FAQs zum verlegten Testspiel gegen San Antonio
Der SV 98 beantwortet die wichtigsten Fragen zum verschobenen Testspiel der Lilien beim Kooperationspartner San Antonio FC.
Heute: Tobias Rathgeb Tobias Rathgeb (31), ist Kapitän der 2. Mannschaft des VfB Stuttgart. Der Freistoß-Spezialist wurde direkt vor den Toren Stuttgarts geboren und kam mit 16 Jahren in die Jugend des VfB. Bis 2004 spielte er dann schon einmal für die 2. Mannschaft, erhielt im Anschluss einen Profivertrag, wurde aber nach kurzer Zeit zum FC St. Gallen in die Schweiz verliehen. Nach seiner Rückkehr wechselte er 05/06 in der Winterpause zu Hansa Rostock in die 2. Bundesliga. Nach dem Aufstieg mit dem FC Hansa bestritt er dort 30 Bundesliga-Spiele und erzielte ein Tor -ausgerechnet gegen seinen Heimatverein, den VfB. Von Verletzungen zurückgeworfen kam er dann längere Zeit nicht zum Einsatz und wechselte in der Winterpause 09/10 zurück zum VfB. Seitdem ist er dort Kapitän und Vorbild für die Nachwuchsspieler.
www.sv98.de: Hallo Tobias Rathgeb, Sie sind in einem Vorort von Stuttgart geboren und haben bis jetzt den Großteil Ihrer Karriere beim VfB verbracht. Was bedeutet der Verein für Sie?
Tobias Rathgeb: Der VfB ist mein Verein, ich bin hier groß geworden und war schon als kleiner Junge glühender VfB-Fan. Auch in meiner Familie sind alle VfBler, ich spiele in meiner Heimat, da kann man ermessen, was mir dieser Verein bedeutet.
Als Kapitän der 2. Mannschaft sind Sie für die jungen Talente, die aus der berühmten Stuttgarter Fußballschule kommen, das erste "Profi-Vorbild". Gerade aktuell haben André Weis (Ingolstadt), Michael Vitzthum (Karlsruhe), Raphael Holzhauser (Augsburg), Kevin Stöger (Kaiserslautern), Soufian Benyamina (Dresden) und Christoph Hemlein (Nijmegen/NED) den Sprung in andere deutsche oder ausländische Profiteams geschafft. Rani Khedira, Antonio Rüdiger und Daniel Didavi gehören jetzt dem VfB-Profikader an. Was ist daran für Sie die besondere Herausforderung?
In den ersten Jahren meiner Karriere war ich ja auch einer von denen, die den Sprung geschafft haben, in einer Generation mit Mario Gomez oder Sami Khedira. Entscheidend ist, dass man den Jungs die tägliche Disziplin vorlebt. Rein fußballerisch sind sie alle super, aber gerade, weil sie so talentiert sind, mussten sie in der Jugend zum Teil nicht über ihre Grenzen gehen. Dahin wollen wir sie bringen. Das ist auch wichtig für andere Bereiche: Defensiv wird jeder Fehler viel härter bestraft, hier muss man auch mal -anders als in der Jugend -auf einen Gegner reagieren. Wir haben zwar schon grundsätzlich eine offensive Ausrichtung, weil in der Jugend darauf ganz besonders Wert gelegt wird, aber gerade in jungen Jahren in der 3. Liga das richtige Defensiv-Verhalten zu lernen, ist die Grundlage, um sich dann im Profibereich schnell anpassen zu können.
Wem aus dem aktuellen Kader würden Sie als nächstes den Sprung in den Profibereich zutrauen?
Es tut den Jungs nicht gut, sie medial zusätzlich unter Druck zu setzen. Intern kitzeln wir die Jungs schon damit und sagen klar an, von wem wir den nächsten Schritt erwarten, damit sie auch voran gehen und Verantwortung übernehmen. Als zum Beispiel Rani Khedira aus der Jugend zu uns kam, hat man schon gesehen, dass er eine besondere Last zu tragen hatte, alleine, weil er Samis Bruder ist. Als er dann mit den Profis mittrainieren durfte, konnte man im RTL-Text vom "neuen Khedira beim VfB" lesen. Das ist nicht wirklich förderlich. Natürlich ist es unser Anspruch, dass alle, die bei uns in der 2. Mannschaft spielen, auch den Sprung in den Profi-Bereich schaffen. Und diejenigen, denen wir das besonders zutrauen, stehen Spieltag für Spieltag in der Startelf…
Sie müssen als Kapitän die Mannschaft auf dem Platz führen und wie ein Trainer denken. Wie eng ist der Austausch mit Trainer Jürgen Kramny? Können Sie sich vorstellen, einmal selbst auf der Trainerbank zu sitzen?
Der Austausch ist sehr eng, genau dieses Modell haben wir absichtlich gewählt. Auf dem Platz kann man Dinge beobachten, die man selbst von der Bank nicht so genau sehen kann, deshalb sprechen wir ganz viel mit dem Trainerteam. Bis jetzt hat Daniel Vier die Abwehr besonders im Blick gehabt, ich das Mittelfeld, und mit Marco Grüttner haben wir jetzt einen Erfahrenen für den Sturmbereich hinzugewonnen. So gibt es von allen Seiten Feedback. Für mich ist das wie ein frühes Trainer-Praktikum als Aktiver und es ist mein Ziel, irgendwann beim VfB im Trainerteam zu arbeiten. In anderen Vereinen gibt es diesen engen Austausch nicht immer, insofern ist das auch für mich die beste Schule.
Sie sind Spezialist für Standards, haben Sie früher nach dem Training noch Extraschichten geschoben, um das zu üben? Welche Entfernung mögen Sie besonders?
Ja, klar, das mit den Standards kommt schon aus der Jugend, man merkt schon früh, was drinsteckt im Fuß. Das muss man dann trainieren, nur Videos gucken bringt Dich nicht weiter… Die Trainer haben einen Blick dafür und erkennen diese Qualitäten schon in der B-Jugend und trainieren sie gezielt. Man sollte nicht erst mit 25 damit anfangen… Vor allem, weil Standards ein variables Mittel sind, wenn es mal nicht so läuft. Die Entfernung, so wie sie letzte Saison in Darmstadt war, liegt mir sehr (lacht), aber das kann man sich nicht aussuchen. Außerdem freut es mich genauso, wenn ich den Kopf meines Mitspielers finde und er trifft, ich muss da nicht immer durch einen direkt verwandelten Freistoß der Held sein… Übrigens haben wir einige Jungs dazu bekommen, die auch ganz gute Standards schießen können…
In Ihrer Karriere haben Sie noch für den FC St. Gallen und Hansa Rostock gespielt. Was haben Sie von diesen Stationen mitgenommen und wie kam es zu "Ein Schwabe an der Ostsee"?
Der VfB und St. Gallen hatten eine Kooperation abgeschlossen, deshalb war das ein logischer Schritt. Mit 21 war der Wechsel in die Profimannschaft des VfB noch etwas groß, da haben wir diese Verbindung genutzt und die Ausleihe ermöglicht. Ich war dort, hab mir das angesehen und mich gleich wohlgefühlt und mittrainiert. St. Gallen ist ein familiärer Verein, nur zwei Stunden von Stuttgart entfernt, aber trotzdem im Ausland. Ich habe dort linker Verteidiger gespielt und nochmal einen großen Entwicklungsschritt genommen. Es bringt einfach viel, wenn Du vor solchen Kulissen wie in Basel oder Zürich spielen kannst. Noch heute habe ich Kontakt zu einigen Leuten dort.
Als ich dann zurück nach Stuttgart kam, war ich ein halbes Jahr bei Giovanni Trappatoni im Training, kam aber nicht zum Einsatz. Es hatte schon immer mal Anfragen aus der 2. Liga gegeben, deshalb habe ich mich dann für Rostock entschieden. Der Wechsel war dann lustig: Im Wintertrainingslager bin ich mit dem VfB nach Dubai geflogen -und mit dem FC Hansa zurück, der auch dort trainierte. Trainer Frank Pagelsdorf setzte auf mich, ich habe gespürt, dass dies der richtige Weg war und habe mich sehr wohl gefühlt. Um so bitterer das Ende: Nach Verletzungen kam ein neuer Trainer, ich wurde zum Saisonstart nicht fit und erfuhr, dass man dann nicht mehr mit mir plante. Damals wurden 14 Leute ausgetauscht -und ich kam zurück zum VfB, um wieder fit zu werden. Dort haben den Verantwortlichen dann meine Leistungen scheinbar ganz gut gefallen…
Ausgerechnet gegen den VfB gelang Ihr einziges Bundesliga-Tor. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?
Das war auch ein Freistoß. Ein tolles Gefühl! Ich habe direkt gespürt, dass das der richtige Schritt war. Man weiß bei den Wechseln ja nie so genau, ob man sich vielleicht verzockt. Dass es gegen den VfB, damals amtierender Meister, klappte, war natürlich eine super Geschichte, zumal ich ja noch ganz viele aus dem Kader kannte. Für ganz Rostock war es der krönende Abschluss einer glänzenden englischen Woche mit Siegen zuvor gegen Hertha BSC und Duisburg.
Am Freitag abend kommt es zum Heimauftakt des VfB II gegen Darmstadt. Sicherlich bei angenehmeren Bedingungen als am letzten Samstag in Dortmund…
Da wird es deutlich kühler sein, aber schon in Dortmund war es nicht so warm, wie es in Stuttgart sein kann… Doch wir kommen aus der Vorbereitung, sind alle fit, und wenn es für uns heiß ist, ist es das für den Gegner erst recht. Unsere junge Mannschaft kann laufen, auch wir drei älteren, bei Teams, die insgesamt älter sind, kann das manchmal ein Nachteil sein…
Das erste Saisonspiel ging mit 0:1 verloren. Gerade am Anfang, wenn man noch nicht genau weiß, wo man steht, wird das Umfeld unruhig, wenn die Punkte ausbleiben. Wie sehen Sie als Beteiligter die Saisonbeginn-Panik der Fans?
Die Situation ist nicht neu, Schwächephasen gibt es bei jungen Teams immer wieder, vor allem während oder gegen Ende einer Saison. Druck haben auch wir immer, auch als zweite Mannschaft, den halten wir auch hoch, kommen aber nicht ins Zweifeln. Wir haben am Samstag unglücklich verloren, weil wir unsere Offensivaktionen nicht gut zu Ende gespielt haben, das ist aufgearbeitet. Die Aktion, die dann zum Gegentor geführt hat, wurde sicher auch in Darmstadt analysiert, da haben wir einmal nicht aufgepasst. Wir haben viele Jungs dazu bekommen, die unbedingt wollen und eifrig sind, aber manchmal übersieht man eben was. Trotzdem hat man gesehen, dass wir eine stabile Defensive haben, denn wir haben nach dem Rückstand weder alles nach vorne geworfen noch sind wir ins offene Messer gelaufen.
Die Lilien sind zwar sportlich abgestiegen, durften aber durch den Lizenzentzug der Offenbacher Kickers in der 3. Liga bleiben. In der vergangenen Saison schafften die 98er trotzdem zwei Siege gegen den VfB. Wie haben Sie die Spiele gesehen und warum tut sich der VfB gegen die Lilien so schwer?
Das ist durchaus ein Thema, schon in der Saison davor haben wir uns schwer getan. Darmstadt hat eine starke Mannschaft und sich auch nochmal gut verstärkt, wir wissen, dass da eine schwierige Aufgabe auf uns zukommt. In Darmstadt waren wir nach dem Ausgleich eigentlich dran, durch den Elfmeter ist das Spiel gekippt. Jürgen Seeberger, der da sein Heim-Debüt bei Euch gegeben hat und der zuvor bei uns war, meinte nach dem Spiel zu mir, dass es für Darmstadt sehr schwer geworden wäre, hätte es länger 1:1 gestanden. Solche Kleinigkeiten geben halt manchmal den Ausschlag. An das Rückspiel bei uns kann ich mich noch gut erinnern, da hat Darmstadt ein richtig gutes Spiel gemacht und absolut verdient gewonnen.
Gegen Jan Zimmermann haben Sie im Saisonfinale 2012 einen Elfer verschossen. Würden Sie trotzdem wieder antreten?
Natürlich! Das kann immer mal passieren, dass einer nicht rein geht. Außerdem ist Jan Zimmermann ein richtig guter Torwart…
Was erwarten Sie vom Spiel am Freitag abend und geben Sie einen Tipp ab?
Zuerst einmal hoffen wir auf viele Zuschauer, es ist für unsere Mannschaft extrem wichtig, dass sie von den Rängen gepusht wird. Da kommt uns vielleicht das Abendspiel entgegen. Natürlich wollen wir unseren ersten Heimsieg holen, zu Hause hatten wir in der letzten Saison ein paar Probleme und wollen das gleich zum Saisonstart ändern.
Vielen herzlichen Dank, Tobias Rathgeb, für das ausführliche Interview.
[Das Gespräch führte Markus Sotirianos]