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09.06.2017 / Allgemein

„Momente in der Bundesliga sind mit nichts zu vergleichen“

Wir blicken auf die Lilienkurier-Interviews aus der Saison zurück. Den Anfang macht Markus Steinhöfer. "Steini" spielte Champions League - ein paar Jahre später saß er in der 2. Liga auf der Bank. Im Gespräch mit dem Lilienkurier plaudert "Steini" über seine bewegte Karriere, außergewöhnliche Aktivitäten außerhalb des Platzes und die generelle Entwicklung im Profifußball.

Lilienkurier (LK): München, Salzburg, Basel, Sevilla, Prag. Auf deinen bisherigen Stationen hast du oftmals in spektakulären Städten gelebt. Welchen Platz nimmt Darmstadt in deinem persönlichen Ranking ein?
Markus Steinhöfer (Markus): Ich will da überhaupt kein Ranking aufstellen. Natürlich haben die anderen Namen einen besonderen Klang, aber ich fühle mich in Darmstadt sehr gut aufgehoben.
LK: Bist du eher der Typ für die Metropole, oder hast du es gern auch klein und übersichtlich?
Markus: Ich komme selbst aus einer mittelfränkischen Kleinstadt und fühle mich daher auch in kleineren Städten sehr wohl. Sicherlich habe ich zuletzt vor allem in Großstädten gelebt, aber ich bin mit 15.000 Einwohnern aufgewachsen. Mir wird nirgendwo langweilig.
LK: Deine bayrischen Wurzeln haben dich sicherlich auch in die Welt begleitet. Was hat dich besonders geprägt?
Markus: Ich bin gebürtiger Franke, insofern muss man Bayern auch ein wenig unterteilen. Aber natürlich bin ich ein stolzer Bayer und finde auch, dass ich aus einem wunderschönen Bundesland komme. Ich bin sehr gern in meiner Heimat, auch wenn mir der Dialekt schnell abhanden gekommen ist. Zumindest am rollenden R bin ich aber noch zu entlarven (lacht). Wir Bayern sind sicherlich gesellige Typen, aber das waren viele andere Spieler auf meinen Stationen auch (schmunzelt).
LK: Aber das Herz schlägt weiterhin für die Heimat?
Markus: Es heißt ja so schön ‚dahoam is dahoam‘ – und da ist schon sehr viel dran. Es ist doch auch schön, wenn man dort verankert bleibt, wo die Familie lebt und die eigenen Wurzeln liegen.
LK: Hast du deine bisherigen Stationen immer als Arbeitsplatz wahrgenommen, oder auch als aktuellen Lebensmittelpunkt mit den jeweiligen Vor- und Nachteilen?
Markus: Hauptsächlich ist es mein Arbeitsplatz. Natürlich habe ich versucht, eine gute Zeit zu haben und auch etwas anderes mitzubekommen. Aber grundsätzlich ist es für viele Fußballer der Arbeitsplatz, an dem jeder versucht, sich das Arbeitsumfeld so angenehm wie möglich zu machen.
LK: Du hast also nie den Verein nach der Stadt ausgesucht?
Markus: Das hat nie eine Rolle gespielt. Aber wenn zu einem guten Verein auch eine schöne Stadt hinzugekommen ist, habe ich aber natürlich auch nicht nein gesagt (grinst).
LK: Trotzdem scheinst du jemand zu sein, der sich mit vielen Themen auch abseits des Platzes beschäftigt…
Markus: Definitiv. Ich interessiere mich für eine Vielzahl an Dingen, bin ständig dabei, neue Dinge zu probieren oder zu erlernen. Ich liebe den Fußball, aber 24 Stunden nur daran zu denken, das macht den Kopf irgendwann leer.
LK: Warst du schon immer so, oder hat sich das im Laufe deiner Karriere verändert?
Markus: Ich bin und war immer vernarrt in den Fußball, aber ich brauchte schon immer einen Ausgleich. Schon bei Bayern München in der Jugend bin ich zusätzlich in die Sprachschule gegangen, um etwas für den Kopf zu machen. Und so habe ich es über all die Jahre aufrechterhalten und bin froh darüber, dass ich mich auch immer außerhalb des Platzes weiterentwickeln konnte.
LK: Welche Projekte abseits des Platzes werden derzeit forciert?
Markus: Viele Outdoor-Aktivitäten. Ich fahre sehr gerne Wakeboard, habe mit dem Kite-Surfen angefangen und kann es kaum erwarten, damit weiterzumachen. In Darmstadt gehe ich regelmäßig zum Bouldern, weil es ein sehr guter Ausgleich für mich ist. Und wenn es wärmer wird, dann werde ich auch ab und zu auf dem Golfplatz anzutreffen sein. Es ist schon sehr sportlastig, aber genauso versuche ich, mein Spanisch aufrechtzuerhalten, und habe vor kurzem begonnen, ein wenig Gitarre spielen zu lernen.
LK: Klingt nach einer guten Mischung aus Adrenalin und Entspannung.
Markus: Ich war schon immer Action-Sportler, aber genauso gibt es die Momente, in denen ich mir ein Buch nehme. Man kann nicht permanent unter Strom stehen.
LK: Was gibt dir den größeren Kick: Die perfekte Welle oder das Gefühl eines Bundesligaspiels, vielleicht sogar eines Tores?
Markus: Ein Bundesligator ist die Krönung für einen Fußballer. Speziell für jemanden wie mich, der nicht ständig im Strafraum auftaucht. Ich bin sehr froh, diesen Wahnsinnsmoment schon erlebt zu haben. Aber überhaupt, in ein Stadion mit 50.000 Zuschauern einzulaufen, das ist immer etwas Besonderes. Natürlich wird es mit der Zeit normaler, und du musst auch in den berühmten Tunnel kommen, aber die Momente in der Bundesliga sind mit nichts zu vergleichen.
LK: Du kennst diese Momente und Erfahrungen mittlerweile seit vielen Jahren. Wie siehst du die Entwicklungen im Fußball seit deinen eigenen Anfängen?
Markus: Ich bin seit elf Jahren Profi, und der Fußball hat sich allein in dieser Zeit rasant entwickelt. Diese Entwicklung geht extrem schnell und ist aus meiner Sicht auch einen Tick gefährlich. Momentan geht es um die wahnsinnigsten Summen, um den Markt in China und vieles mehr. Wir müssen aufpassen, dass der Fußball nicht nur noch ein Geschäft wird. Andererseits ist es schwierig, das aufzuhalten. In dem Markt steckt so viel Geld. Dort, wo viel Geld umgesetzt wird, ist das Business auch immer ein wenig unsauber. Ich glaube, wir sollten aufpassen, dass der Fußball dabei nicht auf der Strecke bleibt, und dass gewisse Werte und Traditionen erhalten bleiben.
LK: Hast du persönlich gespürt, dass diese Werte nicht mehr so geschätzt werden wie zu deiner Anfangszeit?
Markus: Gravierend ist insbesondere der Umstand, dass der Fußball immer jünger wird. Als ich mit 20 in Salzburg war, wurde mir gesagt, ich müsse noch viel Zeit und Geduld haben. Wer heute erst mit 20 in den Bundesligakader kommt, der ist schon fast ein Spätzünder. Ich fühle mich mit 31 absolut fit, bin aber trotzdem bereits im Herbst meiner Karriere angekommen. Natürlich gab es auch sonst Dinge, die ich in dieser Form nicht unbedingt nachvollziehen konnte, aber da würde ich nicht pauschal sagen, dass Werte mittlerweile komplett verschwunden sind.
LK: Beschäftigen dich diese Themen auf deinen Stationen, und würdest du gerne weniger nachdenken?
Markus: (grinst) Im Fußball ist es schon oftmals ein Vorteil, wenn du dir wenig Gedanken machst. Speziell rückblickend ist es gut, vieles schnell abzuhaken. Aber abseits des Platzes ist es nicht verkehrt, über gewisse Dinge nachzudenken. Ich bin eben so ein Typ und kann es beim Fußball nicht einfach abstellen.
LK: Oft sind es ungewöhnliche Wege, die dich in deiner Karriere ans Ziel geführt haben. Angefangen mit der Leihe nach Salzburg oder dem Wechsel aus der Bundesliga in die Schweiz. Eine Erfahrung für das gesamte Leben, dass der Weg nicht immer geradlinig verläuft?
Markus: Nein, auf mein Leben würde ich es nicht projizieren. Im Fußball war es definitiv so, oftmals war der Weg das Ziel. Da bin ich aber nicht der Erste, der diesen Weg gegangen ist. Für "normale" Spieler gehören Ups and Downs dazu, nur bei absoluten Topspielern geht es stetig bergauf. Als Spieler wächst du da rein und lernst, mit diesen Situationen umzugehen. Rückwirkend können wir wahnsinnig froh sein, den Job zu haben, den Millionen von Jungen in Deutschland haben wollen.
LK: Du bist in der Jugend des FC Bayern früh mit einem besonderen Konkurrenz- und Erfolgsdruck konfrontiert worden. Hilft das auf dem weiteren Weg?
Markus: Aus meiner persönlichen Erfahrung war es gut, diesen Druck bereits aus der B- und A-Jugend gekannt zu haben, um auf die weitere Laufbahn vorbereitet zu werden. Dieser Druck ist aber nur bis zu einem gewissen Punkt ein guter, denn schlussendlich bleibt jeder Spieler auch ein Jugendlicher. Ich habe auch Spieler gesehen, die frühzeitig gescheitert sind. Ich glaube, dort war es meist eine Mischung aus vielen Komponenten, wobei dieser Druck sicherlich auch eine Rolle gespielt hat. Das beste Beispiel meiner Jugend war Sebastian Deisler, mit dem ich selbst noch spielen durfte, und wo es unfassbar traurig ist, dass so ein Fußballer seine Karriere derart frühzeitig beenden musste. Es war zu sehen, was zu großer Druck aus einem Menschen machen kann.
LK: Aufgrund der vergangenen zwei oder drei Jahre werden viele wahrscheinlich sagen, dass du noch mehr aus deiner Karriere hättest machen können. Wie bewertest du selbst deine bisherige Laufbahn?
Markus: Die letzten drei Jahre sind keineswegs optimal gelaufen und auch nicht so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Oftmals führt eine suboptimale Entscheidung zur nächsten und es löst eine Art Kettenreaktion aus. Klar würde ich heute einige Entscheidungen anders treffen und hätte vielleicht auch noch einen weiteren Schritt nach vorne machen können. Aber wenn mir jemand damals in der Münchner Jugend gesagt hätte, dass meine Karriere so laufen wird, dann hätte ich es unterschrieben. Es gab gute Zeiten, schlechte Zeiten, aber schlussendlich bin ich zufrieden und hoffe, dass noch einiges kommen wird.
LK: Oft ist vom Fußball als Tagesgeschäft die Rede. Wie sehr sind Momente wie Siege gegen Manchester mit Basel dennoch in dir verankert?
Markus: Ich habe in der vergangenen Woche das Spiel der Bayern in der Champions League geguckt und gedacht, in München ist es nie gut gelaufen für mich. Aber im nächsten Moment kam dann der Gedanke, dass ich sie mit Basel einmal geschlagen habe. Das waren unvergessliche Momente, die mir niemand nehmen kann. Jeder träumt von der Champions League, und ich bin sehr froh, dass ich diese speziellen Momente erleben und mit meiner Familie und Freunden teilen durfte.
LK: Speziell war auch dein sehr langes Probetraining bei den Lilien. Hofft man da nicht jeden Tag auf die Zusage oder rechnet ständig damit, am nächsten Tag etwas Neues suchen zu müssen?
Markus: Es war keine einfache Situation. Es lief von Beginn an gut, aber nach drei Wochen ohne positive Rückmeldung habe ich angefangen, nachzudenken. Es gab die Momente, in denen ich mal down gewesen bin und gedacht habe, dass es wohl nicht klappen wird. Heute bin ich froh, dass sich der Aufwand schlussendlich bezahlt gemacht hat. Oft liegen Glück und Enttäuschung im Fußball ganz eng beieinander.
LK: Half dir in dieser Phase die Erfahrung deiner Karriere, dass sich immer wieder irgendwie eine Tür öffnet?
Markus: Ehrlich gesagt, war dieses halbe Jahr für mich wirklich speziell. Nach der Vertragsauflösung in Prag habe ich mich fit gehalten, die Situation als vereinsloser Spieler kannte ich nicht. Es waren Zweifel da und die Gedanken, wie es für mich weitergehen wird. Diese Gedanken erstmal wieder verschieben zu können, macht vieles einfacher.
LK: Plant man mit deinen bisherigen Erfahrungen überhaupt noch irgendetwas langfristig?
Markus: Das Schönste wäre, wenn ich meine Karriere von 18 bis 35 hätte planen können (lacht). Aber es wird immer schnelllebiger und daher noch schwerer, irgendetwas vorauszuplanen. Ich plane erstmal so lange, wie mein Vertrag läuft. Weiter zu denken, macht wenig Sinn.

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