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22.04.2023 / Profis

Drehmoment

Es war nur eine kurze Geste, aber gleichzeitig ein Akt mit absoluter Signalwirkung. Sekunden nachdem die Lilien am Freitagabend den Gegentreffer durch Fabian Schleusener hinnehmen mussten, tippte Phillip Tietz immer wieder auf sein Handgelenk. Auf eine symbolische Uhr, die er am Böllenfalltor in den Himmel reckte. Um sich und seinen Mitspielern vor Augen zu führen: Wir haben noch viel Zeit, wir drehen das Ding.

Phillip Tietz jubelt über einen Treffer
Foto: DC-Fotos

„Es war noch früh im Spiel, ich wollte alle noch einmal aufwecken, damit sie wissen: ‚Wir kriegen das hin, wir haben das schon oft bewiesen‘. Und dann ist es wieder passiert“, so Tietz, angesprochen auf seine besondere Form der Motivation.  

Nun gibt es bekanntermaßen eine schier unendliche Anzahl an Uhrmodellen, völlig unterschiedlich in Form, Farbe oder auch dem Drehmoment. Besitzt eine Uhr eine Ausführung mit hohem Drehmoment, sorgt das für einen größeren Antrieb und sie eignet sich so für die größeren und schweren Zeiger. Ergo gilt: Großer Antrieb = bestens geeignet für eine große Herausforderung. Eine Regel, die sich am Freitag einmal mehr auf die Lilien übertragen ließ. Die zugegeben digitale Uhr auf der Anzeigetafel im Merck-Stadion wies 11 Minuten aus, als Tietz den Aufschlag für das Drehmoment seiner Mannschaft servierte. Und wenig später großen Anteil am Ausgleichstreffer besaß. „Marvin hat einen super Pass auf mich gespielt und ich habe den Ball auf Braydon weitergeleitet. Dieses 1:1 war der endgültige Dosenöffner und hat auch unser Publikum komplett in das Spiel geholt“, erklärte Tietz mit Blick auf den Torerfolg in der 26. Spielminute, mit dem die Südhessen wie schon so häufig die richtige Antwort auf einen Gegentreffer parat hatten.

"Dieses 1:1 war der endgültige Dosenöffner"

Phillip Tietz
Bereits 15 Punkte nach Rückstand

15 Punkte sind es mittlerweile, die der SV 98 in dieser Spielzeit nach Rückstand sammeln konnte. Allein der 1. FC Kaiserslautern weist in dieser Hinsicht einen noch besseren Wert auf (17 Zähler). Noch eindrucksvoller wird die Bilanz dadurch, dass nur Heidenheim (7-mal) seltener als die Lilien (11-mal) überhaupt ins Hintertreffen geriet. „Wir haben einmal mehr Mentalität gezeigt“, fasste Tietz daher passend zusammen, was alle Lilienfans zuvor miterlebt hatten. Zwar keinen glanzvollen Sieg ihres Herzensvereins, aber das Produkt aus Energie, Willen und Bereitschaft. „Jeder ist über die Schmerzgrenze hinausgegangen“, bilanzierte Torsten Lieberknecht, der insbesondere das „leidenschaftliche Verteidigen“ in der Schlussphase der Partie hervorhob. 

Ein südhessisches Uhrwerk

Gegen starke Gäste hatte Tietz in der 50. Minute die Zeiger in Richtung Heimsieg gestellt, als er nach einer einstudierten Eckballvariante zum 2:1 einköpfte. Wenig später verpasste Filip Stojilkovic die womöglich Entscheidung, sodass ab der 60. Minute ein Defensivbollwerk gegen spielstarke Karlsruher errichtet wurde. Mit einem überragenden Marcel Schuhen als letzter Instanz und der lautstarken Unterstützung der Darmstädter Anhängerschaft im Rücken. Lieberknecht: „Hier am Bölle kann ein Hexenkessel entstehen, heute haben wir alle gemeinsam diesen Sieg errungen. Daher bin ich massiv stolz.“

Auf diesen Heimsieg, aber sicherlich auch auf die gesamte bisherige Spielzeit. 61 Zähler weist das Punktekonto der Lilien seit dem gestrigen Abend aus. Die beeindruckende Vorsaison hatten die Südhessen mit 60 Punkten abgeschlossen. Zahlen, die belegen, dass das südhessische Uhrwerk nun schon über einen extrem langen Zeitraum einwandfrei läuft und funktioniert. Fünf weitere Spiele hat der SV 98 noch vor sich. Bis zum nächsten Auftritt bleibt zumindest ein kurzer Moment des Verschnaufens. Erst am Sonntag (30.4.) gastiert das Lieberknecht-Team bei Holstein Kiel. Und wenn dann der Zeiger im Holstein-Stadion auf 13.30 Uhr springt, werden die Südhessen wieder alles tun, um die nächsten Punkte auf die Habenseite zu ziehen. Immer in dem Wissen, dass der eigene Antrieb mit einem extrem hohen Drehmoment ausgestattet ist.

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