FAQs zum verlegten Testspiel gegen San Antonio
Der SV 98 beantwortet die wichtigsten Fragen zum verschobenen Testspiel der Lilien beim Kooperationspartner San Antonio FC.
Interview mit Nico Beigang: Ex-Lilie mit Salatbar in Regensburg Nico Beigang (31) stürmte von 2001 bis 2007 in der 1. Mannschaft des SV 98 und erzielte dabei 45 Treffer in 152 Ligaspielen. Nach einer Saison bei den Stuttgarter Kickers wechselte er für zwei Jahre zu Jahn Regensburg, wo er nach zwei weiteren Stationen in Lotte und Weiden nun wieder wohnt und sich niedergelassen hat. Dort betreibt er hauptberuflich eine Salatbar namens "SalTo" und ist nebenbei als Spielertrainer für den Freien TuS Regensburg aktiv, der in der Bezirksliga Oberpfalz-Süd (7. Liga) auf den vorderen Plätzen rangiert.
www.sv98.de: Hallo Nico, letzten Donnerstag platzte die Nachricht in die Mittagspause: Darmstadt hat das ARD-Livespiel in der 2. DFB-Pokal-Runde. Was bedeutet das für den Verein aus deiner Sicht?
Nico Beigang: Das ist natürlich eine großartige Sache für die Lilien. Nachdem in der ersten Runde ja schon mit Gladbach ein Erstligist rausgekegelt wurde, wird neben den Einnahmen den 98ern bundesweit Aufmerksamkeit entgegen gebracht. Auch die Leute, die nicht ins Stadion kommen können oder keine Karte ergattert haben, können live dabei sein. Vielleicht lassen sich so noch ein paar mehr für die Lilien begeistern.
Du warst damals in der "Pokal-Saison" 2001/02 unter Michael Feichtenbeiner, als uns die Schalker erst in der 3. Runde stoppten, mit im Kader der Lilien. Wie hast Du diese Spiele erlebt?
Leider durfte ich damals in keinem Spiel selbst auf dem Platz stehen, obwohl ich sonst in dieser Saison oft im Kader war. Aber da dabei zu sein, hat sich unglaublich angefühlt. Gerade gegen Schalke mussten wir noch extra Banden schleppen, damit alle im Innenraum Platz hatten. Die Spiele gegen St. Pauli und Freiburg mit dem Elfmeterschießen waren schon unfassbar -und im Spiel gegen Schalke waren wir stolz, dem Bundesligisten so lange Paroli bieten zu können. Das ganze Stadion war blau-weiß, kurz vor Ebbe Sands Tor hatte Richie Hasa noch eine Riesen-Chance. Trotzdem war es eine schwierige Saison, die wir trotz der Erfolge im Pokal nicht so gut beendet haben und fast noch abgestiegen wären.
Wirst Du nun eventuell selbst zum Spiel kommen oder schaust Du Dir das gemütlich zu Hause in Regensburg an?
Wahrscheinlich werde ich das im Fernsehen angucken. Ich werde erst ein paar Tage zuvor wieder aus dem Urlaub zurück sein und muss mich um mein Geschäft kümmern. Wir haben vor, eine neue Winterkonzeption auszuprobieren, das bedeutet einiges an Arbeit. Außerdem bin ich ja noch Trainer – die Fahrt nach Darmstadt ist mit gut drei Stunden leider kein Katzensprung.
Nun gilt nach dem Spiel gegen Heidenheim aber zunächst alle Konzentration dem Alltag in der 3. Liga. Die Lilien spielen in Regensburg, der Perle an der Donau. Was ist denn für Dich der schönste Ort in der Stadt, was sollten sich die Lilienfans unbedingt ansehen?
Das Tolle an Regensburg ist, dass es gar keinen einzelnen „schönsten Ort“ gibt, sondern ganz viele. Die Stadt hat ein italienisches Flair, es gibt wunderschöne Brücken über die Donau, den Dom, viele Plätze in der Altstadt, z.B. den Bismarckplatz. Man sieht in den Restaurants und den Cafés gerade bei gutem Wetter immer extrem viele Leute draußen sitzen, da kommt man sich vor wie im Urlaub.
Du bist schon seit einiger Zeit Inhaber der Salatbar "SalTo" in Regensburgs Stadtteil Reinhausen. Das Thema gesunde Ernährung ist für Profisportler natürlich immer präsent. Wie versucht Ihr, eine breitere Öffentlichkeit dafür zu interessieren? Wie kann man sich gegen McDonalds und Co. behaupten?
Mittlerweile haben wir sogar eine kleine Filiale in der Innenstadt eingerichtet, weil Reinhausen doch etwas außerhalb vom Zentrum liegt. Auch die Ketten sind ja mittlerweile auf den Trend aufgesprungen und bieten Salat-Auswahlen an. In Frankreich gibt es das McCafé auch als Salatbar. Ich muss gestehen, dass ich selbst nie die beste Ernährung zu mir genommen habe, mein Favorit war früher eigentlich Döner. Es ist auch nicht so, dass man sieben Tage die Woche nur Salat essen sollte, aber vielleicht ein Bewusstsein für gesunde Ernährung, vielleicht wenigstens zweimal Salat statt Burger. Durch mein Geschäft ernähre ich mich nun selbst viel gesünder und merke, wie viel mir das bringt. Wir machen alles selbst und haben nur frische Waren. Das ist vielleicht manchmal nicht so perfekt wie bei den Ketten, aber die Leute verstehen es auch, wenn der Lieblings-Salat mal ausverkauft ist. Das hat Charme. Inzwischen sind wir aber nicht die einzigen mit einem derartigen Konzept, es gibt schon ordentliche Konkurrenz. Deshalb sind wir jetzt auch nur mit einer kleineren Filiale in der Innenstadt, denn die Mietpreise sind wie überall horrend. Jetzt für den Winter probieren wir zusätzlich ein Konzept mit Ofenkartoffeln, Currys und Suppen für die kälteren Tage.
Ist die Bar auch rund um das Spiel geöffnet? Vielleicht verirrt sich ja der eine oder andere Fan in Blau-Weiß dorthin…
Leider nein, denn wir haben samstags geschlossen. Wir machen hauptsächlich Firmenbelieferungen und unsere Kundschaft kommt zu 90% in der Mittagspause. Am Wochenende lohnt es sich dann nicht, lauter frische Waren vorrätig zu haben, denn von unserem Umsatz müssen wir auch mehrere Angestellte bezahlen.
Du hattest zwar in Regensburg gespielt, warst aber zwischendurch noch auf anderen Stationen, in Lotte und in Weiden. Warum hat es Dich nach Regensburg zurück verschlagen?
Mein Abschied kam relativ kurzfristig, als mir wie so oft ein weiterer Stürmer vor die Nase gesetzt wurde und ich nicht das Gefühl hatte, dass ich noch auf viele Spiele kommen würde. Eigentlich hatte ich in der Hinrunde viele Tore erzielt und auf Geld verzichtet. Dann kam das Angebot aus Lotte, die zu der Zeit Tabellenführer waren, und ich konnte aufgrund einer Klausel ablösefrei wechseln. Dort spielte ich unter Maik Walpurgis, der ja jetzt in Osnabrück ist, sechs Monate. Zur Sicherheit hatte ich aber meine Regensburger Wohnung nur untervermietet. In Lotte hat es mir dann nicht so gefallen, Walpurgis ist zwar ein guter Trainer, aber seine Art Fußball spielen zu lassen, war eher nüchtern und ergebnisorientiert, das kam mir nicht so entgegen. Ich bin dann wieder zurück nach Regensburg und habe mal drei Monate Pause vom Fußball gemacht, in einer Strandbar als Barkeeper gejobbt und mal die Seele baumeln lassen. Selbst direkt nach meinem Abi hatte immer der Fußball die Hauptrolle gespielt. Doch nach einer Zeit habe ich gemerkt, dass es so ganz ohne doch nicht geht. Günter Güttler, mein vorheriger Trainer in Regensburg, war mittlerweile in Weiden, das sind nur 40 Minuten von Regensburg aus. Dort habe ich mich dann zunächst fit gehalten und schließlich einen Vertrag bekommen -dann kam dort die Insolvenz. Nach dem Erlebnis war es dann mal gut. Ich wollte nicht mehr umziehen und wegen einem Dritt- oder Viertligagehalt alles stehen und liegen lassen und so weiterleben, bis ich 35 bin. Deshalb die Idee, Fußball nebenbei als Spielertrainer zu betreiben, wo man ein Zubrot verdienen kann, und hauptberuflich das Geschäft zu leiten. Zunächst wollte ich eine Franchise-Lizenz übernehmen, habe dann aber selbständig den Einstieg gefunden. Nach knapp einem Jahr war ich dann Unternehmer.
Könntest Du Dir vorstellen, dass die Reihenfolge wieder anders herum wird und Du höherklassig Trainer wirst?
Mit 31 bin ich ja noch nicht so alt und will selbst noch viel zu gerne spielen. Den C-Schein habe ich in Edenkoben gemacht, auch der B-Schein ging schnell. So wäre es auch beim A-Schein, der Fußball-Lehrer dauert dann aber schon länger und wird an der Sporthochschule erworben. Klar trainiere ich gerne und gebe die Dinge aus meiner Profizeit mit Freude weiter. Und als Aktiver kann ich den Jungs auch noch was vormachen.
Allerdings muss man als Spielertrainer auch alles im Blick behalten -auf und neben dem Platz…
Ja, das habe ich mir schon leichter vorgestellt, man kann sich schlecht auf alles gleichzeitig konzentrieren. Ich habe jetzt eine Zeit lang beim Freien TuS Regensburg sogar auf der "Sechs" gespielt, weil ich vorne zu wenig im Geschehen war. Leider sind wir in der Relegation abgestiegen. Jetzt haben wir eine sehr junge Truppe, die richtig Spaß macht, alle wollen lernen. Zuvor gab es da ein paar "alte Hasen", die schon lange im Verein dabei waren, die haben sich nicht so leicht von einem "Jungspund" wie mir etwas sagen lassen wollen. Auf der Sechser-Position haben wir jetzt aber zwei richtig gute Jungs geholt, da kann ich mich während des Spiels wieder mehr auf meine eigene Leistung konzentrieren. Das klappt bis jetzt anscheinend auch ganz gut, denn wir haben aus den ersten fünf Spielen vier Siege geholt, dreimal sogar mit jeweils 5 Toren – und ich stehe schon bei 12 Treffern…
Worin liegt der größte Unterschied zum professionellen Bereich? Welche "Selbstverständlichkeiten" sind Amateurspielern nicht so klar?
Vor allem die Handlungsschnelligkeit und das Vorausschauende fehlen in den unteren Ligen. Automatismen wie das Passspiel, taktisches Verständnis und so weiter fehlen ganz oder sind mit viel mehr Fehlern verbunden. Grundsätzlich können viele körperlich mithalten, aber Dinge, die bei einem Profi konstant 50mal klappen, zum Beispiel ein sauberer Flankenwechsel, funktionieren hier dann nur zweimal. Auch wissen nur wenige, wie man durch gutes Stellungsspiel brenzlige Situationen gar nicht erst entstehen lässt. Manchmal haben mich die Jungs bei Dingen, die mir völlig klar waren, groß angeguckt, weil sie davon noch nie etwas gehört hatten. Obwohl ich Stürmer bin, ist es faszinierend, was manche unter einer Viererkette verstehen…
Nochmal zurück zu Lotte: Die Sportfreunde scheiterten gerade unglücklich in der Relegation an RB Leipzig. Wie denkst Du über die Aufstiegsregelung?
Es ist sehr bitter, wenn aus fünf Ligen nur drei Teams aufsteigen dürfen und es manche Meister nicht schaffen. Man geht eine ganze Saison vorweg und wird dann nicht belohnt. Da müsste man eine bessere Regelung finden. Man weiß ja zum Beispiel, dass die Teams aus dem Westen sehr stark sind. Ob da Setzlisten helfen? Schwierig…
Du hast sicherlich die sportliche Entwicklung der Regensburger verfolgt und vielleicht auch das eine oder andere Spiel besucht. Warum konnte sich der Jahn nach dem Aufstieg 2012 nicht in der 2. Bundesliga halten?
Wie in so vielen Vereinen hängt es auch in Regensburg am Geld -und damit an der Qualität. Es gibt in Deutschland einen riesigen Markt mit Spielern von hoher Qualität, der Jahn musste trotzdem aus finanziellen Gründen auf Spieler aus dem Ausland setzen. Ein Spieler aus Spanien brauchte z.B. erst einmal vier Wochen, um fit zu werden. Der Weg, der Regensburg nach oben gebracht hatte, ging eigentlich über eigene Talente, von dem ist man etwas abgekommen. Wenn dann die Neuen nicht so einschlagen, kann man sich nicht halten. Die Jugendmannschaft spielt auch nur in der Bayernliga, viele Talente aus der Region wechseln schon früh in den Münchner Raum. Außerdem ist der Einzugsbereich viel weiter, aber weniger besiedelt, Regensburg ist kein Ballungsgebiet wie Südhessen. Trotzdem gibt es mit Oliver Hein oder Torwart Patrick Wiegers tolle Talente aus der eigenen Jugend, die jetzt ihre Chance bekommen. Perspektivisch hoffe ich, dass der Stadionneubau für Regensburg einen Schub geben kann.
Nach dem Abstieg musste in Regensburg ein Umbruch im Kader stattfinden. Welche Rolle wird die Truppe um Trainer Thomas Stratos in dieser Saison spielen?
Das ist ganz schwierig einzuschätzen. Bis jetzt haben sie sich eigentlich in allen Spielen gut verkauft, sind aber verhalten in die Saison gestartet, was die Ergebnisse angeht. Auch die Lilien haben ja gerade im Spiel in Unterhaching gesehen, dass man auch einen 2:0-Vorsprung schnell verspielt hat und die starke erste Halbzeit nach 70 Minuten dann nicht mehr viel wert war.
Wie ist denn die Atmosphäre im Regensburger Stadion verglichen mit dem Böllenfalltor?
Es gibt schon immer zwischen 3000 und 6000 Zuschauer, wenn es richtig gut läuft, ich fand es immer etwas schade, dass davon höchstens 10% Fans sind, die sich lautstark bemerkbar machen. Die anderen 90% sind tatsächlich "Zuschauer", klatschen zwar schon immer mal, aber da ist die Begeisterung in Darmstadt schon anders.
Im letzten Auswärtsspiel hat Dominik Stroh-Engel in Unterhaching einen Dreierpack geschnürt. Du hast das auch einmal geschafft, im Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern II (4:0) kurz vor Saisonende 06/07. Dein bestes Spiel im Lilientrikot?
Das war eine komische Situation, denn drei Tage vorher war mein Wechsel zu den Stuttgarter Kickers bekannt geworden. Wir waren stark abstiegsgefährdet -die Stimmung drohte zu kippen. Die 1. Halbzeit war schwach, es stand noch 0:0. Dann holte ich eine rote Karte heraus, das hat uns geholfen -und ich traf dreimal gegen Andreas Clauß, den Ex-Torhüter der Lilien. Früher hatten wir immer Karten zusammen gespielt -als Gegner hat er mir irgendwie gelegen. Nach dem Sieg war trotzdem eine Geisterstimmung im Stadion. Leider hat es trotz der drei Tore nicht zum Klassenerhalt gereicht, gegen Ingolstadt kassierten wir im Heimspiel darauf kurz vor Schluss den 2:2-Ausgleich. Das Tor hat übrigens Tobias Fink gemacht, der mittlerweile ein guter Freund von mir geworden ist. Für mich selbst war diese 2. Halbzeit gegen Kaiserslautern aber sicherlich mit die beste.
Wirst Du am kommenden Samstag im Stadion sein und gibt es für Dich einen Favoriten?
Ich muss mal sehen, am Sonntag wollen wir in den Urlaub nach Thailand fliegen, das muss ich noch mit meiner Freundin besprechen. Leider habe ich nicht mehr so viele persönliche Verbindungen zu den Spielern, klar, mit Elton da Costa habe ich noch zusammen gespielt und kenne auch Tom Eilers noch. Nach dem Auswärtssieg in Unterhaching sehe ich die Lilien mit einem Tor vorne, ein Unentschieden ist ebenfalls nicht unwahrscheinlich. Mir wäre es am liebsten, wenn das Team die Punkte holt, das sie am Ende der Saison am nötigsten hat, damit keiner meiner beiden Vereine hinten raus Probleme bekommt…
Vielen herzlichen Dank, Nico Beigang, für das ausführliche Interview!
Das Gespräch führte Markus Sotirianos.