar. Das Internat dort musste bezahlt werden, die kooperierende Privatschule musste bezahlt werden, die Infrastruktur war super, aber beim HSV nochmal auf einer anderen Stufe. Und dort wurde alles gestellt. Internatsplatz, Schule, selbst die Schülerfahrkarte für den Weg. Das waren gewichtige Punkte, die den HSV zum richtigen Schritt für mich gemacht haben. Dann habe ich diese Entscheidung getroffen und meine Eltern haben mich einmal mehr unterstützt.

LK: Nach ein paar Diskussionsabenden?

Flo: Nein, wir haben es an einem Tag entschieden. Mir wurde der Vertrag vorgelegt und dann sind wir als Familie Essen gegangen und haben darüber geredet. Ich habe eben einen Dickschädel und mir in den Kopf gesetzt, dass ich diesen Schritt unbedingt machen muss.

LK: Mit 13 in eine Weltstadt zu einem der größten Vereine in Deutschland. Weg von zuhause, rein ins Internat. War das ein wenig von 0 auf 100 für dich?

Flo: Im Vorfeld wusste ich natürlich nicht genau, was auf mich zukommen wird. Das erste Jahr war ziemlich schwierig, da musste ich mich erst zurechtfinden. Wäsche waschen, selbständig an die Hausaufgaben denken, das war schon eine Umstellung. Ich musste dann auch die 8. Klasse wiederholen, aber sportlich hat es mich sofort weitergebracht. Statt 3 oder 4 Einheiten hatte ich nun 6 bis 8 Einheiten in der Woche. Das habe ich gebraucht und auch sofort angenommen, weil ich wusste, dass ich dafür arbeiten muss, was ich später ernten möchte.

LK: Für das weitere Leben war die frühe Selbständigkeit sicherlich kein Nachteil…

Flo: Ich wusste schnell, wie man Wäsche wäscht ohne dass sie eingeht (lacht). Der Haushalt hat früh zum Tagesablauf gehört und dann wird es schnell normal und stört auch nicht mehr. Natürlich will ich auch mal direkt auf die Couch, aber die notwendigen Sachen erledige ich sofort, weil sie seit meinem 13. Lebensjahr dazugehören.

Die Arbeit in den sieben Jahren beim HSV hat sich nach und nach immer mehr ausgezahlt. Bis du eines Tages dann sogar auf der Bundesliga-Bank saßt…

Flo: Genau, beim Spiel gegen Mainz vor 57.000 Fans. Und dazu war ich ein paar Mal als 19. Mann dabei. Dieser Erfahrungen haben mir auch sehr viel gegeben und mich motiviert, immer weiter zu machen. Ich durfte reinschnuppern und das hat mir nochmal klar gemacht, dass ich derjenige sein möchte, der dort zwischen den Pfosten steht.

LK: Allein das Training mit René Adler und Jaroslav Drobny wird dir enorm geholfen haben?

Flo: Ich habe auf jeden Fall gemerkt, dass dort noch ein Leistungsunterschied besteht (lacht). Ich konnte mir sehr viel abschauen, habe meine Defizite erkannt und auch gemerkt, dass die beiden mehr als 10 Jahre Profierfahrung hatten.

LK: Du hast dich dann aber gegen die weitere „Lehre“ bei den beiden entschieden und bist zum KSC gewechselt. Wo es dann aber nicht ganz rund gelaufen ist.

Flo: Ich musste den Weg machen, weil es an den beiden kein Vorbeikommen gab. Da habe ich den Weg in die 2. Liga gemacht und mir viel vorgenommen. Leider haben mich immer wieder Verletzungen zurückgeworfen und die Erfahrung Profifußball musste weiter warten.

LK: Wie ist es dir gelungen, positiv zu bleiben?

Flo: Meine Freundin hat mir sehr geholfen, mit ihr kann ich immer sehr offen über alle Themen sprechen und diskutieren. Wir haben auch immer Wege gefunden, wie es weitergehen kann.

Und schließlich kam eine neue Chance. Die Lilien zeigten Interesse und damit auch noch der Verein aus der Heimatstadt deiner Freundin…

Flo: Das war für uns der Jackpot. Sie wärmt alte Freundschaften wieder auf, fühlt sich sehr wohl und ihre Eltern wohnen auch noch an der Bergstraße. Da haben wir auch immer einen Babysitter (lacht).

LK: Und mit welchen Erwartungen und Zielen bist du nach Darmstadt gekommen?

Flo: Längerfristig gibt es natürlich immer noch das Ziel, als Stammtorhüter regelmäßig zu spielen. Das geht nur über die Trainingsleistungen. Und daran werde ich weiter arbeiten.

LK: Dein Debüt im Profifußball hast du in dieser Saison bereits gefeiert. Und dann direkt in einem besonderen Rahmen…

Flo: Auswärts an der Alten Försterei bei Union Berlin – da gibt es schlechtere Orte, um sein Debüt zu feiern. Vor allen Dingen war es rappelvoll und unheimlich laut. Es war schon schwierig, Kommandos weiter als fünf Meter zu brüllen. Insgesamt war für mich in diesem Spiel alles dabei.

LK: Du hast über Jahre auf den Moment gewartet. Überwog dann Nervosität oder Vorfreude?

Flo: Positive Nervosität. Ich habe mich riesig darauf gefreut und merke jeden Tag im Training, dass ich im Profibereich spielen kann. Es hat mir riesigen Spaß gemacht und davon möchte ich zukünftig natürlich noch mehr haben.