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09.01.2026 / Profis

„Ich finde das positiv außergewöhnlich“

Seit mehr als einem Jahr trainiert Alexander Kynaß die Torhüter des SV 98. Im Trainingslager haben wir uns mit dem 37-Jährigen zusammengesetzt, um über seinen Werdegang, die Arbeit mit den Keepern und viele weitere Themen zu sprechen.

Alexander Kynaß, Torwarttrainer beim SV 98
Foto: SV 98

sv98.de: Alex, seit 14 Monaten bist du mittlerweile als Torwarttrainer bei den Lilien tätig. Wie blickst du auf diese bisherige Zeit zurück?

Alexander Kynaß: „Sehr positiv. Die Zeit ist unfassbar schnell vergangen, die 14 Monate fühlen sich fast wie ein Fingerschnippen an. Mir wurde der Einstieg hier sehr einfach gemacht, ich kannte Flo und Heckes bereits, aber auch alle anderen waren mir gegenüber total offen. Auch die Torhüter waren von Beginn an sehr positiv und wissbegierig. Diese Eindrücke haben sich bis heute durchgezogen.“

Flo ist ebenfalls Torhüter gewesen. Hilft dir das bei der Zusammenarbeit mit dir oder macht es deinen Job schwerer, wenn der Cheftrainer selbst eine Vergangenheit als Keeper hat?

„Wenn ich es nicht wissen würde, dann würde ich es wahrscheinlich gar nicht merken. Er weiß zwar sehr viel über das Torwartspiel, aber er lässt mir in meinem Bereich komplett freie Hand.“

Muss man selbst Torhüter gewesen sein, um Torwarttrainer werden zu können?

„Ich denke zumindest, dass es sonst sehr schwer wird. Du musst ein gewisses Gefühl für diese Position haben. Ich war selbst kein Profi, aber ich war zumindest selbst Torwart, dadurch habe ich natürlich den Bezug zu dieser Position. Interessant finde ich, dass Torwarttrainer mit eigener Profi-Vergangenheit oft eine andere Herangehensweise wählen als Torwarttrainer, die eine vergleichbare Vita wie die meine haben. Der ehemalige Profi vertraut oft dem Weg und den Methoden, den er selbst als Spieler erlebt hat. Die andere Kategorie ist meiner Ansicht nach etwas offener für viele verschiedene Dinge und Methoden und probiert unterschiedliche Sache aus. Wobei beide Wege natürlich hervorragend funktionieren können.“

Alexander Kynaß Foto: SV 98
Alexander Kynaß Foto: SV 98
Alexander Kynaß Foto: SV 98
Alexander Kynaß Foto: SV 98
Alexander Kynaß Foto: SV 98

Skizziere und doch mal kurz deine eigene Spielerkarriere…

„Ich bin erst spät Torwart geworden. Bis ich 16 war, habe ich im Feld gespielt. In Brandenburg, bei einem kleinen Verein. Aber dann wollte ich auch mal ins Tor gehen, durfte bei diesem Verein aber nur den Keeper machen, wenn der andere verletzt war, weil ich eben im Feld gebraucht wurde. Deswegen bin ich dann als Torwart Nummer drei zum Köpenicker SC gewechselt und habe mich dort irgendwann zur Nummer eins hochgekämpft und es über die Jahre geschafft, mir zumindest ein paar Euro parallel zum Studium zu verdienen, als ich für Tennis Borussia Berlin in der Berlin-Liga (vgl. Hessenliga) gespielt habe.“

Und während der Zeit als Spieler bei TeBe bist du bereits als Torwarttrainer der Jugend tätig gewesen…

„Genau. Ich habe den ersten Torwarttrainer-Schein eigentlich gemacht, um selbst als Torwart besser zu werden. (lacht) Ich hatte selbst eher klassische Torwarttrainer, bei denen viele Übungen für mich als Torwart keinen Sinn ergeben haben. Und um da ein anderes Know-how zu bekommen, habe ich dann eben diesen Schein gemacht. Parallel dazu war ich immer wieder mit TeBe im Austausch, weil ich als klammer Student noch etwas dazuverdienen wollte. Und sie haben mir dann angeboten, einmal die Woche Torwarttraining bei der U17 und der U19 zu machen. Danach hat es sich so entwickelt, dass ich fünf Mal die Woche Training für U15, U17 und U19 gemacht habe und im Winter meine aktive Karriere beendet habe, weil mir das Torwarttraining so viel Bock gemacht hat.“

Wie gelang dir von dort der Sprung in den Profibereich?

„Ich hatte auch ein wenig Glück. (lacht) Ich habe mir vor kurzem ein Video von einer Einheit von mir vor 14 Jahren angeguckt, da wäre ich aus der heutigen Perspektive sehr kritisch mit meinem damaligen Ich. Aber ich hatte eben sehr talentierte Torhüter im Nachwuchs von TeBe, beispielsweise Avdo Spahic, der heute bei Kaiserslautern spielt. Und auch andere Torhüter haben Begehrlichkeiten geweckt und irgendwann hat sich RB Leipzig bei mir nach einem unsere Keeper erkundigt. Und darüber kam der direkte Kontakt mit Thomas Schlieck zustande, der seit fast 15 Jahren den Torhüterbereich in Leipzig koordiniert. Leipzig war damals sicherlich der innovativste Verein im Bereich Torwarttraining und Thomas Schlieck eine Ikone. Dieser Kontakt hat es mir dann ermöglicht, regelmäßig in Leipzig zu hospitieren, bis mir dort irgendwann eine hauptamtliche Stelle im Nachwuchsbereich angeboten wurde. Ich habe dann mein Jura-Studium auf Eis gelegt und diesen Weg verfolgt. Ein wenig skurril, weil ich ursprünglich durch das Torwarttraining ein paar Euro während des Studiums verdienen wollte und schlussendlich das Studium für das Torwarttraining geschmissen habe.“ (lacht)

Was macht diesen Job für dich aus?

„Zum einen ist es der Mix aus Praxis und Theorie. Sachen im Büro vor- und nachzubereiten und es dazwischen auf dem Platz umzusetzen. Zum anderen der tägliche Austausch mit den Jungs, die direkte Zusammenarbeit mit Menschen. Der Job ist extrem facettenreich. Ich arbeite in der Regel mit einer kleinen Gruppe zusammen, auch das fand ich schon immer reizvoll. Das gezielte Arbeiten mit zwei, drei oder vielleicht vier Spielern, denen man dabei hilft, sich zu verbessern. In so einer kleinen Gruppe ist es auch besser möglich, jedem einzelnen Torwart individuell gerecht zu werden.“

In Darmstadt gehören nun noch einige weitere Dinge dazu. Du arbeitest mit den Stürmern, hilfst bei Standardanalysen. Hat sich der Job des Torwarttrainers in dieser Hinsicht weiterentwickelt?

„Mittlerweile wird bei den Lehrgängen und Tagungen für die Torwarttrainer-Lizenz durchaus auch erwähnt, dass sich der Job des Torwarttrainers inzwischen ein wenig in Richtung eines Co-Trainers bewegt. Es ist aus meiner Sicht beispielweise sehr sinnvoll, die Stürmer in das Training einzubinden und daraus auch eine Art Stürmertraining zu machen. Jeder Torhüter hat bestimmte Muster. Diese versuche ich zu erkennen und dann auch unseren Stürmern vor den jeweiligen Spielen mitzugeben. Trotzdem fühlt es sich für mich manchmal falsch an, die Stürmer für einen guten Abschluss gegen „meine“ Torhüter zu loben. (lacht) Die Standards sind natürlich primär die Aufgabe vom Scholty, aber manchmal fragt er mich um einen Rat oder nach einer Auffälligkeit beim gegnerischen Torwart, da versuche ich zu helfen.“

Marcel Schuhen Foto: SV 98
Alexander Kynaß Foto: SV 98
Marcel Schuhen Foto: SV 98
Alexander Kynaß Foto: SV 98
Alexander Brunst Foto: SV 98
Alexander Kynaß Foto: SV 98
Marcel Schuhen Foto: SV 98
Benedikt Börner Foto: SV 98

Auch hier im Trainingslager nutzt du immer wieder verschiedene Bälle oder Utensilien, um das Torwarttraining zu gestalten. Wie viel Spaß hast du an diesen „Gadgets“?

„Flo nennt mich manchmal auch Spielkind. (lacht) Aber es macht Spaß, weil Abwechslung für die Jungs auch wichtig ist und all diese Dinge einen Zweck erfüllen. Mit Freude lernen Menschen am besten, deswegen kreiere ich gerne solche Settings. Es muss aber Sinn machen. Gerade in den sozialen Medien sieht man immer wieder Influencer-Torhüter, die Dinge machen, die im Video gut aussehen, aber nicht zielführend sind. Das machen wir natürlich nicht. Wenn ich beispielsweise einen Football nutze, dann geht es darum, dass die Spieler dieses Ei und seine Flugkurve ganz genau beobachten und blitzschnell reagieren müssen, wenn der Football nochmal die Richtung ändert.“

Generell seid ihr im Torhüterteam immer auf der Suche nach Wettkampf. Warum ist das bei euch so ausgeprägt. Oder ist das typisch für die Position?

„Ich hatte auch schon Torhüterteams, die darauf keine so große Lust hatten. Hier habe ich eine extrem homogene Gruppe, die sich sehr gut ergänzt, sich aber gleichzeitig auch pusht. Am Ende haben richtig ambitionierte Torhüter aber fast immer Bock auf eine Competition. Und sie können in diesen Momenten den Schalter umlegen und tun alles dafür, um diesen Wettkampf zu gewinnen.“

Bekanntermaßen kann auf dieser Position immer nur einer spielen. Und trotzdem scheint das Trio sehr gut zu funktionieren. Gerade bei Keepern hat man das auch schon anders erlebt…

„Ich finde das positiv außergewöhnlich. Sicherlich gibt es in Fußball-Deutschland auch noch ein paar anderen Standorte, wo es ähnlich ist, aber es ist nicht der Standard. Wir haben mit Benedikt Börner im Sommer bewusst jemanden geholt, der in das Setting mit Schuh und Alex perfekt reinpasst. Bene macht seinen Job top, ist sehr fleißig und immer mit vollem Einsatz dabei, gleichzeitig aber sehr respektvoll und demütig den anderen beiden gegenüber. Er verkörpert die Grundtugenden, die in den letzten Jahren bei vielen ein wenig verschwunden sind. Er weiß, was er zu machen hat und im Gegenzug helfen die beiden anderen ihm jeden Tag. Mit Alex hast du als Nummer zwei jemanden, der natürlich gerne spielen würde, der aber die aktuelle Hierarchie akzeptiert und trotzdem jeden Tag einhundert Prozent gibt und dabei auch immer gut gelaunt bleibt. Damit gibt er dieser Mannschaft unglaublich viel und ist unfassbar wichtig für das Team. Wenn wir beispielsweise auf das Stürmertraining gucken, dann schmeißt er sich bei allen 40, 50 Abschlüssen mit voller Wucht und Überzeugung in die Schüsse. Obwohl das sicherlich auch mal unangenehm ist. Und das kombiniert er mit so viel Positivität, das finde ich bemerkenswert.“

Fehlt noch der Dritte im Bunde…

„Schuh ist unglaublich fleißig. Das ist für einen 32-Jährigen nicht selbstverständlich. Er kommt jeden Tag auf den Platz und will besser werden. Er ist immer offen für neue Dinge und hört mir auch immer genau zu. Er lebt dieses Miteinander. Er ist extrem selbstkritisch in den Videoanalysen, fragt nach und macht sich ständig Gedanken, was er noch verbessern kann. Er will zudem immer Fußball spielen, hat fußballerisch eine super Entwicklung gemacht und ist ein fester Bestandteil in unserem Spielaufbau. Das belegen auch die Daten, die wir haben, da sind seine Stats auch mit dem Fuß im Ligavergleich wirklich gut. Zudem ist er jemand, der vorangeht und der genau darauf guckt, dass die Gruppe homogen ist und die Mannschaft funktioniert.“

Marcel Schuhen und Alexander Brunst Foto: SV 98
Marcel Schuhen und Benedikt Börner Foto: SV 98
Alexander Kynaß und Benedikt Börner Foto: SV 98
Marcel Schuhen Foto: SV 98
Alexander Brunst Foto: SV 98
Benedikt Börner Foto: SV 98

Gibt es eigentlich ein Ritual oder ähnliches, wenn am Wochenende die Null steht?

„Wir haben eine Torwartkasse. Wenn die Null steht, dann zahlen wir alle einen Betrag dort ein. Und aus der Kasse kaufen wir dann gerne mal ein neues Spielzeug für unser Torwarttraining.“ (lacht)

In der Hinrunde gab es sieben weiße Westen. Zufrieden?

„Grundsätzlich ist ein Sieg immer das Wichtigste. Egal, wie er zustande gekommen ist. Am Ende ist mir die Performance wichtiger als eine weiße Weste. Nehmen wir das Spiel in Hannover, bei dem wir zwei Gegentore bekommen, Schuh aber eine überragende Leistung zeigt. Deswegen: Erst der Sieg, dann die Performance und an dritter Stelle kommt die weiße Weste.“

Vielen Dank fürs Gespräch, Alex!

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