FAQs zum verlegten Testspiel gegen San Antonio
Der SV 98 beantwortet die wichtigsten Fragen zum verschobenen Testspiel der Lilien beim Kooperationspartner San Antonio FC.
Als Jae-Sung Lee von der Mittellinie zum Sechzehner spaziert, ahnt Marcel Schuhen bereits, welche Ecke der Südkoreaner wählen wird. Zum Elfmeterschießen gehöre natürlich Glück, aber auch eine intensive Vorbereitung seitens der Torhüter, wie die Nummer eins des SV Darmstadt 98 später verraten wird. Lee ist der letzte der ersten zehn regulären Schützen. Weil Landsmann Seung-ho Paik für die Lilien zuvor sicher verwandelte, ist Lee unter Zugzwang. Er ist nervös, er muss treffen. Sein Schuss ist nicht sonderlich platziert, zum Glück der Störche. Schuhen wusste, dass der Ball von ihm aus in die rechte Ecke fliegen wird. Doch der Schuss ist nicht platziert - aus rechts wird halbrechts, schon fast mittig. Der Lilienkeeper ist trotzdem dran, die Kugel flutscht ihm aber irgendwie durch. Er war dran, dicht dran. So wie die Lilien an diesem nervenaufreibenden Pokalabend, der mit einem 8:7-Sieg nach Elfmeterschießen zugunsten von Holstein Kiel endete.
Wie viel Glück die Kieler in dieser Situation hatten, spiegelte sich im verlegenen Lächeln des Südkoreaners bei dessen Jubel wider. Es war einer dieser Momente, an dem es hätte auch zur Freude der Südhessen kippen können. „Wir waren mehrfach kurz davor, weiterzukommen“, verdeutlichte Serdar Dursun. Stattdessen aber folgten auf beiden Seite weitere vier Elfmeterschützen, von denen die Schleswig-Holsteiner einmal entscheidend mehr die Nerven behielten. „Beim Elfmeterschießen ist dann auch immer das Quäntchen Glück nötig“, ergänzte der Angreifer des SV 98. Das letzte Quäntchen Glück – es war nicht auf Darmstädter Seite. Ein Umstand, der sich wie ein roter Faden durch die komplette Spielzeit der Südhessen zieht. Markus Anfang erkannte: „In vielen Phasen dieser Saison hatten wir das Momentum nicht auf unserer Seite. Auch die Partie heute spiegelt so ein bisschen die Saison wider.“
Eine Spielzeit voller mentaler Prüfungen
Denn das Ausscheiden im Elfmeter-Roulette passt ins Bild dieser Spielzeit 2020/21, die sich immer mehr als saisonlanger Charaktertest für den SV 98 erweist: Späte Nackenschläge und bittere Entscheidungen gegen die Lilien gab es in dieser Saison zuhauf und man kann es sich einfach machen und dieses Erwähnen als „heulen“ oder „nachtrauern“ betiteln – letztlich sind späte zweifelhafte Schiedsrichter-Entscheidungen wie gegen St. Pauli oder in Regensburg, unglückliche Spielverläufe in Düsseldorf oder Sandhausen treue Wegbegleiter dieser seltsamen Runde. Frei nach dem Motto: „Wie viele Prüfungen könnt Ihr bestehen?“ Aber: Die Lilien haben bislang bewiesen, dass sie sich nicht in die Knie zwingen lassen. Dass sie immer wieder aufstehen, und sie werden es auch diesmal tun. Denn wenn diese moralischen Leberhaken, diese psychologischen Tiefschläge eines bewirken, dann dass die Lilien aus diesen Prüfungen am Ende gestärkt hervor gehen werden. Denn die Bewältigung eines steinigen mit Hindernissen gepflasterten Wegs ist zwar anstrengend und kräftezehrend, lässt einen mehr mit Stolz drauf zurückblicken als ein vermeintlich einfacher Pfad.
Voller Stolz und erhobenen Hauptes
Und auch deshalb können die Lilien erhobenen Hauptes von diesem saisonalen Teilabschnitt an der Förde ans Böllenfalltor zurückkehren. Denn trotz all dem Schmerz und der Traurigkeit über das Ausscheiden zeigte sich in den Augen einer jeden Lilie vor allem eines: „Stolz“, sagte Schuhen, „ich bin voller Stolz für die Leistung der Mannschaft.“ Über 120 Minuten war der SV Darmstadt 98 ebenbürtig – ja, teilweise sogar besser als Holstein Kiel. Und das gegen ein Team, dass im Tableau der 2. Bundesliga ganze 14 Punkte vor den Lilien weilt, zuletzt vor weniger als zwei Wochen auch noch mit 2:0 gegen die Darmstädter in der Liga gewann. Doch einen 14-Punkte-Unterschied sah am Dienstagabend im Holstein-Stadion niemand. Das musste auch KSV-Coach Ole Werner anerkennen: „Es war ein umkämpftes Spiel auf Augenhöhe. Es gab immer wieder Phasen, in denen wir am Zug waren, aber genauso viele Phasen, in denen Darmstadt am Zug war.“
„Wir haben deutlich gezeigt, was wir draufhaben“
Eine treffende Einschätzung. „Wir hätten den Platz genauso gut als Sieger verlassen können“, befand auch Anfang, der eine richtig gute Leistung seiner Mannschaft sah. Die Lilien kämpften aufopferungsvoll. Leidenschaftlich zerrissen sie sich auf dem Rasen für das Wappen, welches ihre Brust ziert. „Die Jungs haben alles dafür getan, es eine Runde weiterzuschaffen. Sie haben sich reingekämpft und permanent Druck ausgegübt“, lobte der Cheftrainer des SV 98.
Sogar der zwischenzeitliche Führungstreffer der Störche konnte die Lilien nicht in die Knie zwingen. Bis zum Ablauf der regulären Spielzeit glaubten die Darmstädter fest an sich. Der Ausgleich durch Serdar Dursun fiel zwar erst in der 86. Minute und damit reichlich spät in der Partie. Doch das änderte nichts daran, dass dieser absolut verdient war. „Wir haben deutlich gezeigt, was wir draufhaben“, hob Schuhen hervor – in den 90 regulären Minuten, aber auch in der halbstündigen Verlängerung. Daher forderte der Schlussmann: „Wir dürfen den Abend nicht negativ sehen.“
Vielmehr sind es die positiven Dinge, die die Lilien aus dem von ihnen zweifelsohne abgelieferten Pokalfight mitnehmen müssen. Nackenschläge, wie diesen in Kiel, gab es in dieser Saison schon zuhauf. Nackenschläge, die den SV 98 aber stärker machen werden. „Leider war das Glück nicht auf unserer Seite. Doch wir werden daraus Stärke ziehen“, betonte Anfang. Diese Stärke braucht es, um auch in der Liga die kommenden Herausforderungen anzugehen. Der Auftritt in Kiel? Es war ein Auftritt, der die Blau-Weißen trotz des bitteren Ausscheidens positiv in die Zukunft blicken lässt. Der Darmstädter Chefcoach überzeugt: „Wenn wir diese Leistung von heute auch in der Meisterschaft bringen, werden wir unsere Punkte holen.“ Die Lilien sind dicht dran, sich auch noch das letzte Quäntchen Glück zu erarbeiten. Das hat der leidenschaftlich Auftritt im DFB-Pokalachtelfinale gezeigt. Hoffentlich setzt sich dieser Weg erfolgreich fort – bestenfalls schon am Samstag (6.2., 13 Uhr), wenn der 1. FC Nürnberg am Böllenfalltor gastiert.