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30.05.2018 / Allgemein

„Da haben wir Fußballer ein Privileg“

sv98.de blickt auf die Lilienkurier-Interviews der Rückrunde zurück: „Darf ich jetzt loslegen?“ Mit einem breiten Grinsen greift Immanuel Höhn schon beim ersten Zwischenstopp an der Nieder-Ramstädter Straße nach einer der Sprühdosen. Bis er sich aber selbst auf einer Betonwand austoben kann, dauert es noch ein paar Minuten. Erst an der Lincoln Wall ist das Aufsprühen von Graffitis auch dem 26-Jährigen erlaubt. Rund um die künstlerische Einlage spricht der Defensiv-Allrounder über Beschäftigungen abseits des Platzes, Leitsprüche und seinen ehemaligen Trainer Christian Streich.

Lilienkurier (LK): Höhni, bist du schon mal an der Lincoln Wall gewesen?
Immanuel Höhn (Höhni): Nein, ich wusste nicht, dass es so etwas in Darmstadt gibt. Es ist schon außergewöhnlich, eine komplette Wand voller Graffitis zu sehen. Es sind viele coole Bilder dabei und es ist wirklich Kunst, die von den Leuten teilweise an die Wand gezaubert wird.
LK: Wie sieht es mit deiner Erfahrung an der Sprühdose aus?
Höhni: Das ist heute meine Premiere. Ich bewundere die Leute, die das wirklich können und finde es auch cool, wenn Wände oder Flächen freigegeben werden, damit sich die Künstler dort austoben können. Meine Künste wären mit dem Begriff amateurhaft noch viel zu positiv beschrieben, umso mehr habe gemerkt, wie viel Arbeit hinter den aufwändigen Bildern steckt.
LK: Zumindest dein Fahrrad hast du aber eigenhändig lackiert…
Höhni: (lacht) Es ist eine Sache, etwas anzusprühen oder zu lackieren, aber etwas ganz anderes, ein wirkliches Kunstwerk zu erschaffen. Ich wollte damals einfach eine neutrale Farbe und habe es dann kurzerhand selbst gemacht und zumindest ein wenig meine kreative Ader spielen lassen (grinst).
LK: Du bist also durchaus ein Mann der Tat…
Höhni: Es kommt auch immer auf die Sache an. Damals beim Fahrrad ging es nicht um Perfektion. Wenn es perfekt hätte sein müssen, hätte ich es wahrscheinlich in andere Hände gegeben. Aber ich hatte Spaß dran und wollte es gern selbst machen. Es ist aber schon so, dass ich mir gerne neue Aufgaben und damit einen Ausgleich zum Sport suche.
LK: Und dich dabei auch gerne an ungewöhnlichen Freizeitbeschäftigungen versuchst. Beispielsweise das Lernen der italienischen Sprache…
Höhni: Das ist aber leider ein wenig eingerostet. Ich hatte nicht so viele Leute, mit denen ich üben und sprechen konnte, da war es schwierig, es weiter aufrechtzuhalten. Trotzdem beiße ich mir ein wenig in den Hintern, weil ich es nicht komplett durchgezogen habe. Zumindest im Restaurant kann ich mich aber so verständigen, dass ich Essen und Trinken bekomme (grinst).
LK: Wie wichtig ist dieser Ausgleich neben dem Profisport?
Höhni: Ich persönlich brauche ihn unbedingt, gerade auch für den Kopf. Wir sind körperlich ständig unter Belastung und auch ausgelaugt. Da ist es etwas anderes, wenn man nebenbei noch etwas Neues lernt und etwas Vernünftiges macht. Den Kopf frei bekommen, anderen Input zu haben, das ist unheimlich wichtig. Sich mit anderen Dingen zu beschäftigen und zu reflektieren tut gut und gibt mir auch Energie, um auf dem Platz wieder Vollgas geben zu können.
LK: Auch hier ist zu spüren, dass du dir die Motive durchaus interessiert anguckst, den Termin nicht einfach nur hinter dich bringen möchtest. Gehst du generell mit offenen Augen durch die Welt, oder speziell durch die Stadt, in der du wohnst?
Höhni: Absolut, da bin ich immer offen für neue Dinge. Gerade die Stadt, in der ich lebe, möchte ich genauer kennenlernen und bin auch für Aktionen wie die heutige immer offen. In Darmstadt fühle ich mich absolut wohl, habe mich auch von Beginn an mit der Stadt auseinandergesetzt, um viele Orte kennenzulernen. Ich war auch in den Museen und Parks, bin natürlich auch mal in der näheren Umgebung unterwegs. Die Region kenne ich ja schon von früher und Darmstadt hat definitiv seine Reize.
LK: Auch am Böllenfalltor dürfte dir vor kurzem eine Veränderung aufgefallen sein. Passend zu unserer Tour prangt dort seit kurzem ein neues Graffiti im Bereich unter der Haupttribüne.
Höhni: Ich habe das Graffiti nach dem Warmmachen gegen Düsseldorf und beim Gang zurück in die Kabine erstmals wahrgenommen. Das Motto „We fi ght together“ gefällt mir generell gut und durch das Graffiti wurde uns dieses Thema noch einmal mehr in den Kopf gerufen und hat uns einen weiteren Motivationsschub gegeben. Wir wussten ja nichts von der Aktion, umso stärker war dir Wirkung und der Anreiz für jeden Spieler.
LK: Hilft es, die Kräfte unter einem gemeinsamen Motto zu bündeln?
Höhni: So ein kurzer und prägnanter Satz bleibt natürlich im Kopf und wird jederzeit wieder hervorgerufen. Dieses Motto ständig wieder abzurufen sorgt dafür, dass es sich verankert und ich bin sicher, dass es auch während des Spiels unterbewusst nochmal einen Antrieb gibt. Natürlich versuchen wir schon die ganze Saison, in jedem Spiel an unsere Leistungsgrenze zu gehen, aber dieses gemeinsame Motto sorgt schon für einen Extraschub Motivation.
LK: Gibt es generell Bilder, die dich schon lange begleiten oder einen Leitspruch, der dich prägt?
Höhni: Ich habe schon immer wieder Leitsprüche, die gerade zu meiner aktuellen Situation gepasst haben. Das hat mir immer gut getan und ich habe es für wichtig empfunden, einen persönlichen roten Faden zu haben, an dem ich mich orientieren und festhalten kann.
LK: Das Motto „We fight together“ steht auch für den Zusammenhalt innerhalb des Vereins und in Bezug auf das Verhältnis mit den Fans. Auch in Freiburg hast du jahrelang unter ruhigen Bedingungen in einem familiären Umfeld arbeiten können. Wie wichtig ist Ruhe speziell auch in einer sportlich schwierigen Situation?
Höhni: Ich finde es enorm wichtig. Gerade in so einer Situation ist ein gewisser Druck vorhanden und der nimmt natürlich nicht ab, wenn wir ständig nochmal einen draufbekommen würden und der Druck dadurch noch verschärft würde. In unserer aktuellen Lage ist es unglaublich hilfreich, dass wir in dieser Art und Weise weiterarbeiten können. Das hat sich in den letzten Spielen schon gezeigt und so wollen wir es auch bis zum Ende durchziehen, um mit ruhiger und sachlicher Arbeit unser großes Ziel zu erreichen.
LK: Du bist auch privat eher ein ruhigerer Typ. Passen vielleicht auch deshalb Vereine wie Freiburg und Darmstadt so gut zu dir?
Höhni: Ich bin sicher kein Draufgänger (lacht). Da genieße ich schon einen gewissen Ablauf und Ruhe und Konstanz in meinem Leben zu haben. Das ist bei diesen beiden Verein absolut der Fall und für mich die Voraussetzung, um vernünftig zu arbeiten.
LK: Nach der Zeit in Freiburg spielst du in Darmstadt nicht nur weiterhin in einem familiären Verein, sondern auch in räumlicher Nähe zu deiner Familie. Ein schöner Nebeneffekt?
Höhni: In gewisser Weise schon. Allerdings sieht man sich dann doch nicht so häufig, wie man es sich vielleicht im Vorfeld gedacht hätte. Es ist nicht so, dass wir uns jede Woche besuchen. Durch die längere Anfahrt nach Freiburg sind Freunde und Familie dort dann meist zwei oder drei Tage geblieben, während es hier dann meist kurze Besuche sind. Aber natürlich kommen jetzt viel mehr Bekannte und Verwandte zu den Spielen und es ist auch schön, so viele bekannte Gesichter in näherer Umgebung zu haben.
LK: Aus der Familie kam auch der erste Impuls für den Start deiner eigenen Karriere. Oft ist es der größere Bruder, der bereits im Verein kickt oder der fußballbegeisterte Vater, bei dir hat deine Mutter für den ersten Kontakt mit dem runden Leder gesorgt…
Höhni: (grinst) Genau, meine Mama hat selbst im Verein gespielt und mich immer mit auf den Platz genommen. Das waren meine ersten fußballerischen Schritte. Für mich gab es sowieso keinen Tag ohne Ball und durch meine Mutter habe ich schon mit drei Jahren angefangen.
LK: Und auch dementsprechend früh davon geträumt, Profi zu werden? Deine Interessensgebiete sind ja durchaus breit gefächert…
Höhni: Der Traum vom Profi war schon mit Abstand der größte. Natürlich gab es auch andere Dinge, die mich fasziniert haben, aber der Fußball war mein ständiger Begleiter und das, was mein Leben immer schon ausgemacht hat.
LK: Dazu kam natürlich auch der Schulalltag, den du parallel zum Fußball in Freiburg mit dem Abitur beendet hast. Ein nerviger Begleitumstand oder sogar willkommene Abwechslung?
Höhni: Natürlich habe ich nicht vor Freude geschrien, weil ich tagtäglich zur Schule gehe durfte (schmunzelt). Aber es war nie so, dass ich keinen Bock mehr gehabt hätte. Ich hatte Spaß und eine gute Zeit, speziell in Freiburg hatten wir eine wirklich coole Truppe, die beim SC gespielt hat und gemeinsam eine Klasse besucht hat. Das war ein gewisses Gruppengefühl, das wir vom Internat in das Klassenzimmer getragen haben. Ich bin froh, dass ich die schulische Ausbildung mit dem Abitur abschließen konnte.
LK: Ist es doppelt schön gewesen, wenn der Teamkollege gelichzeitig auch Klassenkamerad war und sich auch Themenfelder außerhalb des Platzes überschnitten haben?
Höhni: Wir haben viele andere Dinge zusammen gemacht, haben gemeinsam gelernt und hatten viele Gesprächsthemen, die weit über den Fußball oder die gemeinsamen Fächer hinausgingen.
LK: Und zudem hast du in Freiburg lange unter einem Trainer gearbeitet, der sich ebenfalls mit vielen Themen abseits des Platzes beschäftigt und immer eine klare und fundierte Meinung vertritt. Was hast du menschlich von Christian Streich mitgenommen?
Höhni: Sowohl in der A-Jugend als auch im Profibereich hat er immer versucht, jedem Spieler auch einen Input außerhalb des Platzes mitzugeben. Er hat klar gemacht, dass es ganz viele andere wichtige Dinge im Leben gibt und wir uns extrem glücklich schätzen können, den Beruf als Fußballprofi ausüben zu dürfen. Er selbst kommt aus einer Metzger-Familie und hat uns auch von diesen ganz anderen Abläufen berichtet, die natürlich auch auf ganz viele andere Berufe zutreffen. Es ist teilweise Wahnsinn, welchen zeitlichen Umfang und welche Arbeitszeiten viele Menschen in ihren Berufen haben, da haben wir Fußballer definitiv ein Privileg.
LK: Insgesamt hast du acht Jahre in Freiburg gespielt. Eine lange Zeit im heutigen Fußballgeschäft, die aber auch zeigt, dass es viel gebraucht hat, um dich aus dem Breisgau wegzulocken. Wie haben es die Lilien trotzdem geschafft?
Höhni: Die lange Zeit in Freiburg war einer der Hauptgründe, warum ich mich überhaupt für einen Wechsel entschieden habe. Freiburg ist zu meiner Heimat geworden, aber ich wollte nochmal etwas Neues ausprobieren, etwas Neues sehen und etwas Neues erleben. Bei mir war dieser Zeitpunkt gekommen und Darmstadt hat gut zu meinem Charakter gepasst, ich konnte hier Bundesliga spielen und das Gesamtpaket hat gestimmt.
LK: Jetzt sind es bald zwei Jahre, die du schon bei den Lilien spielst. Wenn du den SV Darmstadt 98 als Graffiti sprayen würdest, wie würde dieses Bild aussehen?
Höhni: Ich würde ein kollektives Jubelbild mit möglichst vielen Spielern vor unseren Fans aufsprühen. Das spiegelt am besten die Emotionen und Leidenschaft wieder, die den Verein ausmachen und den Zusammenhalt, den wir auch speziell in der aktuellen Phase erfahren. Eine Lilie dürfte auf dem Motiv natürlich auch nicht fehlen (schmunzelt).

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