FAQs zum verlegten Testspiel gegen San Antonio
Der SV 98 beantwortet die wichtigsten Fragen zum verschobenen Testspiel der Lilien beim Kooperationspartner San Antonio FC.
Für Peter Niemeyer gibt es nur „Vollgas“, wie er selbst gerne betont. Aktuell schuftet der 33-Jährige mit aller Energie für sein Comeback. Mit sv98.de sprach der „Aggressive Leader“ bei einer seiner Reha-Einheiten über den Weg zurück auf den Platz, das Wir-Gefühl und zwischenmenschlichen Respekt.
sv98.de: Peter, zunächst die Frage: Wie geht es voran?
Peter Niemeyer: Wir sind fleißig am Trainieren. Es geht immer besser und es motiviert, dass immer mehr funktioniert und das Licht am Ende des Tunnels immer heller wird.
sv98.de: Das Mannschaftraining würdest du aber sicherlich bevorzugen…
Niemeyer: Natürlich möchte ich lieber mit den Jungs wieder auf dem Platz stehen. Dafür stehe ich jeden Morgen auf und quäle mich in der Reha.
sv98.de: Bist du ein ungeduldiger Mensch?
Niemeyer: Ich habe mich mit der Situation arrangiert, weil ich gemerkt habe, dass ich diesen Schritt gehen musste. Jetzt gucke ich nicht zurück, sondern bin fokussiert und gebe Vollgas bei jeder Übung. Aber ich sehne mich dem Ende des Tunnels entgegen.
sv98.de: Was ist dein Licht am Ende des Tunnels?
Niemeyer: Wieder am Böllenfalltor aufzulaufen und das Anfeuern der Fans zu erleben. Ich habe das Bild des weißen Auswärtsblocks in Kaiserslautern vor Augen, so etwas motiviert mich ungemein. Das ist mein täglicher Antrieb.
sv98.de: Fragt dein Sohn auch, wann du wieder auf dem Platz stehst?
Niemeyer: Er fragt schon, „Warum bist du verletzt?“ oder „Warum kannst du nicht spielen?“ Aber er ist auch wirklich lieb und sagt dann „Ist das dein verletztes Bein?“. Das ist für mich etwas Schönes, generell ist Zeit mit meinem Sohn das Größte.
sv98.de: Die Vorbereitung hast du komplett absolviert, zum Saisonauftakt standest du in der Startelf. Doppelt bitter, dass danach die Verletzung kam?
Niemeyer: Letztendlich macht es keinen Sinn, der Verletzung noch eine Wertung zu geben. Es ist einfach Scheiße, egal ob jetzt nach der Vorbereitung, mitten in der Saison oder an Weihnachten. Das ist völlig egal. Auf einer Negativskala von 1-10 ist eine Verletzung immer eine 10, egal zu welchem Zeitpunkt.
sv98.de: Torsten Frings nennt dich gerne „Aggressive Leader“. Du bist aktuell häufiger am Stadion und bei der Mannschaft. Kann auch ein verletzter Spieler Leader sein?
Niemeyer: Bedingt würde ich sagen. Ich versuche nah an der Mannschaft zu sein, die aktuelle Konstellation ist für mich optimal. Die Reha ist direkt um die Ecke, ich schaue in der Kabine vorbei und spreche mit den Jungs. Da kann ich schon ein wenig eingreifen, die Leute motivieren. Aber zur Grätsche ansetzen, um alle wachzurütteln, das ist aktuell schwierig (grinst)
sv98.de: Die Vorbereitung hast du hautnah erlebt. Es hat ein Umbruch stattgefunden. Trotzdem scheint sich die Mannschaft sehr schnell gefunden zu haben. Passt es dieses Jahr?
Niemeyer: Das Gefühl habe ich absolut. Letztendlich habe ich in meiner Karriere auch erlebt, dass nichts über Siege geht. Die Truppe kann noch so geil sein, durch Niederlagen wird das immer auf die Probe gestellt. Umgekehrt wird eine Truppe, wo es vielleicht nicht so passt, die aber ständig gewinnt, auch zu einer Einheit. So sind die Mechanismen im Fußball. Aber vom Charakter her haben wir eine richtig gute Truppe und der Saisonstart hat nochmal einen Schub gegeben, um daraus eine überragende Einheit zu machen. Wir sind schon ganz eng zusammengewachsen, die Trainer haben sehr auf den Charakter geachtet. Das passt sehr gut.
sv98.de: Woran machst du das fest?
Niemeyer: Ich kann nur immer wieder betonen, dass speziell die Auswechselspieler und die Jungs, die etwas hintendran sind, eine Team zu etwas besonderem machen können. Die Spieler von 1-11, die musst du nicht großartig motivieren, die laufen von alleine und sind gut drauf. Aber es geht um die Jungs, die vielleicht die Positionen 12-25 innehaben. Und da haben wir richtig geile Charaktere. Ich habe auch nach St. Pauli Bilder in unsere Gruppe geschickt, wie die Ersatzspieler den gehaltenen Elfmeter von Ferro gefeiert haben. Ein anderes Beispiel ist Yannick Stark. Phänomenal, wie er das macht. Er stellt sich hinten an, aber wenn er reinkommt, gibt es nur Vollgas und dann macht er auch noch seine Tore. Vor diesen Jungs ziehe ich meinen größten Hut.
sv98.de: Es sind viele jüngere Spieler zum Team gestoßen, in der Vergangenheit herrschte eine andere Altersstruktur. Was ändert sich dadurch innerhalb der Mannschaft und an deiner Rolle?
Niemeyer: Man sieht, dass die jungen Spieler schon wahnsinnig gut ausgebildet sind. Dass aus den Nachwuchsleistungszenten immer wieder hervorragende Talente heraussprudeln. Ich freue mich natürlich besonders, dass auch Spieler aus unserem NLZ zumindest den Sprung in unser Training geschafft haben. Ich finde es schön, einen Jungen wie Marvin zu sehen, der seine Rolle in der Mannschaft findet und für sie Vollgas gibt. Letztendlich interessiert nicht alt oder jung, sondern nur die Qualität des Spielers. Und diese Qualität haben die Jungs allesamt.
sv98.de: Trotzdem würdest du sie an die Hand nehmen und Rat geben, wenn sie auf dich zukommen?
Niemeyer: Ich erzähle ihnen gerne, wie es damals war (lacht) Das ist ja immer das Schlimmste, zu hören, dass früher alles besser gewesen wäre. Ich finde es super, dass die Jungs so eigenständig und weit sind. Aber ich bin auch ein wenig von der alten Schule und finde schon, dass eine gewisse Hierarchie innerhalb des Teams wichtig ist. Wenn es gut läuft, kann sich jeder problemlos entfalten. Aber wenn es schlecht läuft, muss es die Spieler geben, die den Kopf vielleicht ein wenig stärker hinhalten. Deswegen finde ich eine Hierarchie wichtig. Aber eine, die jedem seine Meinung lässt und Entfaltungsmöglichkeiten bietet und keine, in der es mit dem Stock auf die Finger gibt.
sv98.de: Es wird immer wieder über die Einstellung der neuen Generationen diskutiert. Siehst du als harter Arbeiter dieses Thematik auch kritisch?
Niemeyer: Natürlich hat sich einiges gewandelt. Früher hatte ich links und rechts die Wasserkisten und über beide Schultern die Ballsäcke. Da habe ich dem Torsten die Bälle getragen (lacht). Aber ich finde das nicht schlimm. Mir ist es egal, ob alt oder jung. Wenn ich auf dem Platz stehe, das verlange ich von mir und meinen Mitspielern, dann muss jeder 100 Prozent abliefern. Ich mag es nicht, wenn jemand die Schultern hängen lässt. Aber es pusht mich, wenn ich jemanden angucke und sehe, der brennt genauso wie ich. Da spielt das Alter keine Rolle. Da ist es mir sogar egal, ob es ein Mitspieler ist, ein Betreuer oder ein Physio. Wenn da jemand an der Seitenlinie steht, der mich anschreit, dann finde ich das geil.
sv98.de: Wegegehend vom Fußball. Du bist jemand, der auch über den Tellerrand schaut. Im Trainingslager wurde es ganz deutlich, als du proaktiv auf eine Gruppe Kinder zugegangen bist, die ebenfalls im Teamhotel wohnte und die allesamt krankheitsbedingt eine schwere Zeit hinter sich hatten. Du hast sie damals zu einem Training eingeladen und dir dort viel Zeit genommen. Für dich eine Selbstverständlichkeit?
Niemeyer: Das hat auch mit einem gewissen Alter zu tun und auch mit einer Vaterrolle, die ich inzwischen innenhabe. Aber ich muss auch ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern. Ich war als kleiner Junge in einem speziellen Kindergarten. Damals war Inklusion noch nicht das Thema und ich habe spät angefangen, zu sprechen und war daher mit einigen behinderten Kindern zusammen in diesem Kindergarten. Wenn es den Kindergarten noch gäbe und mein Sohn in Riesenbeck wohnen würde, dann würde ich meinen Sohn in diesen Kindergarten schicken. Natürlich bekommt man vieles vom Elternhaus auf den Weg, aber letztendlich habe ich dort viel Soziales gelernt. Ich denke schon, dass dieses Empfinden auch deshalb ein Stück weit ausgeprägter bei mir ist.
sv98.de: „Es gibt nichts Schöneres als ein Kinderlachen.“ So lautete damals deine simple Argumentation für die Aktion. Eine Ansicht, die durch deinen Sohn nochmals bekräftigt worden ist?
Niemeyer: Ich plaudere jetzt nochmal aus dem Nähkästchen. Ich hatte in der Schule zwischenzeitlich eine schwierige Zeit. Ich war irgendwann derjenige, der nicht mit auf die Klassenfahrt konnte, der nicht mit den anderen Skaten oder das erste Bier getrunken hat, weil ich immer zum Training gefahren bin. Da war ich ziemlich out. Wenn die anderen feiern waren, dann war ich zuhause. Ich bin da eine Zeit lang wirklich gehänselt worden und ungern zur Schule gegangen. Das sind Punkte, die mich prägen und durch die ich auch eine gewisse Verbindung und Verantwortung für solche Gruppen empfinde. Und wie ich es damals schon gesagt habe: An das Lächeln eines Kindes kommt sonst nichts heran.
sv98.de: Auf dem Platz „Aggressive Leader“, bist du auch als Vater der strengere Part?
Niemeyer: Wer mich ein wenig kennt, der schüttelt immer den Kopf, wenn er mich im Spiel sieht. Es gibt wenige Menschen, die zwei so verschiedene Gesichter haben. Manchmal denke ich selbst „Was ist das für ein Depp, der da auf dem Platz steht?“ (lacht) Aber neben dem Platz versuche ich ein lieber und umgänglicher Mensch zu sein, der immer auch die Gemeinschaft sieht. Bei meinem Sohn bin ich eher derjenige, der die Dinge lieber mit ihm diskutiert als sofort auf den Tisch zu hauen. Da bin ich der liebe Vater, oder versuche es zumindest zu sein.
sv98.de: Welche Werte gibst du deinem Sohn mit auf den Weg und hast du ihn mittlerweile zum Darmstadt-Fan gemacht?
Niemeyer: Ich war vor kurzem bei seinem Turnier, das erste der neuen Saison. Da habe ich in ihm wirklich den Niemeyer gesehen. Er hat alle zur Seite geschoben und gegrätscht, also sportlich scheint er sich etwas abzugucken (lacht) Er läuft schon mit seinem Lilien-Shirt rum, allerdings hat er auch eine Bayern-Affinität. Aber jetzt spielen wir auch in einer anderen Liga und es läuft ganz gut, da ist er dann schon Darmstadt-Fan.
sv98.de: Du schaust auch auf deine Zukunft, machst aktuell deinen Trainerschein. Würdest du auch in diesem Bereich gerne mit Kindern und Jugendlichen arbeiten?
Niemeyer: Total gerne. Ich war auch hier schon am NLZ und finde es total spannend zu sehen, wie weit und professionell diese Nachwuchsleistungszentren sind. Ich bin davon überzeugt, dass auch in Darmstadt in der näheren Zukunft mehr Jugendspieler den Durchbruch schaffen können. Insgesamt ist es eine hochinteressante Thematik und ich freue mich darauf, mit Jugendlich zusammenarbeiten zu dürfen.
sv98.de: Was kann der Trainer Niemeyer einer Mannschaft beibringen?
Niemeyer: Alleine ist man nichts, zusammen ist man alles. Ich bin davon überzeugt, dass gemeinschaftlich jedes Ziel erreicht werden kann. Natürlich gibt es Ich-AGs und es ist auch wichtig, dass jeder Spieler versucht, sich zu behaupten. Aber auch Torsten sagt es immer wieder, in der Vorbereitung gibt es diese Ich-AGs, aber mit dem Startschuss in der Saison zählt nur noch das Wir. Das sage ich meinem Sohn auch ständig. Kann ich nicht, das gibt es nicht. Zusammen schafft man alles. Da bekomme ich Gänsehaut, wenn ich daran denke, dass wir zusammen eine erfolgreiche Saison spielen können. Da zähle ich jeden dazu. Wenn jeder seinen Job macht, wenn die Physios ihre Sache machen, wenn Ruhe im Verein ist, wenn sich ein Spieler mal beim Zeugwart anlehnen oder auskotzen kann, dann bin ich überzeugt, dass wir eine gute Runde spielen können. Und diese Vorstellung würde ich jedem Team mitgeben.
sv98.de: Was ist dir dabei besonders wichtig?
Niemeyer: Respekt ist ein ganz großes Thema. Heutzutage nimmt es etwas ab, das ist leider so. Die jungen Spieler werden immer mehr gehypt und müssen eben nicht mehr zwei Ballsäcke plus Wasserkisten tragen. Aber die Trikost und Stutzen nach dem Spiel auseinanderzuziehen und in die Kiste zu legen, auch mal Danke zu sagen, das finde ich ganz wichtig. Das Wort Danke hat eine enorme Bedeutung.