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04.12.2025 / Profis

Analyse: Wie definiert man Mut?

Wer nach einer Definition für den Begriff „Mut“ sucht, der findet unterschiedliche Antworten. Es ist eine Frage, die viele Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen und Situationen beschäftigt. Es gibt ganze Podcast-Folgen, die sich dieser Thematik annehmen, unzählige Bücher und Artikel über dieses kleine, zunächst unscheinbare Wort. Und auch im Fußball spielen die drei Buchstaben nahezu wöchentlich eine Rolle in der Bewertung und Analyse von Spielen. „Mutige Spielweise“, „mutloser Auftritt“, „mutiges Anlaufen“, „Mut, der heute gefehlt hat“. Auch im Nachklapp des Pokalspiels der Lilien beim SC Freiburg drehten sich einige Fragen, Aussagen und Kommentare um diesen ominösen Begriff. Wir weichen daher heute von unserem gewohnten Analyse-Schema ab und widmen uns ebendiesem Thema.

"Wir hatten Darmstadt anders erwartet"

Vorab: Der SV Darmstadt 98 ist die Mannschaft mit der zweithöchsten Pressinglinie in der 2. Bundesliga. Oder vereinfacht ausgedrückt: Nur der FC Magdeburg läuft den Gegner noch tiefer in der gegnerischen Hälfte an als die Lilien.

In der Regel ist es also ein fester Bestandteil der Spielidee der Südhessen, den Kontrahenten im Spielaufbau frühzeitg unter Druck zu setzen und hohe Ballgewinne zu erzwingen. Im Fußball-Kosmos wird diese Spielweise gerne als „mutig“ bezeichnet. Weil durch die hohe Feldposition des Teams Räume hinter der eigenen Defensivreihe entstehen, das aggressive Anlaufen also ein höheres Risiko für die eigene Torverteidigung birgt. Hohes Risiko = mutige Spielweise. Eine Gleichung, die mit Sicherheit nicht falsch ist, die aber nicht als alleinige Defintion für Mut im Profifußball herhalten kann.

Eine allgemeine Definition lautet: „Mut ist die Bereitschaft, angesichts zu erwartender Nachteile etwas zu tun, was man für richtig hält.“

Oder in Fußballsprache durch Florian Kohfeldt in Bezug auf den Pokalabend zusammengefasst: „Landläufig würde man uns heute vielleicht einen ängstlichen Auftritt attestieren in der Anfangsphase. Aber für mich ist es das Mutigste, was man machen kann. Weil wir wussten, wenn wir mit dieser Spielweise direkt ein Tor kassieren, dann sieht nicht nur das Ergebnis schlecht aus, sondern das Spiel wirkt auch noch mutlos.“

Entgegen ihres „Naturells“ (Marcel Schuhen) zogen sich die Lilien in den ersten 25 Minuten extrem weit zurück, agierten aus dem tiefen Block heraus und überraschten dadurch auch die Gastgeber. „Wir hatten Darmstadt anders erwartet. Wir dachten, dass sie uns höher pressen würden“, gab SCF-Cheftrainer Julian Schuster nach Spielende unumwunden zu und lieferte den Lilien damit eine Bestätigung für die gewählte Herangehensweise.

Bewusst unattraktiv

Eine Herangehensweise, deren Außenwirkung sich der SV 98 natürlich bewusst war, wie Kohfeldt erklärte: „Es war kein „populistischer“ Auftritt. Wir haben vorher gesagt: Wir können voll draufgehen, wie wir es in der zweiten Liga in der Regel tun. Aber es hätte wenig gebracht, hier von Anfang an hoch anzulaufen und große Räume preiszugeben. Das macht gegen so einen starken Gegner wenig Sinn und ich bin kein Freund davon, es trotzdem zu machen, weil es gut und mutig aussieht und danach alle von einem energetischen Spiel sprechen, das wir aber 0:3 oder 0:4 verloren haben.“

Eine Einschätzung, die auch Kapitän Schuhen teilte: „Bei einem Auswärtsspiel in Freiburg können wir nicht wie die Wahnsinnigen drauflaufen und Pressing spielen. Wir mussten daher auch viel aushalten, das haben die Jungs gut gemacht.“

Matthias Bader, der nach 16 Monaten erstmals wieder in der Startelf stand, führte aus: „Unser Matchplan ist recht gut aufgegangen, wir wollten das Spiel unattraktiv für Freiburg machen. Sie hatten wenig Lösungen.“

Und gleichzeitig schafften es die Lilien bereits in einigen Phasen der ersten Halbzeit, offensive Nadelstiche zu setzen. Bader selbst hätte in der 27. Minute mit einem fulminanten Linksschuss beinahe die Führung erzielt, Isac Lidberg sorgte wenig später mit zwei weiteren Abschlüssen für Gefahr. „Wir haben mit Rhythmuswechsel gespielt. Wir standen die ersten 25 Minuten wirklich tief und wurden dann auch aktiver nach vorne“, resümmierte Kohfeldt, der allerdings auch erkannte, dass seine Mannschaft vor dem Seitenwechsel noch einige Erfahrungen gegen einen Gegner dieser Kategorie sammeln musste: „Du spielst in Freiburg, bei einem Europa-League-Teilnehmer, gegen einen Weltmeister wie Matthias Ginter. Da haben die Jungs heute ein wenig zu lange gebraucht, um zu merken: Du kannst hier trotzdem aufdrehen und einen scharfen Ball über zehn Meter spielen.“

Dazu gesellte sich der Moment der Unachtsamkeit, der in unserem üblichen Analyse-Schema wohl als „Szene des Spiels“ deklariert worden wäre. Der berechtigte Elfmeter für den SCF in der 41. Minute und die anschließende Führung durch Vincenzo Grifo. „Der kleine Schuss Cleverness lag heute bei Freiburg, den Elfmeter holen sie gut heraus“, so Kohfeldt, während Bader bilanzierte: „Der Elfmeter kam zu einem ungünstigen Zeitpunkt.“

„Die Führung vor der Pause war wichtig“, verriet Schuster, der den Lilien ein „großes Kompliment für die Herangehensweise und Leistung zollte.“ Womit wir den Bogen zur zweiten Halbzeit spannen, in der wir wieder einen Blick auf unser Lieblingswort und seine Bedeutung werfen. Hatten die Lilien vor dem Seitenwechsel insbesondere den „Mut“ gezeigt, einen sehr disziplinierten und konzentrierten Auftritt gegen den Ball zu zeigen und alles zu tun, um ein zähes Spiel entstehen zu lassen, so rückte nach dem Seitenwechsel das Spiel mit dem Ball weiter in den Vordergrund.

"Das machen einige Erstligisten so nicht"

Auch hier nutzen wir gerne die Worte Schusters, um eine erste Einordung vorzunehmen: „Nach der Pause hat Darmstadt seine Qualität gezeigt. Sie waren sehr mutig und haben das Spiel von hinten heraus sehr gut eröffnet. Da haben sie eine gute Qualität, das haben einige Bundesligisten hier bei uns nicht auf diese Art und Weise getan.“ Sätze, die zeigen, dass die Lilien durchaus zu beeindrucken wussten und auch das Spielgeschehen im zweiten Durchgang in einigen Phasen kontrollieren konnten. „Wir haben viele gute Szenen von Darmstadt gesehen, sie sind sehr kreativ, das machen einige Erstligisten so nicht“, erkärte auch Matchwinner Grifo mit Blick auf das Spielgeschehen.

Schuhen erkannte „gute Ballpassagen und Möglichkeiten“ auf Seiten der Südhessen, unisono betonten alle Lilien die Möglichkeiten, die auch in diesem Spiel vorhanden gewesen waren. Ebenso einig waren sich die Darmstädter aber auch darüber, dass der SC Freiburg schlussendlich verdient in das Viertelfinale einzog. „Sie haben die kleinen Momente besser genutzt“, fasste Kohfeldt zusammen, Schuhen hob zudem die „individuelle Qualität“ des Europa-League-Teilnehmers hervor, die in den entscheidenden Situationen deutlich sichtbar gewesen sei.

Und dennoch hilft auch ein Blick in die Statistik, um zu zeigen, dass der SV 98 an diesem Abend nicht chancelos war, mit elf Torschüssen ebenso viele wie der Gastgeber verzeichnete und SCF-Keeper Florian Müller zu gleich vier starken Paraden zwang. Bemerkenswert ist auch der Ballbesitzwert von 48 Prozent, der unterstreicht, dass die Lilien trotz der Qualität des Gegners den spielerischen Ansatz wählten und trotz der tieferen Positionierung nur vereinzelt den langen Schlag nutzen, um das Spielfeld zu überbücken. Ein weiteres Indiz für die Weiterentwicklung und das Zutrauen in die eigene Stärke bei den Lilien, die im Vorjahr beim Pokalspiel in Bremen noch mit 33 Prozent Ballbesitz vom Feld gegangen waren (bei 5:20 Torschüssen).

Aber nochmal zurück zu unserer Ausgangsfrage. Und einer weiteren Definition. Ausgesprochen von Florian Kohfeldt: „Mutig ist, wie wir heute gespielt haben. Nämlich so, dass man gewinnen kann.“

Es ist eine Defintion, die Spielraum lässt. Die in nur zwei Sätzen sehr viel von dem beinhaltet, was unser langer Text zuvor angedeutet hat. Mutig lässt sich nich pauschalisieren. Weder im Leben, noch im Fußball. Mut ist abhängig von vielen Faktoren, Mut kann mit Risiko einhergehen, Mut kann aber auch der Entschluss sein, die eigenen Komfortzone zu verlassen. Den Weg zu wählen, den man selbst als erfolgversprechendsten erachtet. Unabhängig davon, was viele andere darüber denken.

„Die Spielweise muss immer eine Aussicht auf Erfolg haben“, so Kohfeldt, um damit auch schon die Brücke zum Samstagabendspiel der Lilien gegen den KSC (6.12./20.30 Uhr) zu schlagen. Die Lilien werden auch dieses Spiel mutig angehen wollen. Was das heißt, darüber wird es auch nach diesem Spiel wohl verschiedene Gedanken geben. Zumal dem SV 98, auch das sollte in dieser Diskussion nicht gänzlich unerwähnt bleiben, mit Fraser Hornby ein Spieler fehlt, der als Taktgeber im Pressingverhalten der Südhessen agiert und das Anlaufen des Teams steuert.

Der Schotte wird auch gegen den KSC ausfallen. Und doch ist es sicherlich gut möglich, dass die Lilien im Merck-Stadion einen anderen Ansatz als in Freiburg wählen werden. Mit der klaren Priorität, die eigene Siegchance bestmöglich zu erhöhen.

Wir freuen uns auf das nächste Flutlichspiel. In diesem Sinne: Bleibt mutig.

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