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06.01.2015 / Allgemein

Die Aufstiegspredigt -und der Pfarrer dahinter

Ottmar Arnd, Pfarrer in Neunkirchen/Odenwald, bezog in einer seiner Predigten das Aufstiegswunder der Lilien mit ein. Das Mitgliedermagazin „der 98“ sprach mit ihm über die Hintergründe dieser außergewöhnlichen Aktion.

98er: Ich habe mir ihre Predigt, in der Sie den Aufstieg der Lilien mit einbeziehen, als Vorbereitung mehrmals durchgelesen. Wann kamen Sie auf die Idee für diese außergewöhnliche Predigt?
Ottmar Arnd: Das Spiel in Bielefeld fand um die Pfingstzeit herum statt und der Geist, der da in der Mannschaft geherrscht hat, und auch jetzt noch herrscht, hat mich einfach fasziniert. Die BeGEISTerung ist auf die Fans über- und zurück auf die Mannschaft geschwappt, was mit Händen und Füßen zu spüren war. Das hat für mich eine Menge mit Gott und damit auch mit dem Heiligen Geist -dem Geist Gottes -zu tun. Ich will nicht blasphemisch sein, aber dieser Sieg in Bielefeld hatte für mich schon etwas Göttliches, weil er so unerwartet kam, so viele positive Emotionen geweckt und viele Menschen, ja eine ganze Region glücklich gemacht hat. Keiner der Fußballexperten, auch ich nicht, hatte mehr mit sowas gerechnet. Die Fakten sprachen klar gegen den SV. Der SV war unten. Und dann plötzlich oben. Das erste Aufstiegsspiel war so schwach, und im zweiten waren sie so stark. Das will auch der Glaube: Menschen stark machen.
98er: Wussten Sie nach dem Aufstieg direkt, dass das Thema in ihrer Predigt sein wird?
Ottmar Arnd: Als ich vor meinem PC und meinen Büchern saß, war das Spiel immer noch in meinem Kopf, und in vielen Sport-Gazetten immer noch DAS Thema. Ich konnte mich gar nicht auf den vorgeschlagenen Predigttext konzentrieren. Dann hab ich die Bücher einfach beiseitegeschoben und versucht dieses Fußballereignis mit dem Pfingstereignis damals in Jerusalem in Verbindung zu bringen. Und ich habe vier Parallelen gefunden.
98er: Waren Sie zufrieden, als Sie den Text fertig verfasst hatten?
Ottmar Arnd: Zufrieden? Ich bin jetzt noch ganz beGEISTert von der Predigt (lacht).
98er: War die Idee von Anfang an da, das Schicksal von Jonathan Heimes mit einzubeziehen?
Ottmar Arnd: Nein, das hab ich erst in der Zeitung gelesen. Auch dass die Spieler in den Relegationsspielen sein Band getragen haben. Aber dadurch ist neben dem sportlichen auch eine starke menschliche Tiefe ins Spiel gekommen, im wahrsten Sinn des Wortes! Diese Menschlichkeit, dieses "Nicht-Abgehoben-Sein" zeichnet, soweit ich das von außen beurteilen kann, auch den SV 98 aus: Die Spieler kommen ganz natürlich rüber, sie waren und sind ein Team. Jeder kämpft für den andern, da ist eine ganz starke, auch freundschaftliche Verbindung untereinander zu spüren.
98er: Haben Sie ihren Text jemandem vorgetragen?
Ottmar Arnd: Ja, wie immer: Meiner Frau, die auch begeisterter Lilien-Fan ist. Sie ist meine kritischste Predigthörerin. Wenn meine Frau sagt, „…das kannst du bringen..“, dann ist es okay. Sie erdet mich. Die Idee der Verbindung des Aufstiegsspiels in Bielefeld mit dem Geschehen damals in Jerusalem hat auch sie beGEISTert.
98er: Waren Sie während der Predigt aufgeregter als sonst?
Ottmar Arnd: Aufgeregter nicht, nur total überzeugt, dass die Predigt klasse ist. Ich finde, den meisten meiner Predigten kann man gut zuhören, aber die Pfingstpredigt 2014 war einfach super. Mein Ziel ist es, wann immer es möglich ist, den Kontakt zwischen biblischem Text und der Lebenswirklichkeit der Menschen herzustellen. Das gelingt manchmal sehr gut, manchmal weniger gut. Pfingsten 2014 hat es sehr gut geklappt, weil ich irgendwie ganz nah bei den Empfindungen der meisten Menschen war, es sind ja nicht alle fußballbeGEISTert. Aber der Aufstieg der Lilien war doch Thema des überwiegenden Teils der Menschen hier in Südhessen und nicht nur dort. Der SV 98 in der 2. Bundesliga. Einfach genial.
98er: Wie waren die Reaktionen nach dem Gottesdienst?
Ottmar Arnd: BeGEISTerte Menschen. Man hat mir bestätigt, dass ich es wieder geschafft habe, Leben und biblischen Text zusammenzubringen. Es gab auch einige kritische Statements, Kritiker gibt’s immer, die meinten, dass man den Heiligen Geist nicht unbedingt mit dem Geist im Team des SV 98 vergleichen könne. Ersterer habe doch noch mal eine ganz andere Qualität. Aber ich habe mir meine Begeisterung deswegen nicht nehmen lassen und sie dann, glaube ich, ein Stück weit auch mitgerissen. Es war alles in allem ein beGEISTernder Gottesdienst.
98er: Haben Sie diese Begeisterung auch schon direkt nach der Predigt gespürt?
Ottmar Arnd: Ja klar, das spürt man. Ich bin jetzt über 30 Jahre hier in Neunkirchen Pfarrer. Da entwickelt man ein Gefühl dafür, ob die Menschen bei der Predigt dabei sind oder fast einschlafen. Bei mir sind bisher die wenigsten eingeschlafen. Und das will was heißen: Denn die Predigtbänke in unsrer Kirche sind – Entschuldigung- "sau" bequem. Da kann man schnell dem Predigtschlaf frönen (lacht).
98er: Wie bekommt man das hin, dass die Leute die ganze Zeit dabei bleiben?
Ottmar Arnd: Man muss die Menschen gleich zu Beginn mit einem ungewöhnlichen Predigteinstieg fesseln. Bei der Pfingstpredigt habe ich so begonnen, dass womöglich zuerst mal jeder dachte: Ach der Arnd erzählt die Geschichte der Ausgießung des heiligen Geistes; Menschen, die traurig waren, die ihre Felle davonschwimmen sahen,  ja die Furcht hatten und das Gefühl: Alles ist vorbei. Das stimmte ja auch, aber der "Arnd" erzählte nicht von Pfingsten damals in Jerusalem, sondern vom Pfingsten heute in Bielefeld von dem besonderen Geist der damals mit den Jüngern und heute mit dem SV war und der sowohl die Jünger damals wie auch die Spieler des SV 98 heute beflügelt hat. Und schon ist da der Gedanke beim Predigthörer: ‚He?? Was soll‘n das??‘  und schon hast du ihn gefangen und er ist gespannt, wie das Ganze weitergeht. 

98er: Sind Sie auch noch in der Woche danach darauf angesprochen worden?
Ottmar Arnd: Ja, aber das ist nun nichts Besonderes: Ich werde öfter auf meine Predigten angesprochen. Ich selbst aber habe beim Freundschaftsspiel des SV 98 gegen den VFB Stuttgart mal kurz mit dem Vorsitzenden des SV 98, Herrn Fritsch, ein Gespräch geführt, ich hatte ihm die Predigt geschickt. Auch ihm hatte die Predigt gut gefallen.
98er: Denken Sie, dass die Botschaft bei den Leuten, die im Gottesdienst waren, angekommen ist?
Ottmar Arnd: Also wer das nicht verstanden hat, dem ist nicht mehr zu helfen (grinst). Ziel war es zu zeigen, dass der Geist, der da oder dort herrscht, Menschen stärken oder klein machen kann. Der Heilige Geist, der Geist Gottes, will immer nur Letzteres, davon bin ich überzeugt: Menschen stark machen. Und der Geist, der im Team der Lilien herrschte und herrscht, kennt keine Angst, hat die Zuversicht, dass immer noch was geht -und das hat für mich auch eine heilige Dimension. Das heißt aber nichts anderes, als dass Gottes guter Geist auch heute noch wirkt und sei es in einem Team, das verloren war, und dann doch wieder aufgestanden ist. Genauso wie das ‚Team‘ der Jünger um Jesus damals. Und schauen Sie, was für Emotionen ein Fußballspiel auslösen kann, welche Freude ein Tor von Stroh Engel in die Augen der Fans zaubert, wie sich Menschen plötzlich in den Armen liegen und für einen Moment lang ihren vielleicht tristen Alltag vergessen. Das hat doch eine Menge Göttliches, oder?
98er: Zum Abschluss würde ich gerne noch mit Ihnen über die Lilien reden. Denn wie man heraus gehört hat, sind Sie Darmstadt-Fan. Gibt es eine Partie, die Sie sich gerne im Stadion ansehen würden?
Ottmar Arnd: Ich hätte sehr gerne die Partie gegen die Leipziger gesehen, doch an dem Tag hatte ich die ganze Zeit mit meinen Konfirmanden zu tun, auch was Schönes! Ich finde, die Leipziger spielen einen schönen, gepflegten Fußball und ich sehe RB in gewissen Bereichen nicht ganz so kritisch wie die meisten Lilien-Fans. Im Gegenteil: Für die Region Leipzig und Umgebung ist dieser Verein, mit dem sich mittlerweile auch die dortigen Fans sehr stark identifizieren, ein Glücksfall. Gerade auch weil die Präsenz ehemaliger Ost-Vereine in höherklassigen deutschen Fußball ja nicht unbedingt häufig ist.
98er: Und ein Heimspiel in der Zukunft?
Ottmar Arnd: Die Partie SVD gegen den 1. FCK im Frühjahr des Jahres 2015. Das wäre ein Traum von mir, das live zu sehen. Aber man bekommt ja kaum noch eine Tribünenkarte für die Heimspiele der Lilien, besonders wenn man weiter weg wohnt. Das war in der 4. oder 3. Liga einfacher.
98er: Was trauen Sie der Mannschaft diese Saison noch zu?
Ottmar Arnd: Generell würde ich mich freuen, wenn die Klasse gehalten wird. Aber davon gehe ich mal aus, nach dem bisherigen Verlauf der Saison. Klar, wenn eine Niederlagenserie kommt, muss man sehen wie die Mannschaft damit umgeht. Sie hat ja das verlieren fast schon verlernt (lacht). Auf jeden Fall sind die bisherigen Ergebnisse keine Sache des Glücks gewesen, sondern Ergebnisse, die aufgrund einer immer hervorragenden Mannschaftsleistung, einem Einsatz bis zum Letzten, siehe Sulu, einem überragendem taktischem Geschick und dem Rennen für jeden Mitspieler herausgespielt worden sind. Gegen die Lilien spielt mittlerweile jeder Verein der 2. Liga ungern. Die haben sich schnell Respekt verschafft. Von wegen erster Absteiger.
98er: Diese Mannschaftsleistung hängt auch damit zusammen, dass auf Leute gesetzt wurde, die bei anderen Vereinen keine Chance mehr hatten. Sehen Sie das auch so?
Ottmar Arnd: Absolut, das hab ich ja auch in meiner Predigt hervorgehoben. Es ist gut, wenn man einen Menschen nicht abschreibt. Ein Fußballer und auch jeder Mensch braucht das passende Umfeld, um Leistung bringen zu können, den absoluten Glauben an seine Fähigkeiten. Das hat der Trainer Herr Schuster seinen Spielern offensichtlich wunderbar eingeflößt. Hut ab, wie er die Mannschaft zusammengestellt hat. Er hat an Jungs geglaubt, gerade auch an die, in deren früherer sportlicher Umgebung längst keiner mehr geglaubt hat. Und so kann man dann über sich hinauswachsen. Das zeigt der SV 98 immer wieder neu und macht so jeden Tag, an dem er spielt, zu einem Feiertag. Zu einem beGEISTernden Tag.

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