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23.11.2020 / Allgemein

„Da müssen wir gemeinsam durch“

Die Westtribüne ist der Ort im Erzgebirgsstadion, wo normalerweise die eingefleischten Fans des FC Erzgebirge Aue stehen, singen und ihr Team nach vorne peitschen. Klar, aufgrund der aktuellen Pandemieentwicklung war dies am Sonntagmittag nicht der Fall. Die Kurve blieb leer. Dennoch ließen es sich die Anhänger der Sachsen nicht nehmen, vereinzelt Zaunfahnen zu platzieren. Um ihre Mannschaft bestmöglich zu unterstützen. "Kopf hoch! Brust raus! Gras fressen! Kämpfen!", prangte dort beispielweise in schwarzer Schrift auf weißem Stoff. Eine Auflistung von Basics, die in jedem Spiel unabdingbar sind.

Foto: Holtzem

Manche mögen sagen, das seien abgedroschene Redewendungen – Plattitüden also. Doch würde darin nicht so viel Wahrheit stecken, würden diese Ausdrücke im Fußball nicht immer wieder hervorgeholt. Klar, die Lilien stecken gerade in einer bitteren Phase. Zwei Partien in Folge haben die Lilien verloren. Zwei Partien, in denen es der SV 98 versäumte, ein Tor zu schießen. Zwei Partien, in denen sie dafür aber insgesamt sieben Treffer kassierten. Doch die Südhessen wissen, dass sie sich diesen Verlauf selbst zuzuschreiben haben.  “Wir müssen unsere spielerische Überlegenheit, die wir – bis auf im Spiel gegen Paderborn – in allen Partien gezeigt haben, mit den Grundtugenden des Fußballs kombinieren”, forderte Torhüter Marcel Schuhen am Montag und ergänzte: “Dass wir das nicht vollständig getan haben, kann man uns als Mannschaft ankreiden. Das müssen wir ändern.”

Da kommt es gelegen, dass bereits in vier Tagen wieder gespielt wird. Eine kurze Woche steht den Lilien bevor. Zur Eröffnung des neunten Spieltags der 2. Bundesliga gastiert Eintracht Braunschweig am Böllenfalltor. “Durch diese Situation gerade müssen wir gemeinsam durch. Und wir werden da durchkommen”, zeigt sich Markus Anfang überzeugt. Denn Mut machen ihm trotz der 0:3-Niederlage besonders die ersten 45 Minuten in Aue. “Wir haben in der ersten Halbzeit ein richtig gutes Spiel gemacht”, so der Cheftrainer des SV 98.

“Das muss man erstmals schaffen”

Vom frühen Rückstand ließen sich Darmstädter nicht verunsichern. Sie waren spielbestimmend, konsequent in der Abwehr. Möglichkeiten auf den Ausgleich – ja, sogar für mehr – waren da. Zweimal Mathias Honsak, Marvin Mehlem und Serdar Dursun. “Wir haben uns vier sehr gute Torchancen herausgespielt, davon waren zwei hundertprozentige. Und das gegen eine Mannschaft, die sehr kompakt und tief stand. Das muss man erstmal schaffen. Wenn wir die Chancen verwerten, gehen wir mit 2:1 in die Pause”, stellte der Liliencoach heraus.

Doch das taten die Südhessen nicht. Es fehlte in den entscheidenen Momenten an der nötigen Präzision, dem letzten Kontakt oder an der ausbleibenden Kaltschnäuzigkeit vor dem gegnerischen Gehäuse. Natürlich verteidigte Aue leidenschaftlich. Doch Ausreden ließ niemand zu, der eine Lilie auf der Brust trug. Angesetzt bei der Fehleranalyse wurde bei sich selbst. “Ich ärgere mich darüber, dass wir in der ersten Halbzeit kein Tor gemacht haben. Nach dem ersten Durchgang hätten wir was mitnehmen müssen”, monierte Anfang und bekam in seiner Bekundung die verbale Unterstützung von Tobias Kempe. “Obwohl wir am Drücker gewesen sind, machen wir aus unseren Chancen kein Tor. Uns fehlte vorne die Überzeugung, um die Dinger zu machen. So kann man kein Spiel gewinnen“ , erklärte die Nummer elf des SV 98.

“Es ist kräfteraubend, wieder in Rückstand zu geraten und wieder hinterherzurennen”, so Kempe weiter, gerade weil die Lilien bis zum zweiten Auer Treffer in der Mitte des zweiten Durchgangs keine Chancen des Gegners zuließen. Dennoch fingen sie kurz vor dem Ende noch den dritten, wenn auch nicht spielentscheidenden Gegentreffer.

„Das ist das entscheidende…“

So sind es 18 Gegentore in acht Spielen – und das sind definitiv zu viele. Dessen sind sich alle Beteiligten bewusst. An der grundlegenden Herangehensweise der Lilien wird sich nichts ändern. Zu überzeugt sind die Protagonisten von der Art des Darmstädter Fußballs in dieser Saison. “Es bringt nichts, jetzt den Bus zu parken. Das entspricht nicht unserer Natur und unserer Idee des Fußballs. Druckvoll zu spielen bedeutet ja nicht automatisch, viele Gegentore zu kassieren”, weiß Schuhen. Eine andere Lösung dieser Problematik muss also her. Und der Schlussmann des SV 98 liefert sie. “Jeder muss alles dafür tun, um ein Gegentor zu verhindern. Jeder Einzelne muss sich hinterfragen, was er besser machen kann, um Tore zu verhindern, aber auch um Tore zu machen”, sagt er. Es gilt, die Fehler intern zu suchen. Denn meist fallen die Treffer  nicht nach überragend herausgespielten Chancen des Gegners. Nein, im Gegenteil. “Sie resultieren aus individuellen Fehlern von uns. Das ist das entscheidende: Wir können dieses Problem also bei uns selbst verändern. Wenn das jeder Einzelne tut, werden wir unsere Chancen reinmachen, weniger Gegentreffer kassieren und unsere Punkte holen”, erklärte Schuhen.

Genau damit wollen die Lilien schon gegen Eintracht Braunschweig beginnen, um endlich den ersten Heimdreier einzufahren. Für Frust nach dem verlorengegangenen Aue-Spiel bleibt daher keine Zeit. “Wir werden weiter hart arbeiten und die Köpfe nicht hängen lassen” so Kempe. Auch nicht nach zwei Niederlagen am Stück. Denn etwas Positives haben auch solche Phasen im Entwicklungsprozess einer Mannschaft, sagt Markus Anfang: “Diese Situation gerade wird uns hintenraus stärker machen.” Bestenfalls schon gegen die Niedersachsen. Die Probleme sind identifiziert, die Lösungsansätze vorhanden. Die Umsetzung soll am Freitag folgen. Weniger Gegentore, mehr Kaltschnäuzigkeit im Angriff. Und die spielerische Überlegenheit noch stärker durch die Grundtugenden erweitern: Kopf hoch! Brust raus! Gras fressen! Kämpfen!

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