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Neues Drehbuch im Kuriosenkabinett 20/21

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Wer glaubt, in dieser verrückten Saison schon alles an blau-weißer Absurditäten erlebt zu haben, liegt falsch. Der SV Darmstadt 98 schaffte es am Millerntor aufs Neue, sich selbst auf kurioseste Art und Weise zu überbieten - so wie in der vierten Minute der Nachspielzeit. Ein Ball, der eigentlich dreimal drin war. Eigentlich. Doch die Lilien tanzten - mal wieder - aus der Reihe. Denn bei ihnen schlug die Kugel eben dreimal nicht im Tornetz ein. Gleich doppelt kratzte St. Paulis Verteidiger Sebastian Ohlsson die Kugel von der Linie - erst im Stehen, dann im Sitzen. Und weil das noch nicht genug war, knallte Immanuel Höhn das Spielgerät - und ja, es ist immer noch die gleiche Szene - aus kurzer Distanz an die Unterkante der Latte.

Foto: Holtzem

“Es geht gar nicht darum, dass wir Glück haben wollen”, erklärte Markus Anfang auf der Pressekonferenz nach der Partie. Er schob direkt hinterher: “Einfach mal kein Pech wäre auch ganz gut.” Es ist eine Pechsträhne - gepaart mit dem Unvermögen, den Ball einfach mal über die Linie zu drücken - die den SV Darmstadt 98 schon eine ganze Saison lang begleitet. Eine Pechsträhne aber auch, die am frühen Samstagnachmittag auf St. Pauli eine weitere Schattierung erreichte. Die Szene in der vierten Minute der Nachspielzeit? Sie war nur ein Beispiel. Tobias Kempe mit seinem Freistoß an die Latte sowie Serdar Dursun per Kopf ebenfalls an den Querbalken lieferten weitere. 

Die Nummer 19 der Lilien hätte schon viele Spiele in seiner Karriere gemacht, “aber so etwas habe ich selten erlebt”, so Dursun. Ungläubiges Kopfschütteln, Fassungslosigkeit. “Es ist Wahnsinn”, fasste der Angreifer des SV 98 seine Gedanken in nur wenigen Worten zusammen: “Aber Wahnsinn passt zu Darmstadt 98 in dieser Saison”. Wieder einmal leuchtete nach Schlusspfiff ein Ergebnis auf, dass nicht unbedingt den Spielverlauf widerspiegelte. Natürlich ist es einfach, den Lilien aufgrund der beiden nackten Zahlen auf der Anzeigetafel ein schlechtes Spiel zu attestieren. Sie haben verloren - ja, das ist schlecht. Doch das, was die Südhessen auf dem Rasen am Millerntor ablieferten, war es ganz und gar nicht.

Nur Darmstadt 98

Einer ausgeglichenen ersten Halbzeit mit leichten Vorteilen sowie der Führung für die Gastgeber, folgte ein wilder zweiter Durchgang. Eine zweite Hälfte, “in der nur Darmstadt 98 am Drücker war”, wie Anfang unterstrich. Er sah, wie seine Mannen mutig nach vorne agierten, immer wieder den Abschluss suchten sowie erneut Kampf und Leidenschaft an den Tag legten. “Wir haben nach der Pause ein richtig gutes Spiel gemacht und richtig viel Moral gezeigt”, lobte der Darmstädter Cheftrainer. Dass der SV 98 nach einem 0:2 auf St. Pauli wieder zurückkam, sprach für die Moral, aber auch für die Qualität der Mannschaft vom Böllenfalltor. 

Zwar rangierten beide Teams vor dem Anpfiff genau punktgleich in der Tabelle. Doch drehten die Kiezkicker schon seit dem Jahreswechsel so richtig auf: drittbeste Mannschaft im Jahr 2021, sechs der letzten sieben Spiele gewonnen und mit Guido Burgstaller einen Stürmer in ihren Reihen, der in den vergangenen sechs Duellen immer traf. “Bei St. Pauli nach einem 0:2 zurückzukommen, das ist alles andere als einfach”, betonte Dursun. Binnen 109 Sekunden egalisierten er und Tim Skarke das Ergebnis. Mehr noch. Die Lilien hätten wenige Minuten später, als Mathias Honsak allein mit dem Ball am Fuß auf den Hamburger Torhüter zusprintete, das Spiel gänzlich drehen müssen.

Das Fehlen der letzten Konsequenz

“Gut war, dass wir in unsere Abschlusssituationen reingekommen sind”, hob Anfang hervor. “Schlecht war, dass wir sie nicht machen”, fügte er an. In allen Statistiken waren die Lilien gleichauf und in vielen sogar besser - nur in einer nicht, der entscheidenden: Das Endergebnis, es sprach mit 3:2 für den FC St. Pauli. Ja, drei Gegentore sind wieder einmal zu viel. Drei Gegentreffer, die die Blau-Weißen besser verteidigen können und müssen. Denen erneut individuelle Fehler und/oder inkonsequentes Verteidigen vorausgingen. Doch aufgrund der so zahlreichen sowie hochkarätigen Darmstädter Chancen: St. Pauli hätten nicht mal drei Treffer für Zählbares reichen dürfen. 

Aber so wurde deutlich, was den Lilien fehlte. Es war die letzte Konsequenz im Sechzehner - sowohl im gegnerischen als auch im eigenen. Dort, in beiden Strafräumen, werden die Spiele entschieden. Das hatte Anfang schon im Mediengespräch vor der Partie betont. Es ist aber genau das, was dem SV 98 am Millerntor die Punkte kostete. Anfang, dessen Team abermals mit leeren Händen die Heimreise antreten musste: “Bis auf die Chancenverwertung kann ich meiner Mannschaft nichts vorwerfen, auch wenn wir die entscheidenden Aktionen hätten besser verteidigen können.”

Nun gilt es, sich abermals aufzurichten. Die vielen positiven Dinge aus der Partie am Millerntor mitnehmen, die schlechten verbessern. Mal wieder. “Heute ist es wirklich bitter, aber wir behalten die Köpfe oben und bleiben positiv”, verdeutlichte Tim Skarke. Wenn der SV 98 schon am kommenden Freitag (26.2., 18.30 Uhr) gegen den Karlsruher SC im Merck-Stadion am Böllenfalltor aufläuft, wird sich zeigen, ob die Lilien ihre Unzulänglichkeiten in Hamburg gelassen haben. Für Dursun stand derweil schon nach Abpfiff fest: “Wir wollen nicht mehr von Pech reden, sondern wir müssen mutig bleiben, weiter dran glauben und am Freitag die Punkte gegen den KSC holen.”

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