Foto: SV 98 30.01.2025 / Verein
Sicher zum Spiel: Mit Rasim Sarcevic
Donnerstag, 12.30 Uhr: Schichtbeginn für den Busfahrer der Profimannschaft des SV Darmstadt 98. Wir treffen Rasim Sarcevic vor der Auswärtsfahrt nach Nürnberg. Den blauen sowie unverkennbaren Mannschaftsbus mit dem überdimensionalen Lilien-Logo hat er zwischen Haupttribüne und Funktionsgebäude geparkt. Noch ein letzten Check: Ist alles in Ordnung? Dann kann es für den 52-Jährigen und seine Fahrgäste losgehen.
Während die Heimspieltage im Merck-Stadion am Böllenfalltor mit kurzen Fahrten vom Tageshotel ins Stadion für ihn meist entspannter verlaufen, sind Auswärtsreisen doch deutlich aufwendiger und aufregender. Sobald der Mannschaftsbus vor der Geschäftsstelle geparkt ist, hilft Sarcevic dem Staff dabei, die wichtigsten Utensilien zu verladen. Seit seinem Einstieg beim SV Darmstadt 98 im Jahr 2019 wurde dabei noch nie etwas vergessen, erzählt er uns stolz. „Ich sehe sofort, wenn etwas fehlt“, versichert der Fahrer des 480 PS starken Boliden.
Die Profis trainieren an diesem Tag um 13 Uhr. Danach steigen Spieler, das Trainer- sowie Funktionsteam in den vorbereiteten Bus – herzliche Begrüßungen vor dem Einstieg inklusive. Jeder freut sich, Rasim zu sehen. Eine knapp dreistündige Fahrt nach Franken liegt nun vor ihnen.
Von Slowenien nach Darmstadt: Ein Leben auf den Straßen
Reise in die Vergangenheit. Rasim Sarcevic blickt auf 20 Jahre Erfahrung als Busfahrer zurück. In seiner Heimat Slowenien begann er direkt nach Bestehen seiner Führerscheinprüfung, als Busfahrer zu arbeiten. Acht Jahre lang lenkte er dort Busse über die slowenischen Straßen, bevor es ihn nach Deutschland zog. Im nahe Darmstadt gelegenen Riedstadt fing er beim „Omnibusbetrieb MÜLLER Riedstadt“ an, ehe er 2019 zusätzlich seinen Platz hinter dem Steuer des blaugefärbten Mannschaftsbusses der Lilien fand. Während normale Busreisen für Sarcevic mittlerweile Routine sind, genießt er die besondere Aufmerksamkeit, die so ein Mannschaftsbus mit sich bringt. „Mit einem normalen Bus bist du unscheinbar, aber mit dem Lilien-Bus grüßen die Menschen oft freundlich oder schießen Fotos“, sagt er. Doch nicht jede Begegnung auf der Strecke ist positiv: „Es gibt auch gegnerische Fans, die absichtlich vor mich fahren und versuchen, den Bus auszubremsen. Da muss man immer aufpassen.“
Routen, Hindernisse und die Allianz Arena
Hindernisse auf der Fahrt bringen Sarcevic aber selten aus der Ruhe. Gemeinsam mit Teammanager Matthias Neumann plant er die Spieltags-Routen – mit dem Ziel, stets etwa 90 Minuten vor Anpfiff am Stadion zu sein. Kommt es zu Staus, versucht er, Alternativen zu finden. Gelingt das nicht, nimmt er es gelassen: „Dann ist das halt so. Daran kann man nichts ändern.“ Auch die Stadioneinfahrten haben so ihre Tücken – von zugeparkten Zufahrten bis hin zu gegnerischen Fans, die den Weg blockieren, hat er schon alles erlebt.
So war auch beim ersten Auswärtsspiel des Jahres in Düsseldorf höchste Vorsicht in den engen Katakomben der Merkur Spiel-Arena geboten. Sarcevic musste aufpassen, dass die Außenspiegel unversehrt blieben. Etwas, was der 52-Jährige dank jahrelanger Lenkerfahrung mit Bravour meisterte. Während die enge Zufahrt in Düsseldorf seine volle Konzentration abverlangte, sieht sowas in manch anderen Stadien doch ganz anders aus. Ein Stadionbesuch blieb ihm dabei in bester Erinnerung: Die Allianz Arena in München. „Es war unglaublich, in dieses Stadion einzufahren – wenig Polizei, trotz so vielen Menschen keine störenden Zuschauer und eine große Einfahrt. Das war schon etwas Besonderes“, so der Lilien-Busfahrer.
100 Menschen im Bus
Ein wildes Durcheinander? Oder doch die komplette Ruhe? Wir wollen von Rasim Sercevic wissen, wie solche Fahrten mit einer Fußballmannschaft ablaufen. Vor den meisten Auswärtsspielen reisen die Lilien einen Tag vorher mit dem Bus an – so auch vor dem Duell in Nürnberg. Auf den Fahrten zum Spielort geht es dabei lebhaft zu, berichtet er. Viele Gespräche, Kartenspiele, viele Späße. Doch einen Tag später auf dem Weg zum Stadion am Spieltag kehrt Ruhe im Mannschaftsbus ein. Spieltagsmodus. Die Spieler sind fokussiert, haben alle ihre eigenen Routinen. Meist wird über die eigenen Kopfhörer Musik gehört. Lauter wird es erst wieder auf der Rückfahrt – besonders nach wichtigen Siegen.
Für mich war das eine der schönsten Fahrten in meiner Laufbahn.
Unvergessen bleibt für Sarcevic die Fahrt vom Böllenfalltor zum Ratskeller auf dem Darmstädter Marktplatz nach dem Bundesliga-Aufstieg im letzten Heimspiel gegen Magdeburg am 19. Mai 2023. Sarcevic grinst. Und überlegt mit einem Lächeln im Gesicht, ob er die Geschichte überhaupt erzählen darf. An diesem Tag vor gut anderthalb Jahren herrschte in Darmstadt ohnehin Ausnahmezustand. „Du darfst“, versichern wir ihm also. Der 52-Jährige lacht: „Es waren einhundert Leute im Bus.“ Dabei hat der MAN-Mannschaftsbus der Lilien gerade einmal 32 Sitzplätze…
„Spieler, Trainer, Staff und Mitarbeiter der Geschäftsstelle – alle sind mitgefahren. Es war so voll, dass ich nur durch einen winzigen Spalt der Frontscheibe sehen konnte“, erinnert er sich. Doch Sarcevic meisterte auch diese Fahrt. Während der Mannschaftsbus kurzerhand zum Partybus umfunktioniert wurde, blieb er als Busfahrer konzentriert, cool und gelassen. Und brachte die feiernde Meute sicher ans Ziel. Sarcevic: „Für mich war das eine der schönsten Fahrten in meiner Laufbahn.“
Steckbrief Mannschaftsbus
Marke: MAN
Mannschaftsbus der Lilien seit: 2023
Länge: 13,80 Meter
Sitzplätze: 32
Leistung: 480 PS
Highlights: Satellitenempfang