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26.11.2019 / Allgemein

Das Glück des Tüchtigen

Natürlich wussten auch die Lilien, dass sie das nötige Glück gehabt hatten. Dafür waren die Eindrücke des Sonntagsschusses am Montagabend, der plötzlich zu einem Schiedsrichterball wurde, noch zu frisch. Dennoch wäre es die falsche Analyse gewesen, den zweiten Auswärtssieg der Saison auf die Glücksgöttin Fortuna herunter zu brechen. Es war eher das ausschlaggebende Quäntchen, das der SV 98 in Hannover auf seiner Seite hatte. Denn die Grundbasis für die drei Punkte hatten die Lilien auf andere Art und Weise gelegt.

Glück muss man sich verdienen. Glück muss man sich erarbeiten. Glück kommt nicht von allein. All diese Sätze sind immer wieder zu lesen, wenn es um Sport, Motivation oder verschiedene Zielsetzungen geht. Um solche Motto-Sprüche noch einprägsamer zu gestalten, untermalt man sie gerne mit Beispielen. Der Auftritt der Lilien an diesem kalten Montagabend in Hannover würde sich zumindest anbieten.

„Wir waren zwei Mal eiskalt“

Zunächst waren da die ersten 45 Minuten, in denen die Lilien spielerisch überzeugten, Zweikämpfe und zweite Bälle gewannen und sich konsequent im Abschluss zeigten. „Die erste Halbzeit war top“, resümierte Dimitrios Grammozis, bevor er erklärend anfügte: „Wir waren von Beginn an wach, haben Hannover nicht ins Spiel kommen und uns auch von dem Ausgleich nicht verunsichern lassen.“ Im Gegenteil: Die Südhessen schlugen kurze Zeit später erneut zu – Torschütze Kempe analysierte treffend: „Uns hat in dieser Saison oft der letzte Punch gefehlt. Aber heute waren wir zwei Mal eiskalt.“

Dementsprechend „verdient“ fand auch der 30-Jährige die Halbzeitführung seiner Farben und wäre die Partie schon mit dem Kabinentee beendet gewesen, die Frage nach dem Faktor Glück, sie wäre überhaupt nicht gestellt worden.

Doch ein Fußballspiel besteht bekanntlich aus zwei Halbzeiten und der zweite Abschnitt gestaltete sich dann ein weinig konträr zum ersten Durchgang. Zwar waren die Lilien weit davon entfernt, in irgendeiner Weise einzubrechen, aber das kämpferische Element schob sich nun immer mehr in den Vordergrund.

„Wenn ich sehe, wie sich alle reingehauen haben“

„Wir wollten auch nach der Pause Druck nach vorne ausüben, leider ist das nicht so gut gelungen“, gestand Marvin Mehlem angesichts der lang anhaltenden Defensivarbeit, die auch aufgrund teilweise „fehlender Entlastung“ entstand, die Grammozis bei seinem Team beobachtete. Die Lilien waren fortan eher das reagierende Team, während der Bundesliga-Absteiger im eigenen Stadion naturgemäß in einen höheren Gang schaltete – ohne aber wirklich zwingend zu werden. Was die Darmstädter den Angriffsveruschen der Niedersachsen entgegensetzte, das entlockte nach Spielende auch ihrem Cheftrainer ein großes Kompliment: „Wir waren etwas passiv, aber trotzdem weiterhin gut organisiert. Wenn ich sehe, wie sich alle reingehauen haben, dann kann ich heute niemanden rausnehmen.“

„Wir haben gefightet und den Sieg nach Hause gebracht“, erklärte dann auch Mehlem und ordnete das komplette Geschehen anschließend noch einmal im Gesamtkontext ein: „Wir haben in dieser Saison schon oft großen Aufwand betrieben, ohne dafür belohnt zu werden. Im vergangenen Spiel gegen Regensburg bekommen wir beispielsweise in der letzten Minute das Gegentor. Da war heute auch das Glück auf unserer Seite.“

Glück, das sich die Lilien 45 Minuten lang erspielt und über 90 Minuten erkämpft hatten. Das Glück des Tüchtigen. Dieser Satz passte an diesem Tag so exakt auf die Lilien, wie Kempes Halbvolley in die Maschen der Gastgeber. Dementsprechend sprachen sowohl Grammozis als auch Kempe von „durchaus verdienten drei Punkten.“ Somit sammelten die Lilien in den vergangenen fünf Ligaspielen zehn Zähler, in den zurückliegenden sieben Ligaspielen mussten sich die Südhessen nur der SpVgg Greuther Fürth geschlagen geben (dort aber mehr als verdient).

Keine Ruhepause

Vier Partien warten nun im Dezember noch auf den SV 98. Es geht am Böllenfalltor gegen die ersten drei Teams der Tabelle, zudem steht das innerhessische Duell mit Wehen Wiesbaden an. Für Grammozis Grund genug, auch im Gefühl des Sieges den Blick schon nach vorne zu richten: „Wir dürfen nicht den Fehler machen, uns auszuruhen. Wir haben nur eine gute Leistung gebracht, weil jeder sich zu einhundert Prozent reingehauen hat. Weil jeder für die drei Punkte gefightet hat.“

Am nächsten Sonntag hat der SV 98 gegen Bielefeld die Chance, die eigene Heimserie weiter auszubauen und bei optimalen Spielverlauf vielleicht sogar ganz ohne das oft zitierte Quäntchen auszukommen.

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