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12.11.2018 / Allgemein

Kurt Kretzschmar – das Herz ist eine Lilie

Als Kurt Kretzschmar am 4. August 1920 in Darmstadt geboren wurde, prophezeite der anwesende Arzt, dass der kleine, zarte Junge als sogenanntes Frühchen nur wenige Tage auf dieser Welt bleiben würde. Viele Wochen zu früh geboren, hatten Babys unter den damaligen medizinischen Umständen eigentlich keine Chance. Für Kurt fing mit dem Tag der Geburt der Überlebenskampf an.

Der Bub wollte nicht richtig wachsen, nicht die zum Alter passende Kraft finden, nur der Kopf war von Anfang an helle. Kindheit und Jugend waren geprägt von schweren Zeiten in der Arbeiterwelt rund um die Windmühle in der Pallaswiesenstraße, die einem schwächlichen Kind noch besonders zusetzte. Nach einem Sturz in eine Grube noch dazu mit stottern bestraft, konnte doch aus einem solchen Kind eigentlich nur wenig werden. Aber so, wie der Arzt bei der Geburt sich täuschte, so täuschte sich auch sein Umfeld.
Kurts Vater war selbst aktiver Sportler (ausgezeichneter Mittelstreckler), sein Junior probierte sich auch im damaligen Sportfeld an der Windmühle mit Laufen, wie sein Vater, und im Fußball. Der Vater war zudem Mitgründer des SV 98, so dass es auf der Hand lag, dass Kurt Anfang 1933 sich von einem Freund zum SV Darmstadt 98 mitnehmen ließ und Mitglied wurde. Er begann sofort mit Fußball und bald mit Leichtathletik, ließ sich aber auch auf nahezu alle anderen vom SV98 angebotenen Sportarten ein. So erlernte er, nicht nur zu Zwecken der Selbstverteidigung, von seinen Freunden aus der Boxabteilung des SV 98 das Boxen. Kurt erzählte oft, dass sein Stress darin bestand, neben der Schule die vielen Termine im SVD zu koordinieren. Es konnte durchaus passieren, dass er am Wochenende einen Leichtathletikwettkampf hatte, ein Handballspiel, ein Fußballspiel, wohlgemerkt in verschiedenen Mannschaften als Senior und Junior – oder eben einfach da, wo gerade einer fehlte – bestritt. Seine sportlichen Talente waren offensichtlich und im Verein fand er besonders persönliche Förderung in seinem Lieblingssport, der Leichtathletik, hier insbesondere dem Laufen. Der Sport wurde sein Lebenselixier. Und das im wirklich wahrsten Sinne des Wortes. Er fuhr öfters zu Besuchen bei seiner Schwester mit dem Fahrrad nach Kassel und lernte mittels des Sports, sich in der rauen Welt zu behaupten. Aus dem kleinen, schmächtigen und angeblich für die Zukunft verlorenen Kurtchen wurde der Kurt. Kein Muskelprotz, kein Kraftmeier, kein Wilder und schon gar kein frustrierter Jugendlicher und junger Mann. Aus ihm wurde ein zäher, willensstarker und selbstbewusster Mensch. Kein Stottern mehr, kein Auslachen mehr. Seine Droge, sein Medikament war der Sport.
Und damit verbunden seine unwiderrufliche, ewige Liebe zu seinem SV Darmstadt 98. Auf diesen Verein ließ er nichts kommen. Sein Herz war eine Lilie! Um der Einziehung zum Arbeitsdienst zu entgehen, meldete er sich freiwillig zur Kriegsmarine, gutmütig wie er war, hoffte er, so die Welt kennenlernen zu können. Kam er vom Krieg wenige Tage auf Urlaub nach Darmstadt, dann zuerst in die Vereinsgaststätte zu seinen Sportfreunden. Nach der Kriegsgefangenschaft (während der er in allen Gefangenenlagern den Sport organisierte) ging es sofort im Verein weiter. Neben der sportlichen Aktivität fand er durch sein Verantwortungsbewusstsein und sein Organisationstalent auch immer mehr den Weg als Funktionsträger im Verein. Gründer und Leiter der Wanderabteilung sowie Ältestenrat seien hier als Beispiele genannt. Er wurde mit allem bedacht, was die Ehrenordnung des Vereins bereithält, so selbstverständlich auch die Ehrenmitgliedschaft. Und Kurt wäre nicht Kurt, wenn er auch als Ehrenmitglied seinen Mitgliedsbeitrag nicht weitergezahlt hätte.
Spiele seiner Lilien verfolgte er immer, da wurden auch schon einmal andere Termine verschoben. Alles was im Verein geschah, war auch Kurts Sache. Kurt konnte man immer und zu allem fragen. Hätte sein Geburtsarzt auch nur ahnen können, dass Kurt mit 95 in einem Film zur Vereinshistorie über sein Leben locker und leicht erzählen würde, dass er für Zeitzeugengespräche öffentlich auftritt, dass er den Vereinsschreibern bis kurz vor seinem Tod noch Unterlagen und Informationen gibt, dieser Arzt hätte niemals Kurts Mutter so auf den scheinbar doch so nahen Tod des Frühgeborenen vorbereitet. Zum Glück irrte er sich! Bei einem Zeitzeugengespräch im Fanprojekt sagte er: "Ich wurde mein ganzes Leben vom Glück begleitet. Der Sport ist mir zugute gekommen, meine Laufschnelligkeit hat mir so einige Mal mein Leben gerettet." Kurts positive Einstellung, sein verschmitztes Lächeln seine Hilfsbereitschaft und seine unverwüstliche Vereinstreue werden fehlen. Ruhe in Frieden Kurt, wir werden Dich in Ehren halten!
Ein Nachruf von Prof. Dr. Thomas Spengler & Jürgen Koch (SV Darmstadt 98 Archiv)

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