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05.08.2012 / Allgemein

Das Interview zum Spiel gegen den Chemnitzer FC

Heute: Gerd Schädlich Gerd Schädlich (59) hat -wie Liliencoach Kosta Runjaic -seinen Verein zur letzten Saison in die 3. Liga geführt. Seit 2008 arbeitet er bei den Chemnitzern, wo er bereits als Spieler in den 70er Jahren für den FC Karl-Marx-Stadt aktiv wahr. Als Diplom-Sportlehrer trainierte er zunächst viele kleinere Vereine, bevor ihn längere Engagements zum FSV Zwickau (1991-96) und Erzgebirge Aue (1999-2007) führten. Beide Vereine konnten unter ihm in die 2. Bundesliga aufsteigen.

www.sv98.de: Hallo Herr Schädlich, letzte Saison trafen sich der Chemnitzer FC und der SV 98 am 33. Spieltag. Chemnitz lag auf dem Relegationsplatz und hatte gerade mit 2:0 in Aalen gewonnen. Die Lilien steckten nach einem 0:0 gegen Unterhaching mitten im Abstiegskampf. Aller Prognosen zum Trotz reichte es nur zu einem torlosen Unentschieden im Stadion an der Gellertstraße. War das der Anfang vom Ende der Aufstiegsträume? Was hat dem CFC letztendlich zum Durchmarsch gefehlt?
Gerd Schädlich: Im Spiel gegen Darmstadt hatten wir uns tatsächlich mehr ausgerechnet. Zwar kamen einige strittige Schiedsrichter-Entscheidungen dazu aber letztlich müssen wir die Ursache bei uns selbst suchen. Die Siegesserie, die wir bis dahin hingelegt hatten, konnten wir leider nicht aufrecht erhalten. Andere starke Mannschaften hatten ihre Schwächephasen etwas früher -es ist natürlich schade, dass unsere Krise dann in den letzten 5-6 Spielen kam.
Dennoch haben Sie gerade als Aufsteiger eine grandiose Rückrunde gespielt. Was hatte sich seit der Winterpause geändert? Oder hat Sie die "Wundertüte 3. Liga" einfach nach oben getragen?
Mit dem guten Start -einem 3:0 gegen Heidenheim -hat sich eine Eigendynamik entwickelt. Die Mannschaft wurde von Spiel zu Spiel selbstbewusster. Außerdem haben wir sicherlich von der enormen Ausgeglichenheit der Liga profitiert. Wer hätte zum Beispiel vor der Saison gedacht, dass Regensburg aufsteigt?
Als Tabellenneunter sind Sie bester Aufsteiger vor Münster (11.) und Darmstadt (14.) geworden. Halten Sie eine Wiederholung dieser Platzierung für realistisch oder schielen Sie sogar nach höheren Regionen?
Das ist vor allem in dieser frühen Phase der Saison sehr schwer einzuschätzen. Durch die vielen Spielerwechsel stellt sich die Mannschaft neu auf, bei anderen Vereinen ist das aber noch extremer. Gerade die Spielstärke der neuen Teams in der Liga ist zu Beginn der Saison nicht einschätzbar. Ein richtiges Urteil kann man sich da erst nach 8-10 Spielen bilden, aber auch da steht eigentlich noch nichts fest, eben weil die Liga so ausgeglichen ist.
Sie haben mit Ronny Garbuschewski einen überragenden Spieler der letzten Saison an Fortuna Düsseldorf abgeben müssen. Wie schwer wiegt sein Abgang?
Ihn kann man nicht eins-zu-eins ersetzen. Vor allem nicht mit seiner Quote aus Vorlagen und Toren und es ist richtig, dass wir von unserer rechten Angriffseite sehr profitiert haben. Wir haben versucht, durch die Verpflichtung von erfahrenen Drittligaspielern wie Anton Makarenko oder Tino Semmer die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen.
Von welchem Ihrer Spieler erwarten Sie in dieser Saison den größten Entwicklungsschritt?
Da will ich mich gar nicht so festlegen, denn unser Ziel ist es ja, alle Spieler zu verbessern, vor allem aber als Mannschaft gute Leistungen zu bringen.
In der Aufstiegssaison lieferten Sie sich ein enges Rennen mit Wolfsburg II, Lübeck und RasenBallsport Leipzig, ähnlich wie Darmstadt mit Kassel und den Stuttgarter Kickers. Was war -trotz der verglichen mit Leipzig geringeren finanziellen Möglichkeiten -ausschlaggebend für die Meisterschaft in der RL Nord?
Wir haben unser Potenzial optimal ausgeschöpft und wenig Punkte gegen die sogenannten "Kleinen" liegen gelassen. In diesen Spielen waren wir konsequenter. Zudem hatten wir mit Chris Löwe (jetzt Borussia Dortmund), Ronny Garbuschewski und Benjamin Förster (25 Tore in der Aufstiegssaison) sehr gute Offensivspieler. Mit unserer stabilen Abwehr im Rücken konnten die drei vorne wirbeln.
Darmstadt und Chemnitz sind -was die jüngere sportliche Geschichte angeht -in einer ähnlichen Situation. Wo sehen Sie noch Ähnlichkeiten zwischen den Vereinen?
Beide Vereine haben ein altes Stadion…
Sie sind in Ihrer Karriere als Trainer Ihrer Heimatregion stets treu geblieben. Würde Sie ein Engagement im Ausland noch einmal reizen?
Das weiß ich nicht, das müsste man bei einem konkreten Angebot sehen. Ich kann es mir im Moment nicht vorstellen, zumal ich auch bald 60 Jahre alt werde.
Sie mussten bereits mit 25 Jahren Ihre Karriere als Spieler verletzungsbedingt beenden und wurden anschließend Sportlehrer. Das Ausbildungssystem in der ehemaligen DDR kannten Sie daher von Grund auf. Nach der Wende wurde vieles daraus in Frage gestellt bis nach der EM 2000 der Ruf nach Nachwuchsleistungszentren laut wurde. Wie haben Sie diese Entwicklungen beobachtet?
Das ist ja nur ein Beispiel -nach der Wende galten zunächst vieles aus der DDR als schlecht. Im Lauf der Zeit hat man dann gemerkt, dass hier doch viele ganz gute Dinge gab. Fußball-Internate gab und gibt es in anderen Ländern auch, schauen wir mal nach Barcelona, dort werden bereits 8-Jährige verpflichtet. Die jetzige Nachwuchskonzeption ist ein großer Schritt nach vorne -und maßgeblichen Anteil daran hat der ehemalige Sportdirektor des DFB, Matthias Sammer, der ja auch das System der Leistungsförderung von früher kennt.
Die Vereine im Osten der Republik wurden durch die Wende mehrheitlich "überrollt". Viele davon sind bis heute in der sportlichen Versenkung verschwunden. Ihnen ist es jedoch gelungen, sowohl mit dem FSV Zwickau (1995) und Erzgebirge Aue (2003) Vereine auf die Fußball-Landkarte zu setzen, denen nur wenige eine längere Verweildauer in der 2. Bundesliga zugetraut hätten. Wie konnten Sie dem allgemeinen Trend entgegenwirken?
Da gibt es kein großes Geheimnis. Es war der Lohn für kontinuierliche Arbeit. Erfolge kommen nicht von heute auf morgen, in Zwickau, Aue und auch jetzt in Chemnitz hat es jeweils eine Zeit gedauert. Wichtig ist dabei der Rückhalt des Präsidiums und des ganzen Umfeldes. Es kann zwar auch mal schnell gehen und mit Geld, dass es aber schwierig ist, sieht man nicht zuletzt an den Leipzigern, die Jahr für Jahr einen neuen Trainer haben…
Im Dezember 2007 traten Sie nach acht Jahren von Ihrem Trainerposten in Aue zurück. Wie kam es nach dieser sehr erfolgreichen Zeit letztlich zur Trennung?
Nach dem letzten Spiel in vor der Winterpause, als wir 0:5 bei 1860 München unterlagen, habe ich mir die Frage gestellt, ob es nach acht Jahren noch etwas bringt, weiterzumachen. Wir haben uns in beiderseitigem Einvernehmen getrennt. Ich wollte den Spielern auch kein Alibi geben und der weiteren Entwicklung des Vereins nicht im Weg stehen. Leider hat Aue den Klassenerhalt dann verpasst.
Auch in Chemnitz arbeiten Sie nun schon seit vier Jahren. Was, denken Sie, ist ausschlaggebend für den langfristigen Erfolg eines Trainers bei einem Verein?
In erster Linie kommt es immer auf die Leistung an. Es sollte Jahr für Jahr vorwärts gehen oder man muss zumindest eine Entwicklung nachweisen können. In nicht so guten Phasen braucht man dann den Rückhalt des Präsidiums, was bei mir immer der Fall war.
Was ist Ihnen als Fußball-Lehrer bei der täglichen Zusammenarbeit mit den Spielern besonders wichtig? Was wollen Sie auch abseits vom Sport vermitteln?
Durch den Fußball vermitteln sich automatisch viele Werte, die für unsere Gesellschaft allgemein wichtig sind -Engagement, Disziplin, Verantwortungsbewusstsein, das zeigt sich auch im „wahren“ Leben. Auch, dass man miteinander gut arbeiten kann. Rein auf den Fußball bezogen, möchte ich den Spielern bewusst machen, dass sie einen Traumjob haben, für den es sich lohnt, sich tagtäglich verbessern zu wollen. Wenige Berufe sind angenehmer, vor allem, wenn man sein Hobby zum Beruf machen kann.
Welche Bedeutung hat es für Sie, dass Sie nun mit dem Chemnitzer FC den Verein trainieren, für den Sie früher als Spieler aktiv waren?
Ich habe mich mit allen Vereinen, für die ich gearbeitet habe, stark identifiziert. Aber ich wohne seit 43 Jahren in Chemnitz, da ist das Gefühl doch noch ein bisschen anders -aber auch nicht unproblematisch, wenn man selbst dort wohnt… Aber ich habe mir das ja selbst ausgesucht…
Zum Abschluss: Was erwarten Sie von der Partie am kommenden Mittwoch?
Ein Flutlichtspiel hat für die Fans immer eine besondere Atmosphäre und ich denke, es wird für beide Seiten sehr interessant. Ich denke, dass es auf jeden Fall Tore geben wird, nicht so, wie beim letzten Mal, und hoffe natürlich, dass sie auf der richtigen Seite fallen.
Herr Schädlich, vielen herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview nehmen konnten.

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