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18.04.2021 / Allgemein

„Es muss akzeptiert sein, deshalb nach Hilfe zu fragen“

Mentalitätsspieler. Leader. Anführer. All diese Begriffe werden genutzt, wenn über Victor Palsson berichtet wird. Weil der 29-Jährige voran geht. Weil er weder sich noch Gegner schont. Und weil er offen kommuniziert. Extrem offen. Auch bei Themen, über die nur wenige sprechen. Wir haben mit dem Isländer ein besonderes Gespräch geführt. Über die schwere Zeit, die hinter dem Familienvater liegt. Über mentale Probleme und darüber, dass es auch 2021 noch immer an Akzeptanz dafür fehlt. Es sind starke Worte. Von einem starken Menschen.

Foto: Holtzem

sv98.de: Victor, im Februar hast du davon gesprochen, dass es dir „besser geht“ nachdem du zuvor die mental schwierigste Zeit deines Lebens durchgemacht hast. Nun sind noch einmal zwei Monate vergangen und deswegen fragen wir ganz simpel: Wie geht es dir heute?

Das ist nicht so leicht zu beantworten. Ein Tag ist besser als der andere. Es gibt Tage, die sich sehr gut anfühlen, aber dann reicht ein Lied, ein Film oder Gedanke aus, um das zu ändern. Nach der Erfahrung und der Trauer, jemanden verloren zu haben, der mir so viel bedeutete und eine so große Rolle in meinem Leben gespielt hat, kann ein kleiner Moment viel beeinflussen. Aber um die Frage direkt zu beantworten: Heute ist ein guter Tag. Morgen wird es vielleicht anders. Ich bleibe positiv und tue die Dinge, die mir mental weiterhelfen. Ich meditiere und lese viel, weil ich weiß, dass es mir hilft. Genauso spreche ich auch mit meinem Therapeuten und Psychologen. Generell kann ich aber schon sagen, dass es mir immer besser geht.

sv98.de: Für viele Menschen war 2020 ein unglaublich schwieriges Jahr. Doch was bei dir in November und Dezember zusammengekommen ist, war schier unbeschreiblich. Das Verpassen der EM mit Island in letzter Minute, deine Verletzungen samt Operationen und dann insbesondere der Tod deiner Mutter. Hat dich das zunächst erdrückt?

Im November, Dezember und Januar hat sich das schon so angefühlt. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Das Ausscheiden, die Verletzung, der Verlust meiner Mutter, das alles in einem ohnehin schwierigem Jahr. Ich habe mich gefragt: ‚Wann hört das auf?‘. Aber trotzdem denke ich, dass es ein Segen ist, durch eine solche Zeit zu gehen. Wenn du deinen absoluten Tiefpunkt erreichst, dann macht das etwas mit dir. Du lernst vieles mehr wertzuschätzen, dein Blick auf manche Dinge ändert sich. Ich glaube, dass sich bei extrem vielen Menschen das Denken und Bewusstsein allein durch Corona verändert hat. Bei mir war das definitiv der Fall, dazu der Verlust meiner Mutter, dementsprechend stark hat sich mein Blick auf das Leben verschoben. Was ist wirklich wichtig? Ich bin nicht mehr so verbissen in einigen Dingen, die ich vorher als unfassbar wichtig angesehen habe. Das ist eine gute Sache und all die Dinge, die mir im vergangenen Jahr passiert sind, haben mich zu einem besseren Menschen werden lassen.

„Ich habe acht Kilo verloren“

sv98.de: Hättest du überhaupt gedacht, dass sich dein Blick auf das Leben noch einmal so sehr verändern könnte?

In den ersten Wochen nach dem Tod meiner Mutter war ich sehr isoliert. Ich habe mit ganz wenigen Leuten gesprochen und wollte für mich alleine sein. Ich habe nicht geschlafen, ich habe kaum gegessen. Ich habe in dieser Zeit acht Kilo verloren. Es war wirklich eine dunkle Zeit. Jeder Mensch geht anders mit einem Verlust um. Es geht ja auch nicht darum, sich mit anderen zu vergleichen. Mich persönlich hat diese Zeit stärker gemacht. Der Mensch, die Person Victor Palsson ist daran gewachsen.

sv98.de: Es gab sicherlich nicht den Tag, an dem du plötzlich wieder schlafen konntest, an dem du von jetzt auf gleich wieder essen wolltest…

Nein, ich bin nicht aufgewacht und plötzlich war alles wieder gut. Das hat alles seine Zeit gebraucht. Irgendwann konnte ich wieder besser schlafen, hatte wieder Appetit. Das kam nach und nach. Und natürlich hat mich mein Sohn auf Trab gehalten. Ich bin durch eine schwere Zeit gegangen, aber gleichzeitig musste ich meiner Vaterrolle nachkommen. Ich bin verantwortlich für ihn, ihn bei mir zu haben, war sehr wichtig in dieser Phase. Es hat mir dabei geholfen, nicht ständig an das zu denken, was passiert war. Natürlich hat er mich auch sehr traurig und verletzt gesehen. Das war für ihn nicht einfach, er wollte wissen, warum ich weine. Es ist nicht so leicht, das einem Dreijährigen zu erklären. Aber mir war es wichtig, ihm alles so zu verdeutlichen, wie es eben möglich ist.

sv98.de: War das auch ein besonderer Schritt in deiner Verbindung zu ihm?

Absolut. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis und es war wichtig, dass er versteht und sieht, dass Menschen weinen dürfen. Es ist okay, dass Erwachsene weinen. Er hat gesehen, dass Weinen und Trauern helfen kann. Dass es nicht automatisch etwas Schlechtes bedeutet, sondern oftmals helfen kann. Mir zum Beispiel hat es in dieser Phase extrem geholfen.

„Manchmal wollte ich diese Hilfe überhaupt nicht“

sv98.de: Zu Beginn wolltest du oftmals alleine sein, wie wichtig war trotzdem die Unterstützung anderer Personen?

Ich habe sehr viel Unterstützung erfahren. Vom Verein, meinen Mitspielern, meiner Familie, Freunden, meinem Therapeuten. Manchmal wollte ich diese Hilfe überhaupt nicht, weil ich lieber alleine geblieben bin, aber ich wusste es immer sehr zu schätzen, so viel Support und Liebe zu bekommen. Wenn du siehst, wie viele Menschen für dich da sein möchten, dann ist das wundervoll.

sv98.de: Du hast von Meditation als Hilfe gesprochen. Etwas, womit du nach dem Schicksalsschlag angefangen hast?

Das habe ich vorher schon gemacht, aber ich habe mich danach deutlich intensiver damit auseinandergesetzt. Das hat mir sehr dabei geholfen, meine Gedanken zu kanalisieren und meine Gefühle nicht zu bekämpfen, sondern ihnen ihren Lauf zu lassen. Ich habe gelernt, mit Emotionen, Gedanken und Gefühlen umzugehen und sie zuzulassen. Meditation ist nicht einfach, deswegen war es wichtig, dass ich anfange, es intensiv und regelmäßig zu betreiben.

sv98.de: Losgelöst von den Erfahrungen des letzten Jahres bist du schon immer an mentalen Aspekten und der Psychologie interessiert. Woher kommt das?

Das liegt sicherlich daran, wie ich als Typ bin, woher ich komme und wie ich aufgewachsen bin. Das Umfeld meiner Jugend war nicht ideal für ein Kind, deswegen habe ich schon sehr früh angefangen, mit einem Psychologen zu reden. Weil ich frühzeitig dazu bereit war, den Gedanken zuzulassen, dass es mir helfen kann, über meine Erfahrungen zu sprechen. Ich gehe zu Therapeuten seit ich 16 Jahre alt bin. Natürlich hatte ich damals noch nicht das Wissen und die Offenheit, die ich heute besitze, das kam erst mit der Zeit.

sv98.de: Wenn wir es auf den Fußball beziehen, dann gibt es dort die vieldiskutierte Frage: Wie viel entscheidet sich im Kopf? Wie würdest du sie beantworten?

Extrem viel. Unglaubliches Talent bringt dir nichts, wenn der Verstand nicht mitspielt. Dann kannst du dieses Talent nicht ausschöpfen. Das Mentale ist entscheidend, in guten und schlechten Zeiten. Du musst immer die richtige Balance finden. Wenn etwas im Kopf nicht funktioniert, dann kannst du den Rest deinen Körpers nicht optimal nutzen.

„Das machen nicht viele“

sv98.de: Ist es in dieser Hinsicht interessant für dich, dass die Frage zwar oft im Raum steht, die mentale Seite aber meist nur spärlich thematisiert wird?

Absolut. Es gibt Leute wie mich, die damit sehr offen umgehen und viel darüber sprechen, gerne kommunizieren. Trotzdem ist es häufig ein Tabuthema. Im Fußball, wie in der gesamten Welt. Das ist kein Geheimnis. Sicherlich gibt es eine positive Entwicklung, der mentalen Seite und einer gesunden Psyche wird mittlerweile mehr Beachtung geschenkt, die Diskussionen darüber werden offener geführt. Aber trotzdem ist es nicht zu einhundert Prozent akzeptiert. Speziell im Profisport wird oft vorgelebt, dass es wichtig ist, immer stark zu sein und weiterzumachen. Das ist auch 2021 noch so. Und dann kommt es auf dich als Person an. Oder hier im speziellen auf dich als Spieler. Traust du dich, beispielsweise an die Tür des Cheftrainers zu klopfen und über mentale Dinge, speziell abseits des Platzes, zu sprechen? Das machen nicht viele. Der Großteil der Spieler macht das nicht, weil er Angst davor hat, beurteilt zu werden und vielleicht den Platz zu verlieren. Wenn du eine Verletzung hast, dann spielst du nicht. Wenn du also mentale Probleme eingestehst, spielst du wahrscheinlich auch nicht. Für mich sind das alles Verletzungen, deswegen ist das nur richtig. Aber das ist der Punkt: Es ist nichts falsch daran, Hilfe zu suchen. Es muss okay und akzeptiert sein, mentale Probleme zu haben und deshalb nach Hilfe zu fragen. Bei jeder kleinen Verletzung gehen wir alle zum Physio. Warum gehen wir also nicht zu einem Arzt oder Therapeuten, wenn wir merken, dass im Kopf etwas nicht stimmt?

sv98.de: Kannst du trotzdem verstehen, dass die Hemmschwelle groß ist? Beispielsweise zum Trainer zu gehen mit privaten Problemen?

Das verstehe ich. Aber es kann eine unheimlich positive Wirkung haben, dieses Gespräch zu suchen. Das kann die Verbindung und das gegenseitige Vertrauen viel stärker machen. Ein Spieler, der mit diesen Themen zum Trainer gehen kann und von diesem nicht verurteilt wird, der wird danach bessere Leistungen auf dem Platz bringen. Weil er das Gefühl hat, dabei unterstützt zu werden und nicht alleine zu sein.

sv98.de: Dieser Weg, das offene Gespräch fällt aber natürlich nicht nur im Fußball schwer. Viele können nicht einmal mit ihrer Familie oder dem Freundeskreis darüber sprechen…

Viele Menschen verstecken es sogar vor sich selbst. Dabei ist es die beste Medizin, darüber zu sprechen. Ich besuche Therapeuten und Psychologen insbesondere, damit ich einfach darüber sprechen kann. Weil mir das am meisten hilft.

sv98.de: War es bereits mit 16 Jahren deine Entscheidung, diese Gespräche zu suchen?

Meine Mutter hat mir damals gesagt, dass es vielleicht helfen könnte, mit einem Therapeuten zu sprechen. Wir hatten eine sehr enge Verbindung und sie hat mir geraten, mir professionelle Unterstützung zu suchen.

„Der mutigste Schritt, den eine Person gehen kann“

sv98.de: Dieser erste Schritt ist wahrscheinlich der schwerste…

Der erste Schritt ist, sich selbst einzugestehen, dass man diese Hilfe benötigt. Und das ist wirklich schwer. Zu akzeptieren, dass bei dir selbst etwas falsch läuft. Das kann nicht jeder Mensch. Für mich ist es aber auch der mutigste Schritt, den eine Person gehen kann. Etwas, worauf du stolz sein kannst. Zu sagen: ‚Ich habe ein Problem und das löse ich jetzt.‘ Und da liegt die Problematik. Viele Leute reden diese Themen klein. Das wird schnell mit Schwäche assoziiert. Aber nein, wer sich traut, diesen Schritt zu gehen, der ist „f**king strong‘. Etwas zuzugeben und offen zu thematisieren, was in einem Großteil der Gesellschaft noch immer nicht richtig akzeptiert ist, macht dich zu einer unheimlich starken Person.

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