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12.12.2021 / Allgemein

Egal, wer

Wer hat denn eigentlich den entscheidenden Eckball getreten? In den Katakomben der Benteler-Arena wirkt Tobias Kempe einen kurzen Moment verwirrt. Angesprochen auf die Co-Produktion von Fabian Holland und Patric Pfeiffer, die zum umjubelten 1:0-Siegtreffer führte, fragt der Darmstädter Mittelfeldmann: "Du meinst Marv!? Marv hat die Ecke getreten, oder nicht?" Nein, Marvin Mehlem war nicht der Vorlagengeber. Es war wirklich der Lilien-Kapitän, der den Standard perfekt auf den Schädel des großgewachsenen Innenverteidigers servierte. Kempe kann's nicht fassen, fragt sogar bei Marcel Schuhen noch einmal nach. "Fabi wars", versichert ihm dieser. Ungläubigkeit in Kempes Augen. Kein Wunder aber, dass er den Darmstädter Spielführer nicht an der Eckfahne vermutete. "Meine letzte Ecke habe ich in der E-Jugend getreten", verrät Holland später lachend in einem anderen Interview.

Foto: Stefan Holtzem

Kempe muss für einen weiteren kurzen Moment seine Gedanken sortieren. Doch dann sprudeln fünf Worte aus seinem Mund – ein kurzer Satz, der einfach daher gesprochen wirkt, aber dennoch so viel über diese Mannschaft des SV Darmstadt 98 aussagt: „Ist ja auch egal, wer.“ Ja, das ist es. Und das schon die gesamte Hinrunde lang. Denn wenn eines die Lilien an den ersten 17 Spieltagen ausgezeichnet hat, dann ihre Unberechenbarkeit – sowohl in Bezug auf die taktische Ausrichtung als auch personeller Natur. Nach Ingolstadt (31), Schalke und Werder (beide 30) hat Darmstadt bis dato die meisten Spieler eingesetzt (28). Nur Regensburg (14) sowie St. Pauli (12) verbuchten mehr unterschiedliche Torschützen als die Lilien (11).

Wichtigkeit jeder einzelnen Lilie

Klar, oftmals geschrieben und gesprochen wurde über das Sturmduo Phillip Tietz und Luca Pfeiffer. Zurecht, wohlgemerkt. Doch Woche für Woche avancierten auch immer wieder andere Darmstädter Akteure zu Matchwinnern. Tobias Kempe selbst oder Marcel Schuhen, Thomas Isherwood und Braydon Manu oder Aaron Seydel, Mathias Honsak und viele andere. Egal, wer. Jede einzelne Lilie unterstrich in dieser Hinserie stets ihre Wichtigkeit für das Gesamtkonstrukt Darmstadt 98. „Wir sind einfach eine geile Truppe, in der sich jeder unterordnet“, betonte Kempe und erklärte: „Natürlich kann der Trainer nur elf Spieler aufstellen. Doch keiner lässt sich hängen, auch nicht im Training. Keiner ist sauer. Stattdessen haut sich jeder rein und jeder ist für jeden da. Genau das zeichnet unsere Mannschaft aus.“

Etwas, was auch beim 1:0-Sieg in Paderborn wieder zum Vorschein trat. Patric Pfeiffer war es, der sich erstmals in dieser Saison in die Torschützenliste eintragen durfte. Natürlich freuten sich alle Darmstädter für den Innenverteidiger. Oder wie Tim Skarke es schon vor wenigen Wochen in einer virtuellen Medienrunde (30.11.) formulierte: „Jeder gönnt jedem alles.“ Doch stellten die Lilien nach dem Lob für den Torschützen schnell wieder das ganze Team in den Vordergrund. Kempe: „Es war eine sehr gute Mannschaftsleistung mit großer Kampfbereitschaft und Willensstärke.“ Denn genau das brauchte es, um auch in Paderborn zu bestehen und als Sieger vom Platz zu gehen.

Kein Spektakel, aber das geilste Ergebnis

Und nein, es war kein Spektakel in Ostwestfalen. Man hätte es zwar vermuten können bei der offensiven Qualität, die auf beiden Seiten vorherrscht. „Doch vielmehr war es ein Abnutzungskampf. Hier wurde 90 Minuten um jeden Zentimeter gefightet“, analysierte Holland nach Schlusspfiff. Für den Kapitän der Lilien war daher klar: „Ein 1:0 ist das geilste Ergebnis, was du hier erzielen kannst – gerade mit Blick auf die enorme Offensivstärke der Paderborner.“ Aber diese ließ der SV 98 nicht zur Entfaltung kommen. Stattdessen feierten die Südhessen in der aktuellen Spielzeit den ersten Zu-Null-Erfolg in der Fremde. Zudem war es der dritte Auswärtssieg sowie das fünfte ungeschlagene Spiel als Gastmannschaft in Serie für die Darmstädter.

„Beruhigt uns, lässt uns aber nicht zurücklehnen“

Somit stehen nach 17 Spieltagen insgesamt 32 Punkte auf der Habenseite des SV Darmstadt 98. „Wir freuen uns alle weiterhin für den Moment und darüber, dass wir diese Punktzahl bisher erreicht haben“, erklärte Torsten Lieberknecht in dem Wissen, dass die Lilien in den vergangenen Jahren zum gleichen Zeitpunkt bis zu 14 Zähler weniger auf dem Konto hatten. Dennoch betonte er zugleich über die Punkteausbeute: „Das beruhigt uns, lässt uns aber nicht zurücklehnen.“ Ausruhen? Fehlanzeige. Den Flow, in den sich die Lilien bis auf die Ausnahme Düsseldorf in den letzten Wochen gespielt haben, wollen sie aufrechterhalten.

Die erste Saisonhälfte ist zwar rum, doch die zweite steht direkt schon vor der Tür. Noch bleibt keine Zeit, um in den besinnlichen Weihnachtsmodus zu schalten. Bereits am kommenden Sonntag (19.12./ 13.30 Uhr) gastieren die Lilien zum Rückrundenauftakt und gleichzeitigem Jahresabschluss beim SSV Jahn Regensburg. Die Marschroute auch für dieses Spiel ist allerdings jetzt schon klar. „Wir wollen einfach weiterhin Punkte sammeln“, so Kempe. Einfach wird das jedoch nicht. „Auch in Regensburg wird wieder Intensität gefragt sein“, wusste Lieberknecht bereits auf der Pressekonferenz in Paderborn. Denn auch beim Jahn kommt es erneut auf Kampfgeist, Willensstärke sowie eine geschlossene Mannschaftsleistung an. Und wer letztendlich dann in Regensburg die Vorlagen gibt oder die Tore macht? Egal.

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