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02.12.2019 / Allgemein

Sekundenschlaf

83 Sekunden. Noch nicht mal anderthalb Minuten. Eier werden länger gekocht, der 800-Meter-Weltrekord dauerte ganze 58 Sekunden länger. Und doch können sie manchmal extrem entscheidend sein: So wie am Sonntagnachmittag gegen den Tabellenführer aus Bielefeld, als die Lilien aufopferungsvoll um Heimpunkte kämpften und eine Halbzeit lang die bisherige Überraschungsmannschaft der Saison im Griff hatten. Bis, ja bis diese 83 Sekunden nach dem Seitenwechsel tickten, die den SV 98 schlussendlich mit leeren Händen zurückließen. "Das tut weh, da war mehr drin für uns", stöhnte Immanuel Höhn, als er einige Minuten nach Spielende vom Feld in Richtung Kabinentrakt stapfte.

Mit einem Blitz-Doppelschlag kurz nach Wiederanpfiff hatte Fabian Klos, Stürmer der Bielefelder, den Spielverlauf auf den Kopf gestellt. „Die beiden Gegentore nach der Pause dürfen uns in dieser Art und Weise nicht passieren. Danach waren wir kurz geschockt“, fand der Innenverteidiger nach der Partie deutliche Worte.

Es war eine Art Sekundenschlaf in einer Partie, in der die Lilien eine durchaus ansehnliche Leistung zeigten. Couragiert, kompakt und taktisch sehr diszipliniert in der Verteidigung. Kreativ, schnell und mutig in der Offensive. „Einzig die Präzision im Abschluss hat uns gefehlt“, bemerkte Cheftrainer Dimitrios Grammozis. Zweimal Victor Palsson, Tobias Kempe und Seung-ho Paik: Sie alle hatten in den ersten 45 Minuten gute Möglichkeiten, ihre Sekunden, um den SV 98 in Führung zu bringen.

Festung Bölle steht, doch dann kam Klos

Letztendlich konnte keiner dieser Abschlüsse die Bielefelder Defensive überwinden. Jeder der 13.900 Fans im Merck-Stadion am Böllenfalltor spürte aber von der ersten Minute an, wie gewillt die Lilien waren, auch das siebte Heimspiel in dieser Saison erfolgreich zu gestalten. Die letzte Saison-Niederlage vor heimischem Publikum hatte SV 98 im vergangenen Februar erlitten – das Bölle wurde Stein für Stein zur Festung. Bis Fabian Klos sich in eine Planierraupe verwandelte. Binnen nicht mal 90 Sekunden schockte er die Lilien mit zwei Treffern. Zwei Tore, bei denen die Lilien-Abwehr nicht aufmerksam genug agierte. Zwei Treffer aber auch, die eindrucksvoll untermauerten, dass in der zweiten Liga bereits einige wenige Momente der Unachtsamkeit ausreichen, um auf die Verliererstraße zu gelangen. Speziell gegen ein Top-Team inklusive Top-Stürmer. 

„Klos hat den ersten Ball gut und den zweiten sogar noch besser getroffen“, musste Lilien-Keeper Marcel Schuhen feststellen und ergänzte anerkennend: „Das ist dann eben auch der Grund, warum Bielefeld oben steht.“ Zwei Chancen, zwei Tore – 83 Sekunden. Das Momentum der Arminia steckten die Hausherren jedoch schnell weg. „Die Reaktion danach ist die Entscheidende. Wir haben weiter nach vorne gespielt und den Tabellenführer durch unsere präsente Art des Spiels hinten reingedrückt“, verdeutlichte Schuhen nach einer Leistung, die die Lilien optimistisch dreinblicken lässt.

„Wir haben gezeigt, dass uns ein Rückstand nicht zurückwirft“

Aufopferungsvoll sowie leidenschaftlich und mit viel Herzblut spielten die Lilien weiter mutig nach vorne. Belohnt wurden der große Kampf und hohe Einsatz durch den Anschlusstreffer von Tobias Kempe – ein Tor mit Signalwirkung, das Energie freisetzte. „Wir haben gezeigt, dass uns ein Rückstand nicht zurückwirft. Die Mannschaft ist intakt, der Wille und Mut sind immer vorhanden“, lobte Grammozis. Wenige Augenblicke später hätte Marvin Mehlem fast den Ausgleich erzielt, rutschte aber im entscheidenden Moment weg. „Und trotzdem ging der Ball nur knapp vorbei. Wenn er den nötigen Stand hat, trifft er ihn nochmal besser“, konstatierte der Lilien-Coach über die Sekunde, die den Ausgleich hätte bringen können. Im Anschluss gab der Cheftrainer das Signal, weiter alles noch vorne zu werfen, um doch noch die Niederlage abzuwenden. „Entweder machen wir das 2:2 oder wir bekommen einen Konter zum 1:3. Leider war es Letzteres“, so Grammozis.

Doch die gezeigte Leistung gibt Mut – Mut für die kommenden wichtigen Aufgaben. Ärger nach dem Spiel? Ja. Frust? Nein. „Die Heimniederlage wirft uns nicht aus der Bahn. Wir sollten das Positive aus dem Spiel ziehen“, forderte Schuhen. Teamkollege Höhn pflichtete seinem Torhüter bei: „Wir waren wahnsinnig lange zu Hause ungeschlagen, aber wir werden weiterhin hier Gas geben. Das ist unsere Festung und wir werden noch sehr viele Punkte hier holen.“ 

Doch neben den positiven Aspekten nehmen die Lilien auch die Erkenntnis mit, dass sie ihn jedem Augenblick hellwach und konzentriert bleiben müssen. Weil im Fußball, speziell in Liga zwei, nahezu alle Spiele durch Zentimenter oder eben Sekundenbruchteile entschieden werden. Sicherlich auch am kommenden Sonntag in Wiesbaden. Wo sich der SV 98 keinen erneuten Sekundenschlaf leisten kann. 

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