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09.10.2024 / Profis

„Der Verein befindet sich in einem herausfordernden, spannenden Prozess“

Seit fast auf den Tag genau einem halben Jahr leitet Paul Fernie die sportlichen Geschicke bei den Lilien. Die aktuelle Länderspielpause haben wir genutzt, um mit dem Sportdirektor auf die ersten Monate seiner Amtszeit zu schauen und einen Blick nach vorne zu werfen. Im Interview mit sv98.de analysiert der 37-Jährige das Ende der vergangenen Saison, die Transferphase in diesem Sommer sowie den bisherigen Verlauf der aktuellen Zweitliga-Spielzeit. Auch über die Zusammenarbeit mit Florian Kohfeldt sowie die Entwicklung unter dem neuen Cheftrainer spricht Fernie.

Foto: SV 98

sv98.de: Du bist seit fast genau sechs Monaten bei den Lilien. Wie hast du den Klub bis hierhin erlebt?

Paul Fernie: Als einen Verein im Wandel. Wir befinden uns mitten in einem Change-Prozess. Einige dieser Veränderungen waren natürlich geplant und notwendig, auf andere mussten wir reagieren. Es hat sich auf allen Ebenen etwas getan. Beginnend bei einem neuen Sportdirektor, der immer auch andere Ideen und Arbeitswege mit sich bringt. Weitergehend mit einem notwendigen Umbruch im Kader, bei dem 17 Verträge inklusive Leihspieler geendet sind und 13 neue Spieler dazugeholt worden. Einer veränderten internen Struktur in den Abläufen, im Zuge dessen die Rollenverteilung geschärft und den einzelnen Bereichen mehr Verantwortung gegeben wurde. Das alles mit dem Ziel, am Ende professioneller zu werden und den Spielern die Möglichkeit zu geben, besser zu werden. Und die letzte gravierende Veränderung war natürlich die auf der Trainerposition. Insgesamt befindet sich der Verein in einem herausfordernden, aber auch spannenden Prozess. Ich bin sehr glücklich, ihn mitgestalten zu dürfen.

Du bist mit einem Auswärtssieg in Köln gestartet, dennoch wurde kurz darauf der sich abzeichnende Abstieg aus der Bundesliga dann offiziell. Wie schwer war es, den Rucksack des Abstiegs loszuwerden? Und wie sehr ist er immer noch auf?

Der Verein musste in der jüngeren Vergangenheit sehr leidensfähig sein. Nicht nur die Spieler und Mitarbeitenden, sondern vor allem auch die Fans. Die Bundesliga-Saison war eine Enttäuschung, genauso wie der Zweitliga-Start nicht das ist, was wir uns bis jetzt erhofft hatten. Ich habe vor allem in meiner Anfangszeit erlebt, dass die negativen Erlebnisse der letzten Saison die Leute verständlicherweise geprägt haben. Ich habe aber das Gefühl, dass vor allem in den vergangenen Wochen sich diese Haltung Stück für Stück verändert und die Menschen der Mannschaft auch die notwendige Zeit geben wollen, die sie realistischerweise benötigt, und das Team auf dem Weg unterstützen will. Das ist sehr wichtig für uns, denn bei Veränderungen ist es von entscheidender Bedeutung, zusammenzuhalten. Ein Change-Prozess ist immer herausfordernd, umso wichtiger ist dabei der Zusammenhalt unter- und miteinander. In Karlsruhe etwa sprang der Funke auch vom Gästeblock auf die Mannschaft über. Erfolg ist nicht linear, vor allem nicht im Fußball. Ein Stück weit brauchen wir dieses Jahr, um uns wieder zu festigen und neu aufzustellen. Diese Saison wird eine Entwicklungssaison, die uns auf die Zukunft vorbereitet. Ganz wichtig dabei aber: Das funktioniert nur, wenn wir die Gegenwart so annehmen, wie sie ist. Diese Spielzeit wird ein Kampf und dem müssen wir uns stellen. Wir müssen unsere Punkte einsammeln und uns aus dieser nicht zufriedenstellenden Lage Schritt für Schritt herausarbeiten.

Warum war es wichtig, im Sommer so wenige Verträge zu verlängern und so einen großen Umbruch einzuleiten?

Wir mussten ein Grundgefühl ändern. Ich habe eine Mannschaft vorgefunden, die fast die gesamte Saison verloren hat. Das kann etwas mit einem Menschen machen. Unser Ziel war es daher, einen echten Neuanfang zu machen mit Spielern, die nicht die Last der Vergangenheit tragen und Mentalität sowie Qualität mitbringen. Nun haben wir meines Erachtens eine gute Balance von Spielern, die schon länger hier sind und wissen, wie der Verein tickt und was ihn ausmacht sowie Spielern, die „unbelastet“ von den negativen Erfahrungen der letzten Saison sind. Dass so ein Gebilde etwas Anlaufzeit zum Zusammenwachsen benötigt, ist normal. Erschwerend kam hinzu, dass dies nach wenigen Spieltagen nicht nur miteinander, sondern auch mit einem neuen Trainer erfolgen musste. Aber ich bin von der Qualität und dem Charakter der Mannschaft absolut überzeugt.

Wie bewertest du die Transferphase?

Wir haben eine gute Mischung an Spielern geholt, die aus der Bundesliga kommen, wie Mey Papela oder Philipp Förster, gestandenen Zweitliga-Profis wie Kai Klefisch oder Marco Thiede und Spielern aus der Dritten Liga wie etwa Fynn Lakenmacher oder Luca Marseiler. Nicht vergessen werden darf in diesem Atemzug auch Paul Will, der einen sehr guten Eindruck in den ersten Saisonspielen hinterlassen hat und dem ich alles Gute bei der Reha von seinem Kreuzbandriss wünsche. Dazu haben wir auch über die deutschen Grenzen hinaus geschaut und Spieler aus dem Ausland hinzugewonnen wie Killian Corredor oder Isac Lidberg. Herausfordernd war, dass die ursprüngliche Planung des Kaders unter Torsten Lieberknecht auf ein anderes System ausgelegt war. Da wir unter Florian Kohfeldt mit einem Offensivspieler mehr als zuvor agieren, haben wir Philipp dazu geholt. Die Verpflichtung von Marco war natürlich eine Reaktion auf die schwere Verletzung von Matthias Bader, dem ich auch auf diesem Wege eine gute Genesung wünsche.

Dieser Kader hat nun die Aufgabe, bis Winter noch so viele Punkte wie möglich zu sammeln.

Wir sind von der Qualität im Kader überzeugt, wettbewerbsfähig zu sein. Auch die Rahmenbedingungen stimmen hier in Darmstadt, wir haben als Verein einiges zu bieten: Wir können zwar finanziell nicht mit vielen Mannschaften dieser Liga mithalten, aber wir haben ein hervorragendes Trainingsgebäude, ein fantastisches Stadion mit einer traditionellen Fangemeinde und alles, was wir brauchen, um uns weiter zu verbessern und Erfolge zu erzielen. Wir sind ein Verein, der bei der Kaderplanung kreativ sein muss, bei der Art und Weise, wie wir unser Budget investieren und wie wir das Beste aus unseren Ressourcen herausholen. Und wir haben hier fähige Leute für diese Aufgabe.

Acht Zweitliga-Partien sind bislang gespielt. Wie lautet Dein erstes Zwischenfazit?

Das ist nicht der Start, den wir uns erwünscht haben. Sechs Punkte aus acht Spielen sind nicht unser Anspruch, daran braucht man auch nichts schönreden. Aber wir müssen die Situation jetzt so annehmen wie sie ist, mit dem Ziel als Mannschaft Stabilität zu finden und Schritt für Schritt unseren Weg zu gehen und uns ins tabellarische Mittelfeld zu arbeiten. Bis auf das Elversberg-Spiel habe ich uns bisher in keinem Spiel total unterlegen gesehen. Wir hatten bisher fast immer gute Phasen im Spiel. Diese Phasen gilt es nun zu verlängern, um die Wahrscheinlichkeit auf Punkte weiter zu erhöhen.

Wie genau sind die Erwartungen an die kommenden Monate? Was genau meinst du damit, wenn du sagst, dass Stabilität gefunden werden muss?

Bei der Stabilität beziehe ich mich auf mehrere Dinge. Das bedeutet einerseits, dass wir uns Schritt für Schritt ins Mittelfeld der Tabelle und weg von der Gefahrenzone bewegen wollen. In dem Wissen, dass eine Entwicklung nie geradlinig verläuft. Das bedeutet andererseits, dass wir Schritt für Schritt Kontinuität in unseren Leistungen finden wollen – über einen Großteil der Spielzeit und nicht nur phasenweise. Das bedeutet darüber hinaus, dass wir defensive Stabilität erlangen wollen und die Gegentor-Anzahl reduzieren müssen. Außerdem Stabilität und Kontinuität hinsichtlich unseres Fitnessniveaus, das natürlich mit einem neuen Trainer logischerweise auch einer neuen Anforderung unterliegt. In all diesen Punkten haben wir in den letzten Wochen Fortschritte und generell eine fußballerische Entwicklung gemacht. Wir müssen aber weiter an diesen Hausaufgaben arbeiten.

Wie läuft nach rund einem Monat die Zusammenarbeit mit Cheftrainer Florian Kohfeldt?

Ich kann ihm für die ersten Wochen ein großes Kompliment aussprechen. Ich habe das Gefühl, dass Flo der richtige Mann für die richtige Situation ist. Er ist sehr strukturiert und organisiert, bringt eine klare Spielidee mit und weiß, wie er sie umsetzt. Seit dem ersten Tag sehe ich eine sportliche Entwicklung und Leistungssteigerung, das ist mir als Sportdirektor besonders wichtig. Vor allem mit dem Ball haben wir uns innerhalb kürzester Zeit sehr entwickelt. Auch abseits des Platzes hat er genaue Vorstellungen zu Abläufen und Prozessen. In unserer Situation hilft uns Flo sehr mit seiner Klarheit und seiner Struktur.

Danke für das Gespräch, Paul!

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