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14.10.2026 / Fans

Stolpersteintour erinnert an jüdische Vereinsmitglieder

Am Dienstagabend (13.10.) nahmen die SilberLilien erstmals an der Stolpersteintour des SV Darmstadt 98 teil. Auf der rund sechs Kilometer langen Strecke legten die Teilnehmer mehrere Zwischenstopps ein und erfuhren dabei mehr über die Schicksale jüdischer Vereinsmitglieder, die während des Holocaust verfolgt und vertrieben wurden.

Foto: SV 98

Der "Engel der Altstadt"

Im Mittelpunkt der von Thomas Spengler und Marc Rainer Balbaschewski aus dem Vereinshistorischen Referat geleiteten Stolpersteintour stand das Gedenken an jüdische Vereinsmitglieder und ihre Schicksale. Ziel der Veranstaltung war es, an Menschen zu erinnern, deren Geschichten über Jahrzehnte hinweg kaum Beachtung fanden, und die Erinnerung an sie wachzuhalten.

Der rund sechs Kilometer lange Fußweg führte vom Lilien-Fanshop in der Wilhelminenstraße bis zum Böllenfalltor. Am Ausgangspunkt hatte Dr. Karl Heß, ehemaliger Vorsitzender des SV Darmstadt 98, einst seine Kanzlei. Von dort aus ging es zur ehemaligen Praxis von Hugo Berger, der 1928 als „Engel der Altstadt“ bekannt war. Berger behandelte auch Menschen kostenlos, die sich eine ärztliche Versorgung nicht leisten konnten. Seine Verbindung zu den Lilien begann als Leichtathlet, später wurde er zum Vereinsarzt ernannt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich Bergers Leben grundlegend. Im November 1933 verlor er seine ärztliche Zulassung und wurde in das Konzentrationslager Osthofen verschleppt. Nach seiner Freilassung emigrierte er 1934 nach Israel. Die Verbindung zu seinem Verein blieb dennoch bestehen: 1954 kehrte Berger erstmals nach Darmstadt zurück. Seine Geschichte steht beispielhaft für die Schicksale jüdischer Vereinsmitglieder, an die die Stolpersteintour erinnert.

Der "Arierparagraph" und die Bücherverbrennung

Ein weiterer Halt führte zu den Stolpersteinen von Herbert und Moritz Wieseneck, die ebenfalls Mitglieder des SV Darmstadt 98 waren. Während Moritz auf Funktionärsebene tätig war, engagierte sich Herbert als Leichtathlet und Handballer für den Verein. Im September 1933 musste Herbert Wieseneck als einer der letzten jüdischen Mitglieder den SV 98 verlassen. Zuvor hatten dem Verein rund 20 jüdische Mitglieder angehört. Im Oktober 1933 führte der SV Darmstadt 98 schließlich den sogenannten „Arierparagraphen“ ein. Jüdische Menschen sowie weitere Personen, die nicht den nationalsozialistischen Vorgaben entsprachen, wurden von der Mitgliedschaft ausgeschlossen.

Auf dem weiteren Weg zum Böllenfalltor machte die Gruppe Halt am Darmstädter Jugendstilbad. Dort erfuhren die rund 35 Teilnehmer mehr über die Bücherverbrennung vom 21. Juni 1933. Organisiert vom Darmstädter Studentenbund, zogen die Beteiligten damals mit Fackeln vom Bismarckturm zum Jugendstilbad, um zuvor aussortierte Bücher, die sie als „Schund- und Schmutzliteratur“ bezeichneten, öffentlich zu verbrennen. Die Aktion war Teil der nationalsozialistischen Verfolgung unliebsamer Literatur und ihrer Autoren. In diesem Zusammenhang erinnert ein bekanntes Zitat von Heinrich Heine an die weitreichende Bedeutung solcher Taten: „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“

"Die 98er halten zusammen"

Den Abschluss der Stolpersteintour bildete der Dr.-Karl-Heß-Platz am Böllenfalltor. Damit schlossen Thomas Spengler und Marc Rainer Balbaschewski den Kreis der Veranstaltung: Nachdem die Tour am ehemaligen Kanzleisitz von Karl Heß begonnen hatte, endete sie mit der Geschichte des früheren Lilien-Vereinsvorsitzenden und seiner engen Verbundenheit zum Verein.

Karl Heß zählt zu den bekanntesten jüdischen Persönlichkeiten in der Geschichte des SV Darmstadt 98. Von 1928 bis 1933 stand er als Vereinsvorsitzender an der Spitze des Vereins, ehe er vor der nationalsozialistischen Verfolgung ins Exil flüchtete und schließlich nach Brasilien emigrierte. In den 1960er-Jahren kehrte Heß gemeinsam mit seiner Frau nach Darmstadt zurück. Die Verbindung zu seiner Heimatstadt und den Lilien war über die Jahre hinweg bestehen geblieben. Zum Abschluss sorgte eine Anekdote aus Heß‘ Leben für einen heiteren Moment. In den damaligen Vereinsnachrichten berichtete er von seiner Hochzeit und einem schönen Tag mit seiner Frau. Noch erfreulicher sei für ihn allerdings gewesen, dass am selben Abend die Mitgliederversammlung des SV Darmstadt 98 stattfand, bei der er schließlich zum Präsidenten gewählt wurde. Die Geschichte verdeutlichte auf persönliche Weise, welchen Stellenwert die Lilien in Heß‘ Leben einnahmen.

Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt der Tour waren die schriftlichen Zeugnisse jüdischer Vereinsmitglieder, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erneut beim SV Darmstadt 98 meldeten. Die Dokumente geben damit Einblicke in die persönlichen Beziehungen und die Verbundenheit mit dem Verein, die über die Verfolgung und die Kriegsjahre hinaus Bestand hatten. Für die ehemaligen Mitglieder blieb die Zugehörigkeit zu den Lilien offenbar ein wichtiger Teil ihrer Identität. In vielen dieser Schriften ist auch dokumentiert, dass sie gehäuft Heinz Lindner lobten, trotz seiner problematischen Handlungen während der Zeit des Holocaust. Doch für die Mitglieder galt nur eins: „Er ist ein 98er und die 98er halten zusammen.“

Dieses Zitat, das zugleich den Abschluss der Stolpersteintour bildete, verdeutlicht den Zusammenhalt innerhalb der Lilien und zeigt, wie wichtig das Miteinander auch in besonders schwierigen Zeiten ist.

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