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14.05.2019 / Allgemein

„Ich wär’ so gern wie Du“

Es gibt nur wenige Fußballer, denen die Ehre eines eigenen Songs zuteilwird. Noch geringer ist die Anzahl derer, die es so verdient haben wie Sandro Sirigu. "Sandro Sirigu, ich wär’ so gern wie Du", lautet die Textzeile, die sich bei allen Lilienfans eingebrannt haben dürfte. Ein einfacher Reim, der unglaublich viel aussagt über den Besungenen. Über den Fußballer Sirigu, aber noch viel mehr über den Menschen Sandro.

Erst vor wenigen Wochen bekam der Kids-Club der Lilien, die Bölle Bande, die Chance, nach Trainingsende ein wenig mit den Lilien-Profis zu kicken. Zehn Minuten mit je einem Spieler, die für strahlende Kinderaugen sorgten. Sandro Sirigu verlängerte diese Zeitspanne für seine Gruppe auf mehr als eine halbe Stunde. Der 30-Jährige lud kurzerhand zur privaten Stadionführung und verschenkte spontan auch noch diverse Andenken aus der Kabine an die staunenden Nachwuchsfans.
Wer Sirigu in den vergangenen Jahren kennenlernen durfte, den verwundert diese Anekdote längst nicht mehr. Sirigu hatte in seinen sechs Lilien-Jahren immer Zeit für einen kurzen Plausch, erfüllte jeden Autogrammwunsch, unzählig dürfte die Anzahl an persönlichen Botschaften und Geburtstagsgrüßen sein, die der gebürtige Ulmer in dieser Zeit aufgenommen hat. Stets mit einem Lächeln, stets mit ehrlichem Interesse, stets auf seine warmherzige Art.
"Ai, das ist halt unser Sandro", hieß es oft, wenn Sirigu mal wieder mit einem lockeren Spruch durch die wartende Menschenmenge zu den Heimspielen gelaufen war. "Sandro, kannst du noch …", „Sandro, hast du noch ein Trikot für …", "Sandro, meine Mutter hat morgen Geburtstag, würdest du …". Sandro konnte, Sandro hatte, Sandro wollte. Seit seinem ersten Tag am Böllenfalltor ließ er sich auf die Lilien ein. Und zwar zu einhundert Prozent.
"Das Einfachste auf der Welt"
"Es ist für mich selbstverständlich, mir die Zeit zu nehmen", sagt Sirigu selbst. Ein Satz, wie man ihn oft hört, den aber nur wenige so ausgefüllt haben wie der Sohn eines Halbitalieners und einer Amerikanerin. "Wenn ich mit einem fünfminütigen Gespräch oder einem Autogramm dem Fan eine Freude machen kann, ist es das Einfachste auf der Welt."
Es ist auch diese Selbstverständlichkeit, die Sirigu schnell zum Publikumsliebling werden ließ. Gepaart mit einer Spielweise, die besser nicht zu den Lilien hätte passen können. 134 Pflichtspiele hat Sirigu bislang für den SV 98 absolviert – und in jedem einzelnen sein Herz auf dem Platz gelassen. Der Allrounder ist der dienstälteste Spieler im aktuellen Kader, er hat den Durchmarsch von der dritten bis in die Bundesliga miterlebt und die Darmstädter Werte verkörpert, wie kaum ein anderer.
Sportlich hat Sirigu für unvergessliche Momente gesorgt. Von seinem Solo gegen Preußen Münster wird noch heute geschwärmt, seine abgerutschte Flanke zum Derbysieg gegen Frankfurt hat sich einen Platz in den Geschichtsbüchern des Vereins gesichert. Mit dem Treffer gegen die Eintracht erfüllte er sich zudem den großen Lebenstraum von einem Bundesligator. Niemandem war dieser Moment mehr zu gönnen.
Zumal Sirigu auch sportlich schwierige Zeiten erlebte. Im ersten Bundesligajahr dauerte es bis zum 22. Spieltag, ehe der Rechtsfuß sein Debüt feiern durfte. Auswärts beim FC Bayern. Zum sensationellen Führungstreffer leistete er damals die Vorarbeit, nach dem Spiel sprach er in seiner offenen Art von "Gegenspielern, die er zuvor nur von der Playstation kannte."
Doch auch in den Phasen, in denen Sirigu nicht regelmäßig in der Startelf auftauchte, war er in der Kabine und als Teamplayer allgegenwärtig. Er übernahm den Job als Kabinen-DJ, später auch die Rolle des Kassenwartes. Und als Sirigu im zweiten Bundesligajahr stets zum Einsatz kam, die Lilien aber tief im Tabellenkeller steckten, da sagte der Rechtsfuß einen Satz, der seinen Charakter perfekt widerspiegelt: "Ich würde lieber weniger spielen, wenn wir dafür öfter gewinnen und besser dastehen könnten."
Längst ein Heiner
Das Team und der Verein standen immer über persönlichen Befindlichkeiten. Das Zwischenmenschliche hatte bei Sirigu immer höchste Priorität. Als sein guter Freund Hanno Behrens die Lilien verließ, da holte sich der frühere Heidenheimer zunächst dessen Erlaubnis ein, bevor er von seiner Rückennummer 21 auf die 17 wechselte, die zuvor Behrens innehatte. Nach erfolgreichen Spielen traf man Sirigu auch mal auf ein Bier im Irish Pub oder dem Ratskeller, im Sommer grillte er regelmäßig im Herrngarten und spielte Frisbee mit anderen Parkbesuchern. "Ich freue mich sehr darüber, dass sich in meiner Zeit auch Freundschaften außerhalb des Fußballs gebildet haben", verrät Sirigu, der Darmstadt längst als "zweite Heimat" bezeichnet.
Noch heute baumelt das "Du musst kämpfen"–Bändchen an seinem Handgelenk, seit dem vergangenen Sommer ziert die Lilie als Tattoo seinen rechten Oberschenkel. Sirigu ist trotz seiner schwäbischen Herkunft längst auch ein Heiner geworden. Ein Aushängeschild für den Verein, mit dem er die größten Erfolge seiner Karriere feierte und in dessen Trikot er sich verschiedene persönliche Träume erfüllen konnte.
Im Spiel gegen Aue wird Sirigu letztmals seinen langjährigen Platz in der Heimkabine einnehmen, am Bölle vorbeischauen dürfte er auch in Zukunft regelmäßig. Unvergessen wird er immer bleiben – nicht zuletzt aufgrund dieser einen Textzeile: "Sandro Sirigu, ich wär’ so gern wie Du."

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