FAQs zum verlegten Testspiel gegen San Antonio
Der SV 98 beantwortet die wichtigsten Fragen zum verschobenen Testspiel der Lilien beim Kooperationspartner San Antonio FC.
Zusätzlich zur aktuellen Situation rund um die Corona-Pandemie wird der Alltag von Immanuel Höhn derzeit auch stark von seiner Verletzung (Außenknöchelbruch) bestimmt. Aktuell befindet sich der 28-Jährige nach einer zweiten Operation weiterhin im Krankenhaus. Dort haben wir ihn telefonisch erreicht und mit ihm über die allgemeine Lage, seine spezielle Situation, mögliche Szenarien im Profifußball und weitere Themen ausführlich gesprochen.
sv98.de: Immanuel, die Corona-Krise bestimmt aktuell den Alltag von jedem einzelnen. Bei dir kommt dann auch noch eine Verletzung dazu, die jetzt die zweite Operation nach sich gezogen hat. Aktuell bist du auch noch im Krankenhaus. Das klingt nach einer fast skurrilen Situation für dich…
Höhn: Die generelle Situation rund um den Virus kennt niemand von uns und sie ist natürlich auch für mich ungewöhnlich, die Verletzung verstärkt es noch ein wenig. Ich kann keinen Besuch im Krankenhaus empfangen, die Ablenkung fällt hier natürlich noch schwerer. Und zu Beginn meiner Verletzung hat es mir auch gut getan, regelmäßig beim Training vorbeizuschauen und mit den Jungs in der Kabine zu quatschen. Dadurch kommt man auf andere Gedanken, wird abgelenkt, das fehlt jetzt auch. Es ist schon außergewöhnlich und mit der zusätzlichen Verletzung auch ein wenig merkwürdig.
sv98.de: Wie schwierig ist es, speziell jetzt im Krankenhaus liegen zu müssen?
Höhn: Im Prinzip hat sich meine Aufgabenvielfalt dadurch nicht großartig geändert (lacht) Ich lerne, lese und gucke Filme. Das mache ich hier und würde es auch Zuhause machen. Aber natürlich fühlt man sich immer noch eingeschränkter, wenn man nicht in den eigenen vier Wänden ist.
sv98.de: Krankenhäuser sind aktuell aufgrund der Corona-Situation ständig in den Medien. Bekommst du die außergewöhnliche Lage nun hautnah mit?
Höhn: Ich bekomme es bislang nur deswegen mit, weil ich mich schon mit einigen Ärzten darüber unterhalten habe. Ansonsten ist auf meiner Station nichts von Hektik zu spüren. Natürlich betrifft mich das Besuchsverbot direkt, das ist aber der einzige wirkliche Einschnitt für mich persönlich. Ansonsten bin ich hier in einer fast schon abgeschotteten Blase, genau wie vorher auch Zuhause. Durch die Verletzung ist mein Radius extrem klein, deswegen habe ich den Zustand, der in Deutschland herrscht, nicht so wirklich direkt wahrgenommen. Ganz einfach, weil ich schon vor den verschärften Maßnahmen nicht unterwegs gewesen bin. Ich habe die Entwicklung nur über Telefonate und die Medien mitbekommen und kann es daher einschätzen, habe es aber nicht wirklich am eigenen Leib erlebt.
sv98.de: Wurde die das Ausmaß also erst durch die Gespräche mit Ärzten bewusst?
Höhn: Nein, das Ausmaß ist mir zuvor schon klar gewesen. Daran führt ja kein Weg mehr vorbei. Ich verfolge die Nachrichten, auch wenn man es aktuell vielleicht nur alle paar Tage machen sollte. Aber man bekommt sofort mit, welche Auswirkungen das Virus überall auf der Welt hat. Aber natürlich habe ich hier einen Einblick bekommen, wie es speziell im Klinikum Darmstadt abläuft. Es gibt ein separates Zelt für Corona-Patienten, alles wird ein wenig abgeschottet. Es gibt nur einen Eingang, der geöffnet ist, Besuchssperren oder auch den Mundschutz, der auf allen Stationen getragen wird. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass alle Pfleger und Ärzte rund um die Uhr Mundschutz und Handschuhe bei der Betreuung tragen. Das ist eine Ausnahmesituation, aber zumindest hier am Standort herrscht wohl noch nicht dieser Dauerbeschuss, den es in anderen Bundesländern bereits gibt.
sv98.de: Du sprichst die Flut an Nachrichten zu diesem Thema an. Reduzierst du deinen Medienkonsum bewusst, um nicht permanent damit konfrontiert zu werden?
Höhn: Ich versuche, nicht alle fünf Minuten neue Informationen zu bekommen. Irgendwann bekommt man bei dieser Menge an Nachrichten sonst einen Kollaps. Da bin ich froh, wenn ich nicht permanent damit beschäftigt bin. Aber es ist unmöglich, darum herumzukommen. Egal, welche Zeitung oder welches Magazin ich aufschlage. Alles wird von diesem Thema überlagert. Deswegen guckt man schon nach Updates, aber ich versuche es zu reduzieren.
sv98.de: Und du widmest dich stattdessen vermehrt dem Lernen und Lesen?
Höhn: Für mein Studium hätte ich aktuell sowieso lernen müssen – unabhängig von der Situation. Generell lässt die Verletzung nur wenige Beschäftigungen für mich zu. Ich wäre sowieso darauf angewiesen, im Bett zu liegen und mich zu beschäftigen. Ohne Verletzung wäre diese Ausnahmesituation ein noch größerer Einschnitt für mich. Ich würde den Sport stärker vermissen, das Zusammensitzen in der Kabine, generell die Bewegungsfreiheit.
sv98.de: Die neue Situation inklusive Kontaktsperre konntest du nur aus dem Krankenhaus heraus verfolgen. In deinen eigenen vier Wänden wärst du aktuell aber auf Hilfe angewiesen. Das dürfte nach der Entlassung zum Thema werden…
Höhn: Da bin ich absolut auf Mithilfe angewiesen. Kurz nach meiner Verletzung war die Situation noch entspannter, da hat es gut funktioniert, aber ich werde sicherlich auch jetzt eine Lösung finden.
sv98.de: Generell ist die Hilfsbereitschaft vieler Menschen in der aktuellen Situation auffällig. Auch der SV 98 bekommt das durch seine soliDArisch-Aktion tagtäglich mit. Für dich ein positiver Aspekt der Krise?
Höhn: Es wird deutlich, dass die Menschlichkeit nicht vergessen wurde. Es gibt viele Menschen, auf die man sich verlassen kann und die mit wirklich tollen Ideen und Hilfsbereitschaft ihren Teil beitragen. Ich kann auch für mich sprechen. Es ist nicht nur meine Familie, die mir helfen wollte. Es sind Nachbarn, die schon geholfen haben, ich bekomme ständig von Freunden und Bekannten Nachrichten mit Fragen, wie sie mich unterstützen können. Das ist super schön und ich denke, dass dieses Gefühl auch ganz vielen anderen in der aktuellen Situation hilft.
sv98.de: Mit alleinigem Blick auf die Verletzung könnte man ja sogar davon sprechen, dass dir die Spielunterbrechung entgegen kommt. Kann man in der jetzigen Lage tatsächlich so denken?
Höhn: Natürlich könnte ich froh sein, dass mir mehr Zeit bleibt, um wieder gesund zu werden. Am Anfang war dieses Gefühl vielleicht auch ein wenig ausgeprägter, weil da das ganze Ausmaß noch nicht so genau abzusehen war. Da habe ich noch stärker an mein persönliches Problem gedacht und daran, wie viele Spiele ich verpassen werde. Mittlerweile ist es aber keine persönliche Sache mehr, sondern ein breitgefächertes gesellschaftliches Problem. Es nimmt in allen Ebenen extreme Ausmaße an, deswegen denke ich nun anders darüber. Ich hoffe einfach, dass der Alltag in allen Bereichen schnellstmöglich wieder einkehren kann. Obwohl ich mir bewusst bin, dass das so schnell nicht passieren wird. Das ist schon heftig. Es wäre mir lieber, wenn wieder Normalität in Deutschland herrscht und ich dann eben das ein oder andere Spiel verpassen würde.
sv98.de: Wie hältst du denn aktuell Kontakt zu Familie, Freunden, Teamkollegen?
Höhn: Ich muss meinen Handyakku mehrmals am Tag aufladen (lacht) Ich telefoniere häufig, habe mit vielen Leuten über Facetime Kontakt. Speziell darüber ist es nochmal schöner, weil man sich sieht und sich nochmal direkter unterhalten kann. Es geht momentan nicht anders und es ist einfach wichtig, über viele Dinge zu sprechen und zu diskutieren und sich auch über komplett andere Themen auszutauschen, damit nicht alles vom Negativen überlagert wird.
sv98.de: Zukünftige Entwicklungen sind hingegen weiterhin sehr schwer abzusehen. Auch im Fußball. Das DFL-Präsidium hat nun empfohlen, den Spielbetrieb bis mindestens zum 30. April ruhen zu lassen, auch die EM und Olympia sind mittlerweile verschoben worden. Wie konkret machst du dir Gedanken, wann und wie es weitergehen könnte?
Höhn: Natürlich mache auch ich mir darüber Gedanken, weil die Thematik allgegenwertig ist. Allein die Tatsache, dass eine EM verschoben wird, verdeutlicht das Ausmaß der Situation. Da geht es nicht um den Fußball an sich, sondern um die Tatsache, dass so ein Event verlegt wird. Das gab es noch nie und zeigt, wie außergewöhnlich die Lage ist. Trotzdem bin ich der festen Überzeugung und Ansicht, dass die Bundesligen in absehbarer Zeit wieder starten müssen. Allein, um diesen ganzen Arbeitssektor zu sichern. Da geht es ja nicht nur um Spieler, Trainer oder die direkten Vereinsmitarbeiter. Das ist mittlerweile ein riesiges System, das aufrechterhalten werden muss. Fehlende Zuschauereinnahmen wären über einen gewissen Zeitraum für viele Vereine wohl irgendwie zu verkraften, aber für die Gesamtbranche muss die Saison zu einem Ende geführt werden. Dieser Situation sind sich aber alle Beteiligten bewusst und wenn es irgendwie eine Möglichkeit gibt, das ganze fortzusetzen, dann denke ich, dass eine Lösung gefunden wird.
sv98.de: Falls wieder gespielt werden könnte, wären Geisterspiele wohl unausweichlich. Kennst du diese Situation bereits und wie schätzt du die Auswirkungen davon auf den Spielbetrieb ein?
Höhn: Das würde für ein ganz neues Spielgefühl sorgen. Obwohl weiterhin Kameras da sind und das Spiel im TV läuft, wäre es eine ganz andere Atmosphäre. Man spürt ja schon den Unterschied, ob man vor 50.000 oder vielleicht vor 2000 im DFB-Pokal spielt. Das sind schon andere Emotionen, die da an uns Spieler herangetragen werden. Und komplett ohne Zuschauer, das wäre noch ungewohnter. Natürlich wäre uns bewusst, dass es ein Ligaspiel ist und es um Punkte geht, aber es wäre schon etwas ganz anderes. Es hätte erstmal die Züge eines Testspiels. Die Wenigsten kennen diese Situation, vielleicht wäre es auch ganz anders und die Emotionen und Adrenalinstöße sind fast genauso stark, wie in einem ausverkauften Stadion. Es wird sich zeigen. Grundsätzlich wäre es einfach unheimlich wichtig, dass zeitnah wieder gespielt werden könnte. Damit das System und die Arbeitsplätze erhalten bleiben.
sv98.de: Hast du in diesem Punkt in der Berichterstattung manchmal das Gefühl, dass der Fußball falsch betrachtet wird. Teilweise wird von Spaßveranstaltungen oder reinen Events gesprochen, auf die mit Sicherheit problemlos für einen langen Zeitraum verzichtet werden könnte…
Höhn: Ich glaube, dass vielen Leuten nicht bewusst ist, was alles mit dem Profifußball zusammenhängt. Viele sehen „verwöhnte“ Spieler, Trainer und Manager mit großen Gehalt. Wobei auch das nicht immer so der Fall ist, wie es oftmals suggeriert wird. Da machen es sich einige zu einfach, den Fußball auf diese Dinge zu reduzieren. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass es wichtig ist, diesen Sektor aufrechtzuerhalten. Klar ist aber auch, dass eine Lösung gefunden werden muss, die eine Fortsetzung zulässt, die Gesundheit aber weiterhin an erste Stelle stellt.