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08.01.2020 / Allgemein

„Das ist nichts Gespieltes, das bin einfach ich“

Hinter Marcel Schuhen liegt ein bewegtes Jahr 2019. 12 Monate, die der 26-Jährige in der Winterpause Revue passieren lassen konnte. Mit uns sprach der Schlussmann über seine bisherige Zeit bei den Lilien, Emotionen im Spiel und die Vorbereitung bei Torhütern.

sv98.de: „Ich war noch niemals in New York“, so lautet eine berühmte Textzeile von Udo Jürgens. Du kannst das seit der Winterpause nicht mehr von dir behaupten…

Schuhen: Stimmt, ich war erstmals dort. Meine Frau und ich haben das relativ spontan entschieden, weil wir noch ein Urlaubsziel gesucht haben und keine Lust auf Dubai hatten. (lacht) Wir haben dann geschaut, wo wir relativ schnell und einfach hinfliegen können – und sind so auf New York gekommen.

sv98.de: Du hast dort auch ein Football-Spiel besucht. Ein beeindruckendes Erlebnis?

Schuhen: Beeindruckend war insbesondere die Art und Weise, wie in Amerika der Sport zelebriert wird. Dort wird ein richtiges Event veranstaltet, die Fans grillen vor dem Stadion auf den Parkplätzen, das habe ich so auch noch nicht gesehen. Die Menschen treffen sich dort, selbst wir als Touristen konnten mit den Leuten essen und trinken. Da habe ich schon gemerkt, wie sehr stark der Sport in den USA verwurzelt ist und das war, abgesehen vom reinen Spiel, schon etwas Besonderes.

sv98.de: Generell bieten die Tage in der Winterpause natürlich auch immer die Möglichkeit, das Jahr Revue passieren zu lassen. Bei dir ist ja durchaus einiges passiert mit Vereinswechsel, Armbruch etc…

Schuhen: Es war ein sehr ereignisreiches Jahr für mich. Und trotzdem rennt die Zeit innerhalb des Jahres an einem vorbei und man sitzt dann unter dem Weihnachtsbaum und sagt sich: „Krass, was alles los gewesen ist.“ Ich habe viel gesehen, es ist viel passiert und trotzdem waren es nur 12 Monate.

sv98.de: Auf die Frage nach deiner bisherigen Lilien-Bilanz hast du bereits nach dem Spiel gegen Hamburg geantwortet. Es war einiges dabei. Sowohl positiv als auch negativ. Kannst du es vielleicht nochmal etwas ausführlicher aufdröseln und was wünschst du dir für das neue Jahr – wahrscheinlich primär keine weitere Verletzung…

Schuhen: An eine erneute Verletzung denke ich überhaupt nicht. Wenn solche Gedanken im Bewusstsein auftauchen, dann ist es oft schon fast zu spät. Ich hatte sehr schnell wieder Sicherheit in meinem Arm, es hat sich wie zuvor angefühlt und damit war es dann auch erledigt. Die Bilanz, die ich nach dem HSV-Spiel gezogen habe, ist genau die, dich ich auch heute ziehen würde: Ein Spiel gespielt, den Arm gebrochen, zurückgekommen, ein kleines Tief gehabt, aus dem ich mich gekämpft habe und dann auch gute Leistungen abrufen konnte. Das fasst meine bisherige Darmstadt-Zeit gut zusammen.

sv98.de: Mit dem kleinen Tief meinst du die Spiele gegen Fürth und Regensburg. Das Jahr endete dann aber mit den Bildern deiner sensationellen Taten in Wiesbaden und auch in der Nachspielzeit gegen den HSV. Hat dieses „Rauskämpfen“ aus einem Tief viel mit mentaler Stärke zu tun?

Schuhen: Ich habe mir im Laufe meiner Karriere alles selbst erarbeiten müssen. Und ich denke, dass ich mir dadurch ein Fundament gelegt habe, das sich vielleicht ein wenig von anderen Spielern unterscheidet. Man fällt nicht so tief, weil man genau weiß, dass die bisherigen Schritte nicht auf Zufall basieren, sondern der Lohn harter Arbeit sind. Eine schwierige Phase, die bei jedem Spieler irgendwann mal kommt und auch normal ist, wirft dich dann nicht aus der Bahn. Natürlich habe ich auch Gespräche geführt. Mit meiner Frau, der Familie und den Torwarttrainern. In einer schwierigen Phase musst du auch entscheiden, wessen Meinung wirklich wichtig ist. Es wird viel erzählt, vieles ist aber total uninteressant und ohne Bedeutung. Grundsätzlich gilt: Weiterarbeiten und sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Ich musst dann lange auf diese Situationen wie in Wiesbaden warten, wo ich der Mannschaft durch einen wichtigen Save helfen konnte oder auch gegen den HSV schlussendlich meinen Beitrag zum Punktgewinn geleistet habe. Aber auch wenn diese Spiele erst spät kamen, ich musste geduldig bleiben, um dann in diesen Situationen dem Team helfen zu können.

sv98.de: Auffällig sind auch die Emotionen nach einer Glanzparade, regelmäßig feierst du auch deine Vorderleute für eine gelungene Rettungstat. Sicherlich hat jeder Profi auf dem Feld einen hohen Adrenalinwert – für den äußeren Beobachter scheint deiner aber noch höher zu sein. Was machen diese 90 Minuten auf dem Feld mit dir?

Schuhen: Es gibt einfach Momente und Situationen, wo das alles aus mir rauskommt. Auch während einer Verletzung macht man sich ja Gedanken, wie man mit verschiedenen Dingen umgeht und was man selbst eigentlich für ein Typ ist. Privat bin ich schon gesellig und entspannt, aber diese Momente auf dem Feld brauche ich. Damit kann ich meinen Mitspielern etwas geben, aber auch mir selbst und all den Zuschauern. Das ist nichts Gespieltes, das bin einfach ich. Wenn ich dann im Nachhinein die Bilder sehe, sieht es manchmal schon etwas verrückt aus. (grinst) Aber in diesen Situationen waren das die Emotionen, die entstanden sind. Und diese Emotionen sind mir auch unheimlich wichtig. Egal, wie alt ich bin – um mein Spiel zu spielen, werde ich immer genau so sein.

sv98.de: Bist du auch deshalb froh, seit Montag wieder auf dem Platz zu stehen? Weil du dort Emotionen besser rauslassen kannst, als vielleicht in den eigenen vier Wänden.

Schuhen: Mir ist das Wechselspiel enorm wichtig. Natürlich freue ich mich darüber, wieder Fußball zu spielen. Aber ich habe die Tage bei der Familie auch extrem genossen. Diese Zeit zum Runterfahren braucht es unbedingt, um die Einstellung und Motivation über eine ganze Saison hochhalten zu können. Wenn man ständig einen Ticken drüber ist, dann ist das auch nicht gut, genauso wenig, wenn man die Sache zu entspannt angeht. Deswegen ist es wichtig, dass jeder Spieler auch seinen Ausgleich hat und findet.

sv98.de: Feldspieler fürchten die Vorbereitung häufig aufgrund der Konditionseinheiten, über die Abläufe bei Torhütern wird weniger gesprochen. Sind es bei euch eher Treppen- statt Ausdauerläufe?

Schuhen: Auch bei uns unterscheidet sich das Training in der Vorbereitung von den Abläufen während der Saison. Gestern gab es beispielsweise eine Turnierform, bei der die nicht-aktive Mannschaft Läufe absolviert hat. Da sind wir Torhüter mitgelaufen. Heute waren die Feldspieler im Wald, in der Zeit haben wir sehr intensives Training gemacht. Da machen wir dann mehr Wiederholungen bei den einzelnen Übungen, der Puls steigt dann auch höher als im Training während der Spielzeit. Aber natürlich sind ein paar Läufe generell für unsere Grundausdauer wichtig, ab einem gewissen Zeitpunkt machen sie aber für das torwartspezifische Spiel keinen Sinn mehr. Deswegen ist das etwas angepasste Torwarttraining in der Vorbereitung für uns perfekt. Ich glaube auch, dass wir ungern alle Laufeinheiten der Feldspieler absolvieren würden, umgekehrt die Jungs sich aber auch nicht unbedingt 90 Minuten lang in den Dreck schmeißen möchten. Deswegen hat ja jeder seine Position.

sv98.de: Insgesamt warten noch 16 Spiele auf euch. Der Cheftrainer hat zum Auftakt von „Luft nach oben“ gesprochen. Speziell auch, weil in einigen Spielen Punkte unnötig liegengelassen wurden. Siehst du das ähnlich?

Schuhen: Definitiv. Insbesondere weil, speziell gegen Ende der Hinrunde, viele Spiele dabei waren, in denen zu sehen war, welche fußballerische Qualität wir haben. Und auch den Mut, diese zu zeigen. Deshalb glaube ich, dass für uns noch einiges drin sein wird und man das auch in den verbleibenden Spielen sehen wird. Ich bin daher sehr optimistisch, dass wir in der restlichen Rückrunde mehr Punkte holen werden.

sv98.de: Ein wichtiger Faktor dabei könnte auch das Bölle sein. Wie sehr freut ihr euch darüber, bis Saisonende in einem vollen Stadion mit vier Tribünen zu spielen. Inklusive der fertigen Gegengerade?

Schuhen: Bei allen Heimspielen war zu spüren, was am Bölle passieren und geschehen kann. Durch die vier Tribünen entsteht dann nochmal eine andere Atmosphäre, das haben wir schon durch den fertigen Unterrang gespürt. Wir freuen uns, die Fans wahrscheinlich genauso. Je mehr Leute im Stadion sind, desto lauter wird es sein.

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