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17.10.2025 / Verein

Rüdiger Fritsch: 17 Momente aus 17 Jahren

Eine Ära geht zu Ende. Rüdiger Fritsch wird nach 13 Jahren sein Amt als Präsident des SV Darmstadt 98 niederlegen. Insgesamt 17 Jahre gehörte er dem Präsidium der Lilien an. Zwischen 2008 und 2025 erlebte er ganz schwierige Zeiten, aber auch unfassbar positive Momente am Böllenfalltor. Von der Berufung ins Präsidium über Insolvenzanträge, besondere Menschen und unglaubliche Aufstiege bis zu infrastrukturellen Weichenstellungen: Gemeinsam mit Fritsch blicken wir auf 17 besondere Momente aus 17 Jahren im Präsidium des SV 98.

Rüdiger Fritsch im Merck-Stadion am Böllenfalltor
Foto: SV 98

1. - 2008: Berufung ins Präsidium

2008 hatte Rüdiger Fritsch erstmals eine Position im Verein inne. Im Präsidium unter Hans Kessler fungierte er als Vizepräsident. Zu dem Zeitpunkt der Ernennung wirkte er bereits seit einigen Monaten mit, denn Präsident Kessler hatte Fritsch und dessen Expertise um Hilfe gebeten, um die finanziellen Schwierigkeiten und die drohende Insolvenz des SV 98 abzuwenden. Die Aufgabe hätte ambitionierter nicht sein können: Es galt, die Lilien zu retten und ihr Fortbestehen als Verein zu sichern.

Ich hatte einfach Lust auf Fußball – und darauf, in einem Traditionsverein mitzuarbeiten. Damals war mir nicht in vollem Bewusstsein, wie schwer die Aufgabe tatsächlich werden würde. Aber das Interesse und die Lust waren stärker als jedes Zögern.

Rüdiger Fritsch
Meldung auf www.sv98.de am 25. Mai 2025

2. - Juni 2009: Rücknahme des Insolvenzantrags

Im März hatte der SV 98 seine Zahlungsunfähigkeit offiziell bekanntgemacht und einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt. Was folgten, waren viele Monate voller Existenzangst und enormer Anstrengungen, um den Worst Case abzuwenden. Inklusive Sternmärsche, zahlreicher Rettungsaktionen und einem Benefizspiel gegen Bayern München. Das Präsidium hatte an vielen Fronten zu kämpfen. Doch der Kampf war erfolgreich: Der Insolvenzantrag konnte zurückgenommen werden.

Das war der erste große Erfolg der Arbeit des gesamten Teams um Hans Kessler. Als das Fax mit der Rücknahme des Insolvenzantrags rausging, hatte ich tatsächlich Pipi in den Augen. Das war pure Erleichterung und Freude.

Rüdiger Fritsch
Überschrift bei www.kicker.de am 02. Juni 2009

3. - 2012: Verpflichtung von Dirk Schuster

2012 wurde Fritsch zum Präsidenten des SV 98 gewählt. Wirtschaftlich befand man sich weiterhin auf Konsolidierungskurs, aber auch sportlich gab es einige Aufgaben zu bewältigen. Die Lilien befanden sich im Kampf um den Drittliga-Klassenerhalt. Im Dezember 2012 verpflichtete Fritsch einen gewissen Dirk Schuster, welcher kurz zuvor beim direkten Konkurrenten Stuttgarter Kickers tätig gewesen war. Zum Zeitpunkt der Verpflichtung befand man sich am Tabellenende. In der Rückrunde bliesen die Lilien zwar zur großen Aufholjagd, verpassten aber am letzten Spieltag die Rettung. Und dennoch sollte sich die Verpflichtung Schusters als guter Schachzug von Fritsch erweisen…

Es war eine Entscheidung, die sich als absolut richtig herausstellen sollte. Für beide Seiten begann eine top erfolgreiche Zeit, geprägt von gegenseitigem Vertrauen – und von einem permanenten Einfordern struktureller Verbesserungen.

Rüdiger Fritsch
Rüdiger Fritsch mit Dirk Schuster
Foto: eibner Pressefotos

4. - Juni 2012: Keine Lizenz für OFC, Klassenerhalt für die Lilien

Sportlich hatten die Lilien den Klassenerhalt nicht geschafft, doch sie profitierten von ihrem vor einigen Jahren zuvor eingeschlagenen Weg der wirtschaftlichen Vernunft. Lokalrivale Offenbacher Kickers wurde die Lizenz für die dritte Liga entzogen. Die Folge: Zwangsabstieg für den OFC, der SV 98 hingegen hielt doch noch die Klasse.

Das war eine riesige Freude, weil unser eingeschlagener Weg sportlich fortgesetzt werden konnte. Pikant war natürlich, dass es ausgerechnet die Kickers Offenbach traf und nicht irgendeinen anderen Verein in Deutschland. Es war ein erneuter Startschuss, die Ärmel hochzukrempeln und den nächsten Schritt anzugehen.

Rüdiger Fritsch

5. - Mai 2014: „Wunder von Bielefeld“ – Lilien steigen auf

In der unmittelbar darauffolgenden Spielzeit mauserten sich die Südhessen vom Abstiegskandidaten zu einem Team, welches um den Aufstieg mitmischte. Am Ende der Saison belegte man den dritten Tabellenplatz, welcher für die Relegation berechtigte. Diese sollte in die Annalen eingehen: Nach einem enttäuschenden Hinspiel-Ergebnis (1:3) gegen Arminia Bielefeld trumpften die Lilien im Rückspiel auf und schlugen die Ostwestfalen auswärts in der Verlängerung mit 4:2.

Das Spiel lässt sich kaum beschreiben oder einordnen. Kein Hollywood-Regisseur hätte sich so ein Drehbuch ausdenken können. Es war einfach magisch, voller Emotionen – pure Gänsehaut.

Rüdiger Fritsch

6. - Mai 2015: Aufstieg in die Bundesliga

Wie in der Vorsaison wurden die Lilien als erster Abstiegskandidat gehandelt und wieder schafften sie es, den Prognosen ein Schnippchen zu schlagen. Von Beginn der Spielzeit weg setzte sich der SV 98 im oberen Tabellendrittel fest, hinter Spitzenreiter Ingolstadt entwickelte sich ein enges Dreier-Rennen zwischen dem SV 98, dem 1. FC Kaiserslautern und dem Karlsruher SC. Am letzten Spieltag waren es die Lilien, die dank eines Kempe-Freistoß gegen den FC St. Pauli aufstiegen. Der Durchmarsch von der 3. Liga bis in die Bundesliga war perfekt.

Das war die Fortsetzung einer unglaublich intensiven, erfolgreichen Geschichte. Ein Sensationsmoment! Nach drei Jahrzehnten wieder in der Bundesliga! Wieder so ein Augenblick, in dem man fast nach der versteckten Kamera gesucht hat.

Rüdiger Fritsch
Praesident Ruediger Fritsch (SV Darmstadt 98)
Foto: eibner Pressefotos

7. - März 2016: Tod von Jonathan Heimes

Ein steter Wegbereiter der Erfolgsjahre zuvor waren Jonathan Heimes und seine „Du-musst-kämpfen“-Bändchen. Der Fußballfan, der viele Jahre gegen den Krebs ankämpfte, erlag im März 2016 der Krankheit. Sein Tod erschütterte die Menschen über Darmstadt und die Region hinweg. Vereinsvertreter, Trainer und Mannschaft nahmen an der Beerdigung teil. Bis heute ist „Johnny“ im Stadion und den Köpfen der Menschen präsent.

Auch der größte Kämpfer hat manchmal keine Chance mehr. Ich empfinde unglaubliche Anerkennung für seine Leidensfähigkeit und seine Gabe, andere zu begeistern. Wir haben einen Menschen verloren, der zu einer absoluten Identifikationsfigur geworden war.

Rüdiger Fritsch

8. - Mai 2016: Klassenerhalt in der Bundesliga

Kapitel drei der Sensationsjahre. Auch in der Bundesliga behauptete sich der SV 98 und schaffte zum bisher einzigen Mal in der Vereinsgeschichte den Klassenerhalt. Bereits einen Spieltag vor Schluss machten die Lilien das Wunder durch einen Auswärtssieg im Berliner Olympiastadion perfekt.

Da waren wirklich alle Superlative aufgebraucht. Der dritte sportliche Erfolg in Folge, noch einmal purer Wahnsinn. Worte reichten kaum aus, um das zu beschreiben.

Rüdiger Fritsch
Klassenerhalt in Berlin
Foto: Stefan Holtzem

9. - Juli 2017: Entscheidung über Stadionstandort

Darmstadt 98 wird auch künftig am Traditionsstandort am Böllenfalltor spielen. Das Merck-Stadion am Böllenfalltor soll „im Bestand“ schrittweise umgebaut werden. Das gaben Verein und Stadt in jenen Sommertagen in einer gemeinsamen Pressekonferenz bekannt. Vier weitere Alternativstandorte waren ebenfalls geprüft worden, doch im Ergebnis musste konstatiert werden, dass an diesen Orten kein Neubau realisiert werden könne.

Im Dschungel der Machbarkeitsstudien haben wir alle Für und Wider sorgfältig abgewogen – und am Ende die richtige Entscheidung getroffen: den klaren Fokus auf den Verbleib am Böllenfalltor.

Rüdiger Fritsch
Schlagzeile auf www.liga3-online.de am 05. März 2014

10. - Dezember 2018: Abriss der Gegengerade

Endlich rollten die Bagger: Mit dem Abriss der Gegengerade wurde der Umbau des Merck-Stadions am Böllenfalltor eingeleitet. Für viele Fans bedeutete der Abriss den (temporären) Verlust eines langjährigen Stammplatzes. Doch aus wirtschaftlicher Sicht waren die Arbeiten alternativlos.

Die Gegengerade war ein Symbol für das traditionsreiche alte Böllenfalltor. Der Abriss war rational notwendig, aber emotional schwer. Stark fand ich, wie viele Fans sich Erinnerungsstücke mitgenommen haben, wie Wellenbrecher oder Sitzschalen. Und so dafür gesorgt haben, dass die Tradition weiterlebt.

Rüdiger Fritsch
Online-Artikel auf www.kicker.de am 13. November 2018

11. - Februar 2020: Einweihung der neuen Gegengerade

Nach einer nur rund einjährigen Umbauphase konnten die Fans wieder auf der Gegengerade stehen. Gegen Aufsteiger VfL Osnabrück spielte man im ersten Spiel nach Fertigstellung 2:2. Aufgrund globaler Ereignisse konnten zunächst nur noch drei weitere Spiele vom neuen Stadionbereich verfolgt werden…

Es war das erste Puzzlestück auf dem Weg in die infrastrukturelle Neuzeit und zugleich ein sehr emotionaler Moment. Eine gelungene Tribüne: vorne Steher, hinten Sitzer. Ein starker visueller Repräsentant des Böllenfalltors, darauf kann man stolz sein.

Rüdiger Fritsch
Gegengerade bei Einweihung gegen den VfL Osnabrück
Foto: Stefan Holtzem

12. - März 2020: Corona-Unterbrechung und Geisterspiele

Eine globale Pandemie legte den Fußball und viele weitere Bereiche der Gesellschaft lahm. Der Fußball wurde für mehrere Monate ausgesetzt, im Mai dann ging es mit Geisterspielen weiter. Viele Profiklubs gerieten durch den Wegfall von Einnahmen in ernste finanzielle Probleme und auch der SV 98 sah sich mit großen wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert.

Eine beschissene Zeit für den Fußball, für den Sport, für die ganze Gesellschaft. Von heute auf morgen wurde klar, wie schnell sich alles um 180 Grad drehen kann. Der Schock saß tief, verbunden mit massiven wirtschaftlichen Sorgen um den Verein. Keine Zuschauer, keine Sponsorenleistungen... es folgten einige Krisensitzungen. Und in diesem Fall war „Krise“ kein überstrapaziertes Wort, sondern Realität. Die Geisterspiele selbst waren gewöhnungsbedürftig: Erst gar keine Fans, dann wenige. Jeder Einzelne musste sein Verhalten anpassen. Und trotzdem war die Unterstützung im Rahmen der Möglichkeiten spürbar.

Rüdiger Fritsch

13. - März 2021: Grundsteinlegung Haupttribüne

Auch der zweite Bauabschnitt konnte – coronabedingt mit etwas Verspätung – angegangen werden. Oberbürgermeister Jochen Partsch, Stadtkämmerer André Schellenberg sowie Rüdiger Fritsch und Michael Weilguny als Präsident des SV Darmstadt 1898 e.V. bzw. Geschäftsführer der SV Darmstadt 98 Stadion GmbH führten den symbolischen Akt mit Befüllung der Grundsteinkapsel sowie der anschließenden Grundstein-Versiegelung durch. Im Grundstein enthalten waren ein Lilien-Trikot der Saison 2020/21 und eine am 1. März publizierte Ausgabe des Darmstädter Echo.

Der zweite Bauabschnitt war überfällig. Die alte Haupttribüne war in allen Belangen ein Wrack: nass, windig, unbrauchbare Kabinen. Ich war froh, dass der Neubau endlich in Angriff genommen wurde. Sie hatte jahrzehntelang gute Dienste geleistet, aber ihre Zeit war gekommen.

Rüdiger Fritsch
Grundsteinlegung der neuen Haupttribüne
Foto: SV 98

14. - Oktober 2021: Hans Kessler wird Ehrenpräsident

Im Zuge der Mitgliederversammlung wurde Hans Kessler zum Ehrenpräsidenten ernannt. Kessler hatte sich im Zuge seiner Präsidentschaft (2007 – 2012) sowie als Mitglied des Verwaltungsrates (2012 – 2015) unschätzbare Verdienste erworben.

Es war mir eine Ehre, diese Auszeichnung für Hans Kessler mitgestalten zu dürfen. Eine berechtigtere Ehrung konnte es kaum geben. Absolut richtig in Anbetracht seiner Verdienste um den Verein.

Rüdiger Fritsch
Foto: Stefan Holtzem

15. - März 2023: Einweihung der Haupttribüne

Die neue Haupttribüne des SV Darmstadt 98 im Merck-Stadion am Böllenfalltor wurde im Oktober 2022 teilweise in Betrieb genommen und im Frühjahr 2023 vollständig eingeweiht. Mit der Fertigstellung des Stadions wurde eine Gesamtkapazität von 17.810 Zuschauern erreicht. Die Einweihung markierte den Abschluss der Modernisierung des Stadions, das damit für die Zukunft gerüstet war.

Das war der letzte Bauabschnitt und zugleich die Fertigstellung der Sanierungsarbeiten. Emotional anders als ein Aufstieg oder Klassenerhalt, aber ein ganz wichtiger Meilenstein. Ein Fundament, auf dem der Verein in den nächsten Jahren aufbauen kann. Und ein gutes Gefühl, dass alles so geklappt hat.

Rüdiger Fritsch

16. - Mai 2023: Erneuter Bundesliga-Aufstieg

Bundesliga! Der SV 98 krönte am vorletzten Spieltag eine unglaubliche Zweitliga-Saison mit dem erneuten Aufstieg in das Oberhaus. Das Team von Cheftrainer Torsten Lieberknecht siegte daheim gegen den 1. FC Magdeburg mit 1:0 – anschließend gab es kein Halten mehr.

Die Rückkehr der Superlative, wieder ein Sensationsmoment! Für Darmstadt 98 ist der Bundesliga-Aufstieg das, was für andere Vereine internationale Trophäen sind: die größte realistische Auszeichnung. Toll zu sehen, dass die Entwicklung immer wieder Früchte getragen hat. Drei Bundesliga-Spielzeiten innerhalb von zehn Jahren – das ist eine herausragende Bilanz.

Rüdiger Fritsch

17. - März 2025: Keine erneute Kandidatur als Präsident

Eine Ära geht zu Ende. Fritsch gibt im Frühjahr bekannt, dass er nicht mehr erneut für das Amt des Präsidenten kandidieren wird. Nach 17 Jahren im Präsidium, davon 13 Jahre den Vorsitz innehabend, steht am 21. Oktober der letzte Arbeitstag von Fritsch an.

13 Jahre den Vorturner zu geben in diesem immer emotionalen, meist kurzfristigen und selten rationalen Geschäft, kostet viel Kraft und Körner, die irgendwann auch nachlassen. Ich freue mich darauf, mit weniger Verantwortung morgens aufzustehen. Und auch die Wochenenden nicht mehr komplett an der DFL und ihrem Spielplan zu orientieren.

Rüdiger Fritsch
Foto: SV 98

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