FAQs zum verlegten Testspiel gegen San Antonio
Der SV 98 beantwortet die wichtigsten Fragen zum verschobenen Testspiel der Lilien beim Kooperationspartner San Antonio FC.
Heute: Benjamin Kern Benjamin Kern (29) spielte zwischen 2004 und 2006 bei den Lilien. Unter Bruno Labbadia bestritt der Rechtsverteidiger 56 Spiele für die 98er (1 Tor). Ausgebildet wurde der gebürtige Göppinger beim VfB Stuttgart und dem SSV Reutlingen, bevor er für eine Spielzeit zum TSV Schönaich wechselte. Nach seiner Zeit am Böllenfalltor spielte er beim damaligen Zweitliga-Aufsteiger FC Augsburg und blieb dort bis Januar 2010. Nach einem halben Jahr bei Rot-Weiss Ahlen wechselte er zum MSV Duisburg, wo er drei Spielzeiten lang zum Stamm der Zweitliga-Mannschaft gehörte. Sein größter Erfolg war die Teilnahme am DFB-Pokalfinale 2011. Zur neuen Saison musste er nun seine Profikarriere verletzungsbedingt beenden.
www.sv98.de: Hallo Benny, Du hast zur neuen Saison Deine Laufbahn als Profi beendet, in den Medien konnte man von vielen Schwierigkeiten am Knöchel lesen. Wann stand der Schritt für Dich fest?
Benjamin Kern: Der Entschluss, jetzt richtig aufzuhören, kam jetzt relativ kurzfristig. Ich habe es noch ein paar Mal probiert, aber meine beiden Sprunggelenke machen zu viele Probleme, so dass es keinen Sinn mehr macht. Die Berufsgenossenschaft hat das auch unterstützt und so bin ich wieder in meine schwäbische Heimat zurückgekehrt.
Womit beschäftigst Du Dich derzeit?
Ich arbeite im Finanzbereich, in einem Maklerbetrieb eines langjährigen Freundes. Mein Plan war schon lange bei ihm einzusteigen, wenn meine Karriere einmal zu Ende geht. Klar hätte ich auch gerne noch vier bis fünf Saisons gespielt, aber so habe ich diesen Schritt einfach ein paar Jahre vorgezogen.
Unterhält man sich mit Duisburger Fans und liest man in MSV-Foren, wird Dein Abschied sehr bedauert. Gerade, weil Du einer derjenigen warst, die in den aktuellen Krisen-Zeiten stark Flagge für den Verein gezeigt haben. Wie hast Du die letzten Wochen um den Lizenzentzug erlebt?
Ganz ehrlich: Ich war zutiefst betroffen und erschüttert über das was passiert ist. Dass der MSV die Lizenz nicht bekommt, war ein Ding der Unmöglichkeit. Die Schuldigen müssen damit leben, riesigen Schaden für Fans, Umfeld und den ganzen Verein verursacht zu haben. Als ich die Nachricht hörte, haben mir schlichtweg die Worte gefehlt. Ich war hier drei Jahre, der Verein ist mir richtig ans Herz gewachsen, so wie damals Darmstadt. Ein Schock für alle, denen der MSV etwas bedeutet, und vor allem für diejenigen, die hier arbeiten. Was aber dann als Reaktion passiert ist, war Gänsehautfeeling pur. Wie die Leute um den Verein gekämpft haben war Wahnsinn!
Du selbst bist aktiv bei den Fan-Demos gewesen.
Ja, aber nicht, weil ich Spieler war, sondern weil ich mich in Duisburg einfach so dermaßen wohl gefühlt habe. Ich habe zu vielen hier ein gutes Verhältnis und wollte einfach als Mensch meine Solidarität mit dem Verein und der Region zeigen.
Wie konnte es Deiner Meinung nach so weit kommen? Habt ihr Spieler von den Entwicklungen irgendetwas mitgekriegt?
Wir hatten überhaupt keine Ahnung. Es hieß, die Lizenz sei fristgerecht eingereicht, wir sollten alle mal schön in den Urlaub fahren und anschließend geht es weiter. Vor allem: Mit Duisburg wäre in dieser Saison in der 2. Liga richtig zu rechnen gewesen. Wir hatten die Krise zu Saisonbeginn gemeistert, mit drei oder vier Neuen wären wir eine Top-Mannschaft gewesen. Außerdem hat uns die sportliche Situation zur Einheit zusammengeschweißt, auch das Trainerteam hat super gepasst. Es zieht Dir den Boden unter den Füßen weg, wenn Du es schaffst, Dich Woche für Woche aus dem Abstiegskampf heraus zu spielen und dann letztlich wegen der Finanzen doch alles zerstört wird.
Obwohl Deine Zeit in Duisburg mit dem Lizenzentzug endete, hast Du auch Highlights erlebt. Einer Deiner größten sportlichen Momente war sicherlich das DFB-Pokalfinale gegen Schalke. Was ist das Besondere an der Atmosphäre in "Berlin"?
Mir war klar, dass Du als Zweitliga-Profi schon enormes Glück brauchst, um ein DFB-Pokalfinale zu erreichen. Wir hatten zwar eine gute Mannschaft, aber auch etwas Glück, dass wir bei den Auslosungen nicht immer die stärksten Gegner erwischt haben. Trotzdem haben wir es geschafft, an uns zu glauben und in jedem Spiel eine Top-Leistung abzurufen. Vor dem Finale waren dann aber einige Spieler angeschlagen, ich selbst habe mit einem doppelten Bänderriss gespielt, wichtige Spieler sind ganz ausgefallen. Die Niederlage war zwar schon heftig, aber dieses Drumherum erlebt zu haben, war absolut einmalig.
Damals, als Du zu den Lilien gewechselt bist, kamst Du aus der Verbandsliga. Warum warst Du nach der Ausbildung beim VfB und in Reutlingen erst bei einem unterklassigen Verein aktiv?
Im Jugendbereich hatte ich öfters mit Rückenproblemen zu kämpfen, deshalb war für mich eigentlich die Profikarriere schon abgehakt. In Schönaich haben ein paar Freunde von mir gespielt, da hatten wir viel Spaß, eine tolle Mannschaft und gute Trainer. Ich selbst hatte dort dann ein richtig starkes Jahr, auch die Rückenprobleme waren weg.
Wie kam der Wechsel nach Darmstadt zustande?
Torsten "Toto" Chmielewski und Alexander "Magic" Wall -beide ja bestens bekannt am Böllenfalltor -haben mir ein Probetraining in Darmstadt vermittelt. Ich war einmal da, dann noch ein zweites Mal. Nach dem zweiten Training bot mir Bruno Labbadia einen Vertrag an und meinte, dass er mir den eigentlich schon nach dem ersten Besuch hätte geben wollen…
Dass Rechtsverteidiger nicht besonders groß sein müssen, sieht man neben Dir auch etwa an Philipp Lahm. Worauf kommt es als Außenverteidiger besonders an?
Da kommt mir auf jeden Fall meine Ausbildung beim VfB Stuttgart zugute. Eigentlich war meine Position früher auf der „Sechs“ und dort fühle ich mich eigentlich auch am wohlsten. In Darmstadt sagte Bruno Labbadia zu mir, dass er mich eher als Rechtsverteidiger sieht. Das war meine Chance, in die Stammelf zu kommen und es lief auch gut. Mit etwas Cleverness und gutem Stellungsspiel kann man dann auch vermeintliche Größendefizite ausgleichen, zumindest habe ich das immer versucht und mich schließlich mit der Position arrangiert.
Und als etablierter Zweitliga-Spieler kann man ja sagen, dass das ziemlich gut geklappt hat… Was kommt Dir in den Sinn, wenn Du an die beiden Saisons in Darmstadt zurückdenkst? Hast Du noch Kontakte ans Böllenfalltor und verfolgst Du die Lilien?
Klar, ich hab die Lilien immer verfolgt! Es war meine erste Profistation -alleine, wie ich von den Fans aufgenommen wurde, gerade als junger Spieler, hat mir extrem geholfen. Auch, als ich schon in Augsburg war, habe ich mir mit Kumpels ein Hotelzimmer gemietet und bin nochmal aufs Schlossgrabenfest gegangen. Die Verbindung zu ehemaligen Mitspielern habe ich eigentlich auch immer gehalten, zum Beispiel zu Christian Beisel, Thomas Süß oder Nico Beigang. Es war eine schöne Zeit, die sportlich noch etwas erfolgreicher hätte sein können, wir hatten dann immer mal zur falschen Zeit eine Niederlage zu viel. In den beiden Jahren wurden wir zweimal Fünfter.
In Darmstadt trauert man dieser Spieler-Generation heute noch nach… Stefan Leitl, Ivo Ilicevic, Mergim Mavraj und viele andere aus der Zeit haben schließlich den Sprung in die Bundesligen geschafft…
Damals gab es ja noch keine 3. Liga, wir wären fast in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Das ist der einzige Wermutstropfen, dass wir das mit dieser Truppe nicht geschafft haben, ich hätte es den Fans so sehr gegönnt. Zumal nicht nur die Qualität hoch war, sondern auch die Truppe menschlich extrem gut zusammen gepasst hat. Das gibt’s nicht oft, dass man abends mit 18 Leuten das Nachtcafé stürmt…
In Augsburg bist Du auf zwei aktuelle Lilien getroffen: Elton da Costa hat mit Dir zusammen gespielt, Sascha Franz war Dein Co-Trainer. Wie hast Du die beiden kennen gelernt?
Sascha Franz ist inzwischen ein richtig guter Freund von mir geworden. Mit ihm bespreche ich auch private Dinge, wir ticken einfach ähnlich. Schon in Augsburg haben wir uns gut verstanden, wobei das im Spieler-Trainer-Verhältnis ja nicht ganz einfach ist. Der Kontakt ist auch nach meiner Zeit in Augsburg immer bestehen geblieben. Elton ist eher ein ruhiger Typ, der sein Ding macht, aber wir sind in Augsburg super miteinander ausgekommen.
Bei den Lilien ist die Euphorie um den Pokal gerade riesig. Ihr habt mit Duisburg als Underdog das Finale erreicht. Hast Du einen Tipp für unsere Jungs?
Naja, Ihr spielt ja gegen Schalke, da bin ich nach der 0:5-Pleite im Endspiel wohl doch der falsche Ansprechpartner… (lacht) Ich drücke Darmstadt natürlich die Daumen und hab mich riesig mit Euch gefreut! Das verbessert die finanzielle Situation sehr, gerade das Live-Spiel ist wie ein Sechser im Lotto. Sascha Franz hab ich gleich per SMS gratuliert. Ich finde, der Verein und die Fans haben es nach den schweren Zeiten verdient, mal im Rampenlicht zu stehen.
Letzte Saison um diese Zeit wechselte Darmstadts Coach Kosta Runjaic zum MSV und hat den Verein vom Tabellenende ins sichere Mittelfeld geführt. Was ist er für ein Typ Trainer?
Er hat eine klare Philosophie und einen Plan, den er zu 100% umsetzen will -und richtig Ahnung vom Fußball. Bei seinen beiden Stationen in Darmstadt und Duisburg hat er Erfolg gehabt, das spricht ja schon für sich. Bei uns, kann ich nur sagen, hat er sehr gute Arbeit geleistet. Ich stand voll hinter seiner Spielphilosophie, ich mochte die Art, wie er Fußball spielen ließ. Es war eine absolut positive Zusammenarbeit.
Dennoch kommt es am Samstag zum ersten Duell beider Clubs seit den Zweitliga-Zeiten der Lilien. Wie schätzt Du die neue Mannschaft des MSV ein?
Bis vor einer Woche war ich noch ziemlich nah am Team dran, auch weil ich noch zur Reha in Duisburg war. Ich finde es überraschend, dass trotz der kurzen Vorbereitungszeit eine so gute Mannschaft zusammen gekommen ist. Das freut mich sehr, vor allem für die Fans. Meiner Meinung nach haben die Verantwortlichen da teilweise ein richtig gutes Händchen bewiesen. Klar, der Kader ist dünn, da sollte sich niemand verletzen. Obwohl die beiden letzten Spiele verloren gingen, hätte der MSV aus diesen Partien mindestens vier Punkte verdient gehabt. Ich wage die Prognose, dass sie oben mitspielen werden, wenn sie vom Verletzungspech verschont bleiben.
Schaust Du Dir das Spiel live im Stadion an? Und gibst Du einen Tipp ab?
Ich bin auf jeden Fall im Stadion, denn ich werde offiziell verabschiedet! Toll, dass da zwei meiner drei Vereine, für die ich länger aktiv war, aufeinander treffen! Die Lilien kommen vielleicht etwas zum falschen Zeitpunkt, denn nach den beiden Niederlagen wird der MSV auf Wiedergutmachung aus sein. Aber als Außenseiter haben sich die 98er in dieser Saison ja schon ganz gut präsentiert. Ich denke aber, der MSV ist schon Favorit…
Herzlichen Dank, Benjamin Kern, für das ausführliche Interview!
Das Gespräch führte Markus Sotirianos.