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06.08.2008 / Allgemein

Ein Blick hinter die Kulissen einer bemerkenswerten Rettungsaktion

Seit Monaten kämpfen Fans und Freunde des SV Darmstadt 98 um die Zukunft des südhessischen Traditionsvereins. An der Spitze der unermüdliche Hans Kessler, bodenständiger Rheinländer und längst Symbolfigur des Neuanfangs am Böllenfalltor.

Von Frank Horneff und Thomas Waldherr
„Das haben die Menschen gemacht -wenn wir es schaffen!“
Hans Kessler, Präsident des SV 98,  im Gespräch mit dem Stadtmagazin VORHANG  AUF, Juni 2008
Kessler und seine Präsidiumskollegen wussten im September 2007, dass das, was sie an Verantwortung übernommen hatten, ein schweres Erbe war, eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Ergebnis: offen. Und diese Rechenaufgabe wurde schwieriger, als alle erwartet hatten. Unregelmäßigkeiten der Vergangenheit führten zu einer millionenschweren Nachzahlungsforderung von Finanzamt und Sozialversicherungsträgern, dazu angehäufte Verbindlichkeiten: Die Lilien geknickt, Tradition mit dem Rücken an der Wand.
Hans Kessler, Albert Filbert,  Helmut Zeitträger, Peter Haas, Klaus-Rüdiger Fritsch, Wolfgang Arnold, , Goetz Eilers, René Sturm, Günther Spahn und Jürgen  Pforr, das Präsidium und sein Kompetenzteam, stellten sich der Verantwortung. Es gab viele Helfer, die Hans Kessler und seine Mitstreiter sofort und ohne zu zögern unterstützten: Nachdem sich schon unmittelbar nach der Wahl des neuen Präsidiums verschiedene Arbeitskreise daran machten, die Lilien zu neuem Leben zu erwecken, war die Aufgabe jetzt eine andere: Die Lilien zu retten. Dafür zu sorgen, dass Tradition bleibt. Steuerberater Marc Faig und ein Expertenteam des Wirtschafts- und Beratungsunternehmens KPMG sowie Fachanwälte leisteten hierzu die notwendige fachliche Unterstützung.
Darmstadts Oberbürgermeister Walter Hoffmann zählte genauso wie die Darmstädter Bundestagsabgeordnete, Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, zu den Lilien-Rettern der ersten Stunde. Dazu die Lilien-Task-Force, das Koordinationsteam; Menschen, denen Hans Kessler und die Vereinsverantwortlichen vertrauen und die sich ehrenamtlich für den Erhalt des SV 98 einsetzen.
Ehrenamtlich, wo andere Vereine auf professionelle Strukturen zurückgreifen:
Sportmanager Tom Eilers (Spendenadministration), Markus Pfitzner (Marketing), Frank Horneff (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)  Peter Kunz (Vertrieb), Jörg Guse (Online und Technik), Michael Weilguny (Sponsoring) und Erik Eichhorn (Fan-Verein). Verlässlichkeit und Kompetenz zeichnet dieses Team hinter den Kulissen aus, alle mit einem Ziel: Die Lilien bleiben DA.
Alexander Götz und Thomas Waldherr arbeiteten dem Koordinationsteam permanent zu. Götz unterstützte Markus Pfitzner, Michael Weilguny und Peter Kunz auf dem Feld Marketing/Sponsoring/Vertrieb. Unermüdlich und voller Begeisterung stellte er eine perfekt organisierte Sponsoren-Veranstaltung im Alten Schalthaus auf die Beine. Waldherr arbeitete eng mit Pressekoordinator Frank Horneff zusammen und zeichnete als ehrenamtlicher Redakteur für die zweite Ausgabe der neuen Mitgliederzeitung „Der 98er“ verantwortlich. „Ein Zeichen dafür, dass der Verein lebt und lebendig ist“, bewertete Hans Kessler das Erscheinen des Mitgliedermagazins damals.
Die Fans setzten viele Zeichen
Dazu die Basis, die vielen treuen Lilienfans: Leidgeprüft und immer wieder aufgestanden. Eine Unmenge an Ideen, Vielseitigkeit und Kreativität kam von dort, wo das Herz der Lilien sitzt:
Die Live-Musiknacht -unvergessen, die Auktion „Kunst für die Lilien“ -beeindruckend. Und hinter den Kulissen immer wieder Menschen im Ehrenamt für den SV 98. Alle können gar nicht genannt werden. Aber einige Menschen und ihre Aktionen wollen wir hier erwähnen, um eine denkwürdige Zeit, ein Stück Vereinsgeschichte, wieder aufleben zu lassen:
Den Auftakt der Aktionen gegen die drohende Insolvenz machte der Sternmarsch der Fans durch die Darmstädter Innenstadt zum Heimspiel gegen Ober-Roden am 15. März. Ein deutliches Zeichen gegen den drohenden Untergang. Ebenso wie in Folge die vom Fanprojekt um Sascha Rittel und Frank „Schneekönig“ Bretsch organisierten Mahnwachen am Stadion vor jedem Heimspiel.
Thomas Korge plante gemeinsam mit Michael Schardt die Lilien-Musiknacht am 7. April. Sie wurde ein voller Erfolg. Möglich war dies durch große Engagement der beteiligten Lokale und Bands und den unzähligen Helfern aus der Lilien-Fanszene. Am Ende durfte der Fanverein einen Scheck über mehr als 11.000 Euro in Empfang nehmen. Das Geld ging auf das rasch vom Verein eingerichtete Spendenkonto.
Bereits kurz nach Beginn der  Kampagne hatte Pierre Walther sein Lotto-Geschäft in der Darmstädter Elisabethenstraße ganz in blau-weiß geschmückt. Pierre war der Vorläufer, andere, wie etwa Spielwaren-Faix, machten es ihm nach. Nach und nach wurde Pierre Walthers Geschäft zum Treffpunkt der Lilienfans. Hier tauschte man sich aus, teilte Sorgen und Hoffnung, entwickelte neue Ideen.
Ein Ruck ging durch die Darmstädter Fanszene. Kleine Lilienfans gingen für ihre  98er mit Spendenbüchsen sammeln, Fan-Clubs legten Nachtschichten ein, Klaus Lemster und seine Mitstreiter machten Buttons, es gab Soli-T-Shirts. Startgeld- und Tombolaerlöse des Fanturniers gingen aufs Spendenkonto. Es gab Rockkonzerte in der Oetinger Villa, Gerda Krüger organisierte  mit ihrer Abteilung eine Wanderung für die Vereinsrettung, die Lilien-Tischtennisabteilung um Ernst Hinkel richtete ein Soli-Turnier aus. Die Zahl der Aktionen war groß und es gab viele originelle Einfälle.
Auch die Fanclubs anderer Vereine unterstützten den SV 98. So nahmen südhessische Anhänger von Schalke 04, Borussia Mönchengladbach, 1899 Hoffenheim und dem HSV Kontakt zu Lilien-Fanbeauftragten Uwe Janssen auf und organisierten eine Demo zum Stadion. Auch Fans des SV Wehen Wiesbaden besuchten Lilien-Heimspiele und zeigten somit Solidarität, ebenso wie Mike Diehl, heute hauptberuflich für den Fußball-Bundesligisten 1899 Hoffenheim in der Fan-Betreuung tätig, mit dem Herzen aber immer auch eine Lilie, der im Hügelland zwischen Odenwald und Schwarzwald um Unterstützung für die Lilien warb.
Vom Bundesligisten Leverkusen signalisierten der Südhesse Wolfgang Holzhäuser gemeinsam mit Ex-Lilienspieler Martin Kowalewski Solidarität, sie sagten ein Freundschaftsspiel zu, der KSV Hessen Kassel meldete sich und half sofort mit einer Spende in Höhe von 10.000 Euro, ebenso halfen der SV Wehen Wiesbaden, Kickers Offenbach und der FSV Frankfurt mit ihrer Teilnahme am erstmals ausgetragenen Hessen-Cup in Darmstadt.

Kunst, Klubs, Kino, Kikeriki
Eine tolle Idee hatte der Odenwälder Künstler und Lilienfan Mitsch Schulz. Er brachte Darmstädter Künstler dazu, ihre Bilder für eine Kunstauktion der besonderen Art zur Verfügung zu stellen. Gemeinsam mit Sandra Russo vom Darmstädter Stadtmagazin VORHANG AUF organisierte er eine Ausstellung mit Verkauf und Versteigerung am 26. und 27. April im Justus-Liebig-Haus. Als Auktionatorin engagierte sich erneut die Darmstädter Bundestagsabgeordnete, Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, für den SV 98, unterstützt von Moderator Peter Kunz. Mehr als 17.000 Euro brachte diese bemerkenswerte Kunstaktion ein: So schafften es die Lilien gar in das Feuilleton der Tagespresse.
Ein großer Erfolg und eine einfallsreiche Aktion voller Lilien-Herzblut war auch die Ebay-Internet-Aktion zugunsten der Lilien, die Frank Leber organisierte. 35 Trikots wurden online versteigert. 22 Spielertrikots von der Begegnung gegen Germania Ober-Roden bildeten den Grundstock, hinzu kamen 13 Trikots von Bundesliga-Mannschaften, die Michael Walter durch eine umfangreiche Korrespondenz mit den Vereinen des bezahlten Fußballs zusammengetragen hatte. Rund 10.000 Euro wurden bei diesen Versteigerungen eingenommen. Und auch die Darmstädter Politik zeigte Flagge: Erwähnt sei hier die Sammlung zu Gunsten der Lilien während einer Stadtverordnetensitzung oder die private Fraktions-Spende in Höhe von 1000 Euro, die Darmstädter SPD-Politiker im Stadion übergaben.
Jürgen Koch, Finanzvorstand des Fanvereins, wurde in diesen Wochen der Chronist des Fortschritts in den Spendenaktionen. Täglich verkündete er im Lilien-Fanforum den aktuellen Kontostand. Und wenn es mal ein paar Tage keinen Fortschritt gab, dann war er sofort mit eindeutigen Appellen zur Stelle. 
Mitte Mai war der Höhepunkt der Benefizaktionen erreicht. Veranstaltungen im Cinemaxx und Roof-Club und vor allem der große Benefizauftritt des Kikeriki-Theaters im Darmstadtium zeigten weiter die breite Unterstützung für die Lilien in allen Bereichen der Stadtgesellschaft.
Die Krönung war dann dem Engagement zweier Darmstädter in der Fremde zu verdanken: Sowohl Focus-Herausgeber Helmut Markwort, als auch ARD-Reporter Nick Golücke baten Bayern-Manager Uli Hoeneß um Hilfe -und die Bayern kamen am 13. Mai zum Benefizspiel nach Darmstadt.

Die Bayern am Böllenfalltor
Eine echte logistische Herausforderung für das Team von der Geschäftstelle. Wolfgang Knöß, Jutta Arnold und Klaus Löwenstein hatten in Windeseile den Ticketverkauf zu organisieren. Es gab Organisations- und Sicherheitsabsprachen mit Polizei und Stadt. 19.400 Zuschauer wurden für diese Partie zugelassen. Sicherheitsbeauftragter Bernd Langendorf musste den Ordnungsdienst neu organisieren, schließlich sollten bei den Bayern die vielen kleinen und großen Autogrammjäger auch zu ihrem Recht kommen. Die Schiedsrichterbetreuer Hans-Jürgen Becker, Peter Unsleber und Dieter Nover hatten ebenso einen unverhofften zusätzlichen Sondereinsatz wie das Bandenteam und Stadionsprecher Henry Stein, der die Massen während des Spiels zusammen mit Peter Kunz anheizte. Marc Faig, Steuerberater des Vereins, schrieb Geschichte, als er in der Schlussphase des Spiels zu einem über Ebay ersteigerten Kurzeinsatz kam.  Das Bayern-Spiel war ein voller Erfolg und wurde zudem live im Fernsehen übertragen.
Inoffizielle Abschlussveranstaltung der Lilien-Benefizkampagne war das Oldie-Konzert in der Böllenfalltorhalle am 31.Mai. Der am Abend des letzten Spieltages nun auch offizielle Oberligameister kam auch zum Feiern vorbei und Hans Kessler dankte allen Helfern und Unterstützern des SV98.
Die Ideen reichten aber auch in die neue Saison und sie kannten im wahrsten Sinne des Wortes keine Grenzen. So führte eine Soli-Reise der Allesfahrer Darmstadt Anfang Juli nach Stockholm. Die Einnahmen gingen aufs Spendenkonto.
Jetzt weiter arbeiten -es ist noch nicht geschafft!
Viele, viele Menschen, die hier namentlich gar nicht alle genannt werden können, haben die Kampagne getragen und mit der Lizenzerteilung für die Regionalliga Süd einen ersten gemeinsamen Erfolg erzielt.
Auch alte und neue Werbepartner, genannt seien hier stellvertretend Entega, Amadeus, Wella und vor allem der neue Hauptsponsor Software AG, stehen künftig (wieder) an der Seite der Lilien!
„Jetzt“, so Präsident Hans Kessler, „schreiben wir das letzte Kapitel‚ Rücknahme des Insolvenzantrages’. Daran gilt es hart zu arbeiten.“ Die Rettung ist greifbar nah. Und der SV Darmstadt 98 ein anderer Verein, als zuvor: Endlich angekommen mitten in der Stadt. Und die Darmstädter identifizieren sich mit ihrem SV98 wie lange nicht mehr. Nun gilt es, weiter daran zu arbeiten, dass das auch so bleibt -damit die Lilien DA bleiben!

Die Autoren:
Frank Horneff (39), Roßdorf, Redakteur, im Koordinationsteam des SV 98 ehrenamtlich verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, seit 1978 Anhänger der Lilien.
Thomas Waldherr ( 44), Bickenbach, Journalist und PR-Berater, ehrenamtlicher Redakteur für die Mitgliederzeitung des SV 98 und für den Lilienkurier, seit 1977 Anhänger der Lilien.

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