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10.10.2012 / Allgemein

Das Interview zum Spiel gegen die TSG 1899 Hoffenheim

Heute: Andreas Müller Andreas Müller (*13.12.1962) übernahm vor rund vier Wochen das Amt des Managers bei der TSG 1899 Hoffenheim. Nach seiner aktiven Karriere als Fußballer im Jahr 2000 erlernte Andreas Müller das Fußballmanagement beim FC Schalke 04 unter dem damaligen Manager der Königsblauen Rudi Assauer. Als dieser im Mai 2006 von seiner Position zurücktrat, führte Andreas Müller die Geschicke des Gelsenkirchener Traditionsvereins als Manager bis März 2009.

In seiner aktiven Profilaufbahn schnürte der gebürtige Stuttgarter für drei Vereine seine Schuhe. Mit dem VfB Stuttgart, für den er zwischen 1983 und 1987 insgesamt 111 Meisterschaftsspiele bestritt, feierte er in der Saison 1983/84 die Deutsche Meisterschaft. Nach nur einer Spielzeit und 27 Erstligaeinsätzen für Hannover 96 wechselte er 1988 von den Niedersachsen zum FC Schalke 04. Insgesamt trug Andreas Müller zwölf Jahre das Trikot der Knappen und absolvierte 286 Punktspiele für S04. Sein unumstrittener Karrierehöhepunkt war zweifelsohne der Gewinn des UEFA-Cups im Jahre 1997. Nach zwei dramatischen Endspielen mit den „Schalker Eurofightern“ gegen Inter Mailand reckte der Mittelfeldspieler am 21.5.1997 voller Stolz den silberglänzenden Europapokal in den Nachthimmel des Mailänder San-Siro-Stadions. 
www.sv98.de: Hallo Herr Müller! Wie geht es Boris Vukcevic? (Anm. der Redaktion: Boris Vukcevic (22), Verteidiger der TSG 1899 Hoffenheim, verunglückte am 28. September bei einem Autounfall lebensgefährlich und liegt seitdem im Koma.)
Andreas Müller: In den letzten Tagen ist sein Zustand unverändert geblieben, er liegt weiterhin im Koma. Sein Zustand wird von den Ärzten weiterhin als kritisch, aber stabil beurteilt. Wir sind zuversichtlich, dass sich sein Zustand verbessern wird, haben den Glauben und die Hoffnung, dass sich alles zum Guten wenden wird. Boris ist ein Kämpfer!
Wie gehen Sie und die Mannschaft mit der belastenden Situation um?
Natürlich waren alle im Verein von Boris’ Unfall geschockt. Da die Nachricht uns unmittelbar vor dem Bundesligaspiel gegen den FC Augsburg erreichte, stellte sich für uns die Frage, ob wir überhaupt zu der Partie antreten sollten. Schnell kristallisierte sich jedoch heraus, dass wir antreten würden. Einerseits hätte sich das Boris so gewünscht, andererseits signalisierten uns auch seine Eltern, dass Boris es so gewollt hätte. Wir haben für Boris in einer Kirche gebetet. Ein bewegender Moment. Später hat das Team ein Poster gestaltet für ihren verunglückten Mannschaftskameraden. Auf dem Poster verfasste jeder Spieler Genesungswünsche in seiner Landessprache. Boris’ Eltern haben das Plakat sichtlich gerührt in Empfang genommen. Unsere Solidarität für sie ist bedingungslos, das lassen wir sie spüren. Auch der Zuspruch  aus der Bundesliga hilft der Familie und uns.
Für die Spieler besteht zudem die Möglichkeit sich mit unserem Teampsychologen Jan Mayer auszutauschen. Er hilft vereinzelten Spielern, die seine Dienste freiwillig in Anspruch nehmen möchten. Er vermittelt ihnen den Gedanken von Zuversicht und Hoffnung, versucht aber auch das ganz „normale Leben“ weiter zu forcieren. Es ist wichtig, dass die vorhandenen Rituale und Abläufe rund um den Fußballalltag beibehalten werden.
Herr Müller, getrost darf man Rudi Assauer als Ihren Mentor bezeichnen. Wie sehr hat es Sie mitgenommen, als Sie von seiner Alzheimer-Erkrankung erfahren haben?
Es hat mich sehr mitgenommen. Rudi und ich lernten uns 1993 auf Schalke kennen. Ich spielte bereits in meiner fünften Saison für die Knappen, als Rudi den Managerposten bekleidete. Wir beide fanden schnell heraus, dass wir auf einer Wellenlänge funkten. So war es letztendlich nur die logische Konsequenz, dass ich nach meinem Karriereende bei ihm ins Management einstieg. Die Art und Weise wie er arbeitete imponierte mir vom ersten Tag an. Sein Credo war stets, dass der Verein das Wichtigste sei, erst danach Spieler, Trainer, Manager und Funktionäre kommen würden. Die Leidenschaft und die Liebe, mit der er sich bei Schalke einbrachte, war imposant. Sein Gespür für die Mannschaft und alle die Menschen auf Schalke war unnachahmlich, er wusste stets, woher der Wind weht. Dabei war er stets geradeaus, machte den Leuten kein X für ein U vor. Er sagte das, was er dachte. Zwar wirkte er dabei manchmal etwas schroff, aber dabei wirkten seine Worte nie verletzend oder gar verachtend. Ein wirklich toller Mensch.
In den letzten Jahren seiner Amtszeit auf Schalke beschlich mich aber bereits das Gefühl, dass ihn gesundheitliche Probleme plagen. Irgendwie schwand seine positive Energie peu à peu. Interpretieren konnte ich diese Anzeichen indes nicht. Erst mit seinem öffentlichen Bekenntnis, dass er Alzheimer habe, fing ich im Nachhinein langsam an zu verstehen.
Es tut einfach weh ihn heute zu sehen. Vor dem Bundesligaspiel zwischen Schalke und Augsburg am 1.9. habe ich ihn in der Arena zuletzt getroffen. Wir haben kurz miteinander geredet. Manchmal hat er bessere, manchmal schlechtere Tage. Bei unserem letzten Treffen hatte er einen guten Tag.
Auf Schalke trainierten Sie u.a. drei Jahre unter Jörg Berger von 1993 bis 1996. Nach seiner Flucht aus der DDR in den Westen startete der 2010 an Krebs verstorbene Jörg Berger seine Trainerkarriere in der Bundesrepublik damals 1979 in Darmstadt. Erinnern Sie sich, ob er damals etwas zu seiner Zeit in Darmstadt sagte?
Nein, über seine Zeit in  Darmstadt verlor Jörg Berger kein Wort, da muss ich passen. Was mir allerdings in Erinnerung geblieben ist, ist die Erzählung über seine Flucht. Als er 1979 über Belgrad die Flucht ergriff, besorgte er sich im Vorfeld falsche Papiere. Sein gefälschter Ausweis lautete auf den Namen Gerd Penzel. Bei der Passkontrolle im Zug nach Frankfurt beäugte ein jugoslawischer Grenzbeamte seinen gefälschten Ausweis genauestens. Mein damaliger Trainer musste Blut und Wasser geschwitzt haben. Als der Grenzbeamte ihm die Papiere zurückgab, meinte dieser wohl spitzbübisch grinsend: "Gute Reise in den Westen Herr Berger."
Welche Erinnerung ist Ihnen an Darmstadt sonst noch geblieben?
In allererster Linie der Pokalfight im Viertelfinale im Jahr 2001. Mit Schalke spielten wir lange Zeit in Unterzahl  und gewannen mit einem kleinen bisschen Glück in der Verlängerung durch Ebbe Sand mit 1:0. Da stand ich aber schon nicht mehr als Aktiver auf dem Rasen. Als Spieler erinnere mich, dass die Lilien stets eine hart zu knackende Nuss für uns gewesen waren. Am Böllenfalltor gab es selten etwas zu holen.
Meine heutige Verbindung zu Darmstadt 98 bezieht sich auf Danny Latza. Damals unterschrieb er seinen ersten Profivertrag für Schalkes Bundesligateam in meinem Beisein, da ich ihn Danny offerierte. Er hatte sich das damals mit seinen Leistungen redlich verdient. Danny kenne ich seit seiner  Jugendzeit auf Schalke, als er Kapitän der A-Junioren war. Ein guter Junge! Ich freue mich auf das Wiedersehen am Freitag mit ihm.
Es scheint, als dass Sie sich nicht zuletzt wegen Danny Latza hervorragend in der 3. Liga auskennen. Zwischen Ihren Management-Tätigkeiten auf Schalke und Hoffenheim arbeiteten Sie als Spielerberater und –vermittler für die GoalSky AG. Mitunter standen Drittligaspieler wie Lars Bender (Kickers Offenbach), Marcus Piossek (VfL Osnabrück) oder Marcus Rickert (Rot-Weiß Erfurt) bei Ihnen unter Vertrag.
Aufgrund meines Amtes als Manager bei der TSG 1899 Hoffenheim arbeite ich nicht mehr als Spielerberater und -vermittler. Aber es ist richtig, dass ich meine ehemaligen Schützlinge im Speziellen und die 3. Liga im Allgemeinen weiterhin beobachte. Es wäre töricht und unprofessionell, wenn ich diese starke Liga mit einer Vielzahl an taltentierten Spielern vernachlässigen würde. Sie dient diesen jungen Spielern als Sprungbrett in höhere Ligen. Es ist nicht einfach, sich auf Drittliganiveau zu behaupten und durchzubeißen, daher halte ich sie für die Entwicklung aufstrebender Talente enorm wichtig. Durch meinen Ausflug in die Spielerberater- und -vermittlerbranche habe ich wichtige Erkenntnisse für meine heutige Manager-Tätigkeit bei der TSG 1899 Hoffenheim gewinnen können, die ich auch einfließen lasse.
Kann man aufgrund dieser Aussage davon ausgehen, dass die Zweitvertretung der TSG 1899 Hoffenheim den Aufstieg aus der Regionalliga Südwest anstrebt?
Wenn sich für uns die Möglichkeit bietet, dann werden wir mit Sicherheit nicht Nein sagen. Es ist wichtig, dass die Schere zwischen Profikader und zweiter Mannschaft nicht allzu weit auseinander geht. Das Niveau im Jugend- und Nachwuchsbereich sollte stets höchstmöglich sein. Nach meiner Zeit auf Schalke habe ich mir sehr viele A- und B-Junioren-Bundesligaspiele angesehen, ebenso Partien in der 3. Liga und in den Regionalligen besucht. Ich bin mir durchaus bewusst, dass viele junge Spieler durchaus Gefahr laufen können, nach wenigen guten Partien, sich zu schnell zu Höherem berufen zu sehen. Mitunter können die Eltern der Spieler da auch eine entscheidende Rolle spielen -auch im negativen Sinne. Wir in Hoffenheim legen einen starken Fokus und hohen Stellenwert auf die Entwicklung junger Talente, bauen sie aber behutsam auf und achten auf deren Bodenhaftung. Längerfristig wird diese Strategie von Erfolg gekrönt sein, nämlich dann, wenn sich die ausgebildeten Talente langsam in den Profikader hineinspielen. Es gilt aber immer die Maxime dies geduldig und nicht überhastet anzugehen. Sollte sich für unsere Zweitvertretung die Chance auf den Aufstieg in die 3. Liga ergeben, wollen wir dies auch erfolgreich in Angriff nehmen. Auch der unbedingte Siegeswillen, das „Ich will!“ und der positive Druck gehören zur Entwicklung eines zukünftigen Bundesligaprofis dazu.
Bitte stellen Sie uns doch in ein paar wenigen Sätzen Dietmar Hopp vor.
Ich hatte in ein paar wenigen Gesprächen mit ihm die Möglichkeit, mir ein Bild von ihm zu machen. Ich schätze Dietmar Hopp als honorigen, bodenständigen Menschen ein, fast schon ein wenig zurückhaltend und schüchtern. Er verdient meinen vollen Respekt und ich kann eine Vielzahl von Fußballfans nicht verstehen, die ihn auf beschämende Art und Weise beleidigen! Diese Leute sollten gewisse Dinge hinterfragen, bevor sie sich überhaupt nur ein Urteil über ihn anmaßen! Dietmar Hopps soziales Engagement verdient allerhöchste Wertschätzung und Respekt! Und zum Fußball-Kenner Dietmar Hopp sei gesagt, dass ich seltenst zuvor einen Mann mit einer solch ausgeprägten Leidenschaft zu seinem Heimatverein gesehen habe, Fachkenntnis mit eingeschlossen. Er hat Phantastisches in der Region geschaffen, hat den Fußball auf allerhöchstem Niveau im Kraichgau etabliert. Ich ziehe meinen Hut vor seiner Arbeit, seiner Aura und seiner menschlichen Seite!
Das hört sich nach einer fruchtbaren Zusammenarbeit und Zukunft bei der TSG 1899 Hoffenheim mit Ihnen als Manager anâ…
Sehen Sie, mir ist es wichtig, längerfristig etwas aufzubauen und in Angriff zu nehmen. Das sieht man auch anhand meiner Vita: Sieht man einmal von dem einen Jahr Hannover 96 ab, dann sprechen sieben Jahre Stuttgart und 21 Jahre Schalke eine deutliche Sprache. Ich bin nicht der Mensch, der alle zwei Jahre wie ein Wandervogel im Zirkus Bundesliga weiterziehen will, ich will längerfristig etwas schaffen und bewirken. Bei meiner Vertragsunterzeichnung in Hoffenheim hatte ich da ein gutes Gefühl! Mit dem Cheftrainer Markus Babbel verstehe ich mich prächtig. Wir führen konstruktive Gespräche, haben die gleiche Denkweise was den Fußball angeht und verfolgen die gleichen Visionen. Das sind keine Luftschlösser, sondern realistisch zu erreichende Ziele. Ich bin davon überzeugt, dass wir schon bald aus der erweiterten Bundesligaspitze nicht mehr wegzudenken sind . Das erfordert zwar ein gewisses Maß an Geduld, aber mit dem entsprechenden Fachwissen -und das ist zweifelsohne bei 1899 vorhanden -wird uns dieses Vorhaben in absehbarer Zukunft gelingen. Aber auch das Miteinander mit all den anderen entscheidenden Personen im Verein basiert auf konstruktiver und vertrauenswürdiger Arbeit. Es ist wichtig, dass alle am gleichen Strang ziehen und ich werde meinen Teil dazu uneingeschränkt beitragen.
Vielen herzlichen Dank, Andreas Müller, für das ausführliche Interview.

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