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20.03.2022 / Allgemein

Herz und Hoffnung

Als Marcel Schuhen den Spielertunnel direkt neben der Werder-Fankurve zum Aufwärmen verließ, ertönte im Weserstadion ein gellendes Pfeifkonzert. Ob sich der Torhüter des SV Darmstadt 98 davon einschüchtern ließ? Mitnichten. Er schien es regelrecht zu genießen, hatte gar ein verschmitztes Lächeln im Gesicht. Während ihn die Bremer also auspfiffen, erntete er von den über 1.000 Lilien-Fans im Gästeblock, auf die er entschlossen zulief, mächtig Applaus und lautstarke Anfeuerungsrufe. Und in seinen Augen, da konnte ein jeder die Hoffnung auf Zählbares sowie gleichzeitig die pure Vorfreude auf einen echten Flutlichtfight sehen.

Foto: Stefan Holtzem

“Wir hatten einfach brutal Bock auf die Partie. Das hat man jedem Einzelnen von uns angemerkt. Für diese Spiele wird man Fußballer”, betonte Schuhen später an den Mikrofonen. Kein Wunder, es war das Highlight an diesem 27. Spieltag der 2. Bundesliga. Darmstadt 98 gegen Werder Bremen. Samstagabend. Flutlicht. Topspiel stand drauf, Topspiel war drin. Das es genau solch eines wurde, lag aber nicht allein an der Atmosphäre im mit 41.000 Zuschauern gefüllten Weserstadion. Auch nicht ausschließlich am Bundesliga-Absteiger, dem früheren Champions-League-Teilnehmer und viermaligen Deutschen Meister von der Weser. Nein, es lag eben auch an den Lilien, die dank eines mutigen und energiegeladenen Auftritts aus diesem Duell ein echtes Topspiel machten.

Der Knackpunkt

Die Anfangsphase, sie war klar in Darmstädter Hand. “Gerade in den ersten 20 Minuten waren wir gut am Ball”, lautete die zutreffende Analyse von Fabian Holland. Sein Trainer bestätigte diese. “Wir wollten einen mutigen Auftritt zeigen und sehr stressig sein. Das ist uns in den ersten 20 Minuten sehr gut gelungen”, so Torsten Lieberknecht. Eine gute Präsenz, einige Torabschlüsse. Doch nach 23 Zeigerumdrehungen nahm die Partie eine andere Wende, weil Klaus Gjasula nach Ansicht der Videobilder von Schiedsrichter Robert Schröder vom Platz gestellt wurde. “Die Rote Karte war der Knackpunkt dieser Partie”, erklärte Holland, der aber gleichzeitig anerkannte: “Auch nach dem Platzverweis haben wir gezeigt, dass wir weiter in der Lage waren, uns Torchancen herauszuspielen.”

Natürlich mussten die Darmstädter mit einem Mann weniger auf dem Feld tiefer stehen, klar. Und natürlich auch vor allem im zweiten Durchgang die eine oder andere brenzlige Situation überstehen. Doch sich vor dem eigenen Sechzehner einzuigeln, war keine Option. Das ist eben nicht die Art Fußball, für die SV Darmstadt 98 gerade in dieser Saison steht. Schuhen: “Wir haben das Spiel lange offen gehalten und auf den Lucky Punch gehofft, den wir leider nicht setzen konnten.” Dieser blieb eben ausschließlich den Bremer Gastgebern vorbehalten, die dank eines Treffers das Duell für sich entschieden. “Ich bin trotzdem stolz auf diese Truppe”, sagte der Torhüter über eine Darmstädter Mannschaft, die bis zum Abpfiff alles probierte und den Glauben nie aufgab. Sie warf sich in jeden Zweikampf, legte enorme Leidenschaft an den Tag und kämpfte knapp 70 Minuten in Unterzahl.

Das erhobene Darmstädter Haupt

“Über allem steht heute eine wahnsinnige Energieleistung meines Teams”, lobte Lieberknecht seine Mannen und wurde noch deutlicher: “Wir können erhobenen Hauptes das Stadion verlassen, weil die Mannschaft ihr komplettes Herz auf dem Platz gelassen hat.” Dass dieses blau-weiße Team das wichtigste Organ des menschlichen Körper am rechten Fleck hat, hat sie in dieser Saison schon zuhauf bewiesen. Zuvor fünf ungeschlagene Spiele in Folge sowie eine Auswärtsserie von neun Partien ohne Niederlage sprechen für sich. Allesamt Gründe, warum die Lilien auch nach der Niederlage in Bremen mit weiter 48 Punkten auf dem dritten Tabellenplatz stehen. “Wir sind dort oben noch voll mit dabei. Und das wollen wir auch bis zum Ende bleiben”, betonte Holland.

Positiv stimmt den SV 98 zudem die Tatsache, dass er bis auf Ausnahme des coronageplagten Saisonstarts nach Niederlagen stets gestärkt zurückkam. Das war in der Hinrunde so. Das war selbst nach dem deftigen 0:5 zuhause gegen den Hamburger SV zu Beginn dieses Jahres so. “Nach Niederlage eine Reaktion zeigen, darum geht es”, richtete Schuhen bereits den Blick voraus. Nach zweiwöchiger Länderspielpause wartet auf die Lilien mit Holstein Kiel (2.4./13.30 Uhr) im Merck-Stadion am Böllenfalltor die nächste Aufgabe. “Wir werden unsere Lehren ziehen und nun Energie sammeln. Dann kommen wir nach der Pause mit Dampf wieder zurück”, versprach der Torhüter noch in den Katakomben des Weserstadions. Dabei hatte der Torhüter des SV Darmstadt 98 bereits wieder die Hoffnung auf Zählbares sowie die Vorfreude auf den nächsten Fight in seinen Augen.

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