FAQs zum verlegten Testspiel gegen San Antonio
Der SV 98 beantwortet die wichtigsten Fragen zum verschobenen Testspiel der Lilien beim Kooperationspartner San Antonio FC.
Seit 2015 ist Alexander Arnold Ansprechpartner für sexuelle Vielfalt bei den Lilien und Teil der Fan- und Förderabteilung. Wir haben die aktuelle Ausgabe des "11Freunde"-Magazins zum Anlass genommen, um mit ihm über ein mögliches Coming-out eines Profifußballers, weiterhin bestehende Barrieren und die Wichtigkeit von Aktionen gegen Diskriminierung und Ausgrenzung jeglicher Art zu sprechen.
sv98.de: Hi, Alex. Vergangene Woche ist die aktuelle Ausgabe des „11Freunde“-Magazins erschienen und hat für viele Reaktionen gesorgt. 800 Spieler*innen und Verantwortliche – darunter auch der SV Darmstadt 98 – haben darin homosexuellen Fußballer*innen ihre Unterstützung zugesichert und sich offen gegen Homophobie positioniert. Wie hast du diese Aktion aufgenommen?
Alexander Arnold: Natürlich habe ich mich darüber gefreut. Wenn das Thema Homophobie oder generell Homosexualität im Sport von einem der großen Fußball-Magazine aufgegriffen wird, sogar mit der Titelstory und so vielen prominenten Unterstützer*innen, dann ist das in jedem Fall etwas Positives.
sv98.de: Das Echo darauf war enorm. Viel positive Resonanz, aber automatisch auch Diskussionen, ob der Fußball wirklich bereit für das Outing von homosexuellen Fußballern wäre. Wie denkst du darüber?
Alex: Den optimalen Zeitpunkt für ein Outing muss jede Person für sich selbst wählen. Wichtig ist, dass sich die Person sicher ist und ein Umfeld hat, in dem er sich wohl fühlt. Das ist unabhängig vom Fußball so. Dazu muss es selbstbestimmt passieren. Man merkt ja schon an den Aussagen innerhalb der Ausgabe, dass es dazu ganz unterschiedliche Meinungen gibt. Für mich ist der perfekte Zeitpunkt der, in dem es passiert und die Person ihn selbstbestimmen kann. Und dann hoffe ich, dass alle, die die Erklärung unterzeichnet haben, auch dazu stehen.
sv98.de: Es ist oft erstaunlich, wie viele Menschen nach einem Coming-Out erzählen, wer zuvor Einfluss auf sie nehmen wollte. ‚Jetzt ist der falsche Zeitpunkt‘, ‚Jetzt könntest du es machen‘, ‚Bloß nicht, du bist gerade fest im Berufsleben angekommen‘ – machen es diese Diskussion und die vielen Meinungen nicht noch schwerer für jemanden, der sich outen möchte?
Alex: Entscheidend ist schon, mit welchem Bild man von Beginn an Berührung kommt. Wenn ich es auf den Fußball beziehe, dann beginnt es schon im Nachwuchsbereich. Wie sprechen Mitspieler*innen, Trainer*innen und Betreuer*innen über Homosexualität, wie wird Homophobie begegnet? Wenn ich als Jugendlicher merke, Homosexualität hat im Profifußball keinen Platz, dann fällt mir ein Outing immer schwerer. Genauso ist es auch mit der Einflussnahme von außen. Es gibt sicherlich Personen, mit denen man darüber sprechen kann und vielleicht auch sollte, weil das wichtig ist. Aber wenn jeder eine andere Meinung dazu hat und Ratschläge gibt, dann verunsichert das automatisch.
sv98.de: Früher hieß es oft, dass ein Spieler im Männerfußball nach seinem Outing in der Kabine Probleme bekommen würde, viele Fußballer äußerten sich offen homophob. Die „11Freunde“ zeigt nun aber klar, dass die Mannschaften und Spieler heute damit sehr offen umgehen. Drohen Probleme dann eher in den sozialen Medien?
Alex: Ich würde nicht ausschließen, dass es auch weiterhin Mitspieler geben kann, die damit ein Problem haben. Ich könnte ihn auch Arbeitskollegen nennen, weil das schließlich Fragen sind, die sich alle homosexuellen Menschen stellen. Wie gehe ich mit meiner sexuellen Orientierung im Berufskontext um? Arbeite ich in einem Umfeld, in dem ich meine Sexualität offen kommunizieren kann? Und dann hilft so eine Aktion, so ein Statement in der „11Freunde“ unheimlich weiter. Alle Mannschaften sind dabei, das zeigt einem homosexuellen Spieler: Selbst wenn es diesen einen Mitspieler geben sollte, der ein Problem damit hat, die restliche Kabine unterstützt mich und hilft mir. Die sozialen Medien bieten tägliche Beispiele für Schreibtischtäter*innen, die in der Anonymität verletzende Dinge verfassen. Die eigene Sexualität ist natürlich etwas sehr privates und dafür angegriffen zu werden, ist mit Sicherheit nicht schön. Leider besteht diese Gefahr auch im Jahr 2021, weil es für manche Menschen immer noch eine Rolle zu spielen scheint.
sv98.de: Glaubst du, dass es ein erstes Outing bräuchte, um Barrieren aufzubrechen? Die Folgen eines Outings im Profifußball werden hoch und runter diskutiert, es wird in alle Richtungen spekuliert…
Alex: Der Erste bei etwas zu sein, das ist nie wirklich leicht. Wir haben 2021, die Welt sollte weiter sein, und es sollte keine Rolle mehr spielen. Aber solange ich Sätze lese wie „Die Sexualität spielt keine Rolle, aber man sollte sie privat halten“, läuft immer noch vieles falsch. Trotzdem würde ein erstes Outing eines aktiven Spielers sehr helfen, diesen Voyeurismus rauszunehmen („Welcher Spieler könnte schwul sein?“) und anderen homosexuellen Spielern eine Botschaft schicken. Um auch jungen Fußballern zu zeigen: „Du kannst schwul sein. Und trotzdem Profifußballer.“
sv98.de: Im Frauenfußball gibt es viele Beispiele für Spielerinnen, die offen eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft leben. Warum sind sie weiter als der Männerfußball?
Alex: Weil der Begriff „Männer“ oft noch immer falsch besetzt ist. Männer müssen hart sein und dürfen keine Schwäche zeigen, diese Meinung gibt es immer noch viel zu häufig. Der Profifußball ist ein Leistungssport, bei dem es um Leistung und Punkte geht. Darum, mit Druck umgehen zu können. Und das wird komischerweise homosexuellen Männern oftmals nicht zugetraut. Dabei zeigen so viele Beispiele, dass das natürlich totaler Blödsinn ist.
sv98.de: Anfang Februar erschien auch das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“. Darin outen sich 185 Schauspieler*innen als lesbisch, schwul, bisexuell, queer, nicht-binär und trans. Was fehlt im Profifußball noch, damit eine Titelseite nicht mehr die Unterstützung der Spieler*innen zusagt, sondern ebenfalls mit Spieler*innen gefüllt ist, die sich offen outen?
Alex: Zunächst einmal 185 Profifußballer*innen, die bereit wären, ihr Gesicht dafür zu geben (lacht) Aber im Ernst: Bei der Kampagne der „Süddeutschen Zeitung“ sind ja auch sehr viele Personen dabei, die Ihre Sexualität seit langem offen leben und kommunizieren. Trotzdem gibt es auch viele, die sich dabei zum ersten Mal offen dazu bekannt haben. Und das stellt natürlich eine Sichtbarkeit her, die unheimlich wichtig ist. Das Cover der „11Freunde“ stellt Unterstützung her, aber noch keine Sichtbarkeit von homosexuellen Spieler*innen. Vereinfacht gesagt müsste die Sichtbarkeit auch im Profifußball entstehen, damit so ein Titelbild erscheinen könnte.
sv98.de: Du bist nicht nur Ansprechpartner für sexuelle Vielfalt der FuFa, sondern auch Vorsitzender des Vereins Vielbunt e.v. in Darmstadt, hast also extrem viele Einblicke in alle möglichen Bereiche der Kultur, des Alltags und des Sports. Ist der Profifußball eine Ausnahme bei dieser Thematik im gesellschaftlichen Querschnitt?
Alex: Der Bereich Profifußball ist ein sehr exponierter Bereich. Ich oute mich ja nicht nur gegenüber meiner 30 Mitspieler*innen, sondern gegenüber der breiten Öffentlichkeit. Das ist sicherlich etwas, was ein Coming-out nochmal erschwert. Es gibt verschiedene Bereiche, in denen es stark tabuisiert wird und da ist der Männerfußball im Profibereich sicherlich einer davon. Aktionen wie in der „11Freunde“ helfen dann natürlich, so etwas aufzubrechen. Aber viele gehen beispielsweise im Kulturbereich davon aus, dass es dort überhaupt keine Probleme für Lesbische, Schwule, Bisexuelle, Queere, Nichtbinäre und Trans gibt. Das stimmt so auch nicht.
sv98.de: Wir haben bereits 2019 ein Interview mit dir geführt, indem du gesagt hast, dass Aktionen gegen Homophobie im Stadion größtenteils auf positive Resonanz stoßen, es aber immer noch auch negative Reaktionen darauf gibt. Glaubst du, dass diese Minderheit im Falle eines Outings eines Spielers zu hören wäre, oder dass sie vielmehr vom Großteil der Zuschauer*innen eingenordet würde?
Alex: Ich hoffe es natürlich, wahrscheinlich kommt es auch auf die jeweilige Fanszene an. Hier in Darmstadt wäre ich mir ziemlich sicher, weil wir eine sehr offene und unterstützende Fankultur haben. Idioten gibt es überall, diese Erfahrung haben wir auch immer wieder mit Rassismus gemacht oder bei unseren Aktionen gegen Homophobie. Aber ich denke schon, dass die breite Masse solchen Meinungen entgegenwirken würde.
sv98.de: In Darmstadt wurde bereits mit Eckfahnen im Regenbogen-Design gespielt, die Mannschaft hat eine Trainingseinheit mit Regenbogen-Armbändern absolviert. Wie wichtig sind genau diese Aktionen, speziell auch im Fußball, der ja eine große Wirkung und Strahlkraft besitzt?
Alex: Es kann nie laut genug sein. Ich bin immer für Sichtbarkeit. Wenn Mannschaften mit Trikots im Regenbogen-Design jubeln oder diese Armbänder tragen, dann merken die Leute, diese Thematik gehört zum Profifußball. Solche Aktionen wären vor 15 Jahren wahrscheinlich noch undenkbar gewesen, insofern sind wir schon einige Schritte weitergekommen. Diese reichen allerdings noch nicht.
sv98.de: Deutlich wird, dass für die jüngeren Generationen Themen wie Toleranz, Diskriminierung, die Offenheit gegenüber jeglicher Sexualität wichtig und auch selbstverständlich werden. Wie beobachtest du diesen Wandel und bricht die jüngere Generation automatisch immer mehr Barrieren auf, die sich vielleicht früher einfach verfestigt haben?
Alex: Die Entwicklung in den vergangenen Jahren ist absolut die richtige. Aber sie passiert nicht von alleine. Wir können nicht sagen, wir machen gar nichts mehr und lehnen uns zurück, weil irgendwann alle diese Themen akzeptieren und leben. Dafür braucht es Aktivist*innen, Unterstützer*innen und Aktionen. In allen Bereichen. Im Fußball braucht es die Spieler*innen, die ihre Unterstützung zusagen, die Regenbogenmotive tragen, die Zeichen setzen. Vereine, die Aktionsspieltage veranstalten, Kampagnen unterstützen und Ansprechpartner*innen für diese Themen im Verein haben. Das ist einfach wichtig.
sv98.de: Gibt es dir Dinge, die du dir konkret von Darmstadt 98 wünschen würdest?
Alex: Nicht locker lassen. Weiterhin mit den Fans und als gesamter Verein daran arbeiten und zeigen, zu Darmstadt 98 gehören alle Menschen. Hier hat jeder seinen Platz.
sv98.de: Zum Abschluss eine Frage, die man nur wenigen Personen stellen kann. Aber wünschst du dir, dass deine Position im Verein bald überflüssig wird?
Alex: Ja. (lacht) Natürlich wünsche ich mir den Punkt, an dem ich sage, mich braucht es in dieser Rolle nicht mehr. Leider fehlt mir der Glaube, dass es zeitnah passieren wird, aber solange gebe ich gerne mein Gesicht und meine Stimme, um darauf aufmerksam zu machen.