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02.11.2020 / Allgemein

Nervensache

Geschrei. Jubel bricht aus. Es ist laut auf dem Spielfeld. Die Lilien liegen sich in den Armen. Sie brüllen sich an, vor Freude. Und feiern drei Punkte in Karlsruhe. Drei Punkte, nach denen es zwischenzeitlich überhaupt nicht aussah. Nackenschläge gab es genug. Doch die Darmstädter verdienten sie sich, diese drei verdammten Zähler. Dank Mut, Willenskraft und Nervenstärke. Auch wenn es die Lilien mal wieder spannend machten: Sie holten ihn, den Sieg - nach dieser Achterbahnfahrt, nach diesem Hin und Her im Wildparkstadion.

Foto: Holtzem

“Was für ein Spiel. Unglaublich”, konnte Tobias Kempe das Erlebte zunächst kaum in Worte fassen. Führungstreffer, Ausgleich, Rückstand, Ausgleich, Führungstreffer, Ausgleich, Siegtreffer – 4:3 für den SV Darmstadt 98 auswärts beim Karlsruher SC. Nervenaufreibend war es, spannend allemal. Dank einer absoluten Willensleistung sowie eines leidenschaftlichen Auftritts im zweiten Durchgang lagen sich die Lilien nach Abpfiff als Sieger in den Armen. Der ‚Man of the Match‘? Nach ihm musste im Anschluss nicht lange gesucht werden: Tobias Kempe war es – zwei Vorlagen, zwei Tore. Eines davon ein nervenstarker Elfmeter in der dritten Minute der Nachspielzeit, der dem SV 98 drei Zähler bescherte. Über sich selbst wollte der beste Scorer der 2. Bundesliga aber nicht reden. Vielmehr stellte er die Mannschaft in den Vordergrund. “Es ist einfach eine geile Truppe”, verdeutlichte die Nummer elf der Lilien.

Stark angefangen, dann nachgelassen

Eine Mannschaft, die gegen alle Widerstände und Nackenschläge den Sieg erzwang. Und das nach einer intensiven Englischen Woche, die den Südhessen in den Knochen steckte. Ein bitteres Remis gegen den FC St. Pauli, eine gerechte Punkteteilung in Osnabrück. Dazu wenig Regeneration und Reisestrapazen. In fünf der bislang sieben Pflichtspiele mussten die Lilien auswärts antreten. Auf der Gegenseite konnte sich der KSC eine ganze Woche lang auf die Begegnung vorbereiten. Und dennoch erwischte der SV 98 den besseren Start, zeigte 15 starke Minuten und ging verdient in Führung. 

Dann der Leistungseinbruch. 30 Minuten, die sowohl den Cheftrainer als auch alle anderen Lilien überhaupt nicht zufrieden stimmten. “Karlsruhe hat sich leidenschaftlich in die Partie gekämpft. Wir haben nicht dagegengehalten und uns abkochen lassen. Diese 30 Minuten waren richtig schlecht”, ärgerte sich Markus Anfang. Der KSC war in dieser Phase griffiger, bissiger. Den Lilien fehlte die nötige Zweikampfintensität. “Wir hatten das Gefühl, wir können alle Dinger fußballerisch lösen. Da gehört aber ein bisschen mehr dazu, wir sind schließlich in der 2. Liga”, monierte der Chefcoach der Darmstädter. Keine Zweikämpfe, wenig Zugriff: Der KSC drehte die Partie, hätte kurz vor dem Pausenpfiff das Momentum nutzen und sogar noch nachlegen können. Das “Quäntchen Glück”, so Anfang, verhinderte dies. Aber auch ein gutaufgelegter und wachsamer Marcel Schuhen ließ die Lilien mit nur einem Tor Rückstand in die Halbzeit gehen.

“Nie an uns gezweifelt”

Pause. Rums. In der Kabine rappelte es. “Die Halbzeitansprache wurde etwas lauter”, verriet Kempe. Das musste auch so sein. Die Südhessen nutzten die Viertelstunde, um sich noch einmal einzuschwören und alle Sinne zu schärfen. Das gelang. “Wie schon gegen Nürnberg und Magdeburg lagen wir auch gegen den KSC wieder hinten. Doch wir haben nie an uns gezweifelt”, verdeutlichte Marvin Mehlem, der eine deutliche Leistungssteigerung seiner Mannschaft sah. Eine Mannschaft, die alle nötigen Tugenden auf den Platz brachte, die es in der 2. Bundesliga braucht, um ein Spiel zu gewinnen. Kampf, der unbedingte Wille und Effektivität. Und dazu noch guter Fußball. Das sah beim letzten Aufgalopp in Karlsruhe noch ganz anders aus. Sowohl das KSC-Spiel als auch der Auswärtsauftritt in Osnabrück zählten in der vergangenen Saison mit zu den schlechtesten Leistungen der gesamten Spielzeit 2019/2020. Die Entwicklung der Mannschaft ist deutlich erkennbar. “Das zeigt die Moral des Teams”, lobte Kempe und fügte an: “Hut ab davor, wie wir in der zweiten Halbzeit gekämpft und nie aufgegeben haben. Wir haben immer weiter Gas gegeben, einer für den anderen.”

Trotz der Freude über die in letzter Minute ergatterten drei Punkte: Die Lilien wissen genau, woran sie arbeiten müssen. “Wir haben natürlich zu viele Gegentore bekommen”, stellte Kempe klar. Drei waren es in Karlsruhe, elf sind es insgesamt nach sechs Spieltagen. An der defensiven Stabilität zu schrauben, wird die Aufgabe in der kommenden Woche sein. Dass es vier Tore braucht, um ein Spiel zu gewinnen, darf normalerweise nicht sein. Dennoch stimmte im Karlsruher Wildpark die noch in den Wochen zuvor schmerzlich vermisste Effektivität vor dem gegnerischen Kasten. “Da müssen wir dranbleiben”, forderte der zweifache Vorbereiter und Torschütze mit Blick auf das anstehende Duell im Merck-Stadion am Böllenfalltor gegen den SC Paderborn (8.11., 13.30 Uhr). Nochmal so eine Achterbahnfahrt? Wenn sie mit drei Punkten für den SV Darmstadt 98 endet, ok. Aber die Lilien würden sich auch mit einem weniger nervenaufreibenden Sieg anfreunden.

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