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25.05.2021 / Allgemein

„Die Lilien-Familie hat massiv zusammengehalten“

Nach Abschluss der Spielzeit 2020/21 haben wir uns mit Präsident Rüdiger Fritsch zusammengesetzt, um die zurückliegende Saison Revue passieren zu lassen. Sowohl aus sportlicher, aber auch aus wirtschaftlicher Sicht. Wie er als Lilienfan das Jahr erlebt hat, welche finanziellen Folgen die Pandemie für den SV 98 hat und wie sich der Blick in die Zukunft gestaltet. All das hat uns Fritsch verraten.

Foto: Joaquim Ferreira

sv98.de: Rüdiger, wenn wir dich alleine nach deiner Sicht als Lilienfan fragen würden. Wie hast du die vergangene Saison erlebt?

Fritsch: Natürlich werden wir primär als Vereinsfunktionäre wahrgenommen, aber wir sind trotzdem alle große Fußballfans. Und es hat keinen Spaß gemacht, mit fünf anderen Leuten alleine auf der Tribüne zu sitzen und die Spiele zu verfolgen. Auf der anderen Seite war es alternativlos, die Spiele so durchzuführen. Die Pandemie hat sich schließlich keiner ausgesucht. Rein sportlich musste sich der Lilienfan in der Hinrunde häufig ärgern, die Rückrunde ist nun eine der besten der Vereinsgeschichte. Speziell bei den Siegen hätte man sicher gerne gemeinschaftlich gefeiert, da hoffen wir alle auf baldige Besserung.

sv98.de: Speziell das Rückspiel gegen den SC Paderborn ist rückblickend fast allen als eine Art Wendepunkt im Kopf geblieben. Du warst ebenfalls vor Ort. Ist diese Partie auch für dich eine sehr emotionale gewesen?

Fritsch: Wir führen regelmäßig Gespräche mit dem Trainerteam und den sportlichen Verantwortlichen und dabei sind zwei Spiele in dieser Saison immer wieder Thema gewesen. Das erste war die unglückliche Niederlage in Bochum, wo wir bei einem Sieg vielleicht nochmal nach oben hätten gucken können. So ist dort ein kleiner Negativtrend entstanden mit ein paar Niederlagen in Serie und wir mussten den Blick nach unten richten. Die zweite Halbzeit aus dem Karlsruhe-Spiel hat dann schon dazu geführt, dass sich alle Gedanken gemacht haben. Dabei ging es nicht darum, übliche Reflexe des Profifußballs anzuwenden, sondern wir wollten alle zusammen sinnvolle und ergebnisorientierte Maßnahmen erarbeiten. Fakt ist, dass in Paderborn ein Wahnsinnsspiel abgeliefert wurde. Dieses Spiel hat die ganze Mentalität und den Kampfgeist des Vereins gezeigt. Ich persönlich muss zugeben, dass ich am Tag danach eine Mail an meine Kollegen in Paderborn geschrieben habe, um mich zu entschuldigen. Weil wir auf der Tribüne massiv abgegangen sind und es teilweise auch hitzig wurde. (lacht) Daran erkannt man, dass auch unser Nervenkostüm angegriffen war. Umso schöner, dass es so funktioniert hat.

sv98.de: Seitdem wurden massenhaft Punkte eingesammelt. Hast du dafür eine Erklärung?

Fritsch: Sport ist eben nicht planbar, auch wenn das immer mal wieder behauptet wird. Deswegen gucken wir ja alle Fußball. Wenn es Mathematik wäre, dann hätte keiner Lust dazu. Es gibt einfach sehr viele Variablen. Das Spielsystem wurde ein wenig umgestellt, es wurde sich noch einmal fokussiert, das hatten wir nach Karlsruhe auch noch einmal von den Spielern eingefordert. Die Zusammenarbeit im gesamten Verein war da wirklich hervorragend und hat nun für eine der besten Rückrunden gesorgt, die Darmstadt 98 je gespielt hat. Es ist auch einfach geil, dass wir uns aufgrund des Sports so sehr ärgern und dann wieder grenzenlos freuen können.

sv98.de: Kann man durch den starken Schlussspurt nun dann doch ein halbwegs positives Gesamtfazit ziehen?

Fritsch: Das Gesamtfazit bleibt gemischt. Wir hatten sicherlich andere Ziele, als so lange in den Rückspiegel gucken zu müssen. Es wäre schön, wenn wir in der kommenden Hinrunde ergebnistechnisch konstanter auftreten würden, die Rückrunde können wir gerne so beibehalten. Das erleichtert die Arbeit in allen Bereichen.

sv98.de: Losgelöst von Ergebnissen: Hättest du gedacht, dass es einigermaßen reibungslos funktionieren würde, die Saison im angedachten Rahmenkalender zu beenden?

Fritsch: Ich bin zunächst einmal wahnsinnig froh darüber, dass es geklappt hat. Dass es funktionieren kann, das war schon zum Ende der vergangenen Saison zu erkennen. Damals wurden viele Erfahrungen gesammelt, wie genau wir die Corona-Spieltage handeln können. Trotzdem war es zwischenzeitlich kritisch, viel mehr hätte nicht passieren dürfen. Ich kann nur ein Lob an alle aussprechen. Der Fußball wird ja oftmals kritisiert und als ein Bereich dargestellt, in dem das eigene Ego am meisten gilt. Da muss ich jetzt sagen, dass alle Beteiligten ein großes Kompliment verdienen. Da geht es nicht nur um die Spieler, sondern um alle, die mit einer Mannschaft zu tun haben. Und das bei 36 Teams in den ersten beiden Ligen. Das war vorbildlich, was Disziplin und Solidarität angeht.

sv98.de: Trotzdem musste die komplette Saison im Geisterspiel-Modus ausgetragen werden. Aus wirtschaftlicher Sicht natürlich wichtig, dass der Spielbetrieb stattfinden konnte, aber aus emotionaler Sicht blutet wohl auch dir das Herz…

Fritsch: Natürlich macht Fußballer ohne Zuschauer keinen Spaß. Aber hätten wir den Spielbetrieb eingestellt, dann wären alle Vereine, nicht nur Darmstadt 98, nicht mehr lebensfähig gewesen. Deswegen war es alternativlos, die Vereine dank der TV-Gelder auf diese Art und Weise am Leben zu erhalten. Es ist klar, dass dieser Modus weder den Fans noch den Spielern Spaß macht. Aber es wird auch Zeit nach vorne zu schauen und da wächst der Optimismus, dass wir uns allmählich wieder in Richtung von Zuschauerzulassungen bewegen können.

sv98.de: Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie beschäftigen die ganze Fußballwelt. Darmstadt 98 steht trotz dieser langen Zeit nach deinen Aussagen „stabil“ da. Inwiefern ist das eine Bestätigung der wirtschaftlichen Vernunft, mit der in der Vergangenheit hier agiert worden ist?

Fritsch: Wir hatten die Weitsicht, einen Notgroschen auf die Seite zu legen. Da gibt es andere Vereine, die sich mit intensiven Finanzmittelbeschaffungen über die Saison retten mussten, weil es keine Rücklagen gab. Logischerweise waren unsere Rücklagen ursprünglich nicht dafür angedacht, damit fehlende Sponsoren- und Zuschauereinnahmen in Millionenhöhe auszugleichen. Dieses Geld ist nun weg und auch wir sind aufgerufen, genau hinzuschauen, wie wir die Zukunft gestalten. Profifußball ohne Geld funktioniert nicht. Wir sind nicht die Glückseligen auf einer Insel, auch wir sind massiv angeschlagen. Allerdings bislang nur mit einem blauen Auge und nicht mit einem K.O.

sv98.de: Den hätte es eventuell gegeben, wenn dem Verein nicht diese enorme Solidarität entgegengebracht worden wäre. Sponsoren, Dauerkartenbesitzer und Mitglieder haben einen großen Teil dazu beigetrage, dass es beim blauen Auge geblieben ist…

sv98.de: Definitiv. Das können wir nicht oft genug sagen. Sonst hätten wir sicherlich von einer absoluten Notsituation gesprochen. Die Lilien-Familie hat in allen Bereichen massiv zusammengehalten. Hut ab! Und ich kann versichern, dass wir sehr seriös damit umgehen und einen riesengroßen Respekt davor haben.

sv98.de: Nach vorne geblickt: Zusätzlich zur noch immer nicht überstandenen Pandemie wird der SV 98 in der kommenden Saison deutlich weniger Geld im Bereich der TV-Einnahmen erzielen. Welche Folgen hat das unmittelbar für den Verein?

Fritsch: Das wird uns beschäftigen, ist aber absehbar gewesen. Die Fernsehgelder gehen um 20 Prozent zurück, da reden wir über hunderte von Millionen, die bei den Vereinen der ersten beiden Ligen nicht mehr ankommen werden. Aber damit können wir umgehen, diese Zahlen sind in unsere Planungen einberechnet. Und es trifft ja nicht nur uns, sondern eben alle Vereine. Vielleicht führt es auch dazu, dass die eine oder andere Schraube, die überdreht gewesen ist, sich wieder ein wenig relativiert. Stichwort Spieler- und Beratergehälter beispielsweise. Der größte Ausgabenbereich in jedem Verein ist immer der Lizenzspielerbereich. Da haben wir vor der vergangenen Saison 2,5 Millionen eingespart. Es heißt zwar gerne: „Das Sparbuch schießt keine Tore“, aber auf die lange Sicht sorgt das Sparbuch dafür, dass überhaupt noch Tore geschossen werden können.

sv98.de: Das größte Bauprojekt der Vereinsgeschichte liegt trotz allem weiterhin im Plan. Wie stolz macht dich das persönlich, hier immer wieder die Fortschritte auf der Stadion-Baustelle zu sehen?

Fritsch: Wir sind sowohl im Zeit- als auch im Kostenplan. Zu Beginn mussten wir bei den Kosten noch einmal nachjustieren, aber in diesem Rahmen bewegen wir uns weiterhin. Ich muss nicht persönlich stolz darauf sein, sondern wir können alle stolz darauf sein, was wir hier erreicht haben. Wir haben 40, 50 Jahre Investitions- und Sanierungsstau nachgeholt. Das ist nicht nur das Stadion, das sind die Trainingsplätze, das NLZ, das Funktionsgebäude. Das schafft man nur als Gesamtverein. Und es braucht diese Infrastruktur, um sportlich erfolgreich sein zu können.

sv98.de: Seit der digitalen Mitgliederversammlung im März steht fest, dass ihr als Präsidium auch den Abschluss der Umbauarbeiten am Stadion in dieser Besetzung begleiten werdet. Wie hast du diese ungewöhnliche Art der Versammlung wahrgenommen und auch die erneute Bestätigung, als gesamtes Präsidium mit großer Mehrheit im Amt bestätigt worden zu sein?

Fritsch: Die Mitgliederversammlung musste leider in dieser Form durchgeführt werden, natürlich wäre mir da die übliche Präsenzveranstaltung lieber gewesen. Es war schon gewöhnungsbedürftig, einfach nur in eine Kamera zu sprechen und nicht in die Gesichter der anwesenden Mitglieder und Mitgliederinnen. Über das Wahlergebnis freuen wir uns sehr, schließlich drückt man digital vielleicht auch mal schneller auf den roten Knopf als bei einer Präsenzveranstaltung die rote Karte hochzuhalten. (lacht) Das zeugt davon, dass wir einen gemeinsamen Nenner gefunden haben. In allen Bereichen des Vereins.

sv98.de: Für die Spieler bedeutet das Saisonende nun erst einmal ein paar Tage des Durchschnaufens. Für den Präsidenten gilt dieses Gesetz leider nicht…

Friscth: Das Managementleben ist da eher antizyklisch. Während der Saison ist es dann aus sportlicher Sicht oft ruhiger, weil im laufenden Wettbewerb manche Dinge nicht mehr möglich sind. Die Transferphase steht nun wieder an, wobei wir als Präsidium da ja nicht an vorderster Stelle stehen, sondern eher den finanziellen Rahmen abstecken. Generell gibt es bei einem Verein mit 30 bis 35 Millionen Euro Jahresumsatz vielfältige Themen, auch abseits des grünen Rasens. Es gibt einige spannende Dinge, die auf uns und den Verein in naher Zukunft zukommen werden…

sv98.de: Nochmal den Lilienfan Rüdiger gefragt: Was wünschst du dir für die kommende Saison?

Fritsch: Viele Menschen im Stadion. Das ist das Hauptthema. Es gibt viele Spieler und auch unseren Trainer, die noch nie die Atmosphäre in einem ausverkauften Bölle erlebt haben. Das ist schon wirklich schade. Natürlich hoffe ich auch auf eine sportlich erfolgreiche Saison, da bin ich aber sehr optimistisch.

sv98.de: Zum Abschluss noch eine übergeordnete Sache. Du hattest dich klar gegen die Reform der Champions League positioniert, im Schatten der Super League ist sie nun doch gekommen. Wie siehst du auch die internationalen Entwicklungen? 

Fritsch: Wir sehen sie kritisch, deswegen haben wir uns auch so klar positioniert. Das Hauptthema war, dass sich verschiedene Vereine sozusagen „Dauerkarten“ für die Champions League generieren wollten – losgelöst vom Tableau in der heimischen Liga. Das steht ist massiv in der Kritik, deswegen wird auch seitens der UEFA noch am finalen Konzept gefeilt. Die Szenen und Entwicklungen in England rund um die Super League haben gezeigt, dass die Fans vieles in Bewegung setzen können. Es wird sicherlich nicht mehr der Punkt kommen, an dem die Spiele erst in der Sportschau um 18 Uhr zu sehen sind, aber wir sind gut beraten, den einen oder anderen Auswuchs einzudämmen, damit sich die Leute noch mit dem Fußball identifizieren können. Die Schraube ist schon sehr weit gedreht, da sollten wir eher wieder etwas zurückdrehen. 

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