FAQs zum verlegten Testspiel gegen San Antonio
Der SV 98 beantwortet die wichtigsten Fragen zum verschobenen Testspiel der Lilien beim Kooperationspartner San Antonio FC.
"Es sieht ein wenig aus wie bei 1001 Nacht", sagte Wilson Kamavuaka damals vor dem Mainz-Heimspiel beim ersten Anblick der Waldspirale. "Mit so einem Gebäude hätte ich hier nicht gerechnet". Dabei hat der Deutsch-Kongolese schon so einiges gesehen- und dementsprechend viel zu erzählen. Von seinen Anfängen in einer Straßenmannschaft, Stationen in Europa bis zur Rückkehr in die Bundesliga. Eine Reise, die nicht immer märchenhaft gewesen ist.
Lilienkurier: Wilson, bist du eigentlich überrascht,wo dich der Fußball bereits überall hinverschlagen hat?
Wilson Kamavuaka (Wilson): Klar. Deutschland, Belgien, Österreich und zuletzt Griechenland – der Fußball hatte für mich schon einige Überraschungen parat. Aber es waren bisher immer tolle Erfahrungen, ich habe an all den Orten Neues lernen können.
LK: Begonnen hat alles auf einem Bolzplatz in deiner Heimatstadt…
Wilson: Genau, wir hatten eine "Straßenmannschaft", aus der es wirklich viele Jungs in den Profifußball gepackt haben. Wir sind gemeinsam aufgewachsen, haben gekickt und irgendwann kam Ex-Profi Willi Zander und hat mich gefragt, ob ich nicht im Verein spielen möchte. Plötzlich gab es geregelte Anstoß- und Trainingszeiten (lacht).
LK: Wer waren die anderen Straßenkicker, die den Sprung geschafft haben?
Wilson: Christoph Moritz, Lewis Holtby, Marco Höger oder Elias Kachunga waren damals regelmäßig dabei. Wir hatten einfach Spaß am Kicken, und irgendwann hat sich dann jeder einen Verein gesucht.
LK: Aber nicht alle denselben?
Wilson: Nein, wir haben uns alle ein wenig verstreut. Mich hat es als einzigen nach Düren verschlagen.
LK: Wo du auch mit deiner Familie aufgewachsen bist…
Wilson: Meine Eltern sind Ende der 80er Jahre aus dem Kongo nach Düren gekommen und haben das Projekt Kamavuaka-Familie gestartet (grinst). Ich habe noch zwei ältere Schwestern, bin also der Jüngste aus der Bande.
LK: … und vereinst einen Mix aus afrikanischer und deutscher Kultur in dir.
Wilson: (lacht) Das stimmt sicherlich. Afrikaner sind nie richtig pessimistisch, sehen alles positiv und zeigen Stärke, wenn es einmal Widerstand gibt. Sie sehen nicht alles so ernst, verbissen oder verkrampft. Das trifft auch auf mich zu. Aber ich bin in Deutschland geboren und verkörpere auch diese Eigenschaften. Der strikte Weg geradeaus, Ordnung und Disziplin sind mir ebenfalls wichtig. Ich glaube, das ist eine ganz gute Mischung.
LK: Du scheinst ebenfalls die afrikanische Lebensfreude mitgenommen zu haben…
Wilson: Musik, Tanzen, das gehört alles unbedingt dazu. Ich freue mich immer sehr, wenn ich Verwandte treffe, oder wenn ich bei der Nationalmannschaft meine Kumpels wiedersehe. Das ist dann ganz viel Lachen, Singen und Geschichten erzählen. Absolut toll.
LK: Fußballerisch warteten nach Düren die Jugend des FC Köln und von Alemannia Aachen auf dich. Danach die U23 der TSG Hoffenheim und der Club in Nürnberg. Speziell bei den beiden letzten Stationen warst du immer ganz nah dran an der großen Bühne. War es schwierig, dass es damals noch nicht ganz für den Durchbruch gereicht hat?
Wilson: In Hoffenheim habe ich extrem viel gelernt. Die U23 war eine super Mannschaft, die mit Markus Gisdol einen erstklassigen Trainer hatte. Ich wurde dort sehr gefördert und vorbereitet auf das, was danach gekommen ist. Ich habe im Profibereich mittrainiert, aber es hat leider nicht für Einsätze gereicht. Trotzdem hätte ich dort bleiben können, aber schlussendlich habe ich mich für Nürnberg entschieden.
LK: Trotz der fehlenden Profieinsätze wurdest du in Hoffenheim als Regionalligaspieler plötzlich Nationalspieler des Kongo. Eine komische Situation?
Wilson: Ich war bereits U21-Nationalspieler und gehörte in der Saisonvorbereitung fest zur Profimannschaft. Insofern war die Einladung für die Nationalmannschaft natürlich eine tolle Sache, aber keine absolute Sensation.
LK: Trotzdem eine skurrile Sache, danach als Nationalspieler wieder vor ein paar hundert Leuten zu spielen?
Wilson: Wir haben zwar nur Regionalliga gespielt, aber unsere Mannschaft hätte auch in der 2. Liga spielen können. Pascal Groß, Marco Terrazzino, Jannik Vestergaard, Kai Herdling oder Manuel Gulde. Dazu regelmäßig Spieler aus dem Bundesligakader plus Trainer Gisdol. Deswegen hatte ich nie Probleme damit, ’nur‘ in der Regionalliga aufzulaufen. Es war die Hochphase des Großprojekts in Hoffenheim. Wir sollten nicht irgendwie unsere Spiele gewinnen, sondern mit einem konkreten Plan. Es war wie Unterricht, in dem uns die langfristige Idee eingraviert wurde.
LK: Wenig später folgte in Nürnberg das Bundesligadebüt. Plötzlich hast du in vier Spielen nacheinander Spielzeit bekommen, gegen die Bayern sogar über 90 Minuten. Hast du dich da bereits am Ziel gewähnt?
Wilson: Wir hatten viele Verletzte, ich habe gut trainiert und dann die Möglichkeit von Dieter Hecking bekommen, mich zu zeigen. Ich habe das Bestmögliche versucht, aber wenn die Etablierten dann zurückkommen, war es klar, dass ich meinen Platz erstmal wieder räumen muss. Auf meiner Position spielte Timmy Simons, der mittlerweile knappe 100 Jahre alt ist und trotzdem noch gut spielt (lacht). Er war belgischer Nationalspieler, topfit – da war es vollkommen okay für mich, von so einem Spieler lernen zu dürfen.
LK: Also kein Wechselbad der Gefühle, wenig später wieder für die U23 aufzulaufen?
Wilson: Es passten andere Spieler damals besser zu den Vorstellungen des Trainers und ich war extrem jung. Deshalb habe ich mich nie hängen lassen und gewartet, bis die Konstellation günstig für mich wurde.
LK: Eine Einstellung, die nicht jeder junge Spieler an den Tag legt…
Wilson: Du brauchst einen gewissen Ruhepol. Ich wusste immer, wo ich herkomme und dass ich mit meinem Beruf privilegiert bin. Eine meiner Schwestern ist Krankenschwester, die andere arbeitet im Einzelhandel. Beides also ganz normale Berufe. Ich wusste, welches Glück ich habe und war dankbar für die Möglichkeit, die mir gegeben wurde. Schlussendlich hängt viel mit der Erziehung zusammen und mit den Werten, die einem von zuhause mitgegeben wurden. Wer Disziplin und Geduld frühzeitig lernt, der kann auch später besser mit Rückschlägen umgehen.
LK: Du weißt, wovon du sprichst: Nach einer Leihsaison in Regensburg warst du plötzlich vereinslos, in Nürnberg ging es für dich nicht mehr weiter. Es dauerte, bis sich dein Wechsel nach Belgien ergab. Warum?
Wilson: Ich hatte damals einem Verein frühzeitig zugesagt, aber plötzlich fand dort ein Trainerwechsel statt und ich hing in der Warteschleife. Ich war in einer Situation, die nicht so geplant war, aber schlussendlich ging es dennoch weiter. Ich habe mich dann für Belgien entschieden, zumal es nah an meiner Heimat liegt und ich auch französisch spreche.
LK: Nach dem Jahr standest du wieder ohne Team da. Und diesmal sogar für ein halbes Jahr…
Wilson: Gleiche Situation. Wieder war ich mir mit einem Team einig, wieder wurde der Trainer gewechselt. Natürlich dachte ich mir, das darf doch nicht wahr sein. Aber auch da ging es weiter. Ich habe es als eine Art Prüfung gesehen: ‚Fällst du um oder bleibst du stehen?‘ – ‚Versuchst du den Bock umzustoßen und dich zu wehren, oder lässt du es über dich ergehen? ‚Und da ich weiß, woher ich komme, und mir nie etwas geschenkt wurde, wusste ich ganz gut, mit diesen Situationen umzugehen.
LK: Trotzdem brauchtest du sicherlich Unterstützung in dieser Phase.
Wilson: Natürlich haben meine Familie und Freunde geholfen. Insbesondere haben sie mich abgelenkt. Meine Schwestern haben Kinder, und wenn du mit diesen unterwegs bist, dann siehst du vieles, was du vorher in deinem Tunnel nicht gesehen hast. Es gab jeden Tag neue Erfahrungen, die mir Kraft gegeben haben. Ich bin in kein Loch gefallen, sondern habe Lebensfreude von anderen bekommen. Das pusht und bringt dich dazu, weiterzukämpfen.
LK: Erfahrungen, die dir auch heute helfen?
Wilson: Wenn du stabil aus einem Tal oder einem Negativerlebnis kommst, dann gehst du gestärkt daraus hervor. Mein Vater hat dazu immer einen speziellen Vergleich angestellt: Diese Situation ist mit der Reise in ein anderes Land zu vergleichen. Du fährst eine lange Strecke und dann kommst du irgendwann an eine Grenze. Ein Gebiet, in dem du nichts vorfindest, in dem du nicht wirklich viel Positives siehst. Aber wenn du über der Grenze bist, dann kommt das neue Land, die neue Erfahrung und du weißt genau, wie viele Kilometer Wegstrecke hinter dir liegen und kannst es richtig genießen. Ich hatte im Kopf immer meine Linie, der ich treu bleiben wollte, um meinen Weg weiterzugehen.
LK: Der dich dann nach Graz gebracht hat, zur erfolgreichsten Station deiner Karriere…
Wilson: Rein von den Statistiken her stimmt das. Aber ich will es nicht an nackten Zahlen festmachen. Ohne Hoffenheim wäre ich heute mit Sicherheit nicht der Spieler, der ich bin. Ohne die Rückschläge in Nürnberg wäre ich vielleicht heute mental nicht so stark. Aber natürlich war Graz eine tolle Zeit mit tollen Spielen, und zudem habe ich viele schöne Begegnungen gemacht. Wenn es außerhalb nicht funktioniert, dann klappt es auf dem Platz auch nicht.
LK: Wir froh bist du trotzdem, zurück in der Bundesliga zu sein?
Wilson: Klar, es ist schön, wieder in Deutschland zu sein. In meiner Heimat, auch wenn mich viele Leute automatisch auf Englisch ansprechen (lacht). Darmstadt ist eine gute Adresse für mich. Hier wird Fußball gearbeitet und die Menschen erkennen diese Arbeit an. Wenn du gewillt bist, alles zu geben, dann bekommst du dafür die positive Rückmeldung. Das habe ich auch schon anders erlebt. Wenn hier die Fans sehen, dass sich der Spieler für das Team, die Stadt und den Verein verausgabt, dann schätzen sie es wert. Diese Mentalität passt sehr gut zu mir.