Widget
21.12.2017 / Allgemein

„Aus 6 Wochen wurden 16 Monate“

Dass Joël Mall heute als Torwart beim SV 98 unter Vertrag steht, ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Denn von seinem Vater bekam der 26-Jährige eher das Handball-Gen in die Wiege gelegt und aufgrund einer langwierigen Verletzung wäre die Karriere des Schweizers fast frühzeitig beendet gewesen. Über die lange Ausfallzeit, seine Schweizer Heimat und Interessen abseits des Platzes sprach Joël vor dem Heimspiel gegen Nürnberg im Oktober auf der herbstlichen Rosenhöhe.

Lilienkurier (LK): Joël, du kommst aus dem Kanton Aargau. Ein beliebtes Erholungsgebiet, bekannt für Grünflächen und lange Wandertouren. Bist du demnach ein naturverbundener Typ?
Joël Mall (Joël) : Absolut. Ich liebe die Berge und die Natur. Mir ist es wichtig, dort Kraft zu tanken und auch mal weg zu sein vom Fußballbusiness. Das gefällt mir und das brauche ich auch.
LK: Und als Schweizer eher der Typ für den Winter oder schon Liebhaber des Sommers?
Joël: Ich liebe alle vier Jahreszeiten und ich finde es auch schön, dass sich in der Schweiz oder auch in Deutschland alle vier so signifikant voneinander unterscheiden. Ich würde nicht nur Sommer wollen oder nur den Winter. Als Schweizer liebe ich natürlich den Winter in den Bergen, aber genauso gefällt mir ein Sommer am Wasser.
LK: Wie heimatverbunden bist du? Bis zu deinem Wechsel nach Zürich im Sommer 2015 hast du quasi deine ganze Karriere im Aargau verbracht – und Zürich ist jetzt auch nicht wirklich weit weg von deiner Heimat…
Joël: Natürlich sind mir Heimat und Familie wichtig, bei wem ist das nicht so? Die Familie gibt mir Halt und natürlich ist meine Homebase weiterhin in der Schweiz, da halte ich auch permanent den Kontakt. Wenn sich dann mal die Möglichkeit ergibt, dass ich nach Hause fahren kann, dann nutze ich die auch. Es sind nur dreieinhalb Stunden, das ist auch nicht die Welt.
LK: Du hast einmal gesagt, dass es enorm viel braucht, um dich von der Schweiz wegzubewegen. Warum hat es Darmstadt trotzdem geschafft?
Joël: Ich wollte fußballerisch etwas Neues sehen. In der Schweiz kenne ich jede Ecke, jedes Stadion. In Deutschland musste ich quasi bei null anfangen, hier kennt mich niemand und dieser Herausforderung wollte ich mich stellen. Von meinen Optionen hatte ich bei Darmstadt das beste Gefühl, auch weil die Philosophie des Klubs meinem Charakter entspricht. Da habe ich mich relativ schnell für Darmstadt entschieden.
LK: Die Sprache ist quasi dieselbe. War es trotzdem ein großer Schritt?
Joël: Die Kulturen sind sich sehr ähnlich, da ist es für andere Spieler deutlich schwieriger. Es sind nur kleine Unterschiede, genau wie bei der Sprache. Da muss ich mir allerdings immer wieder Sprüche anhören (lacht). Es gibt schon viele Stolpersteine, also Wörter, mit denen die Deutschen erstmal nichts anfangen können. Da kommt es mal zu amüsanten Missverständnissen, aber es ist ja sehr positiv, dass ich mich überall verständigen und alles selbst erledigen kann. Auch fußballerisch wird hier das Rad nicht neu erfunden. Es gibt Unterschiede, aber es ist nicht komplett neu. Also war meine Eingewöhnungsphase dementsprechend kurz.
LK: Interessant ist, dass es überhaupt den Fußballtorwart Joël Mall gibt. In die Wiege gelegt wurde dir eher der Handball…
Joël: Mein Vater war Handballer, auch sehr erfolgreich als Schweizer Nationalspieler und Olympiateilnehmer. Damals war Handball in der Schweiz allerdings um ein vielfaches populärer. Ich habe Handball ausprobiert, war aber quasi der Einzige (lacht). Dann kam ich sozusagen automatisch zum Fußball, weil jeder im Verein gespielt hat. Und ich konnte mich dann auch sehr schnell damit anfreunden.
LK: Und dein Vater hat auch nicht darauf bestanden, dass du Handball spielen müsstest…
Joël: Nein, überhaupt nicht. Er fiebert mit und gibt mir wertvolle Tipps, die mit dem Leben als Sportler zu tun haben. Davon profitiere ich unheimlich. Es gibt allerdings ein paar Schweizer Journalisten, die jahrelang seinen Namen anstelle von meinem in der Berichterstattung verwendet haben (lacht). Mittlerweile hoffe ich aber, dass man mich zumindest in der Schweiz kennt.
LK: Dabei wäre deine Karriere fast vorbei gewesen, bevor sie richtig begonnen hatte…
Joël: Das war eine harte Zeit. Ich habe mit 17 mein Debüt beim FC Aarau in der höchsten Spielklasse gegeben, dann ist der Verein abgestiegen und ich war fest als Stammtorwart eingeplant. Ich habe mir dann aber ein Knochenödem am Fuß zugezogen, hatte Wassereinlagerungen und bin 16 Monate ausgefallen. Ich bin von Arzt zu Arzt, von Therapie zu Therapie und habe irgendwann ein Studium begonnen, weil ich beinahe mit dem Profifußball abgeschlossen hätte. Schlussendlich habe ich dann meinen Vertrauensarzt kennengelernt und mit ihm auch meinen Weg zurückgefunden.
LK: Als junger Spieler, für den es bis dato fast nur bergauf gegangen war. Wie schwer waren diese Momente, insbesondere die Ungewissheit?
Joël: Anfangs war von 6 Wochen die Rede. Aus 6 Wochen wurden 16 Monate. Es hat sich immer wieder verlängert, ich habe immer wieder probiert anzufangen, aber es hat nicht funktioniert. Ich wurde operiert, die Therapien kann ich gar nicht alle aufzählen. Ich war sogar drei Wochen jeden Tag in einer Tauchkammer mit Unterdruck, damit die Blutkörperchen angeregt werden. Es ist auch schwer zu sagen, was im Endeffekt geholfen hat, weil ich so viele Dinge ausprobiert habe. Aber irgendetwas hat geholfen, vielleicht war es auch der Kopf. Ich kann es nicht sagen, aber heute spüre ich glücklicherweise überhaupt nichts mehr.
LK: Ein Mentalcoach hat dir damals gesagt: «Die Verletzung ist ein Signal deines Körpers, der für den Fußball nicht gemacht ist. Es ist ein Zeichen, dass du den Vertrag beim FC Aarau auflösen musst.» Wie lang und intensiv hast du dich damit beschäftigt?
Joël: Ich saß in einem Gespräch mit einem Arzt und diesem Mentaltrainer, der mir geraten hat, mich vom Fußballgeschäft zu entfernen. Ich habe mich mit aller Kraft dagegen gewehrt und bin fast schon aggressiv geworden, weil ich das nicht akzeptieren wollte. Im Nachhinein hat sich mein Festhalten als richtig erwiesen.
LK: Trotzdem hast du dich mit einer Alternative beschäftigt und ein Studium im Wirtschaftsbereich begonnen. Ein Bereich, der dich generell reizt?
Joël: Ich denke auch, dass meine Zukunft irgendwann in diesem Bereich liegen wird. Ich habe das Studium durch mein Comeback zwar nicht abgeschlossen, aber immer wieder Weiterbildungen gemacht und besitze Abschlüsse im Marketingbereich um gerüstet zu sein, wenn der Fußball einmal vorbei ist. Aber die Beschäftigung mit diesen Themen tut auch neben dem Fußball gut, weil ich Ablenkung habe und mich mit anderen Dingen beschäftige.
LK: Erkenntnisse und Interessen, die während der Verletzung gekommen sind? Oder hast du schon vorher über das Fußballfeld hinausgeblickt?
Joël: Ich war nie der „typische Fußballer“, der diverse Klischees erfüllt. Ich beschäftige mich einfach mit vielen Dingen, die andere vielleicht nicht interessieren. Ich habe beispielsweise keine Ahnung, wie man FIFA spielt (lacht). Ich fülle mein Leben mit anderen Dingen, aber natürlich verurteile ich niemanden. Jeder verbringt seine Freizeit auf die Weise, die ihm am meisten zusagt.
LK: Kannst du dir auch deshalb schwer vorstellen, nach der aktiven Karriere im Fußball zu bleiben?
Joël: Das ist immer schwer zu sagen, da habe ich ehrlicherweise meine Meinung auch schon ein paar Male etwas geändert. Beispielsweise kann man auch Wirtschaft und Fußball kombinieren, da gibt es viele interessante Bereiche. Und vielleicht mache ich auch eine Lizenz als Torwarttrainer, weil mich dieser andere Blickwinkel reizt. Aber ich denke schon, dass ich mich direkt nach meiner Karriere erstmal für ein paar Jahre von diesem Business entfernen werde. Ich möchte gerne reisen, Einblicke in andere Welten bekommen, weil wir schon auch ein wenig gefangen sind in der Fußballerwelt. Es ist wunderschön, wir werden sogar für unser Hobby bezahlt, aber wir verzichten auch auf vieles, was ich dann gerne nachholen würde.
LK: Erschwert es den Kontakt innerhalb der Mannschaft, wenn man selbst nicht in die „Fußballer-Schublade“ passt?
Joël: Überhaupt nicht. Andere Interessen bedeuten ja nicht, dass ich dann nicht mehr mit Mitspielern rede. Andere Ansichten verurteile ich nicht, sondern finde sie vielmehr interessant. Wir haben so viele interessante Typen in der Kabine, da verstehe ich mich mit allen. Natürlich gibt es vier, fünf Spieler, die genau auf der eigenen Wellenlänge liegen und mit denen man außerhalb des Platzes mehr unternimmt als mit anderen, die vielleicht nur „Fußballfreunde“ sind (lacht). Aber das ist überhaupt nicht schlimm, solange wir uns auf dem Platz verstehen.
LK: Auf dem du die Position des Torhüters einnimmst. Warum hast du dich in der Jugend dafür entschieden?
Joël: Es ist immer schwer zu sagen, warum und wie genau das gekommen ist. Aber mittlerweile kann ich sagen, dass es die geilste Position ist. Du bist immer im Mittelpunkt, bist entweder der König oder der Depp. Du trägst extreme Verantwortung und bist automatisch Führungsspieler, weil du die Mannschaft auch von hinten zusammenhalten musst. Mittlerweile ist das Torwartspiel auch so komplex, dass es für mich die interessanteste Position ist.
Speziell Schweizer Torhüter haben in Deutschland mittlerweile Tradition und einen hervorragenden Ruf. Dabei unterscheidet sich die Torwartausbildung und das Training zwischen beiden Ländern doch ziemlich…
Joël: Es kommt natürlich auch auf die Torwarttrainer an. Aber die Torwartschulen unterscheiden sich schon stark voneinander. In der Schweiz ist es noch mehr nach Lehrbuch, theoretischer und mehr auf Genauigkeit ausgelegt. In Deutschland ist das Training härter, intensiver und auch näher am Spiel. Von diesem Mix haben bereits viele Torhüter profitiert wie Benaglio, Bürki oder Sommer. Das erhoffe ich mir natürlich auch für mich selbst.

Ähnliche Artikel

Alle anzeigen
Mitgliedervorverkauf für die Oktober-Heimspiele
16.09.2026

Mitgliedervorverkauf für die Oktober-Heimspiele

Drei Heimspiele, drei Chancen auf Tickets: Am Mittwoch, 16.9. , um 12 Uhr startet der Mitgliedervorverkauf für die Oktober-Heimspiele der Lilien. Der Vorverkauf gilt für die Partien gegen Energie Cottbus (10.10.), den FC St. Pauli (23.10.) und den 1. FC Magdeburg (31. 10.). Pro Mitglied können dabei bis zu vier Tickets je Spiel erworben werden.

Keine Punkte auf dem Betze
05.09.2026

Keine Punkte auf dem Betze

Die Lilien müssen mit leeren Händen die Reise zurück nach Südhessen antreten: Mit 0:3 (0:1) setzt sich der Gastgeber 1. FC Kaiserslautern am Samstagnachmittag durch. Sauer (43.) traf kurz vor der Pause aus kürzester Distanz, in der 64. Minute erhöhten die Roten Teufel durch Tazemeta und Berisha traf in der Nachspielzeit (90.+4). Damit bleibt es für den SV 98 nach vier Spieltagen bei einem Saisonzähler.

Ein BoxKlub der Begegnung
04.09.2026

Ein BoxKlub der Begegnung

Engagement im Sport, ein Miteinander auf Augenhöhe und gemeinsame Bemühungen für ein besseres Darmstadt. All die Werte, die der SV Darmstadt 98 leben möchte und die auch den BoxKlub Martinsviertel symbolisieren sollen, kamen am Donnerstagabend (3.9.) zusammen. Beim Tag der offenen Tür des BoxKlubs, der zugleich den Auftakt für das gemeinsame Projekt des SV 98, dem freien Träger Rope e.V. und der Jugendförderung der Wissenschaftsstadt Darmstadt darstellte, wurde der Grundstein für ein neues Sportangebot im Martinsviertel gelegt.

Anreise zum Betzenberg im Entlaster
01.09.2026

Anreise zum Betzenberg im Entlaster

Für alle Lilien-Fans, die den SV Darmstadt 98 zum Betzenberg begleiten: Der SVD bietet rund um das Auswärtsspiel beim FCK einen Entlastungszug an, der ohne Zwischenhalt nach Kaiserslautern und nach dem Spiel auch wieder zurück nach Darmstadt fährt.

Jonathan-Heimes-Platz offiziell eröffnet
31.08.2026

Jonathan-Heimes-Platz offiziell eröffnet

Rund um das Heimspiel gegen Hannover 96 am Sonntag (30.8.) wurde der Jonathan-Heimes-Platz offiziell eingeweiht. Vor dem Anpfiff hielten Vereinspräsident Markus Pfitzner und Martin Heimes, Vater des vor rund zehn Jahren an Krebs verstorbenen Jonathan Heimes, Ansprachen, in denen sie „Johnnys“ Bedeutung und sein Engagement für krebskranke Menschen hervorhoben.

BoxKlub Martinsviertel lädt zum Tag der offenen Tür
19.08.2026

BoxKlub Martinsviertel lädt zum Tag der offenen Tür

Am 3. September können sich Kinder und Jugendliche sowie ihre Eltern über das neue Angebot informieren und erste Erfahrungen am Sandsack sammeln.

Präsidiumsstammtisch geht in die dritte Runde
18.08.2026

Präsidiumsstammtisch geht in die dritte Runde

Am Mittwoch, 2. September, laden wir Euch ab 19 Uhr wieder zu einem entspannten Austausch mit unserem Präsidium ein.

Bezugnahme: Berichterstattung TV-Einnahmen 26/27
11.07.2026

Bezugnahme: Berichterstattung TV-Einnahmen 26/27

In den vergangenen Tagen sind in verschiedenen Medien Berichte und Grafiken zur Verteilung der TV-Gelder für die Saison 2026/27 veröffentlichet worden. Teilweise wurde im Rahmen der Berichterstattung neben der konkreten Nennung von Zahlen auch ein Vergleich zur Vorsaison vorgenommen. Dieser weist für den SV 98 eine angebliche Einnahmensteigerung von 1,4 Millionen gegenüber der Saison 2025/26 aus.

Ab sofort erhältlich: Auswärtsdauerkarte für die Saison 2026/27
06.07.2026

Ab sofort erhältlich: Auswärtsdauerkarte für die Saison 2026/27

Mit den Lilien durch die Stadien der Bundesrepublik! Ab sofort können sich alle Lilienfans (und Fangruppen) für eine Auswärtsdauerkarte (AWDK) bewerben. Mit der AWDK erhaltet Ihr garantiert für jedes Auswärtspflichtspiel der Lilien eine Stehplatzkarte, die für euch zurückgelegt wird – also für alle Punktspiele, DFB-Pokalpartien sowie mögliche Relegationsspiele der Saison 2026/27.

„Ein Paradebeispiel dafür, welche Brücken der Sport bauen kann“
20.06.2026

„Ein Paradebeispiel dafür, welche Brücken der Sport bauen kann“

„Football that unifies“. Fußball, der verbindet. Im Zuge seiner Kooperation mit dem San Antonio FC, der Spurs Sports & Entertainment und vielen weiteren Stakeholdern aus San Antonio bündelt der SV Darmstadt 98 zahlreiche Aktionen und Projekte unter diesem übergeordneten Slogan. Mitte Juni besuchte nun Martin Kowalewski erneut die texanische Metropole, um vor Ort an drei Veranstaltungen teilzunehmen, die der SV Darmstadt 98 gemeinsam mit Craft Sportswear North America als Partner unterstützt. Wir blicken auf die drei Events, die verdeutlichen, welche verbindende Wirkung die besondere Kooperation mittlerweile mit sich bringt.

Generalprobe gegen Portsmouth FC
11.06.2026

Generalprobe gegen Portsmouth FC

Die Lilien testen im letzten Vorbereitungsspiel vor dem Zweitliga-Auftakt gegen den englischen Zweitligisten Portsmouth FC. Die Partie findet am 1. August um 14 Uhr im Merck-Stadion am Böllenfalltor statt.

Volunteers für die neue Saison gesucht
10.06.2026

Volunteers für die neue Saison gesucht

Der SV Darmstadt 98 sucht engagierte Lilien-Fans für das neue Volunteer-Team der FuFa. Als Volunteer unterstützt Ihr Fans und Verein rund um die Spieltage und seid direkt am Geschehen im und rund ums Stadion dabei. Alle Informationen dazu findet Ihr hier.