FAQs zum verlegten Testspiel gegen San Antonio
Der SV 98 beantwortet die wichtigsten Fragen zum verschobenen Testspiel der Lilien beim Kooperationspartner San Antonio FC.
Heute: Jürgen Kramny Jürgen Kramny (40), der Trainer der 2. Mannschaft des VfB Stuttgart, ist am Böllenfalltor kein Unbekannter: Zur Saison 2005/06, der letzten unter dem damaligen Trainer Bruno Labbadia, kam er -nach acht Jahren beim FSV Mainz 05 -zu den Lilien und bestritt hier 15 Spiele (1 Tor) im blau-weißen Dress. In der Winterpause kehrte er dann nach Mainz zurück, wo er nach der Runde auf die Trainerbank der U-19 wechselte. Seit 2010 arbeitet er in verschiedenen Nachwuchsmannschaften des VfB Stuttgart und ist seit letzter Saison verantwortlich für das Drittliga-Team -und damit der direkte Nachfolger unseres neuen Trainers Jürgen Seeberger. Neben seiner langen Zeit in Mainz waren der VfB Stuttgart, der 1. FC Nürnberg und der 1. FC Saarbrücken die weiteren Stationen in der aktiven Karriere des gebürtigen Stuttgarters (74 Erst-, 222 Zweitligaspiele).
www.sv98.de: Hallo Jürgen Kramny, mit Jürgen Seeberger hat Darmstadt Ihren Vorgänger bei der 2. Mannschaft des VfB als Trainer verpflichtet. Sie kennen sich sehr gut. Müssen wir am kommenden Samstag ein taktisch geprägtes 0:0 erwarten, weil Sie einander nicht mehr überraschen können?
Jürgen Kramny: (lacht) Ach, das glaube ich eher nicht, beide Teams wollen sicherlich gewinnen. Wir sind ja recht auswärtsstark und rechnen uns da schon was aus…
In Darmstadt werden hohe Erwartungen mit seiner Verpflichtung verknüpft. Wie haben Sie ihn erlebt und worin setzt er seine Schwerpunkte? Was trauen Sie ihm mit Darmstadt zu?
Er hat in jedem Fall einen Plan, gerade was Taktik und die Defensivarbeit mit Spielverlagerungen betrifft. Aber ich konzentriere mich lieber auf die Stärken von unserem Team.
Mit 14 Punkten aus 9 Spielen liegen Sie auf Rang 6. Zufrieden mit dem Saisonstart?
Natürlich, wir haben einen sehr ordentlichen Start hingelegt, vor allem wenn man bedenkt, dass wir mit unserer jungen Truppe immer gegen erfahrenere Teams spielen. Das Spiel gegen den KSC vor 20000 Zuschauern in der Mercedes-Benz-Arena, das wir 2:0 gewonnen haben, war da für uns schon ein absolutes Highlight. Solche Erlebnisse stärken auch den Zusammenhalt in unserer Mannschaft ganz besonders.
Als Trainer einer 2. Mannschaft gilt es immer wieder, Spieler der 1. Mannschaft in den Spielbetrieb zu integrieren, damit sie Spielpraxis erhalten. So konnten Sie bereits auf André Weis, Raphael Holzhauser oder Antonio Rüdiger zurückgreifen, die im Profikader stehen. Ist das ein Vorteil, weil die Spieler eine hohe Qualität mitbringen oder ein Nachteil, weil Abläufe nicht ganz eingespielt sind?
Sicher ist das kein Riesen-Vorteil, aber es ist so, wie es ist. Wir wollen junge Spieler entwickeln und sie haben die Möglichkeit, bei uns in der 3. Liga zu spielen. Manchmal ist es aber schon schwierig und hängt vom Willen und der Bereitschaft des Einzelnen ab. Ist ja auch nicht ganz einfach, zwischen verschiedenen Mannschaften zu pendeln, gerade, wenn man sich eher als Spieler der 1. Mannschaft sieht und vielleicht sogar Nationalspieler ist. Dazu ist der Gegner natürlich immer besonders motiviert, wenn bei uns ein paar "Profis" mitspielen.
Wie läuft das konkret ab? Können Sie über die Aufstellung frei verfügen oder wirkt Chefcoach Bruno Labbadia dabei mit?
Ich bin da in meiner Wahl schon frei. Da wir die Spieler auch vielseitig ausbilden wollen, sind sie auch noch nicht so sehr auf Positionen festgelegt. Bruno Labbadia stellt mir zwar schon mal Spieler zur Verfügung, aber wer wann wo eingesetzt wird, das entscheide ich.
Sie und Bruno Labbadia verbindet die Zeit in Darmstadt. Er holte Sie damals von Mainz zu den Lilien. Wie kam der Wechsel zustande?
Damals stand ja schon fest, dass ich zur Saison 2006/07 die Mainzer A-Jugend übernehmen würde. Bis dahin wollte ich auf jeden Fall noch weiter spielen und hatte auch viele Angebote. Ich habe mich dann für Darmstadt entschieden, weil die Lilien zuvor auch auf Platz 5 gelandet waren und die Möglichkeit bestand, mit der Mannschaft um den Aufstieg mitzuspielen. Außerdem kam mir natürlich die Nähe zu Mainz entgegen.
Insgesamt verlief das halbe Jahr am Böllenfalltor aber nicht so wie gewünscht und Sie kehrten zur Rückrunde nach Mainz zurück. Wie denken Sie im Nachhinein über diese Zeit?
Ja, leider hat sich das dann nicht so entwickelt und wir haben das Engagement dort beendet. Ich habe dann die Zeit genutzt, um mich auf die Aufgabe als Trainer vorzubereiten. Manchmal passt ein Wechsel -manchmal eben leider nicht. Nach dem Hype und der unglaublichen Entwicklung, die Mainz zuvor genommen hatte, war der Wechsel nach Darmstadt schon eine Umstellung. Als erfahrener Bundes- und Zweitligaspieler wurden natürlich auch hohe Erwartungen an mich gestellt. Mir war als Spieler damals nicht so klar, was ein Wechsel in die 3. Liga bzw. damals ja noch Regionalliga bedeutet -jetzt als Trainer sehe ich, dass man, auch wenn man einen "Namen" hat, immer seine Qualität abrufen muss.
Neben Ihnen standen damals mit Benjamin Kern, Mergim Mavraj, Ivo Ilicevic und Stefan Leitl Spieler unter Vertrag, die Ihren Weg gemacht haben und heute bei Erst- oder Zweitligisten spielen. Obwohl Darmstadt Fünfter wurde, war dennoch Unruhe im Verein. Wollte man zu schnell zu viel?
Zu schnell vielleicht nicht, denn in der Saison zuvor wurde Darmstadt ja auch Fünfter. Wir hatten neben den genannten ja mit Markus Beierle, Michael Anicic oder Dennis Grassow auch viele gestandene Spieler im Team. Das Potenzial war auf jeden Fall da. In dieser Saison sind Augsburg und Koblenz aufgestiegen, Wehen und Hoffenheim wurden Dritter und Vierter. Das waren starke Gegner, gegen die wir im Herbst 2005 zu Hause einige unglückliche Spiele hatten.
Sie haben im Spiel gegen den SV Wehen (3:1) Ihr einziges Tor für die Lilien erzielt. Es war der erste Sieg nach dem "Labbadia-Rapport" nach der 2:7-Niederlage in Regensburg. Welche Erinnerungen haben Sie daran? Der Stadionsprecher freute sich besonders für Sie…
Ja, da erinnere ich mich noch gut daran. Ich habe mich auch sehr über den Treffer gefreut und das so als ersten Schritt empfunden, um endlich anzukommen.
Neben Ihnen trug sich in diesem Spiel noch ein anderer Spieler zum ersten Mal in die Torjägerliste ein -Nduka Anyanwu. Er ist mittlerweile verstorben, während eines Fußballspiels. Wie geht man als Hochleistungssportler damit um, dass man so abhängig vom Funktionieren des eigenen Körpers ist und die Gefahr einer Verletzung oder Schlimmerem immer mitschwingt?
Solange es einen selbst nicht betrifft, denkt man da nicht groß drüber nach. Leider. Zum Glück habe ich das selbst noch nie in dieser Tragweite mitbekommen. Natürlich sind solche tragischen Ereignisse Anlässe, nochmal genauer auf sich selbst zu schauen, sich auch mal etwas zurückzunehmen. Bewusster zu leben. Gerade auch als Trainer. Leistung und der damit verbundene Druck sind nicht alles.
Auch mit Christian Beisel haben Sie damals gemeinsam auf dem Platz gestanden, der damals noch ein junger Spieler war. Wie beurteilen Sie seine Entwicklung?
Ich habe sie zwar nicht im Einzelnen verfolgt, aber Christian hat bei den Lilien einen hohen Stellenwert in der Mannschaft und hat sich auf dem Niveau der 3. Liga nun über Jahre stabilisiert. Das ist manchmal sogar mehr wert, als kurz mal in einer höheren Liga aufzutauchen und gleich wieder zu verschwinden…
Zurück zum VfB: Wird André Weis der nächste Bernd Leno? Rani Khedira der neue Sami? Christoph Hemlein der neue Mario Gomez? Warum kommen immer wieder hervorragende Talente aus Stuttgarts Nachwuchsakademie? Wie geht der "Stuttgarter Weg"?
Das ist eine Mischung aus viel Arbeit, Kontinuität und gutem Training. Die Spieler müssen sich auch in ihrer Persönlichkeit entwickeln und bereit sein, sich auf höchstem Niveau durchzusetzen. Dafür bietet die 3. Liga den idealen Rahmen. In den Regionalligen ist z. B. das Tempo langsamer und würde die Jungs in ihrer Entwicklung eher hemmen. Wir können es uns sogar leisten, A-Jugendliche früh in den Spielbetrieb zu integrieren und schauen, wie sie damit zurecht kommen. Sollte der Schritt für den einen oder anderen doch zu groß sein, können sie problemlos wieder A-Jugend spielen. Diese Freiheit haben Erstvertretungen vielleicht weniger.
Zweitmannschaften von Profivereinen dürfen in der 3. Liga mitspielen. Lange Jahre wurde befürchtet, dass nach und nach immer mehr Zweitvertretungen die Liga "fluten" würden. Nun sind in den letzten Jahren mit Bayern II und Werder II mehr Mannschaften abgestiegen. War diese Angst unbegründet und genügt den Profivereinen eigentlich die neu geschaffene fünfgleisige Regionalliga für Ihre Nachwuchsarbeit? Weniger Kosten bringt es jedenfalls mit sich…
Gerade die Bayern wollen unbedingt wieder aufstiegen. Die würden schon lieber gegen Darmstadt oder Offenbach verlieren als wie letzte Woche daheim gegen den VfL Frohnlach. Dortmund II hat in der letzten Saison alles dafür getan, um aufzusteigen. Fakt ist, dass es in der 3. Liga einfach unglaublich schwer geworden ist zu bestehen. Da sind so viele Traditionsvereine mit Potenzial versammelt, von denen wartet jeder auf den großen Wurf. Wir versuchen von Jahr zu Jahr und mit unserem Plan, die Spieler auf diese Situationen vorzubereiten, sich vor großen Zuschauerkulissen in großen Stadien zu präsentieren und wollen ihnen auch diese Möglichkeiten bieten.
Wie hält man die Spannung hoch, wenn man nicht aufsteigen darf und der Abstand zu den hinteren Tabellenregionen groß ist?
Jeder Fußballer will erfolgreich sein. Es geht letztlich vor allem um die Perspektive, hier gibt es die Chance, innerhalb kürzester Zeit auch Bundesligaluft schnuppern zu können. Gute Leistungen werden außerdem eher registriert, wenn man vorne mitspielt als wenn man gegen den Abstieg kämpft.
Mit dem Namen Jürgen Kramny verbindet sich bei den meisten Fußballfans der FSV Mainz 05. Wie sehr hat Sie diese Zeit geprägt und was denken Sie über die Entwicklung der Mainzer? Mitte der 90er galt der Verein ja als Prototyp der "grauen Maus"…
Ich kam ja nach dem "Nichtaufstiegs-Spiel" in Wolfsburg. "Graue Maus" war damals tatsächlich ziemlich treffend. Mit Jürgen Klopp als Trainer hat sich dann 2001 alles geändert: Die Stadt, der Verein, die Mannschaft, alles ist erwacht, zusammengewachsen, und hat gemeinsam diese Entwicklung genommen. Mittlerweile ist der Verein auf Top-Niveau etabliert, hat sogar ein zweites Stadion bauen können und stellt inzwischen auch Jugend-Nationalspieler. Mit unserer Generation wurde die Entwicklung eingeläutet.
Mit 40 Bundesliga-Spielen haben Sie die meisten Einsätze im Oberhaus für den 1. FC Nürnberg bestritten. Nach dem Abstieg 1994 blieben Sie noch ein Jahr mit dem Club in der 2. Liga. Doch der Verein geriet in Turbulenzen und wurde schließlich sogar in die Regionalliga Süd durchgereicht. Was war damals in Franken los?
Es gab damals keine Kontinuität im Verein, viele Wechsel in der Führungsebene und auf der Trainerbank. Dazu kamen noch einige unglückliche Umstände: Thomas Helmer schießt das "Phantom-Tor", Manni Schwabl verschießt kurz vor Schluss einen Elfer und wir verlieren 1:2 -im Wiederholungsspiel 0:5! Mit dem einen Punkt hätten wir damals die Klasse gehalten… Dazu kam die wirtschaftliche Situation des Clubs. Mittlerweile hat sich der Verein davon aber gut erholt und ist ja auch in der Bundesliga angekommen. Aus solch einem Tal muss man aber auch erst mal raus kommen, und da hängt natürlich viel von den handelnden Personen ab.
Sie sind damals nach Saarbrücken -ebenfalls Regionalligist -gewechselt. Wie kam es dazu?
Während der Zweitliga-Saison mit Nürnberg war ich in der Rückrunde lange verletzt. Der Club stieg sportlich ab und ich wollte eine neue Herausforderung suchen und weiter in der 2. Liga spielen. Mit Saarbrücken war alles unterschrieben, die in der 2. Liga Siebter geworden waren. quasi auf der Rückfahrt erfuhr ich im Radio vom Lizenzentzug der Saarländer… Und Nürnberg hielt am "grünen Tisch" die Klasse. Ich bin dann trotzdem zwei Saisons in Saarbrücken geblieben.
Schließlich dann der Wechsel nach Mainz, der eine Liebesheirat werden sollte…
Das stimmt, ich habe 13 Jahre lang dort alles mitgemacht -ob als Spieler oder als Trainer. Das ist sicherlich nicht typisch in der heutigen Zeit. Ich habe dort mit meiner Familie gelebt, meine Kinder sind dort geboren. Es war schon eine tolle Zeit…
Als Trainer haben Sie bislang hauptsächlich im Nachwuchsbereich gearbeitet. Was muss man anders machen als im "Aktivenbereich"?
Man hat noch mehr einen pädagogischen Auftrag. Die meisten Jungs sind gerade mit der Schule fertig geworden und entwickeln sich noch in ihrer Persönlichkeit. Da muss man auch als Vorbild vorangehen. Bei den Profis gibt es schon eine andere Ansprache, das habe ich u.a. in meiner Zeit als Co-Trainer bei den Profis unter Jens Keller erlebt. Fleiß und Akribie sind schon ähnlich und man muss überall Menschen führen und Spieler überzeugen.
Am letzten Spieltag der vergangenen Saison gastierten Sie ebenfalls am Böllenfalltor. Darmstadts Torwart Jan Zimmermann hielt zwei Elfmeter. Haben Sie die für den kommenden Samstag extra trainiert?
(lacht) Nee, sicher nicht, wir haben ja beim zweiten Elfer immerhin den Nachschuss verwandelt. Zwar hat Tobias Rathgeb in dieser Saison den ersten verschossen, danach aber wieder getroffen. Trainieren kann man das nur schwer, denn die Situation im Spiel ist immer eine andere. Da gilt es einfach, die Ruhe zu bewahren…
Die Reaktion einiger VfB-Spieler nach dem Ausgleichstor kurz vor Schluss war für viele Zuschauer im Stadion nicht verständlich. Die Saison war vorbei, es ging für beide Vereine eigentlich um nichts mehr. Können Sie verstehen, dass dieses Verhalten als Provokation empfunden wurde?
Die Aktion war sicherlich unglücklich. Im Nachhinein ist es immer schwer zu sagen, von welcher Seite Provokationen ausgehen. Wir lagen ja schon 0:2 zurück und sind noch zurück gekommen, manchmal leben das gerade junge Spieler besonders aus. Aber klar, wegen mir hätte das nicht sein müssen…
Wie erwarten Sie die Lilien-Elf beim Heimdebüt von Trainer Seeberger?
Darmstadt wird sicherlich aggressiv spielen und versuchen, uns gleich von Beginn an unter Druck zu setzen und uns wenig Raum zu lassen. Wir müssen dagegenhalten und zusehen, dass wir uns schnell befreien. Auswärts sind wir noch ungeschlagen und wollen das natürlich bleiben, da wäre auch ein Punkt in Ordnung.
Herr Kramny, vielen herzlichen Dank, dass Sie uns für das Interview zur Verfügung standen.