Fehlende Graustufen

Es gibt Phänomene, die im Fußball deutlich ausgeprägter sind als in anderen Teilbereichen des Lebens. Das Schwarz-Weiß-Denken ist eines davon. Oftmals sorgen Siege, unabhängig vom Zustandekommen, für überschwänglichen Optimismus, während Niederlagen, so unglücklich sie auch sein können, gerne einen generellen Abgesang nach sich ziehen. Dabei gilt auch, oder gerade im Sport, es ist nicht alles Gold, was glänzt. Oder eben umgekehrt. Und genau das wissen die Lilien. Und zwar seit Saisonbeginn.

Foto: Holtzem

Natürlich waren auch die Darmstädter Akteure geschockt von dem Last-Minute-Akkord, den die Begegnung gegen Arminia Bielefeld parat hielt. "Wir haben das Spiel in vier Minuten aus der Hand gegeben", so Marcel Heller, der damit eine Überschrift für das fand, was sich ab der 89. Minute im Merck-Stadion am Böllenfalltor ereignet hatte. Aus einem 1:0 wurde binnen 240 Sekunden ein 1:2. Aber diese 240 Sekunden ließen Heller eben nicht die vorherigen 89 Minuten vergessen. "Wir haben das Spiel größtenteils dominiert", fasste der Flügelflitzer zusammen, was die Zuschauer zuvor in der Begegnung gegen den Vorjahresvierten aus Bielefeld gesehen hatten.

Kein Vorwurf an die Mannschaft

Speziell in der ersten halben Stunde und im Zeitraum nach dem Führungstreffer (66. Minute) gewannen die Lilien die Oberhand über den Kontrahenten und damit auch die Spielkontrolle. "Ich bin mit der Leistung einverstanden und kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen", erklärte daher auch Dirk Schuster, der seit Jahren für ehrliche Analysen bekannt ist. Den jüngsten Beweis dafür hatte der Cheftrainer erst am Samstag in Dresden erbracht, als er die denkbar unglücklichen Gegentore beiseite schob und seiner Mannschaft stattdessen Mängel in Sachen "Mentalität, Zweikampfhärte und Aggressivität" attestierte. Am Dienstag legte Schusters Elf diese Basiselemente wieder an den Tag, brachte sich aber in der abschließenden Sequenz um den Lohn.

Doch vier Minuten reichen nicht aus, um Schuster und sein Team vom eingeschlagenen Weg abzubringen. Einem Weg, in dem Rückschläge einkalkuliert sind. Und einem Weg, den die Lilien seit dem ersten Spiel genau einschätzen können. Bereits vor 52 Tagen und nach dem Auftaktsieg gegen den SC Paderborn sprach Aytac Sulu "von einem harten Stück Arbeit, das es fortan in jeder Woche werden dürfte."

"Wir sind eine stabile Mannschaft"

Auch die Siege gegen Duisburg oder in Magdeburg und Heidenheim fielen in diese Kategorie. Und wurden dementsprechend im Gesamtbild eingeordnet, ohne auch nur ansatzweise auf die im Umfeld aufkommenden Träumereien einer tabellarischen Spitzenposition einzugehen. Und ebenso wenig, wie sich Akteure nach vier Spieltagen vom zweiten Platz blenden ließen ("Es wäre überheblich und vermessen, die Tabelle einzurahmen"; Marcel Franke), verlieren sie jetzt nach drei sieglosen Partien den Kopf. "Wir sind eine stabile Mannschaft, und ich bin guter Dinge, dass wir sehr schnell wieder positive Ergebnisse erzielen können", versicherte beispielsweise Heller, der den Blick schon wieder auf den kommenden Freitag richtete: "In Kiel müssen wir stabil stehen, um nach 6 Gegentoren in zwei Spielen möglichst wieder die Null zu halten."

Nächster Halt: Kiel

Die verbleibenden Tage und Einheiten bis zur Partie im Norden werden die Lilien zur sachlichen und genauen Analyse nutzen. "Wir haben noch viel Arbeit vor uns", gestand Heller offen. Der Flügelflitzer hatte aber auch eine extrem simple und einleuchtende Begründung dafür parat, warum er und seine Teamkollegen keine andere Mannschaft über neunzig Minuten nach Belieben dominieren können: "Es sind immer auch Gegenspieler auf dem Platz." Ein zweifelsfreier Umstand, der scheinbar dennoch teilweise übersehen wird. Denn schlussendlich stehen in dieser starken, ausgeglichenen Liga in jedem Spiel 22 Akteure auf dem Platz, die das Spiel jeweils auf die Seite ihrer Mannschaft bringen wollen.

So wird es auch in Kiel sein, wo die Lilien wieder bei der heimstarken KSV Holstein punkten möchten. Und im Erfolgsfall im Anschluss sicherlich dennoch auch kritische Ansätze finden dürften. So wie es es im bisherigen Saisonverlauf immer taten. Wie eine Graustufe im Denken zwischen Schwarz und Weiß.