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29.08.2021 / Allgemein

Als Mannschaft

“Lieberknecht, Lieberknecht”, hallte es von den Tribünen runter auf den Rasen als der Cheftrainer des SV Darmstadt 98 nach Abpfiff seine Runde durchs Merck-Stadion am Böllenfalltor drehte. Torsten Lieberknecht, er lächelte. Er klatschte. Er legte seine Hände auf die Brust, um seine Dankbarkeit gegenüber den Lilien-Fans zu symbolisieren. Doch dann zeigte er immer wieder demonstrativ in die andere Richtung. Dorthin, wo die Mannschaft zusammenstand. Sie war es, die seiner Meinung nach gefeiert werden sollte. Weil sie einen famosen Auftritt gegen Hannover 96 auf den Platz brannte. Weil sie sich aus der “Scheißsituation” zu Beginn der Saison herausbiss. Weil sie diesen besonderen Spirit entwickelt hat, der sie mit nun sieben Punkten im Gepäck in die Länderspielpause gehen lässt.

Foto: Eibner-Pressefoto

“Die Stimmung nach so einem Spiel saugt man natürlich auf, das genießt man auch”, sagte Lieberknecht nach der Partie, ehe er seine Geste in Richtung des Teams erläuterte: “Der Applaus nach Abpfiff gilt vielen Menschen – vor allem der Mannschaft, aber auch allen drumherum, die dafür sorgen, dass die Jungs Woche für Woche ihre Leistung abrufen können.” 

Von Charakter…

Jeder für jeden. Das gilt auf dem Platz, aber auch abseits davon. Mannschaft, Trainerteam, Staff und Fans. Sie alle haben in den vergangenen Wochen alles dafür getan, damit der Verein die aufgrund der Corona-Fälle wohl schwerstmögliche Anfangsphase in eine Saison übersteht. Mit Erfolg. Herausgekommen ist eine echte Einheit, die nach zahlreichen Tiefschlägen immer wieder aufgestanden ist. “Nach dem Pokalaus bei 1860 München waren wir ziemlich am Boden”, erklärte Luca Pfeiffer und fügte hinzu: “Aber wir haben nie an unserer Qualität gezweifelt.” Etwas, das sich auszahlte. Ein 6:1-Sieg gegen Ingolstadt, ein 2:2 beim Aufstiegsaspiranten Hamburger SV sowie der jüngste 4:0-Erfolg gegen Hannover. Pfeiffer: “Die sieben Punkte zeigen den Charakter dieser Mannschaft und dass wir uns aus einer schwierigen Situation herausgearbeitet haben.”

Denn die aktuell so positiv verlaufende Phase haben sich die Lilien selbst erarbeitet. Dank Leidenschaft, Willen, Einsatz und Kampf. Grundtugenden, die es braucht, um in dieser 2. Liga zu bestehen. Doch nicht nur das. Das 4:0 gegen die Niedersachsen machte abermals deutlich, dass der SV 98 auch fußballerisch mehr als nur mithalten kann. Herausgespielte Treffer, die das Darmstädter Publikum mit der Zunge schnalzen ließen, untermauerten dies. Gepaart mit dem Willen der Mannschaft, immer wieder nachlegen zu wollen, sich nicht nach eigenen Treffern zurückzulehnen. Oder wie Phillip Tietz es einfach und deutlich zusammenfasste: “Es war wirklich eine tolle Mannschaftsleistung.”

… und dem wichtigen Momentum

Eine Leistung, die dafür sorgte, dass die Lilien mit nun insgesamt zwölf erzielten Treffern zusammen mit Regensburg die offensivstärkste Mannschaft der 2. Bundesliga sind. Der SV 98 verdankt dies aber auch dem Umstand, dass er gegen Hannover in den entscheidenen Phasen des Spiels wachsam und konzentriert blieb sowie in wichtigen Momenten die richtigen Entscheidungen traf. “Denn es gab Phasen, in denen das Spiel auch in eine andere Richtung hätte laufen können”, mahnte Lieberknecht. So eine Situation war der Elfmeter der Niedersachsen beim Stand von 2:0 für die Darmstädter. Fabian Schnellhardt wusste: “Da können wir uns bei Marcel Schuhen bedanken. Wenn der Elfmeter reingeht, dann wird es sicherlich nochmal ein anderes Spiel.” 

Aber rein ging er eben nicht, Schuhen hielt den Elfer. Und von den Lilien-Fans auf den Rängen beflügelt, schaufelten sich die Südhessen die nächsten drei Zähler aufs eigene Punktekonto. Pfeiffer: “Es war ein geiler Fußballtag, der großen Spaß gemacht hat.” Spaß machten dabei aber nicht nur die 90 Minuten, sondern auch die Szenen danach: Ein Team, das mit den Fans ausgiebig feierte. Erwachsene Männer, die sich wie kleine Jungs freuten und laut singend herumsprangen. Und ein Trainer, der diese Freude vorlebte. Zum Beispiel? Wenn sich die Mannschaft nach Abpfiff im Kreis zusammenfindet, verliert der Chefcoach meist ein paar Worte – zum Spiel, zur Leistung. Doch nicht an diesem Samstagnachmittag am Böllenfalltor. Lieberknecht stand mitten im Kreis, Spieler und Staff um ihn herum. Er riss die Arme hoch und animierte lautstark zum Mitsingen der Lilien-Hymne. Und alle taten es ihm nach. Lieberknecht sagte: “Ich leb’ das hier in Darmstadt mit Leib und Seele, mit Haut und Haare.” Man kauft es ihm ab. Ihm und dem gesamten Team. 

Doch vergessen werden darf auch nicht, dass erst fünf Spieltage gespielt sind. Noch eine lange Saison liegt vor den Lilien. “Ein 4:0-Sieg ist schön, aber auch nur eine Momentaufnahme vor dem, was noch auf uns wartet”, betonte der Cheftrainer des SV 98, dessen Team nun eine zweiwöchige Pause vor der Brust hat. Schnellhardt: “Wir können zwar glücklich und zufrieden in die Länderspielpause gehen, doch werden wir in dieser weiter an ein paar Stellschrauben arbeiten, um noch weitere Prozentpunkte mehr rauszuholen.” Prozentpunkte, die es braucht, um auch am 12. September (13.30 Uhr) bei Hansa Rostock zu bestehen und zusammen an die zuletzt gezeigten Leistungen anknüpfen zu können. Als Mannschaft.

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