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„Auf dem Platz bin ich furchtlos“

Ein wenig unwohl fühlt sich Orrin McKinze Gaines II schon, als er die zu Halloween aufgebauten Grusel-Attraktionen auf der Burg Frankenstein betrachtet. Dabei ist der 19-jährige US-Boy alles andere als schreckhaft. Weder auf dem Fußballplatz, noch im Alltag. Mit dem Lilienkurier sprach der Flügelflitzer vor dem Spiel gegen Holstein Kiel über Halloween, seinen eigenen Werdegang und Unterschiede zwischen Amerika und Deutschland.

Foto: Florian Ulrich

Lilienkurier (LK): Orrin, bist du ein Halloween-Fan?

Orrin McKinze Gaines II (Gaines): Auf jeden Fall. Als Kind gab es viele und kostenlose Süßigkeiten und später dann Kostümpartys und viel Spaß mit den Freunden.

LK: In Amerika wird es naturgemäß viel größer gefeiert als in Deutschland. Trotzdem gibt es auch in Deutschland Orte, an denen sich gegruselt wird. Wie gefällt dir die Burg Frankenstein?

Gaines: Die Burg ist unglaublich. Sie haben wirklich alles an Dekoration rausgeholt, um sie in einen schaurigen Ort zu verwandeln. Die Leute werden mit Sicherheit Spaß oder besser gesagt Angst haben, wenn sie hier Halloween feiern.

LK: Was hältst du von Horrorfilmen?

Gaines: Sehr viel, wenn es gute Horrorfilme sind (lacht). Oftmals ist es doch sehr leicht abzusehen, was passiert. Aber mit meinen Freunden habe ich sehr viele Filme geguckt.

LK: Gibt es denn etwas, wovor du Angst hast?

Gaines: Ich habe ein wenig Höhenangst und ich mag weder Schlangen noch Spinnen. Ich würde nicht sagen, dass ich Angst vor ihnen habe, ich mag sie einfach nicht (lacht).

LK: Dabei kommst du aus Texas…

Gaines: Dort habe ich immer versucht, einen Bogen um sie zu machen (schmunzelt).

LK: Bei Fledermäusen dürfte das schwieriger sein. In deiner Heimatstadt Austin gibt es jährlich ein regelrechtes Spektakel…

Gaines: Das stimmt. Das ist eine große Attraktion für die Bewohner und Touristen. Es gibt dort eine Brücke, in der bestimmt eine Million Fledermäuse leben. Zwischen August und September kann man sie abends in riesiger Anzahl herumfliegen sehen. Die Leute strömen dorthin. Und es ist wirklich ein wahnsinniger Anblick, ich habe es mir selbst ein paar Mal angesehen.

LK: Aber Austin ist auch die Hauptstadt der Livemusik. Wie musikalisch bist du?

Gaines: Ich liebe Musik und war auf vielen Konzerten in Austin. Immer, wenn einer meiner Lieblingskünstler nach Austin kam, bin ich mit meinen Freunden dorthin gegangen. Selbst habe ich als kleiner Junge Klavier und Trompete gespielt, aber das war nicht unbedingt mein Fall.

LK: Stattdessen hast du dich sofort für den Fußball entschieden?

Gaines: Ich habe ein Jahr lang auch Tee-Ball gespielt, aber Soccer spiele ich, seit ich vier Jahre alt bin.

LK: Ungewöhnlich für einen US-Boy…

Gaines: Tatsächlich haben fast alle meine Freunde damals mit Fußball angefangen. Es gab keinen direkten Grund, auch wenn die USA 2002 eine super WM gespielt haben. Wir wollten einfach alle Fußball spielen und ich habe mich auch nie mehr unentschieden.

LK: Wann hast du gemerkt, dass du Talent hast?

Gaines: Wahrscheinlich bei meiner ersten Einladung für das Camp der Juniorennationalmannschaft. Amerika ist ein riesiges Land, da ist es ganz schwer abzuschätzen, wie gut die Spieler sind, die über alle Staaten verteilt sind. Aber durch die Berufung gehörte ich zu den Besten des Landes, da wusste ich, dass ich ein gewisses Talent haben muss. Damals war ich 13 oder 14 Jahre alt.

LK: Wie bist du in Austin aufgewachsen?

Gaines: Als ältestes von vier Kindern. Ich habe zwei Schwestern und einen Bruder, der auch Fußball spielt. Als Ältester hatte ich natürlich eine große Verantwortung, weil die kleineren Geschwister automatisch zu einem aufschauen. Das ist auch gut, weil ich immer schon erfolgreich sein wollte. Aber natürlich musste ich genau aufpassen, welche Entscheidungen ich treffe. Schlechte Entscheidungen erhöhen immer das Risiko, dass meine Geschwister auch eher schlechte Entscheidungen treffen. Speziell für meinen Bruder wollte ich Vorbild sein, auch sportlich, da er sehr talentiert ist und mittlerweile auch für die U15-Nationalmannschaft spielt.

LK: Und wer ist dein Vorbild?

Gaines: Wenn es nicht um den Fußball geht, dann mein Vater. Die Werte und die Moral, die er hat und vorlebt, haben mich schon sehr geprägt. Da wollte ich immer so sein wie er. Was den Fußball angeht, sind es Ronaldo und Neymar. Die Leute kommen ins Stadion, um diese Spieler zu sehen. Es macht Spaß, ihr Spiel zu sehen, aber sie sind auch effektiv, machen unzählige Tore und bereiten Treffer vor.

LK: Spieler, die gut in den US-Sport mit dem Showbusiness und seinem Glamour passen würden…

Gaines: Die US-Sportler leben ihren Lifestyle zumindest ein wenig extrovertierter. Sie zeigen sich auf großen Partys und tragen extravagante Klamotten, speziell bei den Basketballspielern und Footballspielern bekommt man das auch hier mit. Aber auf dem Platz geht es nur um das Gewinnen, sowohl in den USA als auch in Europa.

LK: Trotzdem scheint es so, als würden die Amerikaner ihren Sportidolen jeden Cent gönnen, während in Deutschland oft von einer Neidkultur gesprochen wird. Kannst du diesen Vergleich bereits ziehen?

Gaines: Eine interessante These, die ich aber noch nicht wirklich so wahrgenommen habe. Vielleicht erfahre ich das noch, wenn es mir gelingt, in den nächsten Jahren gute Leistungen in Europa abzurufen (lacht).

LK: Aber in den USA spricht jeder vom „American Dream“…

Gaines: Der „American Dream“ ist ja nur ein Slogan, den jeder Mensch erreichen kann. Inhaltlich geht es darum, Karriere zu machen und finanziell unabhängig zu werden. Das ist aber nicht nur in den USA möglich, sondern überall auf der Welt. Nur gibt es eben in den USA diesen Begriff, den jeder kennt.

LK: Dein persönlicher Traum vom Fußballprofi und speziell der Weg dorthin spielte sich quasi bis zum letzten Jahr in Austin ab…

Gaines: Nicht ganz. Ich war knapp zwei Jahre im Internat in Florida mit der U17-Nationalmannschaft. Da war ich 15 und dann 16 Jahre alt. Allerdings waren wir damals jeden Monat für knapp eine Woche zuhause bei der Familie, das hat mich insgesamt schon vorbereitet auf den Schritt nach Deutschland.

LK: Knapp zwei Jahre mit einer Juniorennationalmannschaft an einem Ort klingt erstmal sehr ungewöhnlich…

Gaines: Das ist eine Sache, die es nur in Amerika gibt. Es wird „United States Residency Program” genannt. Wir lebten in einem Internat, das IMG heißt, sind dort auch zur Schule gegangen und hatten jeden Tag Training. Es gab viele Freundschaftsspiele gegen lokale Teams und wir haben ungefähr alle zwei Monate internationale Turniere gespielt, zu denen wir gereist sind. Wir waren in Dänemark, auf den Kanaren, in der Türkei, in Bosnien, Kroatien, Frankreich, Panama, Mexiko und Chile (lacht). Das waren sehr coole Erfahrungen. Wir waren eine Gruppe von rund 40 Spielern, manchmal sind Spieler gegangen und andere gekommen, aber ich war zwei Jahre lang dabei. Es ging darum, die besten Spieler des Landes über lange Zeit zusammen zu haben, um ein höheres Trainingsniveau zu erreichen und die individuelle Entwicklung zu fördern.

LK: Wie kann man sich sonst den Jugendfußball und die Ausbildung in den USA vorstellen? Oftmals ist zu hören, dass großer Nachholbedarf besteht…

Gaines: Ich bin nach Wolfsburg in eines der besten Nachwuchsleistungszentren Deutschlands gekommen. Und da gab es schon einen Unterschied zu der Zeit in Amerika, aber keinen so großen, wie die meisten Leute denken würden. Der US-Fußball wächst unheimlich schnell, die Qualität und Ausbildung sind in den letzten Jahren deutlich besser geworden. Die besten Jugendteams in den USA könnten mit Sicherheit in der Junioren-Bundesliga mithalten.

LK: Dementsprechend sicher warst du dir bei deinem Wechsel nach Wolfsburg, dass du ebenfalls die Qualität für die Nachwuchsbundesliga hast?

Gaines: Ich habe vor meinem Wechsel bereits drei Wochen in Wolfsburg zur Probe trainiert. Ich hatte also eine ziemlich gute Vorstellung davon, wie die Qualität der anderen Spieler ist und war mir sicher, dass ich eine gute Rolle in der Mannschaft spielen könnte.

LK: Und die erste Saison lief dann auch wirklich gut…

Gaines: Ich war auch sehr glücklich mit der Saison. Insbesondere, weil mich dieses Jahr nach Darmstadt und in den Profifußball gebracht hat. Zu einem tollen Verein. Der Schritt, den ich gegangen bin, war nicht einfach. Weg von der Familie und den USA nach Deutschland in eine neue Kultur und eine neue Sprache.

LK: Wie lief das Leben abseits des Platzes?

Gaines: Ich war mir vor dem Wechsel sicher, was mich auf dem Platz erwarten würde, aber über das Leben in Deutschland habe ich mir viele Gedanken gemacht. Da hatte ich wirklich großes Glück. Ich wohnte in einem Apartment mit einigen anderen Spielern aus meiner Mannschaft und habe großartige Freunde gefunden. Sie haben mir extrem dabei geholfen, in der neuen Umgebung anzukommen und mich wohl zu fühlen. Dieses Gefühl hat mir auf und neben dem Platz geholfen.

LK: Was hat deine Familie gesagt, als du den Weg nach Deutschland eingeschlagen hast?

Gaines: Sie haben mich unterstützt. Sie wussten, was meine Ziele waren und weiterhin sind. Den Sprung nach Europa zu schaffen und dort meinen Weg zu gehen. Dieses Ziel haben sie immer unterstützt.

LK: Und nun bist du in der 2. Liga angelangt…

Gaines: Das ist nochmal ein ganz anderer Level als in der U19. Die Intensität und das Tempo im Training fordern dich jeden Tag heraus. Aber ich merke, dass es jeden Tag besser wird. Es ist ein Prozess, den jeder Spieler durchlaufen muss, wenn er aus den Junioren in den Profibereich kommt. Vor meinem Wechsel habe ich Darmstadt als den Verein gesehen, bei dem ich mich am besten und schnellsten weiterentwickeln kann. Und bislang wurde ich in dieser Entscheidung bestätigt.

LK: Wo liegen deine Stärken und woran musst du noch arbeiten?

Gaines: Auf dem Platz bin ich furchtlos und ein Spieler, der gerne ins Risiko und das direkte Duell geht. Meine größte Waffe ist vermutlich meine Schnelligkeit. Verbessern muss ich mich sicherlich im ganzen Defensivverhalten. Sowohl taktisch als auch im Zweikampf. Das sind Dinge, an denen ich arbeite. Auch dabei merke ich, dass ich schon weiter bin, als noch vor ein paar Wochen.

LK: Ist deine Schnelligkeit Ergebnis harter Arbeit oder wurde sie dir in die Wiege gelegt?

Gaines: Natürlich arbeitet man an den Abläufen, aber ich bin mit sehr guten Genen gesegnet worden (grinst). Mein Vater war Sprinter, diese Fähigkeit habe ich von ihm geerbt. Aber ich habe nie über eine Sprintkarriere nachgedacht. Sprinten macht mir Spaß, wenn es auf dem Fußballplatz stattfindet. Aber nicht auf einer Tartanbahn (lacht).

LK: Was sind deine Ziele für die nächsten Wochen?

Gaines: Mein Ziel ist es, weitere Spielzeit zu sammeln, mich zu entwickeln und dem Team mit meinen Eigenschaften zu helfen.