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20.12.2019 / Allgemein

Teil I: Am Boden

"Wie schnell die Zeit vergeht“, hört man so manch einen dieser Tage in Erinnerungen schwelgen. Schließlich steht ein besonderer Jahreswechsel bevor. Der Abschluss eines ganzen Jahrzehnts. Ein Jahrzehnt, das für den SV Darmstadt 98 zahlreiche Höhen und Tiefen bereithielt, aber vor allem auch die erfolgreichsten Jahre der Vereinshistorie innehatte. Anlässlich des Dekadenwechsels blickt sv98.de in drei Teilen auf das vergangene Jahrzehnt zurück – auf sportliche Tiefpunkte und phänomenale Comebacks, auf den Wahnsinn Bundesliga und den Alltag in Liga zwei.

Die Gegner des SV Darmstadt 98 heißen Germania Ober-Roden, Borussia Fulda oder Buchonia Flieden. Für ein Auswärtsspiel reisen die Lilien auch mal nach Klein-Karben, zum TSV Wörsdorf oder zum RSV Würges. Doch bei aller Fußballromantik: Es sind Vereine, die nicht gerade für den Glamour der heutigen Fußballwelt stehen. Trotzdem hatten auch diese Zeiten – 2008, in der Oberliga Hessen  – für die Fans des SV 98 ihren Charme. Der Lilien-Tross reist jahrelang – scheinbar endlos – quer durch die bunte Amateurlandschaft der Regional- und Oberliga. Doch plötzlich hielt der Mannschaftsbus des SVD nicht mehr am Stadion in den Lahnauen in Waldgirmes und auch nicht auf dem Sportplatz des FSV Fernwald in Steinbach. Die Lilien steuerten nun die Allianz Arena an, fuhren nach Dortmund, Schalke, Hamburg und Berlin. Verrückt.

Zwischen Insolvenz und Bierdusche

Doch bevor die Darmstädter die größten Stadien der Republik lautstark und in großer Zahl eroberten, mussten düstere Zeiten überstanden werden. Rückblick. 2008 zwingen finanzielle Schwierigkeiten den SV 98 zu einem Insolvenzantrag. Über eine Million Euro hatten sich an Verbindlichkeiten angehäuft. Sportlich sind die Lilien dagegen gerade in die Regionalliga aufgestiegen. Doch der Entzug der Lizenz droht, Geld muss her. So mobilisiert der Verein Fans und Freunde, Stadt und die Region, sogar der FC Bayern München kommt kurzerhand für ein spontanes Benefizspiel an das Böllenfalltor. Der Zusammenhalt unter allen Lilien ist riesig. Mehrere hunderttausend Euro kommen allein durch die Lilienfans zusammen – beeindruckend. Die Insolvenz wird abgewendet.

Auf dem Feld läuft es in den kommenden Jahren nicht wirklich rund – Abstiegskampf in der Regionalliga steht an der Tagesordnung. Das ändert sich in der Saison 2010/2011. Unter Trainer Kosta Runjaic spielen die Lilien plötzlichen oben mit. Dank einer neun Spiele andauernden Siegesserie gelingt der Aufstieg in die 3. Liga. Die Begeisterung ist grenzenlos: 17.000 Lilienfans verfolgen das entscheidende letzte Duell gegen den FC Memmingen – der SV 98 gewinnt mit 4:0, das Bölle bebt. Nach fast 20 Jahren spielt Darmstadt wieder im Profifußball. Platzsturm, Bierduschen und die Meisterschale im Entmüdungsbecken. „Sowas wie heute habe ich noch nie erlebt“, sagt der mehrfach mit Bier übergossene Boris Kolb, Kapitän der Aufstiegsmannschaft, nach der Partie überglücklich.

Im Drittligaalltag angekommen werden die Lilien im ersten Jahr von einer Euphorie getragen und schaffen vier Spieltage vor Schluss den Klassenerhalt – eine vergleichsweise ruhige Saison.

Schuster, Hoffnung, Trauer

2012. Ganz anders sieht die Situation indes kurz vor Weihnachten aus. Angespannte Stimmung herrscht am Böllenfalltor. Der SV 98 steht auf dem letzten Tabellenplatz. „Wir haben zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass wir auf der Trainerposition nicht mehr viele Schüsse frei hatten“, erinnert sich Lilien-Präsident Rüdiger Fritsch. Was muss der neue Coach mitbringen? „Kampfgeist, Ehrlichkeit, die Ärmel hochkrempeln: Das sind die Attribute, die wir hier in Darmstadt sowohl auf als auch außerhalb des Platzes zeigen müssen“, so der Lilien-Präsident weiter. Ein Fußballprofessor hätte daher nicht gepasst.

Die Wahl fällt auf Dirk Schuster. Damals 46 Jahre alt, ehemaliger National- sowie eisenharter Abwehrspieler, der sich nie zu schade war, auch mal die Grätsche auszupacken. Sein Auftrag ist klar, wenn auch schwierig: Den SV Darmstadt 98 vor dem Abstieg in die Regionalliga retten. Schuster stabilisiert die Mannschaft im neuen Jahr, die Lage verbessert sich und das rettende Ufer rückt immer näher. Am 38. und damit letzten Spieltag der Saison 2012/2013 haben die Lilien ein echtes Endspiel gegen die Stuttgarter Kickers vor der Brust. Die Ausgangslage? Der Sieger hält in jedem Fall die Klasse. Das Endergebnis? 1:1 nach turbulenten 90 Minuten am Böllenfalltor.

Tränen, Trauer, Tristesse. Weil die anderen Teams allesamt nicht für die Lilien spielten, blickte man nach Abpfiff in traurige Gesichter am Bölle. Das Ziel, die Klasse zu halten? Verfehlt. „Das war absolut kein gutes Gefühl. Ich habe auch lange Zeit gebraucht, um das zu verarbeiten“, betont Schuster später. Doch nicht nur für ihn, auch für den Gesamtverein war der sportliche Abstieg ein Schlag ins Gesicht. Der SV 98 lag am Boden, obwohl das Team unglaubliche Moral bewies, nach dem Abstieg alle Kräfte bündelte und den Hessenpokal gewann. „Wir waren gerade wieder im Begriff, hier etwas aufzubauen. Wir hätten wieder von vorne anfangen und unsere Steinchen neu aufstellen müssen“, erklärt Fritsch und fügt an: „Zum Glück kam es ja dann doch anders…“

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