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04.01.2015 / Allgemein

Ein besonderer Fan-Block

Im Merck-Stadion am Böllenfalltor gehören sie zum gewohnten Bild. Die Gruppe von Rollstuhlfahrern, die ihren Platz vor der Haupttribüne hat.

Unmittelbar hinter der Trainerbank von Dirk Schuster und seinem Team, angrenzend zum Spieltunnel und rüber bis zum A-Block -also mittendrin im Geschehen.
Inklusion bedeutet, dass allen Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen eine selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe möglich ist. Dazu gehört der Fußball, und so sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass Menschen mit Behinderungen ein Stadion besuchen können, um ihren Verein zu unterstützen.
Es hat keine Definition der UN-Behindertenrechtskonvention gebraucht, um den SV 98 auf seine ideelle Verpflichtung hinzuweisen. Bei den notwendigen Ausbesserungsarbeiten nach dem Aufstieg in die 2. Liga wurden selbstverständlich bauliche Maßnahmen eingeleitet. Aber auch die personell wurde aufgestockt. Schließlich befinden sich bei den ansteigenden Besucherzahlen auch vermehrt Menschen mit unterschiedlichen Handicaps.
Florian Ahl aus Reinheim ist einer von ihnen. Seit acht Jahren besucht er fast jedes Heimspiel. „Angefangen in der Regionalliga war ich zeitweise einziger Rollstuhlfahrer im Stadion“. Heute ist der Rollifahrerbereich mitunter „ausverkauft“ -und es hat sich eine stattliche Anzahl von Stammbesuchern gebildet. Im Stadion ist der 24-Jährige immer einer der ersten, damit er seinen Stammplatz unmittelbar am Spielertunnel einnehmen kann. Dort ist er nah dran, allerdings nicht mehr direkt am Spielfeldrand. Die Rollifahrerplätze rückten näher an die Tribüne, erhielten dafür aber eine befestigte Zuwegung sowie vermehrte Überdachungen. Florian weiß das einzuordnen, prüft er doch als Rolli-Reporter regelmäßig die Barrierefreundlichkeit verschiedener Örtlichkeiten.
Sein Vater Friedrich begleitet ihn regelmäßig, obwohl er sich nicht als großer Fußballfan bezeichnet. Der Stadionatmosphäre und dem Enthusiasmus von Florian mag er sich aber nicht entziehen. Der Transport des in Lilienfarben geschmückten E-Rollstuhls erfordert einige Logistik, sodass Auswärtsspiele eine Ausnahme sind. Daher berichtet Florian noch heute von einem Highlight aus den Niederungen der Regionalliga, als er mit dem Mannschaftsbus die Reise nach Weiden antrat. Damals hatte der ehemalige Präsident Hans Kessler seine Hände im Spiel.
Auswärtsspiele sind auch eine Herausforderung für Rainer Karl. Der 44-jährige Darmstädter fährt selber Auto und plante die Fahrt nach Kaiserslautern im November dieses Jahres. Flutlichtspiel am Betzeberg -das lässt das Herz eines Fußballfans höher schlagen. Da nimmt man so einiges auf sich. Zur Vorbereitung gehört die Kontaktaufnahme mit dem Behindertenbeauftragten der Heimmannschaft. Wo kann ich parken, wie komme ich an die Karten, wie ist die Infrastruktur im Stadion. Das sind die drängendsten Fragen der Rollifahrer.
Tomas Vollmar kennt die Belange. Er führt diese Funktion für den SV 98 aus. Als Ansprechpartner für Heim- und Auswärtsfans, die auf Hilfen angewiesen sind. Neben den gut erkennbaren Rollifahrern und anderen Mobilitätseingeschränkten sind das auch Blinde und Sehbehinderte sowie Menschen mit psychischen Einschränkungen. Die Vorbereitungen auf jedes Spiel starten bereits lange vorher, da sich jeder Betroffene für Eintrittskarten anmelden muss. Am Spieltag wird der Fahrdienst mit Unterstützung der Mercedes Benz Niederlassung Darmstadt koordiniert und bis alle Besucher auf ihren Plätzen sind, wurde häufig schon mehrere Stunden gearbeitet.
Rainer Karl lobt die Unterstützung durch den Verein und die Helfer. Den Sandboden wird er bei schlechtem Wetter weiterhin verfluchen und auch die Sicht ist nicht optimal. Je nach Sitzposition hat man eben eine andere Blickebene als die meisten Fußgänger. Echte Fußballfans hält das nicht ab. Als solcher bezeichnet er sich, hat er doch die Lilien bereits in den beiden Bundesligasaisons bestaunt.
Der SV 98 hat sich zur Aufgabe gemacht, dass alle fußballliebenden Menschen auch die besondere Stadionatmosphäre erleben können. Das wird auch beim Stadionumbau berücksichtigt. Hier kann man in den aktuellen Gesprächen mit anderen Vereinen von deren Erfahrungen sowie der Unterstützung von DFB und DFL profitieren.
Ist der Fußball gar weiter als andere gesellschaftliche Bereiche? Man mag es annehmen, denn die Selbstverständlichkeit, wie alle Fans in einem Stadion ein und dasselbe Spiel verfolgen, ist bezeichnend. Hier wird nicht über bauliche Mängel geschimpft, „deswegen bin ich ja nicht hier, ich will das Spiel sehen.“
Der besondere Fan-Block der Rollifahrer im Bölle wäre nicht so besonders, wenn er nicht in vielerlei Hinsicht Vorbildcharakter hätte. Nur hier verbringen Heim- und Gästefans Seite an Seite das gesamte Spiel. Ein Begleiter eines rollstuhlfahrenden Fans des 1.FC Nürnberg war nicht müde, trotz der Pleite seinen Fanschal hochzuhalten. Toleranz und Fairness haben ihn gewähren lassen.
Florian und Rainer werden weiterhin ihre Plätze einnehmen und damit ihrer Leidenschaft für den Fußball im Allgemeinen und die Lilien im Besonderen nachkommen. Sie sind Teil der Fankultur und der Lilienfamilie -nicht mehr, nicht weniger.

Aus dem aktuellen Mitgliedermagazin "der 98er"

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